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Fast 190.000 Menschen geben an, im vergangenen Jahr mindestens einen Arbeitsunfall gehabt zu haben.
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Gesundheitspolitik 12. Jänner 2015

Ein Qi Gong-Kurs ist zu wenig

Gesundheitsbeeinträchtigungen und Gefahrenpotenziale am Arbeitsplatz.

Die „Europäische Arbeitskräfteerhebung“ hat europaweit Erwerbstätige und ehemalige Erwerbstätige zu den Themen Arbeitsunfälle, arbeitsbezogene Gesundheitsprobleme und Risikofaktoren am Arbeitsplatz befragt. In Österreich sind demnach 3,3 Millionen Erwerbstätige am Arbeitsplatz zumindest einem physischen oder psychischen Risikofaktor ausgesetzt oder bereits gesundheitlich beeinträchtigt. Das entspricht rund 80 Prozent aller Erwerbstätigen.

Knapp drei Viertel der heimischen Erwerbstätigen geben in der, von der Statistik Austria durchgeführten, Erhebung an, an ihrem Arbeitsplatz zumindest einem Risiko für körperliche Erkrankungen ausgesetzt zu sein. Am häufigsten (35 Prozent) werden dabei Arbeiten genannt, bei denen eine starke Anstrengung der Augen nötig ist, es folgen das Hantieren mit schweren Lasten, ergonomische Belastungen, Lärm, Staub, Hitze, Kälte sowie Unfallgefahren. Vier von zehn Befragten klagen über zumindest ein Risiko für psychische Probleme, in erster Linie aufgrund eines großen zeitlichen Drucks beziehungsweise einer mentalen Überbeanspruchung.

Beeinträchtigungen der Gesundheit nachgewiesen

Neben den Gefahrenpotenzialen wurden in der Studie auch bereits tatsächlich vorliegende gesundheitliche Beeinträchtigungen abgefragt, die auf die Arbeitsbedingungen zurückzuführen sind. Mehr als 15 Prozent der Befragten geben solche an, das entspricht rund einer Million Arbeitnehmern beziehungsweise ehemaligen Arbeitnehmern. Als schwerwiegendstes Gesundheitsproblem nennt beinahe ein Drittel durch die Arbeit hervorgerufene Rückenprobleme, etwa ein Fünftel berichtet über Probleme mit dem Nacken, den Schultern, Armen oder Händen, bei 16,3 Prozent sind Hüften, Beine oder Füße betroffen. Etwas weniger oft werden Stress, Depressionen oder Angstzustände, Lungen- oder Atemprobleme sowie Herzprobleme angegeben.

Mehr als vier Prozent der Befragten, hochgerechnet fast 190.000 Menschen, geben an, im vergangenen Jahr mindestens einen Arbeitsunfall gehabt zu haben. Sieben von zehn Unfallopfern waren Männer. Dr. Susanne Schunder-Tatzber, Head of Corporate Health Management der OMV AG und Präsidentin der Österreichische Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention, plädiert „bei allem Verständnis für das große öffentliche Interesse an der massiven Zunahme psychischer Belastungen am Arbeitsplatz“ dafür, die klassischen Risikopotenziale arbeitsmedizinisch nicht zu vernachlässigen. Dazu zählen neben körperlichen Überbelastungen vor allem Arbeitsunfälle. Erst in den letzten Tagen hatten gleich mehrere Meldungen von Arbeitsunfällen mit verheerenden Schäden für mediale Aufmerksamkeit gesorgt.

Eine umfassende, medizinisch begleitete Gesundheitsförderung und Präventionsarbeit ist für Schunder-Tatzber daher in sämtlichen Betrieben und Organisationsformen essenziell. Besonderes Anliegen ist der Arbeitsmedizinerin in diesem Zusammenhang eine möglichst frühzeitige Sensibilisierung für gesundheitliche Risikofaktoren. „Damit die Arbeitnehmer ein entsprechendes Gefahrenbewusstsein entwickeln können, sollte die Gesundheitsförderung und Prävention bereits im Zuge der Lehre und Berufsschule einen höheren Stellenwert haben. Das gilt natürlich auch für alle Allgemeinen Schulen und Fachschulen. Das Thema sollte flächendeckend in die Ausbildungs- beziehungsweise Lehrpläne implementiert werden.“ Oft würden sich Betroffene und Verantwortliche nämlich erst dann Gedanken machen, wenn ein konkreter Anlass vorliegt, dann ist „der Schaden aber oft schon angerichtet. Je früher Awareness und Prävention ansetzen, desto wirkungsvoller sind sie auch.“

Diagnose in Betrieben notwendig

Damit Präventionsprogramme in Betrieben überhaupt funktionieren können und von den Beschäftigten auch angenommen werden, brauche es vorweg eine sorgfältige Diagnose, ähnlich wie in der Medizin: Wo genau liegen die Belastungen? Welche Risikopotenziale treten an welchen Arbeitsplätzen auf? Wie können Mitarbeiter angesprochen werden? et cetera. Nur aus einer exakten Analyse lassen sich anschließend wirkungsvolle, weil maßgeschneiderte Programme ableiten. „Jedes Unternehmen muss diesen Prozess für sich auf einer ganz individuellen Ebene durchführen“, erläutert Schunder-Tatzber. „Wenn etwas in Unternehmen A wunderbar funktioniert, muss das in Unternehmen B noch lange nicht der Fall sein. Das Copy-und-Paste-Prinzip taugt in der Gesundheitsförderung nichts.“

Gleiches gelte natürlich auch im Zusammenhang mit der Evaluierung psychischer Belastungspotenziale. Auch hier muss die individuelle Diagnose am Anfang aller Bemühungen stehen. Die darauf basierenden Präventionsprogramme sollten dann ein integriertes Maßnahmenpaket umfassen, das einerseits beim Individuum ansetzt, andererseits aber auch beim Betrieb und der Unternehmensorganisation selbst, schlägt Schunder-Tatzber vor. „Nur einen Qi Gong-Kurs anzubieten, um die Mitarbeiter stressresistenter zu machen, reicht in der Regel nicht aus.“ Es geht vielmehr um eine umfassende Betrachtung. Die Unternehmensführung müsse sich Fragen wie folgende stellen: Was brauchen wir unbedingt? Was hat sich vielleicht schon überholt? Welche belastenden Arbeiten sind unumgänglich, welche könnten vielleicht besser organisiert werden? Können Arbeitszeitmodelle oder auch Arbeitsprozesse flexibler an die Bedürfnisse der Mitarbeiter angepasst werden? Besonders wichtig ist es dabei jeweils, die subjektive Wahrnehmung und Meinung der Mitarbeiter in die Analyse mit aufzunehmen, etwa in Form von Mitarbeiterbefragungen. Was als belastend empfunden wird, muss nicht immer deckungsgleich sein.

Bei der gemeinsamen Antwortfindung auf die gestellten Fragen wäre jedenfalls mehr „Kreativität der Organisationen und ihrer Führungskräfte vonnöten“, findet Schunder-Tatzber, etwa was das Anpassen der Arbeitsbedingungen an die Bedürfnisse der Mitarbeiter betrifft. „Da fehlt es oft noch an einer entsprechenden Sensibilisierung der Organisationen. Leider, denn damit ließe sich schon einmal ein gar nicht unbeträchtlicher Teil der vorhandenen Belastungspotenziale entschärfen.“

Eine Sensibilisierung der Organisationen setzt aber immer eine entsprechende Sensibilisierung ihrer Führungskräfte voraus. Sie müssten möglichst frühzeitig erkennen, wo solche Risikopotenziale lauern könnten. „Der Anteil der Führungskräfte an der physischen und psychischen Gesundheit ihrer Mitarbeiter wird immer noch vielerorts unterschätzt, er ist enorm“, sagt Schunder-Tatzber. Die OMV zum Beispiel bietet daher regelmäßig sensibilisierende Kurse für Führungskräfte unter dem Titel „Gesundheitsförderndes Führen“ an.

Abgrenzungs- und Entspannungsmechanismen

Ein Detailergebnis aus der Europäischen Arbeitskräfteerhebung bestätigt die besondere psychische Belastung innerhalb der Gesundheitsberufe. Über 50 Prozent der Befragten aus diesem Bereich klagen über zumindest ein Risiko für psychische Probleme in ihrem Arbeitsumfeld. Der Wert liegt signifikant über dem Durchschnitt – am obersten Ende aller Berufsgruppen.

Gerade in Berufen, die große Verantwortung mit sich bringen und in denen intensiv mit Menschen gearbeitet wird, brauche es wirkungsvolle Abgrenzungs- und Entspannungsmechanismen, meint Schunder-Tatzber. Diese müssten auch Ärzte erst mühsam erlernen. „Wir halten uns nur allzu oft für stark und unverwundbar, das sind wir aber nicht. Die Botschaft, die wir unseren Patienten stets verkünden, muss auch für uns selbst gelten.“ Erst langsam, aber doch finde ein entsprechendes Umdenken statt. Work-Life-Balance sei inzwischen auch in der Medizin zum großen Thema geworden. „Bei der Umsetzung haben wir aber noch einigen Nachholbedarf, sowohl was die Rahmenbedingungen als auch was unser eigenes Bewusstsein betrifft.“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 1/3/2015

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