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 Bild 1
(c) privat

Dr. Harald Retschitzegger, MSc
Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


(c) Fotostudio Bichler

Dr. Paul Groß
Palliavtivmediziner, Stv. Vorsitzender der IGSL Hospizbewegung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


(c) Fugler

Dr. Reinhold Glehr
Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin

 

 

 

 
Gesundheitspolitik 12. Jänner 2015

Wenig Nachfrage bei Patientenverfügung

Nur vier Prozent der Österreicher haben eine Patientenverfügung, in Deutschland sind es fünfzehn. Neben Kosten und Aufwand könnte auch die fehlende Unterstützung durch die Gesundheits- berufe dafür verantwortlich sein.

Das seit 2006 gültige Gesetz zur Patientenverfügung sieht zwei Varianten vor: eine „verbindliche“ und eine „beachtliche“ Verfügung. Nun wurde nach 2009 zum zweiten Mal eine Studie über Wissen, Akzeptanz und Anwendung der Patientenverfügung durchgeführt. Beauftragt war damit das Institut für Ethik und Recht in der Medizin an der Uni Wien. Die wesentlichen Ergebnisse der Studie: Zwar haben inzwischen mehr als drei Viertel aller Befragten von der Möglichkeit einer Patientenverfügung gehört (2009 waren es nur etwas mehr als die Hälfte), allerdings hat das gestiegene Wissen alleine noch nicht zu einer signifikanten Zunahme an Patientenverfügungen geführt. Derzeit haben nur 4,1 Prozent der in Österreich lebenden Bevölkerung tatsächlich eine solche für sich errichtet, 2009 waren es auch schon knapp vier Prozent.

Laut Studienautoren ist diese Diskrepanz nicht zuletzt mit mangelndem Wissen und fehlendem Bewusstsein aufseiten der Angehörigen der Gesundheitsberufe zu erklären. Wer eine verbindliche Patientenverfügung erstellen will, muss sich laut Gesetz bei einem Mediziner über Details aufklären und beraten lassen. Immer wieder beklagen Interessierte allerdings, dass es schwierig sei, einen Mediziner dafür zu finden. Zudem werden die Kosten von den Kassen nicht übernommen.

Justizminister Wolfgang Brandstetter und Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser wollen nun evaluieren lassen, ob Maßnahmen notwendig sind, um die Inanspruchnahme von Patientenverfügungen zu erhöhen. Außerdem sollen Gespräche mit den Kammern der betroffenen Berufe geführt werden.

Vorsorgende Gespräche

„Neben der Patientenverfügung sollten auch Vorsorgevollmacht und Vorsorgedialog gefördert werden.“

Dr. Harald Retschitzegger, MSc, Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft

Aus palliativmedizinischer Sicht sind beide Formen der Patientenverfügung (PV) wichtig und begrüßenswert. Mit der Einführung der PV wurde es endlich möglich, dass Menschen das Ausmaß der gewünschten medizinischen Behandlung artikulieren können – auch für Zeitpunkte, in denen sie dazu nicht in der Lage sind. Anfangs war in Bereichen der Ärzteschaft deutlicher Widerstand gegen PVen zu spüren, wurde doch damit eine Form der patriarchalischen Entscheidungsfindung beendet, die lange Zeit in der Medizin vorherrschend war. Mittlerweile hat sich die PV in zahlenmäßig geringem Ausmaß etabliert. Gründe für die geringe Nutzung liegen im – notwendigen – bürokratischen Aufwand, den – überlegenswerten – Kosten und der Scheu, sich vorweg mit Fragen begrenzten Lebens auseinanderzusetzen. Immer wieder berichten PatientInnen auch, dass es schwer ist, Ärzte zu finden, welche positiv unterstützend an der Erstellung mitwirken.

Die PV ist nicht das einzige Instrument in diesem Zusammenhang. Wir brauchen auch eine Förderung der Vorsorgevollmacht (VSVM), die etwa in Kombination mit einer beachtlichen PV sehr praktikabel sein kann. Und in der Geriatrie gibt es österreichweite Bemühungen, einen sogenannten „Vorsorgedialog“ ins Gesundheitssystem zu integrieren, mit dem Ziel, dass vor allem in Pflegeeinrichtungen frühzeitig Klärungen unterstützt werden, weil gerade bei PflegeheimbewohnerInnen oftmals diesbezüglich ungeklärte Zustände vorherrschen. In der Zeit einer rasch zunehmenden Zahl von demenzkranken Menschen wird es speziell bei dieser Patientengruppe sehr wichtig sein, vorsorgende Gespräche frühzeitig und damit rechtzeitig zu führen, sodass wir auch von demenzkranken Menschen wissen, was sie im Erkrankungsverlauf wünschen beziehungsweise ablehnen.

Die PV, die VSVM und der Vorsorgedialog sind Instrumente der Willenserhebung von Menschen. Praktisch immer sind die stattfindenden Gespräche das Wesentliche, weil damit eine konkrete Auseinandersetzung mit den Fragen des Lebensendes geschieht, die wir im gesamten Gesundheitssystem im Sinne einer gelebten und inkludierten Palliativkultur dringend brauchen.

Konsensuspapier unbrauchbar

„Mangelnder Information der Ärzte durch verpflichtende Aus- und Fortbildung gegensteuern.“

Dr. Paul Groß, Palliavtivmediziner, Stv. Vorsitzender der IGSL Hospizbewegung

Die geringe Anzahl der Patientenverfügungen hat einige Ursachen. Eine besteht in der derzeit geringen Bereitschaft der Ärzte, verbindliche Patientenverfügungen zu erstellen. Dies liegt einerseits an einer mangelnden Akzeptanz bezüglich der Autonomie der Patienten, andererseits an mangelnder Information und Ausbildung der Ärzte. Dem sollte mit einer verpflichtenden Ausbildung im Medizinstudium und laufenden Fortbildungsmaßnahmen gegengesteuert werden.

Eine weitere Ursache liegt in der Gestaltung des Konsensuspapiers, dem Formular zur Patientenverfügung. Dieses wurde von allen wesentlichen damit befassten Organisationen, von der Rechtsanwaltskammer über den Dachverband Hospiz bis zur Ärztekammer und Patientenanwaltschaft, erstellt. Im wesentlichsten Teil – Punkt 5: Inhalt der Patientenverfügung – konnte man sich allerdings gerade einmal auf leere Zeilen einigen. Dies ist in der täglichen Arbeit unbrauchbar, die Patienten sind damit überfordert.

Die IGSL Hospizbewegung befasst sich schon seit den 1990ern mit der Erstellung von Patientenverfügungen in Deutschland und Österreich. Sie hat Beispielformulierungen erstellt, die mit den Errichtern besprochen, diskutiert und ausgewählt werden. Damit können rund 95 Prozent der Wünsche abgedeckt werden. Nur rund fünf Prozent benötigen eine völlig freie Formulierung.

Ein weiterer Kritikpunkt an der derzeitigen Praxis ist, dass es keinen fix definierten Speicherort gibt. Es besteht nur die Möglichkeit – nicht die Verpflichtung – der Eingabe in ein Onlineregister, jedoch keine verpflichtende Abfrage. Die Patientenverfügung ist eine Bringschuld, aber keine Holschuld, das heißt, es ist Aufgabe des Patienten die Patientenverfügung vorzulegen. Die Krankenanstalt und der behandelnde Arzt sind nicht verpflichtet, diese abzufragen. Dies könnte sich durch eine Implementierung der Patientenverfügung in ELGA verbessern.

Ohne vor allem bei der Ärzteschaft weitreichende Informations- und Überzeugungsarbeit zu leisten, wird die Patientenverfügung auch in Zukunft keine höhere Akzeptanz in der Bevölkerung erlangen.

Ein kommunikativer Prozess

„Es geht um Wissen, vor allem aber um den Abbau emotionaler Barrieren.“

Dr. Reinhold Glehr, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin

Patientenverfügungen sind ein vorbeugend erstelltes Kommunikationsmittel für Entscheidungskonflikte im Rahmen medizinischer Behandlungen, wenn Patienten zum Zeitpunkt der Behandlung nicht einsichts-, urteils- oder äußerungsfähig sind. Sie sollen dem Ideal der Patientenautonomie entgegenkommen und für die Beachtung von Wertungen und Haltungen Betroffener auch in Situationen sorgen, wenn eine direkte Kommunikation nicht möglich ist. Umfangreiche Information und Überlegungen über medizinische Eventualitäten sind bei der Erstellung einer Patientenverfügung Voraussetzung. Demgemäß sind sie Resultat eines kommunikativen Prozesses zwischen beratenden Ärzten, vertrauten Beziehungspersonen und im Falle einer verbindlichen Verfügung eines Anwalts oder Notars.

Beim Errichtungszeitpunkt geht es um die vorausschauende Einschätzung konkreter medizinischer Behandlungen und ihrer möglichen Konsequenzen bezüglich eines „lebenswerten“ Lebens in einer Grenzsituation. Gerade Hausärzte sind in ihrer Vertrauensposition aufgerufen, diesen Prozess für die meist aus einem konkreten Erlebnishintergrund heraus verängstigten, Hilfe suchenden Patienten gut zu gestalten. In diesem Prozess muss in ungewohnter Weise das existenzielle Selbstverständnis angesprochen werden, was wahrscheinlich auch der Grund dafür ist, dass viele Menschen sich nicht darauf einlassen wollen, übereinstimmend mit der zunehmenden Verdrängung des eigenen Sterbens in unserer Gesellschaft. Im hausärztlichen Bereich wird vor allem die beachtliche Patientenverfügung häufig durchgeführt und gewinnt vor allem in Kombination mit der Vorsorgevollmacht auch bei jüngeren Menschen mit Gesundheitskompetenz an Bedeutung.

Bewusstsein in der Gesellschaft, insbesondere auch im ärztlichen Bereich, für die Sinnhaftigkeit dieses Kommunikationsprozesses zu schaffen, erachten wir von der Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin für sehr wichtig. Es geht dabei vor allem um den Abbau emotionaler Barrieren, aber auch allgemein um Wissen um die Modalitäten einer verbindlichen und beachtlichen Patientenverfügung.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 1/3/2015

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