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Mag. Peter McDonald Vorstandsvorsitzender im Hauptverband

 
Gesundheitspolitik 21. Dezember 2014

„Ärmel hochkrempeln und in die Umsetzung gelangen“

Gutes soll noch besser werden, und die Menschen sollen die Vorteile der Gesundheitsreform spüren.

Mag. Peter McDonald im Ärzte-Woche-Exklusivinterview über multiprofessionelle Versorgungszentren, einen wertschätzenden Dialog mit der Ärzteschaft und die Notwendigkeit eines Qualitätswettbewerbes.

In einem Ärzte-Woche-Interview sagte die neue Gesundheitsministerin über ELGA: „Deshalb möchte ich es ein bisschen langsamer angehen und habe versucht, etwas Druck herauszunehmen.“ Kann ein solches Großprojekt erfolgreich flächendeckend implementiert werden, ohne Druck zu machen?

McDonald: Druck ist das falsche Wort. Wir brauchen positive Überzeugungsarbeit und Argumente. Die Menschen haben es satt, überall nach Daten alter Operationen und Kinderkrankheiten gefragt zu werden. Jeder will, dass er seine Krankengeschichte verfügbar machen kann, wo er das will. Das bestätigen ja auch alle unsere Umfragen. Der Datenschutz muss natürlich gesichert sein und ELGA muss so aussehen, dass sie die Arbeit erleichtert – das wird auch geschehen.

Gesundheitsförderung/Prävention ist in den Rahmengesundheitszielen ein großes Thema. Mit Ihrem Bonusmodell der persönlichen Gesundheitsziele haben Sie mit der SVA hier einen völlig neuen Weg beschritten und die Initiative als Vorbild für alle Kassen propagiert. In Ihrer neuen Funktion sind Sie hier zurückhaltender, warum?

McDonald: Ich habe dieses Anreizmodell zur aktiven Gesundheitsförderung aus der Überzeugung entwickelt, dass wir unterstützen müssen, dass man sich um die Gesundheit nicht erst dann kümmert, wenn man krank ist. 50.000 Selbstständige haben das Programm bereits erfolgreich für mehr Lebensqualität durchgeführt und schauen aktiv auf ihre Gesundheit. Ich glaube nicht, dass man ein einzelnes Modell 1:1 auf alle anderen überstülpen sollte. Wichtig ist, dass Idee und Ziel dahinter gesehen werden: Jeder Mensch sollte Koproduzent der eigenen Gesundheit werden, das System den Fokus auf Gesundheitsförderung und die Stärkung der Eigenverantwortung legen. Wege dahin gibt es mehrere.

Ein wichtiges Projekt der Gesundheitsreform ist die Etablierung eines Primary-Healthcare-Konzepts. Voraussetzung dafür sind neue Versorgungsformen im niedergelassenen Bereich.

McDonald:Die Knackpunkte des bisherigen Systems waren die unterschiedlichen Öffnungszeiten, die Nichtverfügbarkeit am Wochenende, die langen Wartezeiten in den Ordinationen sowie überfüllte Ambulanzen. Hier soll das PHC-Konzept eine wesentliche Verbesserung schaffen. Ziel ist es, Patienten für alle gesundheitlichen Fragen und Probleme schnellstmöglich einen leicht zugänglichen Ansprechpartner zur Verfügung zu stellen, längere Öffnungszeiten zu ermöglichen, Terminvereinbarungen zu erleichtern und Wartezeiten zu verkürzen. Die Reform will Ärzte wie auch andere medizinische und nichtmedizinische Berufsgruppen, ihren jeweiligen Fähigkeiten entsprechend, inkludieren. Durch deren verstärkte Zusammenarbeit werden zusätzliches Wissen und Potenziale in die Beratung und Betreuung integriert. Langsam kommt es hier zu einem Sinneswandel und man erkennt, dass eine innovative Gesundheitsversorgung in gegenseitigem Einverständnis und unter Einbeziehung der verschiedenen Beteiligten auf die bestmögliche Leistung für die Patienten abzielt. Das Vorbild haben wir ja in den Krankenanstalten, dort wird es gelebt, bis hin zur kollegialen Führung.

Der Ärztemangel ist in aller Munde, vor allem bei den Landärzten. Warum sind Kassenpraxen für Hausärzte immer weniger attraktiv und was muss man tun, um die Versorgung – vor allem am Land – nachhaltig sicherzustellen?

McDonald: Wir bilden derzeit 2.000 Ärzte pro Jahr aus, mehr als im Inland benötigt würden. Es gibt aber gesamtgesellschaftlich einen Trend zur Landflucht, der macht auch vor akademisch hochgebildeten Gruppen wie Ärzten nicht halt. Man soll hier aber nicht Einzelfälle zur Regel stilisieren. Es scheint auch eine Frage der Work-Life-Balance und des offensichtlich überholten Idylls zu sein, das Ärzteserien des 20. Jahrhunderts im Fernsehen transportiert haben.

In kleinen Landgemeinden sind die Hausärzte neben Bürgermeistern die wesentliche Institution, oft selbstverständlich rund um die Uhr erreichbar, mit wenig Zeit für das Familienleben. Das sind Herausforderungen, für die es gesamtgesellschaftliche Lösungen braucht. Wir versuchen, Jungärzten mit der Ausbildung in Lehrpraxen die Arbeit im niedergelassenen Bereich näherzubringen. Die Frage wird aber auch sein, wie man die Akteure im ländlichen Raum insgesamt besser vernetzen kann. Dazu braucht es Aufgeschlossenheit und Dialogbereitschaft auf allen Seiten und eine saubere ordnungspolitische Aufstellung.

Die Ärztekammer klagte in der Vergangenheit oft darüber, als Gesundheitsexperten zu wenig gehört zu werden. Präsident Wechselberger hat Sie persönlich aber als „gesprächsbereiten und lösungsorientierten Verhandlungspartner“ gelobt. Werden Sie die Ärztevertretung stärker involvieren?

McDonald:Wir haben derzeit die Entwicklung von der einrichtungsorientierten Finanzierung zur patientenorientierten Versorgung, wo konstruktive Beiträge abseits der Standesinteressen immer willkommen sind. Ich bekenne mich dazu, dass die Ärzteschaft ein ganz wesentlicher Partner für uns ist. Wir als Sozialversicherung tragen als Hauptzahler Verantwortung, wie wir selbstständig Überlegungen anstellen müssen, wie wir uns Verbesserungen vorstellen und umsetzen wollen, um das System zukunftsfit abzusichern. Hier müssen wir zunächst unsere Entscheidungsgrundlagen selbst sauber aufbereiten und Themen einbringen. Ich bin ein Mann des wertschätzenden Dialogs.

Die Kammer erwartet von Ihnen eine „Bürokratiereform im Kassenbereich“, die unter anderem die derzeitige Chefarztpflicht in Frage stellen sollte.

McDonald:Die Chefarztpflicht gibt auch den Versicherten und Ärztinnen und Ärzten die Gewissheit, speziell bei neuen und auch hochpreisigen Produkten, dass ein solches Medikament wirklich medizinisch notwendig ist und dass man es auch auf Kosten der sozialen Krankenversicherung beziehen kann. Manchmal kommen neue Medikamente, die – um ein einfaches Beispiel zu geben – nur in ganz bestimmten Konstellationen der therapeutischen Alternative überlegen sind, sodass im Regelfall die bisherige Alternative ausreicht.

Würden alle derartigen Fälle mit der neuen Alternative behandelt, würden die Kosten zulasten der Versichertengemeinschaft steigen. Die Chefarztpflicht ist als Steuerungsinstrument also durchaus sinnvoll und wertvoll. Es heißt aber nicht, dass sie der Weisheit letzter Schluss ist.

Bei den diesjährigen Gesundheitsgesprächen beim Forum Alpbach ging es um die „Gesundheitsvisionen 2025“. Wie sehen Ihre aus?

McDonald: Ein erster Erfolg ist, dass im Zuge der Gesundheitsreform Bund, Länder und Sozialversicherung eine gemeinsame Sprache sprechen und gemeinsam Ziele vereinbaren. Natürlich kann man gerade jetzt nicht schon zufrieden sein und die Hände in den Schoß legen, sondern muss die Ärmel hochkrempeln und in die Umsetzung gelangen. Gutes soll noch besser werden, und die Menschen sollen die Vorteile der Gesundheitsreform spüren, indem mehr Zeit ist für ein wertschätzendes Gespräch mit dem Arzt, Patienten nicht im Kreis geschickt werden, eine Krankengeschichte nicht mehrmals erzählt werden muss und es auch am Wochenende kompetente Anlaufstellen gibt.

Effizienzpotenziale, die durch die bessere Vernetzung und Abstimmung lukriert werden, sollen mittel- bis langfristig in die Gesundheitsförderung gehen, um so intelligente Ansätze zu entwickeln, die individuelles Leid ersparen als auch das System insgesamt zukunftsfit machen. Ein Schwede verliert nur zwölf statt wie der Österreicher 21 gesunde Lebensjahre, daher: Fokus auf Gesundheitsförderung durch bessere Prävention mit der wichtigsten Vision, den Österreicherinnen und Österreichern ein langes Leben bei guter Gesundheit zu ermöglichen. Dies soll begleitet werden von einem Qualitätswettbewerb zugunsten der Patientinnen und Patienten.

Das Interview führte Mag. Volkmar Weilguni.

Zur Person

Mag. Peter McDonald wurde am 21. Oktober als Nachfolger von Hans-Jörg Schelling zum 13. Vorsitzenden des Verbandsvorstands im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger gewählt. Der 1973 in Oberösterreich geborene Wirtschaftswissenschaftler, Vater von vier Kindern, war von 2011 bis 2014 geschäftsführender Obmann der Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft. Er ist seit 2009 auch Direktor des Österreichischen Wirtschaftsbundes und kandidierte im Vorjahr auf der Nationalratsliste der ÖVP.

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