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Gesundheitspolitik 5. Dezember 2014

In die Ausbildung investieren

Schmerztherapie und Sterbebegleitung rücken auf der europäischen Agenda nach oben.

Stakeholder fordern die EU zur Errichtung europäischer Netzwerke für Palliativ- und Schmerztherapie auf. Der Fokus soll dabei auf der Ausbildung von Fachkräften und dem Austausch von Best Practices liegen.

Eine bessere Ausbildung im Bereich Schmerzmanagement und die Notwendigkeit der Förderung des Austausches über Best Practices in Europa wurden im November im Rahmen des 5. Symposiums zum Thema der gesellschaftlichen Auswirkung von Schmerz (Societal Impact of Pain, SIP) gefordert. SIP ist eine internationale Multi-Stakeholder-Plattform, die das Ziel hat, Aufmerksamkeit für die Relevanz der Auswirkungen von Schmerz auf unsere Gesellschaft, Gesundheits- und Wirtschaftssysteme zu schaffen.

Schmerztherapie und Palliativmedizin wurden vonseiten der italienischen EU-Ratspräsidentschaft als Prioritäten aufgelistet und zum ersten Mal berieten alle EU-Gesundheitsminister über dieses Thema im Rahmen des letzten informellen Treffens der Gesundheitsminister im September. Die Delegierten des SIP-Symposiums, das von der italienischen Ratspräsidentschaft unterstützt wurde, begrüßten den Beschluss der EU-Gesundheitsminister, ein europäisches Netzwerk für die Ausbildung von Fachpersonal und den Informationsaustausch zu gründen.

Die Delegierten besprachen, welche Maßnahmen dringend notwendig sind, damit Schmerztherapie und Palliativmedizin weiterhin als Priorität auf der Agenda der EU-Institutionen wie auch der nationalen Regierungen stehen. Die EU-Mitgliedsstaaten müssen von den bereits existierenden Best Practices profitieren können, um Unterschiede im Zugang zur Schmerztherapie zu verringern. Des Weiteren sollen die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten die notwendigen Ressourcen bereitstellen, um sicher zu stellen, dass ein europäisches Netzwerk zugunsten der europäischen Patienten eingerichtet wird. Dies gilt besonders für die Bedürfnisse älterer und sehr junger Patienten.

Zugang zu Schmerztherapien

Marco Spizzichino, Direktor des Office XI, Palliativmedizin und Schmerztherapie im italienischen Ministerium für Gesundheit, Generaldirektion für Gesundheit Planung, bezog sich im Namen der italienischen Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin auf das Gesetz 38/2010, das in Italien den Zugang zu den Schmerztherapien gewährleistet: „Die Mitgliedstaaten müssen sich um die Entwicklung von Strategien im Rahmen der öffentlichen Gesundheit bemühen, die wirksame politische Richtlinien im Bereich der Schmerz- und Palliativmedizin einschließen. Hierfür stellt Italien ein gutes Beispiel dar.“

Spizzichino betonte auch die Notwendigkeit, den Zugang zu allen aktuell verfügbaren Behandlungen zu verschaffen und die Ungleichheiten um Zugang zu Behandlung zwischen den Regionen und den Mitgliedstaaten der EU zu verringern: „Das Recht der Patienten auf die Vermeidung unnötigen Leidens und unnötiger Schmerzen sollte im nationalen und auch europäischen Fokus stehen.“

Willem Scholten, ehemaliger Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation WHO, wiederholte die Forderung der italienischen Gesundheitsministerin und betonte, dass „Opioid-Analgetika von der WHO als erforderliche Medikamente angesehen werden und für die Behandlung mittlerer bis schwerer Schmerzen notwendig sind. In Europa gibt es keine einheitlichen Richtlinien, die den Zugang zu diesen Medikamenten ermöglichen“.

Die SIP-Teilnehmer erkannten die Notwendigkeit an, dass die EU-Mitgliedsstaaten die Richtlinien der WHO zu kontrollierten Substanzen aus 2011 gleichermaßen anwenden. Der Austausch von „Best Practices“ könne darüber hinaus dazu beitragen, das Management kontrollierter Substanzen zu verbessern und die gesellschaftlichen Auswirkungen von Missbrauch zu verringern.

Ungefähr 100 Millionen Europäer, davon 50 Prozent der Senioren in Europa, leiden an chronischen Schmerzen. Insgesamt verursachen chronische Schmerzen 500 Millionen krankheitsbedingte Ausfalltage in Europa und kosten demzufolge die europäische Wirtschaft mehr als 34 Milliarden Euro. Dr. Chris Wells, der Präsident der Europäischen Schmerzgesellschaft EFIC® betonte, dass „die frühzeitige Behandlung von Schmerzen, vor allem von Rückenschmerzen, riesige Kostenersparnisse und eine Verminderung der krankheitsbedingten Ausfälle und der Arbeitsunfähigkeit erzielen kann“.

Ausbildung verbessern

Depressionen, Angststörungen, reduzierte physische Mobilität und soziale Isolation stehen sehr oft im Zusammenhang mit chronischen Schmerzen. Depressionen und Rückenschmerzen sind zwei der fünf Hauptgründe, die in allen europäischen Ländern zur Arbeitsunfähigkeit führen. Und dennoch bieten 82 Prozent der Universitäten während des ersten Abschnittes des Medizinstudiums in Europa keine Kurse zum Thema Schmerztherapie an – jedenfalls keine, die für alle Studenten verpflichtend sind.

Die Auswirkungen auf die europäische Gesellschaft sind enorm, da chronische Schmerzen zu den Hauptgründen gehören, warum Menschen frühzeitig aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden.

„Daher müssen wir in die Ausbildung junger medizinischer Fachkräfte investieren, wenn es um das Thema der Schmerz- und Palliativmedizin geht. Die Thematik muss mehr Aufmerksamkeit in den Curricula der medizinischen Ausbildung – in Europa und weltweit – erfahren“, lautete die Schlussfolgerung von Prof. DDr. Hans-Georg Kress, dem ehemaligen Präsidenten der EFIC®.

Verantwortlich für die wissenschaftlichen Inhalte der SIP-Plattform ist die europäische Schmerzgesellschaft EFIC® (European Federation of IASP Chapters® ).

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