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Dr. Iris Zachenhofer Neurochirurgin, Co-Autorin von „Dachschaden“, Zentrum für Suchterkrankungen des Wiener Otto-Wagner-Spitals

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Bichl & Prendinger
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Prof. Dr. Adelheid End Universitätsklinik für Chirurgie, Medizinische Universität Wien

 
Gesundheitspolitik 5. Dezember 2014

Dachschaden – ein Buch regt auf

Ob das Buch auch die erhoffte „reinigende“ Wirkung erzielen und zu einem nachhaltigen Diskussionsprozess führen wird, bleibt aber vorerst ungewiss.

„Es ist uns natürlich völlig klar, dass uns alle Neurochirurgen als Nestbeschmutzerinnen beschimpfen werden. Das müssen sie auch, denn sie sind ja alle mundtot gemacht in diesem kranken System. Aber nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Deshalb nehmen wir das in Kauf“, war sich Dr. Iris Zachenhofer durchaus bewusst, was auf sie zukommen wird, nachdem sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Dr. Marion Reddy das Buch „Dachschaden – Zwei Neurochirurginnen decken auf“ (Wien, 2014, ISBN 978-3-99001-104-1) veröffentlicht hatte. Neben dem erwarteten Aufschrei gab es aber laut Aussage der Autorinnen auch eine große Menge an Zustimmung seitens der Ärzteschaft. An die Öffentlichkeit habe man sich schließlich gewandt, weil „wir seit Jahrzehnten keine Verbesserungen gesehen haben. Man kann diese Diskussion nicht mehr im stillen Kämmerlein führen. Wir sind in der privilegierten Situation, in diesem Fach nicht mehr arbeiten zu müssen und können deshalb so offen darüber reden. Wir sehen uns als Sprachrohr für viele, die sich aufgrund ihrer beruflichen Situation niemals beschweren dürfen, die mundtot gemacht sind, so wie wir es lange Zeit auch waren.“

Das Buch ist zwar in Romanform geschrieben und die Heldin „eine fiktive Person“, in die aber alle Erlebnisse einfließen, die entweder den Autorinnen oder Kollegen in Österreich, Deutschland oder der Schweiz widerfahren sind. Alle Neurochirurgen hatten hoch motiviert ihre Karrieren begonnen. Die Frage ist, was dann passiert ist. Wie kaputt das System viele gemacht hat, stellen die Autorinnen in den Raum. Die aufgezeigten Missstände würden sich allerdings keinesfalls auf das Fach Neurochirurgie beschränken lassen. In einem eigenen Kapitel werden schließlich „notwendige Reformen“ vorgeschlagen, unter anderem befristete Chefarztposten, anonyme Bewertungen der Ausbildner oder ein neuer Ausbildungsplan.

Courage und Rückgrat

„Wir glauben, dass Ärzte sich endlich einmal wehren müssen gegen diese Zustände.“

Dr. Iris Zachenhofer, Neurochirurgin, Co-Autorin von "Dachschaden", Zentrum für Suchterkrankungen des Wiener Otto-Wagner-Spitals

Alle Fälle, die in unserem Buch „Dachschaden“ geschildert werden, sind authentisch. Alle Zitate sind Originalzitate. Wir wollten nichts beschönigen, sondern die ungeschminkte Realität darstellen.

Die extrem positiven Reaktionen, die wir seit Erscheinen des Buches erhalten haben, haben uns darin bestärkt, dass es gut war, Missstände endlich anzusprechen. Denn in Wirklichkeit geht es auch inzwischen längst nicht mehr nur um die Neurochirurgie: Es geht darum, Courage und Rückgrat zu zeigen und die vielen Probleme, mit denen wir Ärzte konfrontiert sind, nicht mehr länger unter den Teppich zu kehren.

In die Protagonistin haben wir daher ganz absichtlich alltägliche Probleme einfließen lassen: Demütigungen von Seiten der Vorgesetzten, hierarchische Strukturen, den Konkurrenzdruck und auch Suchtprobleme.

Die Ärztekammer hat im Februar 2014 eine Studie zur Zufriedenheit von Assistenzärzten publiziert: Die Neurochirurgie gehörte dabei zu den schlechtesten Fächern. Über 40 Prozent der Ärzte fühlten sich laut eigener Angabe sehr schlecht ausgebildet. Vor drei Jahren zeigte außerdem eine Umfrage unter Neurochirurginnen, dass neun von zwölf Frauen dieses Fach nicht mehr wählen würden. Nach der Ausbildung arbeitet ein Drittel der Neurochirurginnen nicht mehr an einer Neurochirurgie. Seit vielen Jahren hören wir immer nur Forderungen, die Ausbildung müsse besser werden, die Arbeitsbedingungen menschlicher, geändert hat sich bisher nichts.

Tatsache ist nun aber, dass bereits jetzt in Österreich 1.300 Ärzte fehlen, dass viel zu wenige Ärzte noch längerfristig im Krankenhaus arbeiten wollen. Wer das Buch „Dachschaden“ gelesen hat, der kann sich auch vorstellen, warum das so ist. Wir glauben, es geht darum, dass Ärzte sich endlich einmal wehren müssen gegen diese Zustände, an Neurochirurgien und allen anderen Abteilungen, und dass auch die Politik rasch reagieren muss, damit der Arztberuf im Krankenhaus noch für irgendjemanden interessant ist.

Deshalb haben wir uns an die Öffentlichkeit gewandt. Wir fordern einen klar definierten Ausbildungsplan und eine Einhaltung der Arbeitszeitgesetze. Weil Geplapper, wie toll alles sei, haben wir uns schon viel zu lange angehört.

Ohne Weichzeichnerei

„Durch explizites Ansprechen der dunklen Seiten von Ärzten durch Ärzte wird Zivilcourage gelebt.“

Prof. Dr. Adelheid End, Universitätsklinik für Chirurgie, Medizinische Universität Wien

Es steht außer Zweifel, dass es [...] hervorragende Neurochirurgen gibt, die [...] im Dienste ihrer Patienten handeln. Doch der Allgemeinzustand [...] ist so katastrophal geworden, dass es sich für uns beinahe schon wie ein Verstoß gegen den hippokratischen Eid anfühlen würde, dieses Buch nicht zu veröffentlichen.

Dieses Zitat aus dem Buch „Dachschaden“ zeigt die hohe ethische Einstellung der beiden Autorinnen. Deren Mut ist außerordentlich, bedenkt man, mit welchen Folgen generell Aufdecker bestraft und eliminiert werden. Für die, die im System arbeiten, kann es erleichternd sein, dass unwürdige Zustände öffentlich thematisiert werden, eindringlich und ohne Weichzeichnerei. Am Beispiel der Neurochirurgie wird in diesem Buch die Spitze eines Eisberges im Medizinbetrieb angesprochen. Alle in „Dachschaden“ geschilderten Vorkommnisse habe ich innerhalb von drei Jahrzehnten in verschiedenen Bereichen der Chirurgie selbst erlebt:

• Operieren ohne Kompetenz – und sich aus falschem Stolz keine adäquate Hilfe holen – , aus falschem Ehrgeiz, aus Gier wegen der Fallzahlen, ob für den Operationskatalog oder aus finanziellen Gründen;

• Operieren ohne echte Operationsindikation oder Durchführen von Zusatzeingriffen, weil der Patient privatversichert ist;

• Chirurgen, die aus falscher Solidarität, aus Opportunismus und/oder Angst, den Chef und/oder die Kollegen decken.

• Vertuschen von Komplikationen, Täuschen des dankbaren, vertrauensvollen Patienten beziehungsweise der Angehörigen, denen der Chirurg eine unnötige Komplikation als schicksalhaft verkauft.

Treffend wird in dem Buch ein begabter Neurochirurg, der auch ein guter Lehrer ist, geschildert, der mit seiner Patientenzentriertheit keine Karriere macht. Die schlechte Facharztausbildung mit limitiertem Operationsspektrum – insbesondere an Universitätskliniken – ist bekannt. Bei Zusicherung der Anonymität bestätigen Chirurgen in österreichweiten Umfragen über Arbeitsbedingungen schreckliche Vorkommnisse, sprechen wörtlich von „Schweinereien“ oder „Verbrechen“.

Die (Spitzen-) Leistungen verantwortungsbewusster Chirurgen – nicht nur der Neurochirurgen – sind hochgeschätzt. Durch explizites Ansprechen der dunklen Seiten von Ärzten durch Ärzte wird Zivilcourage gelebt. Ein Anstoß für einige von uns, zu handeln?

Eine redaktionelle Anmerkung sei hier ausnahmsweise an den Anfang gestellt, um jeder Kritik einer fehlenden ausgeglichenen Darstellung entgegenzuwirken:Abgesehen von der literarischen und auch inhaltlichen Qualität des Buches, die an dieser Stelle nicht beurteilt werden sollen, hat das Buch in den vergangenen Wochen weit über die neurochirurgischen Kreise hinaus für viel Aufsehen und manch hitzige öffentliche Diskussionen gesorgt. Daher wollten wir im Rahmen der Standpunkte hinterfragen, ob sich jenseits des aggressiven Stils im Detail Wahrheiten finden lassen, die über schmerzliche persönliche Einzelerfahrungen hinausgehen und systemische Ursachen haben. Zu diesem Zweck haben wir selbstverständlich über mehrere Wochen versucht, jene zu einem „Gegenkommentar“ einzuladen, die entweder als ehemalige Chefs und Wegbegleiter direkt angesprochen wurden oder in gestaltenden, verantwortlichen Positionen sitzen. Leider hat sich niemand dazu bereitgefunden.

V. Weilguni

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 50/2014

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