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Prof. Dr. Ursula Kunze, Institut für Sozialmedizin, Leiterin des Zentrums für Public Health an der MedUni Wien © MUW

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prof. Dr. Heribert Stoiber, Sektion für Virologie, Department für Hygiene, Mikrobiologie, Sozialmedizin an der MedUni Innsbruck © MUI

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prof. Dr. Sabine Völkl-Kernstock, Psychologin, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, MedUni Wien © privat

 

 
Gesundheitspolitik 13. Oktober 2014

Österreicher sind Influenza-Impfverweigerer

Auch viele Angehörige der Gesundheitsberufe gehen nicht mit gutem Beispiel voran. Vor allem den Vertrauensärzten kommt hier eine wichtige Informations- und Vorbildfunktion zu.

In Österreich gibt es jährlich bis zu 400.000 Influenza-Erkrankungen im Rahmen durchschnittlicher Epidemien. Eine Studie aus der jüngeren Vergangenheit berechnete die Zahl der jährlichen Todesfälle durch Influenza mit rund 1.100 für den Zeitraum zwischen den Jahren 2001 und 2009, das sind 15,5 Todesopfer pro 100.000 Einwohner. Trotzdem nimmt die Influenza-Durchimpfungsrate seit 2006 kontinuierlich ab, erreichte in der vergangenen Saison den Tiefststand von nur noch rund 444.000 Vakzine-Dosen, die ausgeliefert wurden. Die Durchimpfungsrate dürfte damit unter sieben Prozent betragen haben. In keinem westlichen Industriestaat ist sie ähnlich niedrig. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Rate über 30, in Holland etwa gar über 40 Prozent. Solche Werte werden in Österreich bei Weitem nicht einmal unter Angehörigen der Gesundheitsberufe erreicht. Gerade einmal 17 Prozent ließen sich im Vorjahr immunisieren.

Für Virologen gibt es allerdings „keinen rationellen Grund gegen die Grippeimpfung“, wie es erst kürzlich der renommierte austro-amerikanische Virologe Prof. Dr. Peter Palese bei einem Vortrag in Wien ausgedrückt hat. Sie sei eine Vorsichtsmaßnahme, die „jeder vernünftige Mensch machen sollte. Bei Menschen, die im Spital oder Altersheim arbeiten, sollte eine Impfung Pflicht sein, denn sie gefährden dort jene Personen, die am anfälligsten sind, wie Krebspatienten mit unterdrücktem Immunsystem und ältere Leute. Da finde ich es unverantwortlich, nicht geimpft zu sein.“ Für Gegenargumente gibt es laut Palese weder eine statistische Grundlage noch medizinische Evidenz.

Uneinigkeit unter den Ärzten

„Ein proaktives Vorgehen der Ärzteschaft und des medizinischen Systems ist unerlässlich.“

Prof. Dr. Ursula Kunze, Institut für Sozialmedizin, Leiterin des Zentrums für Public Health an der MedUni Wien © MUW

Die Influenza-Impfung ist seit Jahrzehnten bewährt, sicher, gut verträglich, reduziert schwere Verläufe beziehungsweise. Komplikationen bis zu 60 Prozent und Todesfälle bis zu 80 Prozent. In Österreich begegnen sowohl ein Großteil der Bevölkerung als auch erhebliche Teile des Gesundheitspersonals der Krankheit Influenza und der Impfung mit erheblicher Ignoranz, was sich auch in niedrigen Impfraten widerspiegelt – dabei gehört Österreich zu den Ländern mit den besten Impfempfehlungen weltweit.

Die Literatur zeigt als wichtigste Motivatoren gegen die Inanspruchnahme der Impfung durch Gesundheitspersonal Mangel an Betroffenheit, mangelnde Wahrnehmung des eigenen Risikos, Zweifel an der Effektivität der Impfung, Angst vor Nebenwirkungen, selbst wahrgenommene Kontraindikationen und Mangel an Zeit und Impfgelegenheiten. Neben der Eigengefährdung nimmt ungeimpftes Gesundheitspersonal damit eine Ansteckung der ihnen anvertrauten Patienten in Kauf.

Unwissen, mangelnde Aufklärung, fehlende Finanzierung, ungenügendes soziales Marketing und eine ausgeprägte Uneinigkeit in der Ärzteschaft sind die Hauptursachen für die niedrige Durchimpfung der Bevölkerung. Eine der wichtigsten Maßnahmen für die Anhebung der Impfraten ist die Empfehlung des vertrauten Hausarztes für die Impfung. In Österreich gibt es auf der einen Seite viele Ärzte, die nach den Regeln der „Evidence-based Medicine“ die Impfung empfehlen und hohe Impfraten ihrer Patienten erzielen, auf der anderen Seite jene Kollegen, die schlichtweg nichts tun oder sogar von der Impfung abraten. Ein proaktives Vorgehen der Ärzteschaft und des medizinischen Systems ist hier unerlässlich.

Wir brauchen eine objektive, verständliche Aufklärung der Bevölkerung, soziales Marketing und eine Kostenrefundierung. Die Möglichkeiten, Impfraten beim Gesundheitspersonal zu erhöhen, scheinen begrenzt zu sein. Diverse Anreizsysteme und Informationskampagnen erzielen nicht den gewünschten Effekt. Nur eine Pflichtimpfung erhöht die Impfraten substanziell, was allerdings hierzulande derzeit nicht vorstellbar ist.

Bessere Angebote und Aufklärung

„Nicht nur die Geimpften werden geschützt, sondern auch die oft immungeschwächten Patienten.“

Prof. Dr. Heribert Stoiber, Sektion für Virologie, Department für Hygiene, Mikrobiologie, Sozialmedizin an der MedUni Innsbruck © MUI

Influenzaviren stellen eine relativ gefährliche Gruppe von Viren dar, die weltweit jährlich Tausende Todesfälle fordert. Allein in Österreich sind laut den Daten der österreichischen Gesundheitsorganisation ARGES jährlich bis zu 15 Prozent der Bevölkerung von Infektionen mit Influenzaviren betroffen. Trotzdem ist die Bereitschaft, sich gegen die Infektion mit Influenzaviren zu schützen, extrem gering. Das gilt auch für die Mitarbeiter im medizinischen Bereich, obwohl die erweiterten Empfehlungen des österreichischen Impfplans eine solche Vakzinierung ausdrücklich nahe legen.

Gründe für die niedrigen und weiter sinkenden Impfraten im Allgemeinen und unter Angehörigen der Gesundheitsberufe im Speziellen sind vielschichtig. Zum einen ist es für viele aufwendig sich jährlich einer Impfung zu unterziehen, die unter Umständen mit Nebenwirkungen verbunden sein kann. Auch werden manchmal grippeähnliche Symptome („flu-like symptoms“) den Influenzaviren zugeschrieben, obwohl sie von anderen respiratorischen Erregern verursacht werden. Damit scheint die Impfung wirkungslos und die Bereitschaft sich im kommenden Jahr vakzinieren zu lassen schwindet. Außerdem ist ja nicht zu 100 Prozent sicher, ob der Schutz, der durch die im Impfstoff enthaltenen Influenzavarianten induziert wird, auch den gerade zirkulierenden Varianten voll entspricht. Somit kann trotz Immunisierung der Geimpfte erkranken, wenn auch mit abgeschwächter Symptomatik.

Da eine mit Influenza infizierte Person bereits bis zu zwei Tage vor Ausbruch der Symptomatik das Virus übertragen kann, der Betroffene also noch nicht einmal weiß, dass er infektiös ist, birgt eine Übertragung des Virus gerade im Gesundheitsbereich eine gewisse Problematik. Initiativen, wie die kostenlose Influenzaimpfung der Mitarbeiter an der MedUni Innsbruck direkt am Arbeitsplatz, und zusätzliche Aufklärung der Angestellten im medizinischen Bereich sollen dazu beitragen, nicht nur die Geimpften selbst gegen die Grippe zu schützen, sondern auch die (oft immungeschwächten) Patienten vor einer unter Umständen fatal verlaufenden Influenzainfektion zu bewahren.

Unwissenheit schürt Angst

„Es ist unerlässlich, die Möglichkeit für persönliche Informations- gespräche zu schaffen.“

Prof. Dr. Sabine Völkl-Kernstock, Psychologin, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, MedUni Wien © privat

Häufig stellen sich Eltern die Frage, „Soll ich oder soll ich nicht“, wenn es darum geht, ihr Kind mittels Schutzimpfungen vor möglichen Erkrankungen zu bewahren. Das gilt auch bei Influenza-Impfungen. Das vielfach publizierte und durch medizinische Studien belegte Wissen, dass Schutzimpfungen in der Medizin als wichtigste und wirksamste Präventivmaßnahme angesehen werden, wird nicht generell geteilt, wie die Impfratenstatistik belegt. So haben nach einer Elternbefragung des Karl Landsteiner Instituts aus 2013 nur 39 Prozent der Kinder die empfohlenen Schutzimpfungen.

Ein Hauptmotiv für die Verweigerung von Schutzimpfungen ist insbesondere die Angst vor Impfschäden und Nebenwirkungen sowie Folgebelastungen. Auch die Sichtweise, dass nicht geimpfte Kinder gesund sind, gehört zu dieser Argumentation. Genährt wird die Besorgnis der Eltern oft durch mangelhafte Informationen beziehungsweise durch falsche Behauptungen und verstörende, Angst generierende Fallgeschichten. Die Angst vor der Nadel spielt eine eher untergeordnete Rolle. Nachrangig, aber nicht zu vernachlässigen ist die Ansicht von Erwachsenen, einige Impfungen wären unnötig und dienen eher dem Wohlergehen der Pharmaindustrie.

Bemerkenswert ist, dass im Rahmen einer 2014 erfolgten Befragung von Eltern junger Kinder 55 Prozent angaben, selbst die empfohlenen Schutzimpfungen für Erwachsene nicht zu kennen. In zehn Prozent der Fälle wurde Impfangst geäußert. Kinder übernehmen durch nachahmendes Verhalten auch das Angstverhalten ihrer Eltern. Zu beachten ist in diesem Zusammenhang, dass der diesbezüglichen Einstellung der Haus- und Kinderärzte als Vertrauenspersonen eine große Bedeutung seitens der Patienten zukommt und die Akzeptanz von Schutzimpfungen deutlich damit zusammenhängt. Letzteres gilt für Kinder wie für Erwachsene. Daher ist es unerlässlich, die Möglichkeit für persönliche Informationsgespräche zu schaffen, sei es direkt beim Arzt des Vertrauens oder im Rahmen von Institutionen wie Kindergarten, Schule etc., um über die Bedeutung der Schutzimpfungen und die Folgen eines Versäumnisses informieren zu können.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 42/2014

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