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Die Bundeskurie Angestellte Ärzte hat ein Spitalsärztekonzept aus dem Hut gezaubert. Ob es den selbstgestellten Ansprüchen gerecht werden kann, bezweifeln Gesundheitsexperten.
 
Gesundheitspolitik 5. September 2014

Perfekter Trick oder alter Hut?

Volle Ambulanzen, überbordende Administration, Ärzte, die entweder abwandern oder ins Burnout driften – die Ärztekammer hat ein Therapiekonzept dagegen erstellt. Kritik kommt von Patientenvertretern und Pflege.

Patienten sollen sich nicht mehr selbst in Ambulanzen einweisen dürfen, die kollegiale Führung soll abgeschafft werden, und Jungärzten sollen individuelle Arbeitszeit- und neue Karrieremodelle angeboten werden. Das sind einige der Vorschläge der Ärztekammer.

Mit ihrem Konzept „Spitalsärztin/Spitalsarzt 2025“, erstellt von der Bundeskurie Angestellte Ärzte, will die Ärztekammer „die bestehenden Problemfelder wie überlaufene Ambulanzen, enorme Arbeitsbelastung, Turnus, Feminisierung der Medizin oder mangelnde Work-Life-Balance nicht nur in Angriff nehmen, sondern beheben“. Eine große Aufgabe, die sich Kurienobmann Harald Mayer mit seinem Team da vorgenommen hat. Patientenvertretung und andere Gesundheitsberufe bezweifeln jedoch, ob die dafür vorgeschlagenen Mittel geeignet sind.

„Das Konzept legt den Schwerpunkt auf neue Organisations- und Kooperationsstrukturen, die sowohl Patienten als auch Ärzten Vorteile bringen und die regionale Versorgung langfristig sichern sollen. Zusätzlich wurden Lösungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen erarbeitet“, erklärt Dr. Harald Mayer anlässlich der Präsentation des Papiers. Der Umstand, dass unattraktive Arbeitsbedingungen immer mehr junge Ärztinnen und Ärzte ins Ausland treiben, sei eben nicht nur als schrillendes Warnsignal zu sehen, sondern vor allem als Handlungsauftrag, um aktiv gegenzusteuern, so der Bundeskurienobmann Angestellte Ärzte und ÖÄK-Vizepräsident: „Wir wollen konstruktive Vorschläge anbieten. Wir haben gemeinsam brauchbare Ideen erarbeitet, die sich mit etwas gutem Willen durchaus umsetzen ließen.“

„Therapie“-Konzept in sieben Punkten

Der „Diagnose“ – unter anderem: überlaufene Ambulanzen, Personalmangel durch Abwanderung, mangelnde berufliche Perspektiven, Feminisierung der Medizin, nicht bedürfnisgerechte Arbeitszeiten, Schwächen im Bereich der kollegialen Führung oder überbordende Administration – stellt das Konzept sieben Kernforderungen als „Therapie“ gegenüber:

• massive Einschränkung der Selbsteinweisungen in die Ambulanzen

• neue Spitalsstruktur mit stationären Betteneinheiten mit ambulanter fachärztlicher Betreuung, Regional-Krankenhäusern und Leit-Krankenhäusern

• Abschaffen der kollegialen Führung im Krankenhaus; Ärzte als Alleinverantwortliche

• unterschiedliche Arbeitszeitmodelle, unter denen die angestellten Ärzte je nach Wunsch (und individueller Lebensplanung) frei wählen können

• neue Karrieremodelle im Krankenhaus, vor allem neue Perspektiven für Oberärzte, etwa als Leiter von Expertenteams mit Budget- und Personalverantwortung

• Delegation von pflegerischen Tätigkeiten der Jungärzte an die Pflege

Keine Selbsteinweisungen mehr

Gleich die erste Forderung enthält eine ganze Menge Sprengkraft und würde, wenn sie tatsächlich umgesetzt wird, einen echten Paradigmenwechsel im heimischen Versorgungssystem bedeuten. Mit dieser radikalen Neuregelung des Zugangs zum Spital sollen einerseits die tatsächlich völlig überlaufenen Ambulanzen (jeder Österreicher sucht statistisch gesehen zweimal pro Jahr eine Spitalsambulanz auf, ergibt 16 Millionen Ambulanzbesuche) endlich entlastet, andererseits die Patientenströme besser koordiniert werden. Geht es nach den Wünschen der Spitalsärzte-Vertretung, sollen Patienten zukünftig nur noch mit Zuweisung ins Spital kommen. „Wir stellen uns das so vor“, erläutert Mayer: „Zuweisungen werden nur noch von den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen – Allgemeinmedizin wie Fachärzteschaft – vorgenommen. Zusätzlich soll das ärztliche Personal in Pflegeheimen zuweisen können, ebenso die ärztlichen Gruppenpraxen bzw. Ordinationszentren.“ Über die Rettung sei außerdem eine Notfalleinweisung möglich. Der derzeit gängigen Selbstzuweisung durch die Patientinnen und Patienten werde mit diesem System ein Riegel vorgeschoben.

Natürlich werden die Spitalsärzte „niemanden wegschicken, der mitten in der Nacht zu uns kommt“, versichert Mayer. Trotzdem wäre es aber letztendlich für alle von Vorteil, wenn „ein Umdenken aufseiten der Patienten stattfinden würde“.

Auch mehr Gesundheitskompetenz könne langfristig dazu beitragen, die Ambulanzen zu entlasten. Fest stehe jedenfalls, dass sowohl Ärzten als auch Patienten ein Lernprozess bevorstehe. Ohne diesen sei eine grundlegende Systemänderung nicht möglich.

„Falsch, schwammig, nicht schlüssig“

Der Sprecher der Patientenanwälte, Dr. Gerald Bachinger, hält das Konzept „in jenen Punkten für richtig und nachvollziehbar, welche die Problembeschreibung betreffen.“ Die angebotene „Therapie“ sei aber „falsch, schwammig und nicht schlüssig“.

Dies gelte zum Beispiel auch für die Forderung nach Zuweisungen in Ambulanzen, erläutert Bachinger. Gerade erst sei die Neugestaltung des niedergelassenen Bereiches – auch mit Zustimmung der Ärztekammer – beschlossen worden, Stichwort Primary Health Care (PHC). „Hier jetzt neue Hürden und ‚Zwangseinweisungen‘ bzw. neue Bürokratien aufzubauen, ist grundsätzlich der falsche Weg.“

Besonders seltsam, wenn auch typisch, findet Bachinger, dass die Kammer zwar einerseits immer vehement fordere, bei allen gesundheitspolitischen Initiativen dabei zu sein, was trotz gegenteiliger Beteuerungen der Funktionäre auch immer geschehen würde, selbst aber niemanden in die Entwicklung ihrer eigenen Konzepte einbezieht. „Dementsprechend ist das Ergebnis nur pure und nicht brauchbare Standespolitik.“

Bachinger bricht Lanze für PHC

Das neue PHC-Konzept wird wesentlich mehr Service und Qualität anbieten, meint Bachinger, der erwartet, dass die Patienten dieses Angebot auch annehmen werden. „Es ist doch die Frage zu stellen, warum gehen die Patienten derzeit in die Ambulanzen, wo sie doch dort auch lange Wartezeiten vorfinden und in Kauf nehmen. Die Antwort ist, weil die Öffnungszeiten wesentlich länger sind, bessere Qualität erwartet wird und im Sinne eines One-Stop-Shop der derzeitige Überweisungszirkus im niedergelassenen Bereich nicht stattfindet.“ Genau darauf würde das PHC-Modell letztendlich abzielen.

Ein Spitalsbesuch nur mit Zuweisung könne in der Praxis auch gar nicht funktionieren, argumentiert Bachinger: „Oder soll der Portier im Krankenhaus, wenn ein Patient mit unspezifischen Bauchbeschwerden vor der Tür steht, ihm die Tür vor der Nase zuknallen mit dem Hinweis ,Sie haben keine Überweisung!‘ Eine ärztliche Untersuchung wird notwendig sein, weil es sich um Bauchgrippe oder eine Aneurysmablutung handeln könnte.“

Alleinige Verantwortung der Führung

Auch den Vorschlag Mayers, die kollegiale Führung im Krankenhaus abzuschaffen und die Führungsverantwortung ausschließlich in ärztliche Hand zu legen, weist Bachinger in dieser Form zurück. Der Patientenanwalt räumt zwar ein, dass man diese prinzipiell in Frage stellen könne, weil es dazu sowohl positive wie negative Erfahrungen gibt, dass die Führungsposition aber automatisch nur von Ärzten wahrgenommen werden könne, sehe er nicht: „Wenn schon, dann sollte es eine Führungskraft werden, aus welcher Berufsgruppe auch immer, die diese Managementaufgabe am besten erfüllen kann. Managementqualitäten sind auch den Ärzten nicht in die Wiege gelegt.“

Eine strikte Ablehnung des Vorschlags kommt wenig überraschend von der Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes Ursula Frohner. Die Kollegiale Führung hätte sich vielmehr „als wichtiges Instrument der optimalen Krankenhausführung erwiesen. Die Einbeziehung der Pflegekompetenz auf Direktionsebene ist für die Patientenversorgung und das Krankenhausmanagement unverzichtbar.“

Die „leidige Diskussion um die Delegation sogenannter pflegerischer Tätigkeiten wie etwa das Blutabnehmen“ an das Pflegepersonal hält Frohner für verzichtbar, weil dies vielerorts heute gar kein Thema mehr wäre. Überhaupt sei das „groß angekündigte Spitalsärztekonzept 2025“ der Ärztekammer wenig innovativ, findet Frohner abschließend: „Bei genauer Betrachtung erkennt man leicht, dass hier neue Namen für alte Hüte aufgetischt werden.“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 37/2014

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