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Gesundheitspolitik 2. September 2014

Wir lassen unsere Kinder hängen

Das neue Schuljahr beginnt. Die tägliche Turnstunde kommt – trotz gegenteiliger und hochrangiger Beteuerungen – wieder nicht. Experten sehen darin eine „gesetzlich vorgeschriebene Körperverletzung“.

Fast alle politischen Entscheidungsträger wollen sie, die Schüler bekommen sie aber trotzdem nicht. Die ÄrzteWoche fragte bei Medizinern, Ministern, Parlamentariern und Sportexperten nach, warum die tägliche Turnstunde ein Lippenbekenntnis bleibt, und ob sie für die Gesundheit unserer Kinder überhaupt relevant ist.

Peter Kleinmann, Präsident des Österreichischen Volleyballverbandes und Mitinitiator der Unterschriftenaktion für die „Tägliche Turnstunde“: „Die tägliche Bewegung muss in allen Kindergärten und allen Schultypen eingeführt werden. Und zwar sofort. Es ist bereits fünf nach zwölf. Die österreichischen Kinder weisen den höchsten Fettgehalt Europas auf. Unsere Kinder sind, was Nikotin und Alkoholkonsum betrifft, auf Platz drei in Europa. Es ist mittlerweile durch wissenschaftliche Studien bewiesen, dass unsere Kinder die erste Generation in der Geschichte der Menschheit sind, die eine kürzere Lebenserwartung hat als ihre Eltern, dass unsere Kinder in der Schule öfter fehlen werden, schlechtere Noten erzielen und weniger verdienen werden. Der Grund: Bewegungsmangel. All dies ist den verantwortlichen Politikern und Beamten bekannt. Trotzdem wird die Bewegung in unseren Schulen nicht mehr, sondern immer mehr gekürzt. Dies ist – populistisch artikuliert – gesetzlich vorgeschriebene Körperverletzung.“

Politische Bekenntnisse

Dr. Erwin Rasinger, ÖVP-Gesundheitssprecher: „Wenn wir nicht bald unseren Kindern mehr Bewegung verordnen, werden wir dies in 50 Jahren sehr teuer bezahlen. Fünf Jahre mehr Lebenserwartung und vor allem bessere Lebensqualität sollten Argument genug sein. Leider werden die Prioritäten anders gesetzt, neue Autobahnen und Bahntunnel, die ein Vielfaches kosten, sind allemal wichtiger. Dass im städtischen Bereich bis zu 80 Prozent wenig bis gar keine Bewegung machen, ist ein weiteres Alarmsymptom. Da nützen auch Teilnehmerrekorde beim Marathon nichts, denn die breite Masse tut einfach viel zu wenig. Dies fängt schon dramatisch im Kindesalter an. Lieber noch eine Mathematikformel gepaukt als irgendwohin zu radeln. Ich werde weiter dafür kämpfen, dass wir in dieser Hinsicht handeln.“

Dieter Brosz, MSc, Sportsprecher der Grünen, Obmann des Sportausschusses im Nationalrat: „Obwohl alle 183 Nationalratsabgeordneten ein Bekenntnis zur täglichen Turnstunde unterschrieben haben, gibt es sie immer noch nicht. Das ist ein Armutszeugnis für den Parlamentarismus in Österreich. Seit Jahrzehnten schieben sich das Bildungs- und Sportministerium die Verantwortung für ein verbessertes Sportangebot an den Schulen gegenseitig zu. Die Abgeordneten der Regierungsparteien sollten sich endlich bewusst werden, dass der Nationalrat der Ort der Gesetzgebung ist. Wenn Minister nicht zur Umsetzung in der Lage sind, müssen eben die Abgeordneten die Initiative übernehmen.“

Mag. Gerald Loacker, Gesundheitssprecher NEOS: „Für NEOS spielt die Stärkung der Prävention eine essenzielle Rolle. Die tägliche Turnstunde halten wir daher für eine gute Initiative, die es ehestmöglich umzusetzen gilt. Dass es Zeit braucht, um die dafür erforderlichen Ressourcen bereitzustellen, erkennen wir an. Das Umsetzungstempo, das die Bundesregierung an den Tag legt, halten wir aber für viel zu niedrig. Der Ankündigung im Regierungsprogramm und dem Nationalratsbeschluss müssen endlich sichtbare Taten folgen.“

Dr. Marcus Franz, Gesundheitssprecher Team Stronach: „Ich halte diese Unterlassung für skandalös und zynisch. Es wäre ein Leichtes, die tägliche Turnstunde sofort einzuführen, so etwas geht per Erlass. Und noch dazu kostet die Stunde kaum Geld. Aber da wird herumgewurschtelt und debattiert, als ob es um Milliarden ginge. Hier wird mit der Gesundheit unserer Kinder Schindluder getrieben!“

Dr. Sophie Karmasin, Familienministerin: „Bewegung ist für eine gesunde Entwicklung von großer Bedeutung. Es muss uns daher allen ein Anliegen sein, Bewegung bei Kindern und Jugendlichen zu fördern. So sind auch die Schulen gefordert, den Bewegungsspielraum zu geben, den die Heranwachsenden brauchen. Ob dies nun eine tägliche Turnstunde oder regelmäßige Bewegungseinheiten zwischendurch sind, ist für mich sekundär. Eventuell bedarf es unterschiedlicher Modelle, welche die Schulen autonom wählen können. In diesen Themenkomplex gehört auch die Frage nach einer Öffnung der Nachmittagsbetreuung. Es gibt eine Vielzahl von Kinder-, Jugend- und Sportorganisationen, die Schulen in ihrer Aufgabe unterstützten könnten. Wir müssen es gemeinsam schaffen, den Kindern und Jugendlichen diese freiwilligen Angebote näher zu bringen und im Rahmen ganztägiger Schulformen zugänglich zu machen.“

Medizinische Argumente

Dr. Gudrun Weber, Schulärztereferentin der Österreichischen Ärztekammer: „Die Diskussion um die tägliche Turnstunde können wir als Schulärztinnen und Schulärzte natürlich nur begrüßen, auch wenn sich die Durchführbarkeit vielerorts – alleine wegen der mangelnden Zahl von geeigneten Sportstätten sowie Trainern – schwer durchsetzen lässt. Und da wäre auch noch der Stundenplan: Viele Turnstunden sind sogenannte Randstunden und fallen daher oft aus. Andererseits können Kinder fünf Minuten nach einer Doppelstunde Turnen – oder schlimmer: Schwimmen – keine Mathematikschularbeit schreiben. Man müsste sich daher andere Rahmenbedingungen überlegen. Auch die „Turnnote“ müsste überdacht werden. Es gilt, vor allem diejenigen ins Boot zu holen, die nicht in Vereinen sind, und das geht nur mit entsprechender Motivation. Das heißt: Freude an der Bewegung zu fördern, ohne Notendruck.“

Prim. Dr. Klaus Vavrik, Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit: „Die Initiative zu mehr Bewegung in der Schule ist zu begrüßen und zu unterstützen. Sie alleine wird aber nicht das Allheilmittel gegen Bewegungsmangel, Übergewicht und das oft wenig gesundheitsförderliche Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen sein. Die aktuelle Diskussion um die Einführung der täglichen Turnstunde greift zu kurz. Eine Turnstunde am Tag – noch dazu, wo sich viele Schulen diese räumlich und personell gar nicht leisten können und externen Anbietern wiederum das notwendige pädagogische Wissen fehlt – wird das Dilemma um den im internationalen Vergleich bedenklichen Gesundheitsstatus unserer Kinder nicht lösen können. Es braucht eine umfassende Bewusstseinsänderung, die zu einem anderen Verhalten führt, beginnend bei den Eltern, denn die haben die größte Vorbildfunktion. Wir müssen eine Kultur etablieren, in der Bewegung Spaß macht und ein ganz selbstverständlicher Teil unseres Lebens ist.

Ich war gerade in Australien. Der Unterschied ist frappant. Für Australier ist Bewegung Teil des Wohlstandes, ein alltägliches Luxusgut und eine Zeit, die man sich bewusst leistet. In Österreich ist das eher umgekehrt: Luxus bedeutet ein großes Auto, der Aufzug, die Rolltreppe, möglichst wenig Alltagsbewegung und dann noch „all you can eat“ um möglichst wenig Geld.

Unser täglicher Bewegungsradius aus eigener Muskelkraft hat sich innerhalb einer Generation von 25 auf 2,5 Kilometer reduziert. Das wird hierzulande als Wohlstand begriffen, aber es schafft kein Wohlbefinden und schon gar keine Gesundheit. Wenn wir die Gesundheit unserer Kinder fördern wollen, müssen wir primär versuchen, die Alltagsmobilität zu fördern und wieder attraktiv zu machen, sie als ein wertvolles – und eben auch lustvolles – Gut zu verstehen. Das wäre der wirkungsvollere Ansatz, als das Thema an die Schule zu delegieren und zu glauben, damit sei das Problem gelöst. Im Bildungssystem würde ich mir eine umfassendere Strategie in Hinblick auf die Gesundheitskompetenz der nächsten Generation wünschen, die sich auch mit Fragen der Ernährung, der seelischen Gesundheit, der Stress- und Konfliktbewältigung und einem neuen Naturbewusstsein auseinandersetzt. Hinausgehen, sehen, spüren, sich gemeinsam bewegen, Spaß dabei haben und Bewusstsein schaffen.“

Es gibt …

• ... 150.000 Unterschriften zur Einführung einer täglichen Turnstunde, darunter alle Nationalratsabgeordneten, der Bundeskanzler, der Vizekanzler und der Sportminister.

• .... den ersten gemeinsamen Sechs-Parteien-Antrag in der Geschichte der Republik, der die Unterrichtsministerin auffordert, die tägliche Turnstunde einzuführen.

• ... Studien, die belegen, dass Kinder, die bewegt werden, auch dann bessere Lernergebnisse in Mathematik erzielen, wenn dafür Mathematikstunden gestrichen werden müssen, weil Bewegung das Lernzentrum im Gehirn vergrößert.

• ... eine direkte Korrelation zwischen Bewegung im Kinder- und Jugendalter und Gesundheit bzw. Lebensqualität oder auch gesunden Lebensjahren.

• ... eine aktuelle Studie, die Österreichs Kindern eine um fünf Jahre geringere Lebenserwartung als deren Eltern prophezeit, weil sie unter massiven Bewegungsmangel leiden

• ... erstmalig in der Geschichte des Landes einen Schulterschluss aller relevanten Sportverbände, die den Schulen konkrete Unterstützung bei der Umsetzung der täglichen Turnstunde anbieten, etwa in Form ausgebildeter Trainer.

Was es immer noch nicht gibt, ist die tägliche Turnstunde!

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 36/2014

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