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Dr. Eva Czermak
Caritas Diözese Graz-Seckau, Organisatorische Leiterin des Ambulatoriums Caritas Marienambulanz © Sissi Furgler/Mediendienst

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Mag. Martin Schenk
Psychologe, Sozialexperte & stv. Direktor Diakonie
Österreich* © privat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Mag. (FH) Erich Fenninger, DSA
Bundesgeschäftsführer Volkshilfe Österreich © Mike Ranz

 
Gesundheitspolitik 22. August 2014

Asylwerber in Not

Krankheitsfälle, Infektionen und ein Todesfall im überfüllten Erstaufnahmezentrum Traiskirchen haben die öffentliche Diskussion über die medizinischen Standards im Zuge des Asyl- verfahrens wieder aufkeimen lassen – ebenso die Frage, ob das Einhalten internationaler Vorgaben tatsächlich schon genug ist.

Der Staat ist zur physischen und psychischen Gesundheitsversorgung seiner Asylwerber verpflichtet. Das sagt die EU-Richtlinie „zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen“ in der Fassung vom Juni 2013 ganz klar. „Die Mitgliedstaaten“, steht dort in Artikel 17 geschrieben, „sorgen dafür, dass die im Rahmen der Aufnahme gewährten materiellen Leistungen einem angemessenen Lebensstandard entsprechen, der den Lebensunterhalt sowie den Schutz der physischen und psychischen Gesundheit von Antragstellern gewährleistet.“ Opfer von Folter und Gewalt müssen darüber hinaus Zugang zu einer „adäquaten medizinischen und psychologischen Behandlung oder Betreuung“ erhalten, die „für den Schaden, welcher ihnen durch derartige Handlungen zugefügt wurde, erforderlich ist“. Auf der anderen Seite kann nach Absatz 13 aber auch eine medizinische Untersuchung von Antragstellern „aus Gründen der öffentlichen Gesundheit“ angeordnet werden.

In Österreich gibt es laut Innenministerium vor allem drei Maßnahmen: Erstens erfolgt bei Asylwerbern bei der Erstaufnahme eine Röntgenuntersuchung, mit der man im Fall des Falles eine Tuberkulose entdecken sollte. Ist das nicht möglich, werden andere Tests angewandt. Weiters kommt es zu einem Anamnesegespräch mit einem Allgemeinmediziner. Wenn sich dabei ein Verdacht auf einen Bedarf für eine fachärztliche Untersuchung bzw. fachärztliche Betreuung ergibt, werde das sichergestellt. Der dritte Punkt ist das Angebot des Nachholens von Impfungen entsprechend dem österreichischen Impfplan. Für Prävention und Therapie ist aber immer die Mitwirkung der Betroffenen erforderlich. Niemand kann zu einer Impfung oder einer Behandlung gezwungen werden. Es geht also nicht nur um Angebote, sondern auch darum, zu kommunizieren, zu überzeugen und zu motivieren.

Fragwürdige Praxis

„Die Kombination aus Untätigkeit und Unsicherheit stellt eine psychische Belastung dar.“

Dr. Eva Czermak, Caritas Diözese Graz-Seckau, Organisatorische Leiterin des Ambulatoriums Caritas Marienambulanz

Während körperliche Beschwerden von Asylwerbern mit jenen in einer gleichaltrigen österreichischen Patientengruppe durchaus vergleichbar sind – chronische Schmerzen, akute Infekte, Hypertonie und Diabetes mellitus gefolgt von Hauterkrankungen –, treten psychische Belastungen und Erkrankungen signifikant häufiger auf. Es handelt sich dabei insbesondere um Anpassungsstörungen und posttraumatische Belastungen als Folge des Erlebten im Heimatland oder während der Flucht. Erschwerend kommt hinzu, dass Asylwerber nicht arbeiten dürfen und oft sehr lange auf einen Bescheid im Asylverfahren warten müssen. Diese Kombination aus Untätigkeit in den „besten Lebensjahren“ sowie Unsicherheit bezüglich der Zukunft wirkt sich zusätzlich negativ aus.

Asylwerber sind bei der GKK krankenversichert und haben grundsätzlich die gleichen Ansprüche wie Österreicher. Was ist für sie dennoch anders?

Erstens: Die Sprachbarriere: Es ist schwierig, zu einer muttersprachlichen Behandlung oder Psychotherapie zu kommen. Das Gefühl, sich nicht richtig verständlich machen zu können, führt zu großer Unsicherheit sowohl bei Patienten als auch Ärzten, was häufig in Überversorgung, manchmal in Unterversorgung und verzögerten Behandlungsabläufen resultiert.

Zweitens: Die Erreichbarkeit eines Arztes: Asylwerber haben meist keine Mitfahrgelegenheit. Die Handhabung der Fahrtkosten obliegt dem jeweiligen Quartierbetreiber. Manchmal müssen sich Asylwerber die Kosten für eine Fahrkarte zum Arzt von ihren monatlichen 150 Euro Essensgeld bezahlen. Das heißt, ein Arztbesuch kann für sie eine teure und auch langwierige Angelegenheit werden, insbesondere wenn sie abgelegen wohnen.

Drittens: Der Verlust der Krankenversicherung als „Strafe“: Asylwerber, die das ihnen zugewiesene Quartier verlassen und umziehen, zum Beispiel, weil sie Verwandte in einer anderen Stadt haben, verlieren den Anspruch auf Grundversorgung und somit auch die Krankenversicherung. Diese Praxis finde ich sehr fragwürdig. Dass neu angekommene Asylwerber einem Lungenröntgen im Hinblick auf Tuberkulose unterzogen werden, finde ich hingegen sinnvoll.

Therapie ist Integration

„Einheitliche Standards beim Zugang zur Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge wären hilfreich.“

Mag. Martin Schenk, Psychologe, Sozialexperte & stv. Direktor Diakonie Österreich*

Ohne therapeutische Unterstützung ist für viele Flüchtlinge kein normales Arbeits- und Familienleben möglich. Bei Folter- und Kriegsüberlebenden ist die Therapie selbst eine entscheidende Hilfe für Integration. Die schreckliche Vergangenheit soll nicht länger die Gegenwart vergiften und die Zukunft blockieren. Eine Voraussetzung für Integration ist ein ausreichend guter körperlicher und psychischer Gesundheitszustand, der es uns erlaubt, uns zu konzentrieren, neue Informationen zu verarbeiten und selbstständig zu agieren.

Wenn Flüchtlinge sich wieder konzentrieren können, ist das die Voraussetzung für Lernen und Deutschkurse. Viele haben nach einem traumatischen Erlebnis Schwierigkeiten sich zu fokussieren. Es kostet viel Kraft, die Erinnerung an das schreckliche Ereignis, das sich immer wieder aufdrängt, aus dem Kopf zu zwingen. Wieder durchschlafen können heißt, wieder arbeiten und tätig sein können. Mit Albträumen sowie erhöhter Schreckhaftigkeit wachen Traumatisierte leichter auf und sind nicht mehr imstande einzuschlafen. Wieder vertrauen können heißt weniger Konflikte in der Beziehung und Familie. Unbekannte Menschen und Situationen werden schnell als bedrohlich erlebt. Es ist nicht mehr selbstverständlich, am Leben zu sein. Die eigene Welt wird unkontrollierbar.

Wo die Fahrt zu therapeutischen Hilfen einem Gnaden- oder Willkürakt gleichkommt, dort verschärfen sich gesundheitliche Probleme. Wo wir lange Wartelisten für Therapien – unerträglich lange Wartezeiten für Betroffene – vorfinden, dort verschlechtert sich der Gesundheitszustand. Wo es keine Gestaltungsmöglichkeiten in den Quartieren gibt, nur bloßes Warten, Absitzen, zur Untätigkeit verurteilt Sein, dort verfallen und resignieren Menschen. Das ist besonders schlimm für junge Leute.

Der Zugang zur Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge ist je nach Bundesland neunmal und überall anders geregelt. Einheitliche Standards wären eine Hilfe. Die Rehabilitation von Folter- und Kriegsüberlebenden, wie es die UN-Folterkonvention festlegt, ist ein Menschenrechtsstandard.

* Buchtipp: Martin Schenk: „Abbilder der Folter“, Mandelbaum Verlag“

Kostenlose psychosoziale Beratung

„Die Lebenssituation, in der sich Asylsuchende befinden, kann krankmachen.“

Mag. (FH) Erich Fenninger, DSA, Bundesgeschäftsführer Volkshilfe Österreich

Die medizinische Versorgung und Betreuung von Asylsuchenden in Österreich ist Teil der Grundversorgungsleistungen. Die medizinische Basisversorgung funktioniert gut, doch auch hier gibt es Schwachstellen: fehlende kultursensible Ausbildung der Ärztinnen und Ärzte, fehlende Dolmetscherinnen und Dolmetscher, Mängel bei Vorsorgeuntersuchungen und vieles mehr.

Eines der größten Mankos ist aus Sicht der Volkshilfe die mangelhafte psychosoziale Betreuung und Versorgung. Denn gerade bei Asylsuchenden greift eine rein medizinische Sicht ihrer Gesundheitslage zu kurz. Nach internationalen Schätzungen ist jede bzw. jeder vierte Asylsuchende traumatisiert. Für viele Menschen mit Fluchterfahrung stellt die Aufarbeitung ihrer persönlichen Lebensgeschichte eine große Problematik dar. Sie sollten daher einen Rechtsanspruch auf kostenlose psychosoziale Beratung und Unterstützung haben. Diesen gibt es aber in Österreich nicht. Nur wenige Einrichtungen wie beispielsweise das Therapiezentrum OASIS der Volkshilfe Oberösterreich bieten psychologische und therapeutische Betreuung speziell für Menschen mit Fluchthintergrund an.

Hinzu kommt, dass die Lebenssituation, in der sich Asylsuchende befinden, nicht dazu angetan ist, vorhandene Traumata zu heilen. Ganz im Gegenteil: Ein hoher Grad an Fremdbestimmung – in einigen Unterkünften können die Asylsuchenden nicht einmal darüber mitbestimmen, was sie essen wollen –, das faktische Arbeitsverbot – Asylsuchende haben nur einen sehr eingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt –, die fehlende soziale Einbindung – es gibt praktisch keine Integrationsangebote während eines laufenden Verfahrens – und der rechtlich unsichere Aufenthalt bis zum Abschluss des Verfahrens machen krank.

Wir fordern daher eine flächendeckende psychosoziale Betreuung und Versorgung, idealerweise direkt in der Unterkunft, ein Ende der Mangelverwaltung in Flüchtlingsunterkünften durch eine Erhöhung der staatlichen Leistungen und einen Arbeitsmarktzugang für Asylsuchende nach sechs Monaten. Wir fordern eine menschenwürdige Asylpolitik.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 35/2014

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