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Gesundheitspolitik 21. August 2014

Qualitätssprung oder Mogelpackung?

Der Entwurf zum neuen Ärzteausbildungsgesetz sieht neben einer gemeinsamen Basisausbildung mit Fachärzten auch eine mindestens sechsmonatige Lehrpraxis für Allgemeinmediziner vor.

Gesundheitsminister Alois Stöger hat nach zähen Verhandlungen mit der Ärztekammer ein neues Modell zur Ärzteausbildung auf den Weg gebracht. Befürworter sehen darin eine längst überfällige Annäherung an internationale Standards und hoffen, den vielerorts kolportierten drohenden Ärztemangel damit aufhalten zu können. Kritiker vermuten in dem Kompromisspapier hingegen eine wirkungslose „Mogelpackung“, weil entsprechende Qualitätskriterien nur unzureichend verankert wären.

Die Zahl der Medizinstudenten sinkt seit Jahren: Gab es österreichweit Anfang der 1990er-Jahre noch rund 21.000 Studierende, zählte man 2012/2013 nur mehr 13.300. Verschärfend kommt hinzu, dass nach Abschluss der Ausbildung rund ein Drittel der angehenden Ärzte ins Ausland abwandert, obwohl aufgrund der Quotenregelung nur ein Viertel der Studienplätze an ausländische Studenten vergeben wird. „Wir bilden viele Mediziner aus, haben aber nichts davon, wenn sie weggehen“, beklagt etwa der Präsident der Wiener Ärztekammer Dr. Thomas Szekeres. Addiert man dann noch die Zahl jener hinzu, die in andere Berufe abwandern, kommt man auf eine Zahl von nicht einmal 800 der insgesamt 1.380 Medizin-Absolventen, die im vergangenen Jahr in Österreich als Ärzte zu arbeiten begonnen haben.

Neben Deutschland ist vor allem die Schweiz als Arbeitsort begehrt, wo Absolventen unmittelbar mit der Facharztausbildung beginnen können. Das ist zwar in Österreich theoretisch auch möglich, wurde bisher aber praktisch kaum umgesetzt, weil die meisten Spitäler den Turnus voraussetzen. Das sei für viele Studierende „abschreckend“, meint etwa der Rektor der MedUni Wien, Prof. Dr. Wolfgang Schütz, der das neue Ärzteausbildungsgesetz daher begrüßt.

Ausbildung neu

Die entsprechende Gesetzesvorlage wurde von Minister Stöger vor Kurzem in Begutachtung geschickt und soll Anfang 2015 in Kraft treten. Demnach wird der Turnus durch eine neunmonatige Basisausbildung im Krankenhaus, direkt im Anschluss an das Studium, ersetzt. Der Ausbildungsschwerpunkt liegt dabei auf den Fachgebieten Chirurgie und Innere Medizin. Außerdem sollen Jungärzte die fünfzehn häufigsten Krankheiten laut WHO – unter anderem Herz-Kreislauferkrankungen, Depressionsstörungen, Lungenkrebs, Alzheimer sowie Diabetes – diagnostizieren und einer weiteren Behandlung zuführen lernen.

Anschließend entscheiden sich die Jungmediziner für eine Ausbildung zum Facharzt oder Allgemeinmediziner. Der angehende Facharzt absolviert zunächst eine 15-monatige Grundausbildung in seinem Sonderfach. Danach kommt eine Schwerpunktausbildung von zumindest 27 Monaten. Pro Sonderfach stehen maximal sechs Module zu bestimmten Fachinhalten zur Wahl. Additivfächer entfallen und werden in die Ausbildung integriert.

Für den Allgemeinmediziner sind nach der Basisausbildung weitere 27 Monate Ausbildung in einem Spital in verschiedenen Fachrichtungen ähnlich der bisherigen Regelung vorgesehen. Allerdings müssen zukünftig auch Module in Psychiatrie und Orthopädie absolviert werden, weil auf diese Fachgebiete die häufigsten Erkrankungen zurückzuführen sind. Anschließend ist – und das war zweifelsohne der größte Brocken der Reform – eine verpflichtende Tätigkeit in einer Lehrpraxis als „ideale Vorbereitung auf die tägliche Arbeit in der Ordination“ (Zitat Stöger) für zumindest sechs Monate vorgesehen. Ein Modell, das nicht nur international, sondern beispielsweise auch in Vorarlberg bereits heute gut funktioniert.

Die Gesetzesvorlage sieht eine Ausweitung der Lehrpraxis auf mindestens neun Monate im Jahr 2022 bzw. auf zumindest zwölf Monate im Jahr 2027 vor. Die Gesamtdauer der Ausbildung verlängert sich somit stufenweise auf 45 bzw. 48 Monate.

Schritt in die richtige Richtung

Für die Ärztekammer, die in die Erarbeitung eingebunden war, geht der Entwurf „in die richtige Richtung“. Die stufenweise Anhebung der Ausbildungsdauer von derzeit 36 auf 48 Monate bezeichnet etwa der Wiener Ärztekammerpräsident als einen „brauchbaren Kompromiss. Aufgrund der gestiegenen Anforderungen sowie der Zunahme der notwendigen Leistungsfähigkeit der Hausärzte ist eine Ausweitung des Bildungswegs unumgänglich.“

Dr. Eiko Meister, stellvertretender Vorsitzender der Ausbildungskommission der Österreichischen Ärztekammer, kritisierte in einem Kommentar in der Wiener Zeitung allerdings die „endlos langen“ Übergangsfristen. Für Meister sind sie nicht zuletzt Ausdruck einer „völlig unzureichenden Finanzierung der Lehrpraxis.“ Die österreichische Gesundheitspolitik lasse damit nicht nur jedwede „Weitsichtigkeit in der Planung der Ärzteausbildung“ vermissen, schreibt Meister, sondern „verabsäumt wieder einmal die epochale Chance, junge Kolleginnen und Kollegen schnell und praxisrelevant auf ihren Beruf vorzubereiten. Denn die Übergangsfrist von zwölf Jahren bedeutet, dass drei Generationen von jungen Ärzten nicht in diesem Maß in einer Lehrpraxis ausgebildet werden können, wie das im europäischen Umfeld längst Standard ist.“

Trotz nachvollziehbarer Kritik in Detailfragen sieht Szekeres in dem Reformpapier die Chance, die „oftmals von der Ärztekammer kritisierte Ausbildungsqualität“ nachhaltig zu heben. Dazu würden auch die im Entwurf festgeschriebenen Möglichkeiten beitragen, Ausbildungseinrichtungen in Zukunft Auflagen für die Ausbildungsqualität vorzuschreiben. Die Berechtigung zur Ausbildung wird auf sieben Jahre beschränkt, dann müssen die Einrichtungen nachweisen, dass die notwendige Qualität nach wie vor gegeben ist. Das Gesetz enthält auch Regelungen, um sicherzustellen, dass Ärzte in Ausbildung nicht überwiegend Tätigkeiten des Krankenpflegepersonals durchführen. Damit versuche der Gesetzgeber, erläutert Szekeres, „einen Missbrauch der Turnusärzte zu verhindern“. Jetzt seien vor allem die Länder als Träger gefordert, dies auch wirklich effektiv umzusetzen.

Blendwerk

Für den unabhängigen Gesundheitsökonomen Dr. Ernest G. Pichlbauer stellt die sogenannte „Ausbildungsreform“ hingegen lediglich sicher, dass „Jungärzte weiterhin überall, nun aber länger, als Systemerhalter eingesetzt werden können. Eine Verbesserung der Ausbildung wird nicht erreicht, wohl auch nicht angestrebt.“

Der Gesundheitsökonom begründet seine heftige Kritik – „die neue Ärzteausbildung ist eine unglaubliche Mogelpackung“ – unter anderem mit der im Entwurf enthaltenen Ausnahmeregelung, die vor allem Kleinstspitäler und Kleinstabteilungen schützt, die durch den Entwurf eigentlich aus Qualitätsgründen ihre Ausbildungsbefugnis verlieren würden. Demnach muss pro 15 Spitalsbetten weiterhin überall ein Turnusarzt angestellt werden, dessen Ausbildungsstelle aber nicht anerkannt und damit deren Ausbildungsqualität nicht überprüfbar sein muss. „Sollte es keinen massiven Bettenabbau geben, und davon ist nicht auszugehen, werden so mindestens 2.700 (90 Prozent) Turnusärzte auf Stellen ausgebildet, die nicht wegen der Ausbildungsqualität anerkannt sind, sondern ausschließlich wegen der Zahl der Betten, und, wie geschrieben steht, ‚zur Aufrechterhaltung des Systems‘ existieren“, schreibt Pichlbauer in einem Kommentar in der Wiener Zeitung. Die Überwachung der Ausbildungsqualität durch die Ärztekammer sei in diesem Sinne nichts anderes als ein „Blendwerk“.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 29/34/2014

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