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© Frisco Gentsch / dpa
 
Gesundheitspolitik 7. Juli 2014

Mehr Optimismus und noch viel mehr Konstruktivismus

Mit dem in der vergangenen Woche gefassten Beschluss der Bundeszielsteuerungskommission soll jetzt die Primärversorgungslandschaft in Österreich neu gestaltet werden. Oder bleibt doch wieder (fast) alles beim Alten – nur unter neuem Titel?

„Die Primärversorgung ist in Österreich schwach, darüber kann man heute wissenschaftlich nicht ernsthaft diskutieren, dazu liegen zu viele fundamentale Fakten als Beleg vor. Aus wissenschaftlicher Sicht ist daher klar: Für eine gute Primärversorgung brauchen wir neue Versorgungsformen.“ So lautet die komprimierte Bestandsaufname zur aktuellen Situation im Land von Prof. Dr. Manfred Maier, Leiter der Abteilung Allgemein- und Familienmedizin am Zentrum für Public Health der MedUniWien.

„Wir sind uns alle einig: Es liegen zu viele Patienten in unseren Spitälern. Das ist nicht nur teuer, sondern auch ungesund“, sagte Dr. Josef Probst, Generaldirektor im Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger, im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung in der Österreichischen Ärztekammer unter dem Titel „Landmedizin in der Krise“. Die Veranstaltung fand im Vorfeld des Beschlusses der Bundeszielsteuerungskommission statt.

Dem Befund oder auch „Minimalkonsens“, wie es Dr. Clemens Martin Auer, Sektionschef im Gesundheitsministerium, nennt – „So wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben!“ – müssten nun endlich konkrete Schritte folgen: „Wir brauchen eine grundlegende Neuordnung der Primärversorgung mit mehr Verbindlichkeit und mehr Verantwortung.“

Um die große Herausforderung zu bewältigen, bedarf es eines Abgehens von den typischen österreichischen Tugenden, appelliert Probst an die Kritiker und „Verweigerer. Ich wünsche mir mehr Optimismus und Konstruktivismus. Bei uns wird sofort der Teufel an die Wand gemalt, wenn man über die Zukunft oder über Änderungen auch nur ein bisschen nachdenkt.“

Eine gute Möglichkeit zum konstruktiven Nachdenken ist, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, dachte sich daher die Ärztekammer und wagte einen „Ländervergleich Österreich, Deutschland, Schweiz“. Schließlich sei der Landärztemangel kein rein österreichisches Phänomen, wie Präsident Dr. Artur Wechselberger in seinem Begrüßungsstatement betonte. Und das „AAA für Jungärzte“, das Moderator Gerald Groß definierte - „in Österreich studieren, in der Schweiz arbeiten, in Deutschland leben“ - könne schließlich auch keine Lösung im Sinne der österreichischen Patienten sein.

Ein Ländervergleich drängt sich insofern auf, als alle drei Länder über ähnliche, leistungsstarke Systeme verfügen, ähnliche Bevölkerungsstrukturen und Kulturen aufweisen und vor ähnlichen Problemen stehen. Daher sei es sinnvoll zu fragen, wie die Nachbarn mit diesen umgehen.

Deutschland: Flächendeckender Versorgungsmangel

Wie in Österreich kann auch Bayern den demografisch bedingten höheren Versorgungsbedarf nur mehr unzureichend decken, weil vor allem in ländlichen Regionen immer mehr Allgemeinmediziner fehlen, berichtete Dr. Markus Beck, Vorstandsmitglied der Bayerischen Landesärztekammer. Auch punkto Überalterung der aktiven Landärzte sind die Regionen durchaus vergleichbar. Die Hausärzte sind in Bayern durchschnittlich über 54 Jahre alt, nahezu ein Drittel ist bereits jenseits der 60. Laut internen Berechnungen der Kammer ist daher spätestens 2020 mit einem „flächendeckenden Versorgungsmangel außerhalb der Großstädte“ zu rechnen.

Punktuell wurden in Bayern – und auch deutschlandweit – bereits einzelne Lösungsansätze implementiert, um die Situation mittelfristig zu entschärfen. Unter anderem würde die überregionale Planung der hausärztlichen Versorgung völlig neu und kleinteiliger gestaltet, Lehrstühle für Allgemeinmedizin flächendeckend geschaffen, Fachärzten anderer medizinischer Richtungen ein „Quereinstieg“ zum Hausarzt erleichtert, Stipendien- und Förderprogramme für Studenten geschaffen, der Bereitschaftsdienst neu strukturiert und eigene Bereitschaftspraxen in Kooperation mit den Krankenhäusern geschaffen.

Zusätzlich hat erst vor Kurzem der Deutsche Ärztetag einstimmig folgenden Forderungskatalog beschlossen:

• Erhöhung der Studienplätze

• Heranführen der Studenten bereits zu Beginn des Studiums an die Allgemeinmedizin bzw. die hausärztliche Tätigkeit

• Einführen von Patenschaften von Hausärzten für Studierende in ländlichen Gebieten

• Weiterentwicklung innovativer Versorgungskonzepte

• Förderung von Teilzeitmodellen

• Verbesserung der Arbeitsbedingungen

• Verbesserung der ländlichen Infrastruktur und Unterstützung der Ansiedlung von Hausärzten durch die Kommunen

Schweiz: Anpassung der Praxismodelle

Bei den Arbeitsbedingungen setzen auch die Schweizer Bemühungen um eine Entschärfung des Hausarzt-Problems an. Dazu bräuchte es zunehemend flexible Lösungen und neue Kooperationsmodelle, so Dr. Remo Osterwalder, Mitglied des Zentralvorstands der Schweizer Ärztinnen und Ärzte, fest. Zwar bilden die Einzelpraxen immer die Pfeiler der Rundumversorgung in der Schweiz, allerdings hat deren Zahl seit 2008 um fünf Prozent abgenommen. An ihre Stellen treten immer häufiger Gruppenpraxen, Gesundheitszentren mit verpflichtenden Notfalldiensten und integrierte Ärztenetzwerke.

„Die Anpassung der Praxismodelle hat in der Schweiz viel gebracht“, sagt Osterwalder, aber auch die „Ausweitung der Aufgaben für Landärzte, allen voran die Notfalldienste“, hätten zu einer deutlichen Steigerung der Attraktivität des Berufs geführt. Zu einer leichten Entschärfung der Situation habe zudem die direkte finanzielle Unterstützung der Lehrpraxen durch den Staat beigetragen. Monetäre Anreize alleine würden Jungärzte hingegen weniger motivieren, so Osterwalder: „Rein finanzielle Anreize sind bei uns jedenfalls nicht ausschlaggebend. Dort, wo am meisten bezahlt wird, finden wir deswegen nicht die höchste Ärztedichte vor.“ Viel wichtiger wären Image, Rahmenbedingungen, Praktikumsplätze in der Ausbildung und familienfreundliche Arbeitsbedingungen sowie flexible Arbeitszeitmodelle.

Am Ende der Veranstaltung wollte Präsident Wechselberger von Sektionschef Auer wissen, ob er glaube, mit dem jüngsten Beschluss die heimischen Probleme in der Primärversorgung tatsächlich lösen zu können. Eine systemische Umstellung könne unmittelbar natürlich nie alle konkreten Probleme lösen, so die Replik Auers. Aber ja, er sei überzeugt, dass „wir mit diesem Beschluss die Versorgung der Patienten nachhaltig ändern werden“.

Brückenschlag in die Zukunft?

Vergangene Woche beschloss die Bundeszielsteuerungskommission mit Vertretern von Bund, Ländern und Sozialversicherung einstimmig das neue Konzept zur Primärversorgung in Österreich. Ziel ist die bessere Vernetzung der Gesundheitsberufe. Sogenannte Primärversorgungseinrichtungen sollen in Zukunft als erste medizinische Kontaktstellen dienen. In einem ersten Schritt sollen bestehende Strukturen rund um die Hausarztpraxen vernetzt werden, zukünftig aber auch neue Organisationsformen mit allen Gesundheitsberufen in einem Haus entstehen.

Vorgesehen ist die Etablierung von Teams, die aus Hausarzt, Pflegepersonal und Ordinationsassistenzen bestehen. Dazu kommen noch Spezialisten für die Versorgung von Kindern, Alten oder für Menschen mit psychosozialen Problemen. Bei Bedarf können noch weitere Berufsgruppen wie Ergotherapeuten, Hebammen, Sozialarbeiter und Einrichtungen wie Apotheken, Krankenanstalten oder Schulen dazukommen.

„Das Team um den Hausarzt“ lautete der Titel der Beschlussvorlage, der damit eine späte Zustimmung der Ärztekammer ermöglichte. Auch die Vertreter der Gesundheitsberufe stellen sich hinter das neue System, kritisieren aber zum Teil die aus ihrer Sicht „hineinreklamierte Sonderstellung der Ärzte“ innerhalb der multiprofessionellen Teams. Mag. Gabriele Jaksch vom Dachverband der gehobenen medizinisch-technischen Dienste (MTD Austria) findet es etwa „nicht ganz so toll, dass nicht der Patient im Mittelpunkt steht, sondern eine Berufsgruppe“. Die Ärztekammer hingegen zeigt sich erfreut, dass durch die geplanten Reformen am „System der Gesamtverträge nicht gerüttelt“ werden soll und die Ärzte „ausdrücklich nicht in eine neue Struktur gezwungen“ werden.

Alois Stöger sprach von einem „Brückenschlag in die Zukunft“. Das Konzept sei zwar kein „Allheilmittel“, so der Gesundheitsminister weiter, aber eine wichtige Weichenstellung, um die Grundversorgung der Patienten zu verbessern und gleichzeitig die Gesundheitsberufe inklusive dem Arztberuf attraktiver zu machen.

Die Wiener Gesundheitsstadträtin Mag. Sonja Wehsely kündigte für Wien eine Vielfalt von Primärversorgungsmodellen an, sie will Pilotprojekte bereits im kommenden Jahr mit Hochdruck auf Schiene bringen.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 28/2014

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