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Dr. Marianne Bernhart Programmverantwortl. Medizinerin Österreichisches Brustkrebs-Früh- erkennungsprogramm
 
Gesundheitspolitik 2. Juli 2014

Mammografie-Screening in Österreich

Eckpunkte und erste Erfahrungen eines Paradigmenwechsels.

Hierzulande wird die Brustkrebs-Früherkennung seit 2014 im Rahmen des qualitätsgesicherten Österreichischen Brustkrebs-Früherkennungsprogramms „früh erkennen“ neu organisiert. Das Programm ist eine gemeinsame Initiative von Bund, Sozialversicherung, Ländern, Österreichischer Ärztekammer unter Einbeziehung von Expertinnen und Experten der Österreichischen Krebshilfe, der Patienten- und Pflegeanwaltschaft und verschiedener Selbsthilfegruppen. Es richtet sich an gesunde Frauen ohne Anzeichen einer Brustkrebserkrankung mit dem Ziel, Brustkrebs in einem frühen Stadium zu diagnostizieren, um möglichst frühzeitig mit der Behandlung beginnen zu können. Langfristig soll dadurch die Brustkrebsmortalität reduziert werden.

Die Eckpunkte des Österreichischen Brustkrebs-Früherkennungsprogramms sind der niederschwellige Zugang für alle Frauen, die hohe Qualität in der Durchführung der Untersuchung sowie die Dokumentation in Verbindung mit einer Evaluation. Das Programm richtet sich an gesunde Frauen ohne Anzeichen einer Brustkrebserkrankung ab 40 Jahren und ersetzt alle Angebote zur „Vorsorge-Mammografie“ vor 2014. Frauen im Alter von 45 bis 69 Jahren können ab Juli 2014 nur mit der e-card zur Früherkennungs-Mammografie gehen, eine Einladung oder Zuweisung ist nicht mehr nötig. Diese Frauen erhalten weiterhin alle zwei Jahre eine Erinnerung zur Früherkennungs-Mammografie per Post.

Online anmelden

Frauen von 40 bis 44 Jahren sowie ab 70 Jahren können sich bei der Telefon-Service-Line oder online auf www.frueh-erkennen.at zum Programm anmelden und erhalten dann alle zwei Jahre eine Einladung per Post. Die Angemeldeten gehen dann mit der Einladung und der e-card zur Mammografie.

Qualitätssicherung der Röntgeneinrichtungen: Die am Programm teilnehmenden radiologischen Einrichtungen haben das von der Österreichischen Ärztekammer verliehene Qualitätszertifikat „Mammadiagnostik“ erworben. Dies setzt u.a. Schulungen aller beteiligten Berufsgruppen, den Nachweis von Mindestfrequenzen, die Verwendung digitaler Geräte sowie die Befundung nach dem Vier-Augen-Prinzip voraus.

Dokumentation und Evaluation: Die Ergebnisse der Untersuchungen werden zu Qualitätszwecken dokumentiert und ausgewertet. Die Evaluation hat das Ziel, die Effektivität des Programms zu bewerten, Feedbackberichte für die teilnahmeberechtigten Radiologinnen und Radiologen zu erstellen sowie ein internationales Benchmarking zu ermöglichen. Durch die Evaluation ist auch gewährleistet, dass notwendige Modifikationen des Programms zeitgerecht erkannt und rasch eingeleitet werden können.

Erste Erfahrungen

Die Erfahrungen nach rund sechs Monaten Programmlaufzeit zeigen, dass das Programm erfolgreich angelaufen und das Interesse groß ist. Dies zeigt sich nicht zuletzt an den über 70.000 Anrufen bei der telefonischen Service-Line; mehr als 13.000 Frauen haben sich bisher zum Programm angemeldet und eine Einladung veranlasst (Opt-in). Der Informationsbedarf ist groß – sowohl in der Bevölkerung als auch in der niedergelassenen Ärzteschaft. Dies bezieht sich nicht nur auf den grundsätzlichen Programmablauf, sondern auch auf die Eckpunkte des Programms, wie Zielgruppe oder Untersuchungsintervall. Auch der Unterschied zwischen einer Mammografie zu Früherkennungszwecken und einer diagnostischen Mammografie bedarf weiterer Aufklärung.

Auswahl der Zielgruppe und Untersuchungsintervall

Weil sich die Früherkennungs-Mammografie an gesunde Frauen ohne Anzeichen einer Brustkrebserkrankung richtet und nicht nur einen Nutzen hat, sondern auch einen Schaden verursachen kann, werden diejenigen Frauen eingeladen, bei denen die Untersuchung das beste Nutzen-Schaden-Verhältnis aufweist. Der Nutzen und Schaden der Mammografie-Untersuchung wurde weltweit in großen Studien mit mehr als 600.000 Frauen untersucht.1 Daraus leiten sich Empfehlungen für eine Mammografie alle zwei Jahre für Frauen von 50 bis 69 Jahren ab.2,3 In Österreich wurde die Zielgruppe nach eingehenden Experten-Diskussionen auf Frauen von 45 bis 69 Jahren erweitert.

Unter 40 nicht empfohlen

Für Frauen unter 40 Jahren wird die Mammografie zur Früherkennung von Brustkrebs weltweit indes von keiner medizinischen Fachgesellschaft empfohlen, weil Brustkrebs in diesem Alter seltener und das Brustgewebe meist so dicht ist, dass es bei einer Mammografie-Aufnahme schwieriger wird, gesundes von krankem Gewebe zu unterschieden. Zudem ist nicht auszuschließen, dass die Mammografie aufgrund der erhöhten Empfindlichkeit des Brustdrüsengewebes gegenüber Strahlen bei jungen Frauen sogar schädlich sein kann.4

Frauen ab 75 Jahren

Für Frauen ab 75 Jahren gibt es bis heute keine wissenschaftlichen Untersuchungen, um den Nutzen oder Schaden einer Mammografie-Untersuchung beurteilen zu können. Da viele Frauen dieser Altersgruppe die Durchführung einer Früherkennungs-Mammografie jedenfalls wünschen, können seit Juni 2014 Frauen ab 70 Jahren ohne Altersgrenze am Programm teilnehmen und alle zwei Jahre eine Früherkennungs-Mammografie in Anspruch nehmen. Daher nimmt eine ausführliche ärztliche Beratung über mögliche Vor- und Nachteile der Mammografie hier einen besonderen Stellenwert ein. Die Todesursachenstatistik der Statistik Austria zeigt deutlich, dass in diesem Alter andere Erkrankungen im Vordergrund stehen, allen voran Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Derzeit gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg für einen zusätzlichen Nutzen von Screening-Programmen mit jährlich durchgeführten Mammografien gegenüber Screening-Programmen mit längeren Intervallen. Durch die steigende Anzahl an Mammografien bei einjährigen Intervallen wäre eine Zunahme falsch-positiver Befunde und Überdiagnosen sowie Übertherapien zu erwarten, was zu einer Verschlechterung des Nutzen-Schaden-Verhältnisses führen würde.5

Früherkennungs-Mammografie vs. diagnostische Mammografie

Während sich eine Früherkennungs-Mammografie an gesunde Frauen ohne Anzeichen einer Brustkrebserkrankung richtet, dient die diagnostische Mammografie der weiteren Abklärung von Symptomen bzw. der Betreuung von Frauen mit familiär erhöhtem Brustkrebsrisiko, Frauen, die bereits an Brustkrebs erkrankt sind oder zur Nachsorge nach einer Brustkrebserkrankung . Eine Zuweisung durch die Vertrauensärztin bzw. den Vertrauensarzt zu einer diagnostischen Mammografie ist in diesen Fällen jederzeit möglich. Die Zuweisung muss sich an der gültigen Indikationsliste (Stand Mai 2014) orientieren, die gemeinsam vom Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger und der Österreichischen Ärztekammer festgelegt wurde.

Zusammenfassung und Fazit

Das Österreichische Brustkrebs-Früherkennungsprogramm zeichnet sich im Gegensatz zum bisher üblichen „opportunistischen“ Screening durch einen qualitätsgesicherten, transparenten und strukturierten Ablauf für Frauen aus. Der niederschwellige Zugang soll Frauen die Teilnahme am Programm erleichtern.

Frauen von 45 bis 69 Jahren (Kernzielgruppe) können die Früherkennungs-Mammografie ab Juli 2014 alle zwei Jahre mit ihrer e-card in Anspruch nehmen. Einladung oder ärztliche Zuweisung sind nicht notwendig. Frauen von 40 bis 44 Jahren sowie ab 70 Jahren können sich online auf www.frueh-erkennen.at oder bei der Service Line zum Programm anmelden. Sie können mit der Einladung und ihrer e-card zur Mammografie gehen. Die begleitende Evaluation dient dazu, notwendige Modifikationen am Programm rasch erkennen und einleiten zu können.

Das Österreichische Brustkrebs-Früherkennungsprogramm stellt einen Paradigmenwechsel dar, der eine enge Zusammenarbeit aller beteiligten Projektpartnern sowie eine umfassende Information und Aufklärung der Bevölkerung und der beteiligten Berufsgruppen erfordert.

 

Literatur

1) Gøtzsche PC, Jørgensen KJ. Screening for breast cancer with mammography. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 6. Art. No.: CD001877. DOI: 10.1002/14651858.CD001877.pub5.

2) The Council of the European Union. Council Recommendation of 2 December 2003 on cancer screening (2003/878/EC). Official Journal of the European Union, 16.12.2003, www.cervix.cz/res/file/legislativa/european-council-recommendation-on-cancer-screening.pdf

3) Perry N, Broeders M, de Wolf C, Törberg S, Holland R, von Karsa L. European guidelines for quality assurance in breast cancer screening and diagnosis. Fourth Edition. Office for Official Publications of the European Communities, Luxembourg, 2006.

4) Cardoso F, Loibl S, Pagani O, Graziottin A, Panizza P, Martincich L. et al. The European Society of Breast Cancer Specialists recommendations for the management of young women with breast cancer. EJC 2012;48:3355-77.

5) EBM-Review Center, Medizinische Universität Graz; Mammografie basierte Brustkrebsfrüherkennung, Factsheet - Screeningintervall und Alter der Zielgruppen 2013; www.frueh-erkennen.at/Fachinformationen.html.

Marianne Bernhart, Ärzte Woche 27/2014

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