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© Mathias Ernert, ADAC Luftrettung GmbH
 
Gesundheitspolitik 30. Juni 2014

Für den Notfall

Sind die etablierten Ausbildungsschemata ausreichend, um in der modernen Notfallmedizin – ob im Rettungsdienst oder im klinischen Einsatz – Patienten mit kritischen Zustand optimal zu betreuen? Oder braucht es dazu einen Facharzt für Notfallmedizin?

„Wir müssen uns alle gemeinsam bemühen, eine spezifische Ausbildung sowohl für die klinische Notfallmedizin als auch für Rettungsmedizin zu etablieren, frei von Standesdünkel, ausschließlich zum Wohle der kritischen Patienten“, sagt Prof. Dr. Wolfgang Schreiber von der Universitätsklinik für Notfallmedizin am AKH Wien. Für den Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Notfall- und Katastrophenmedizin bedarf es ebenso dringend verbesserter Rahmenbedingungen für die Notärzte im Rettungseinsatz, um sie genau für jene attraktiv zu machen, „die wir dort haben möchten“.

Zentrales Thema für die Österreichische Gesellschaft für Notfall- und Katastrophenmedizin (ÖNK) sind die Arbeitsbedingungen für die Notärzte im Rettungsdienst. Davon sei letztendlich abhängig, ob der von vielen Seiten prognostizierte Mangel an Notärzten tatsächlich eintreten werde, meint Schreiber. „Dieser Mangel ist im Augenblick ein großes Thema in unseren Fachkreisen, seitens der Standesvertretung noch einigermaßen vorsichtig formuliert, von anderen Strukturen aber bereits als große Bedrohung an die Wand gemalt. Ob zu Recht oder Unrecht ist heute noch nicht abschätzbar.“

Der Notarztdienst ist für jeden Arzt immer wieder eine große Herausforderung, vor allem aufgrund der schwierigen Umgebungsbedingungen, erzählt Schreiber, der selbst nach wie vor am Christophorus regelmäßig im Rettungseinsatz ist. Daher sollte es eigentlich Aufgabe der Verantwortlichen sein, die sonstigen Rahmenbedingungen für die Ärzte „so angenehm wie möglich zu gestalten. Das ist im Moment leider nicht der Fall“.

Gefragt als Rettungsmediziner wären umfassend ausgebildete, stressresistente, erfahrene Ärzte, die mit schwierigsten Umgebungsbedingungen zurechtkommen, vor allem auch klinische Ärzte mit entsprechender Erfahrung im kritischen Bereich. „Was wir uns wünschen“, sagt Schreiber, „sind Ärzte aus dem Krankenhausbetrieb, die vielleicht zwei- bis dreimal im Monat als Notärzte tätig sind. Dafür gibt es im Moment aber keine befriedigende dienstrechtliche Grundlage“. Freie Dienstverhältnisse sind für ärztliche Zusatztätigkeiten nicht erlaubt, Angestelltenverhältnisse wiederum belasten die Gesamtarbeitszeit der klinischen Ärzte und machen so einen Notdienst besonders für erfahrene Kollegen praktisch unmöglich.

Unbefriedigende Situation

Um dieses Dilemma aufzulösen, greifen Organisationen, die auf die Notfallmediziner angewiesen sind, daher oft zu „kreativen Konstruktionen“, die eigentlich vom System gar nicht vorgesehen sind. Für Schreiber sind solche Konstruktionen langfristig jedenfalls unbefriedigend: „Wir sollten alle gemeinsam danach trachten, hier eine gute Lösung zu erarbeiten.“

Um den Rettungsdienst für die Ärzte insgesamt attraktiver zu machen, müssten jedenfalls drei Punkte erfüllt werden: Vernünftige gesetzliche Rahmenbedingungen für eine Art ärztliche Freelancer-Tätigkeit, eine adäquate Bezahlung der Dienste, was im Moment im Mittel nicht der Fall sei, sowie ein klar fokussiertes Einsatzspektrum, das der Kompetenz der Notfallmediziner im Rettungsdienst entspricht. Auch wenn das vorhandene elektronische Datenmaterial zu den Notarzteinsätzen beschämend gering sei (Schreiber: „Gut dokumentiert sind meines Wissens nur die Einsätze der Wiener Rettung und des Christophorus-Flugrettungsvereins“), ließe sich doch daraus ablesen, dass nur zehn bis maximal 20 Prozent der Einsätze tatsächlich kritisch Kranke oder Verletzte betreffen. „Notärzte würden sich wünschen, nur dann in der Nacht auf die Straße hinaus zu müssen, wenn sie tatsächlich gebraucht werden.“ Dazu bräuchte es effektivere Organisationsstrukturen sowie verfeinerte Kommunikationsinstrumente.

Aber auch bezüglich der Ausbildung der Notärzte sieht Schreiber Aufholbedarf. „Der Notarzt wurde Mitte der 1980er-Jahre im Ärztegesetz definiert: als Arzt mit klinischem Sonderfach und einem 60-stündigen Kurs. Das ist für die heutigen Anforderungen sicher zu wenig.“

Emergency Room

Szenenwechsel: Nach dem Krankenanstaltengesetz hat jede Klinik die Verpflichtung zur Erste-Hilfe-Leistung. Über Ausmaß und Qualität der Erste-Hilfe-Leistung finden sich im Gesetz jedoch keine näheren Angaben. Für die innerklinische Notfallmedizin gilt gemäß Ärztegesetz § 31 Abs.3, dass Fachärzte ihre ärztliche Berufstätigkeit auf ihr Sonderfach zu beschränken haben. In der Realität erfordern Notfälle jedoch eine fachübergreifende Tätigkeit.

Ein internationaler Trend, der langsam auch in Österreich Fuß fasst, sieht die Etablierung zentraler Notfallabteilungen (ZNA) vor, Stichwort Emergency Rooms. Aktuelles heimisches Beispiel dafür ist das neue Krankenhaus Wien Nord. „Die moderne ZNA ist Anlaufstelle für alle akut erkrankten und verletzten Personen, sie integriert alle Fachrichtungen, um interdisziplinär Diagnosen stellen zu können“, erläutert Prof. Dr. Wilhelm Behringer, international anerkannter Experte für Notfallmedizin und Berater des Planungsteams im KH Wien Nord. „Ziel des Emergency Rooms ist es, eine gezielte Aufnahme des Patienten zu garantieren, um ein Durchwandern von Fachabteilungen zu vermeiden und somit eine möglichst effiziente und effektive Behandlung zu ermöglichen.“ Das spare Zeit, Kosten und Nerven und sei weniger fehleranfällig.

Organisatorische Voraussetzung dafür sind abteilungseigene Ärzte- und Schwesternteams sowie effiziente elektronische Dokumentationssysteme, welche den Patienten vom Eintritt in das Krankenhaus bis zur Entlassung begleiten und allen Teammitgliedern sämtliche relevanten Informationen rasch und übersichtlich zur Verfügung stellen.

Facharzt für Notfallmedizin

Geht es nach den Vorstellungen Behringers, sollten in diesen Emergency Rooms zukünftig verstärkt eigene Fachärzte für Notfallmedizin eingesetzt werden. Dafür macht sich jedenfalls die Österreichische Vereinigung für Notfallmedizin (AAEM), deren Präsident Behringer ist, seit ihrer Gründung stark. Unterstützung erhält sie unter anderem von der European Society for Emergency Medicine (EuSEM). Die Gesellschaft hat ein Curriculum für Emergency Medicine entwickelt, das in einigen Ländern bereits implementiert wurde. Die Dauer der Weiterbildung beträgt nach diesem Curriculum fünf Jahre, von denen mindestens drei Jahre in einer zentralen Notaufnahme gearbeitet werden müssen.

„In vielen Ländern dieser Welt gibt es seit Jahrzehnten das Fach Notfallmedizin, Österreich kann diese Entwicklung auf Dauer nicht negieren“, findet auch Prof. Dr. Andreas Valentin, Leiter der Allgemeinen und Internistischen Intensivstation der Krankenanstalt Rudolfstiftung. Valentin steht der Österreichischen Gesellschaft für Internistische und Allgemeine Intensivmedizin und Notfallmedizin (ÖGIAIN) als Präsident vor. „Der präzise Ausdruck wäre eigentlich Facharzt für innerklinische Notfallmedizin. Es gibt einen klaren Bedarf für diese Ausbildung, die neben den notfallmedizinischen Inhalten auch den Erwerb intensivmedizinischer Kompetenzen sicherstellen muss.“ Die innerklinische Notfallmedizin befinde sich in Österreich, von einigen wenigen Zentren abgesehen, erst in Entwicklung und benötigt dringend ein Berufsbild und eine strukturierte Ausbildung für die in diesem Bereich tätigen Ärzte.

Die Errichtung weiterer zentraler Notfallabteilungen hält Valentin „vor allem für größere Krankenhäuser für eine zukunftsweisende Entwicklung“, allerdings sollte vermehrt eine Integration mit intensivmedizinischen Einrichtungen erfolgen. „Die ÖGIAIN fordert eine Integration der innerklinischen Notfallmedizin und Intensivmedizin in einer gemeinsamen Struktur auf Krankenhausebene, die sicherstellt, dass kritisch kranke Patienten rasch erkannt und rechtzeitig mit den erforderlichen Kompetenzen und Ressourcen behandelt werden.“ Der Übergang von innerklinischer Notfallmedizin und Intensivmedizin sei bei kritisch kranken Patienten fließend und erfordere daher eine möglichst hohe Kontinuität in der Betreuung dieser Patienten, dies kann mit dem Begriff ‚Akutmedizin aus einer Hand‘ beschrieben werden.“

Der Weg dorthin scheint noch lang. Die Ärztekammer spricht sich zwar nicht gegen zentrale Aufnahmen und Erstversorgungsstationen aus, lehnt bis dato aber ein Sonderfach Notfallmedizin dezidiert ab, da die Berufsausübungsfelder in der Praxis schon jetzt „immer schmäler“ würden.

Österreich bleibt also bis auf Weiteres ein weißer Fleck auf der europäischen Notfall-Facharzt-Landkarte.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 27/2014

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