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Gesundheitspolitik 17. Juni 2014

Kompetenz- und Zuständigkeits-Kuddelmuddel

Wie kann das österreichische Gesundheitssystem nachhaltig krisenresistent und innovativ zugleich gehalten werden? Eine Möglichkeit wäre, Pilotprojekte mit größerem Freiraum zu initiieren.

„Wir haben keine Krise, das ist die neue Realität“, sagte der griechische Gesundheitsminister Spyridon-Adonis Georgiades im Rahmen des vorjährigen Forums Gastein. Die sogenannte Krise sei voraussichtlich eine längerfristige Realität, auf die sich Gesellschaften einstellen müssten, weshalb es verlässlicher und belastbarer Strategien für ein innovatives Gesundheitssystem bedürfe. In einem Nachfolge-Workshop wurde jetzt versucht, die Erkenntnisse aus Gastein auf ihre Übersetzbarkeit und Umsetzbarkeit auf die heimische Versorgungslandschaft zu untersuchen.

Österreich leistet sich laut OECD mit elf Prozent Gesundheitsausgaben bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt das achtteuerste Gesundheitssystem der Welt. Andererseits liegt Österreich auf dem Global Innovation Index lediglich an 23. Stelle. Wie diese beiden Tatsachen miteinander verknüpft sein könnten, wollte der Workshop „Wie resilient und innovativ ist das österreichische Gesundheitssystem?“ ergründen.

Die Co-Veranstalter, das European Health Forum Gastein (EHFG) und das Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI), stellten dazu renommierten heimischen und internationalen Experten aus den verschiedensten Bereichen der Gesundheitsbranche folgende Fragen:

  • Was sind die wichtigsten Strategien, um das österreichische Gesundheitssystem belastbarer – und damit nachhaltiger, aber auch zukunftssicher – zu machen?
  • Welche Rahmenbedingungen brauchen Innovationen und welche Innovationen sind überhaupt dazu geeignet, die Leistungen des österreichischen Gesundheitssystems zu fördern?
  • Was sollte eine Gesundheitsreform leisten bzw. wie können Entscheidungsträger Innovationen im Gesundheitssystem am besten einführen und umsetzen?

Konkrete Antworten darauf wurden in der Kürze eines Nachmittages – wenig überraschend – nicht gefunden, am Ende wird aber immerhin die eine oder andere Empfehlung formuliert und auch argumentiert.

Internationale Perspektive

Dr. Josep Figueras, Direktor European Observatory on Health Systems and Policies, strich in seiner Keynote die vergangenen Erfolge Österreichs in der Gesundheitsversorgung hervor, wies aber gleichzeitig auf eine ganze Reihe von Herausforderungen hin, die es zu bewältigen gäbe, um das System nachhaltig und zukunftssicher zu machen. Dazu zählen länderübergreifende Herausforderungen wie Wirtschaftskrise, steigende Gesundheitsausgaben oder eine immer älter werdende Gesellschaft ebenso wie „hausgemachte“, etwa die mangelhafte Kontrolle des Tabakkonsums. Um diese Herausforderungen zu bewältigen, müsse sich Österreich aus Sicht Figueras besonders folgender Themen annehmen:

  • Verstärkte Reformen in der Primärversorgung,
  • die Stärkung der Prävention,
  • die Förderung von Technologien,
  • eine Abkehr von Überspezialisierung hin zu einer integrierten Versorgung mit einem höheren Anteil an Pflegepersonal.

Außerdem müsse es den politisch Verantwortlichen besser als bisher gelingen, alle Stakeholder an Bord zu holen und stärker zu vernetzen, damit alle eine gemeinsame Richtung einschlagen, betonte Figueras: „It needs an increase of participation and communication with consumers and all health professions.“ Innovation sei jedenfalls mehr als nur technologische Entwicklung, es gehe vor allem auch um „Organisationsinnovationen“.

Der Public Health-Experte ortet zwar eine weitgehende Übereinstimmung, wohin es zukünftig im österreichischen Gesundheitssystem gehen soll, sieht das große Problem aber darin, das fragmentierte System mit all seinen Stakeholdern dazu zu bringen, Innovationen in diese Richtung auch umzusetzen. Er müsse in diesem Zusammenhang an ein Zitat von Jean Claude Junker denken, so Figueras abschließend: „We all know what to do, but we don’t know how to get re-elected once we have done it.“

Für Prof. Dr. Helmut Brand von der Universität Maastricht, Jean Monnet Professor in European Public Health, stellen eine ausgewogene Balance zwischen Regulierung und Wahlfreiheit sowie maximale Transparenz wesentliche Eckpfeiler einer nachhaltigen Gesundheitspolitik dar. Im Vordergrund müsse dabei immer eine verstärkte Patientenorientierung einschließlich „Patienten-orientierter Endpunkte zur Beurteilung der Leistung des Gesundheitssystems“ stehen. Barrieren innerhalb des Gesundheitswesens, zum Beispiel zwischen den Gesundheitsberufen, müssten abgebaut, moderne Informationstechnologien verstärkt genützt werden, um notwendige Reformen schneller implementieren zu können. Der Präsident des European Health Forums Gastein hält neben den technologischen Innovationen vor allem aber auch soziale Innovationen für notwendig. Beispiele dafür seien das Stärken von Health Literacy, das Herstellen einer höheren Compliance und Adhärenz bei den Bürgern, Innovationen zur Unterstützung von Verhaltensänderungen und insgesamt ein hohes Ausmaß an Partizipation aller am Gesundheitssystem Beteiligten.

Kompetenz- Kuddelmuddel

Viele der von den internationalen Experten formulierten Forderungen sieht Dr. Clemens Martin Auer, Sektionsleiter im Gesundheitsministerium, im Zuge der laufenden Gesundheitsreform bereits in Bearbeitung bzw. Umsetzung. Damit soll es langfristig gelingen, die „Überhospitalisierung“ abzubauen und gleichzeitig die „derzeit nicht konkurrenzfähige Primärversorgung“ zu stärken. Auer verweist auf die soeben zu Papier gebrachte Neuorganisierung der Primärversorgung, bei der „alle wesentlichen Gesundheitsberufe mitgewirkt haben“ und legt sich fest: „Wir müssen in den kommenden fünf bis zehn Jahren die Primärversorgungsstruktur nachhaltig ändern. Wenn das nicht gelingt, wird es keinen finanziellen Spielraum für Innovation mehr geben.“

Zur geforderten Leadership-Rolle des Bundes in der Reformbewegung sagt Auer: „Diese Rolle nehmen wir gerne in Anspruch. Wir versuchen, diesen Kuddelmuddel betreffend Kompetenz und Zuständigkeiten langsam in Ordnung zu bringen.“ Allerdings seien weder der Minister noch die Regierung in der Lage, „die Verfassungswirklichkeit zu ändern“ und der Nationalrat sei dazu einfach „nicht bereit. Daher müssen wir mit dieser Verfassungswirklichkeit umgehen.“

Ergebnisse der Workshops

In den abschließenden Experten-Workshops wurden zahlreiche Wünsche und Empfehlungen formuliert, etwa das Ermöglichen größerer Freiräume für Pilotprojekte ohne gesetzliche und bürokratische Hürden. Auch in diesem Punkt wurde dezidiert auf die Primärversorgung Bezug genommen, wo es interdisziplinäre Netzwerke und multiprofessionelle Gruppenpraxen zu stärken gilt: Einerseits müssten dafür Rahmenbedingungen und Aufgaben klar definiert werden, andererseits aber auch „Raum für Exploration, Raum zum Ausprobieren“ geschaffen werden, wie es etwa EHFH-Generalsekretärin Dorli Kahr-Gottlieb ausdrückte.

Weitere Forderungen betrafen unter anderem eine bessere, kontinuierliche Datenerfassung und -nutzung, zum Beispiel im Rahmen einer gestärkten Versorgungsforschung, das Schaffen von Anreizen, aber auch von Sanktionen, bei der Verfehlung festgelegter Ziele sowie eine Verbesserung der Aus- und Weiterbildung in den Gesundheitsberufen. Ein Diskutant merkte dazu etwa kritisch an: „Für jede Innovation braucht es das entsprechende Personal, das auch Change Agent sein kann. Ich glaube nicht, dass man mit dem derzeitigen Personal und dessen Ausbildungsstand große Innovationen machen kann.“

Das Resümee der Veranstaltung durch EHFG-Präsident Brand fiel dann am Ende ebenso kurz wie treffend aus: „Wir haben heute mehr Fragen produziert als Antworten, aber diese sind wenigstens sehr österreichbezogen.“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 25/2014

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