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Ursula Frohner
 
Gesundheitspolitik 16. Juni 2014

Prozessorientierte Aufgabenverteilung ist angesagt

Interview mit Ursula Frohner, Österreichischer Gesundheits- und Krankenpflegeverband

Letztlich haben die Gesundheitsreferenten der Bundesländer doch zu einer Einigung gefunden: Im vergangenen Mai beschlossen sie die Umsetzung eines bundesweit einheitlichen Pflegeausbildungsmodells. Dieses soll den veränderten Anforderungen an das Gesundheitssystems besser gerecht werden. Eine der treibenden Kräfte für eine solche Reform war und ist der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband. Dessen Präsidentin, Ursula Frohner, erklärt im Gespräch mit PROCARE die Hintergründe, Details und mögliche Auswirkungen.

Was ändert sich durch eine bundesweit einheitliche Pflegeausbildung mit der lange geforderten Ansiedlung der Ausbildung für den gehobenen Dienst der Gesundheits- und Krankheitspflege im tertiären, also im Fachhochschulbereich?

Frohner: Die Struktur der künftigen Ausbildung basiert auf dem ÖGKV-Kompetenzmodell, das fünf Stufen vorsieht. Herzstück ist die Qualifikation im gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege, die mit Bakkalaureat und Berufsberechtigung abschließt. Die theoretischen Ausbildungsinhalte sind an Fachhochschulen angesiedelt, die praktische Ausbildung können die FH-Studenten an definierten Praktikumsstellen absolvieren.Darüber hinaus können selbstverständlich die bestehenden Gesundheits- und Krankenpflegeschulen Kooperationspartnerschaften mit FHs eingehen, was teilweise bereits schon erfolgt.

Das Handlungsfeld der Absolventen mit Bakkalaureat ist die Pflegepraxis. Der Unterschied zu den bisherigen Ausbildungen liegt im Vermitteln von Evidenz basierten Informationen und genau das ist für bestehende und künftige Anforderungen an Gesundheits- und Krankenpflegeberufe in den Versorgungsprozessen essentiell. Jener Wissenstransfer, nämlich praktisches Wissen und theoretisches Wissen permanent zu reflektieren, ist bis dato in den Systemen nur unzureichend umgesetzt. Gleichzeitig wird der Karriereweg mit der Ausbildung auf Fachhochschulniveau nach oben durchlässig: Die Absolventen mit Bakkalaureat können eine Masterausbildung anschließen und in weiterer Folge auch eine universitäre Ausbildung anstreben.

Als weitere Qualifikationsstufe in der neuen Struktur folgt die Pflegeassistenz, die künftig dem modularen System entsprechend Tätigkeiten gemäß § 14 GuKG   übernimmt. Alle hauswirtschaftlichen Tätigkeiten, sowie Sekretariatsarbeit sind vom entsprechenden Personal zu übernehmen. Pflegefachberufe müssen ihr Pflegewissen in der direkten Pflege am Patienten einsetzen. Die Basis  der drei Ausbildungsstufen ist die Stationsassistenz – unterstützend für den gehoben Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege und die Pflegeassistenz. Die Zusammensetzung dieser drei Qualifikationsstufen in den Gesundheitseinrichtungen und Einrichtungen der Langzeitpflege ist abhängig von den jeweiligen Anforderungen an die Fachpflegekompetenz.

Wo sehen Sie in der Umsetzung der Reform Herausforderungen?

Frohner: Information ist angesagt, einerseits auf der politischen Ebene, andererseits innerhalb aller Gesundheitsberufe. Es ist ganz wichtig, diese notwendigen Entwicklungen in der Ausbildung der Pflegefachberufe möglichst breit und öffentlich zu kommunizieren. Gesundheit ist ein sensibler Bereich, daher sind konkrete Informationen über die Wichtigkeit dieser Veränderungen und den damit verbundenen Qualitätsgewinn den Menschen zu vermitteln. Allerdings ist das hohe Erfahrungswissen der herkömmlichen Ausbildungsabschlüsse in Pflegeberufen in diese Reformprozesse einzubinden. Daher fordern wir, dass für diese Personen berufsbegleitende Upgrade-Studiengänge entwickelt und angeboten  werden.

Wie kam es nach den lange erfolglosen Diskussionen zur Anpassung der Ausbildung an internationale Standards nun doch zum einstimmigen Beschluss?

Frohner: Wir haben bundesweit  Versorgungsnotwendigkeiten zu erfüllen und auch in Österreich muss man auf soziodemographische Entwicklungen reagieren. Klar wird es am folgenden Beispiel:

Der Jahrgang 1964 ist der Geburtenstärkste Jahrgang der 2. Republik. Folglich werden Menschen dieses Jahrgangs heuer Ihren 50. Geburtstag feiern. Es ist also leicht ersichtlich, was das auch für die Gesundheitsberufe insgesamt bedeutet: Es werden künftig weniger Personen in allen Gesundheitsberufen zur Verfügung stehen.  Daher ist prozessorientierte Aufgabenverteilung angesagt. Das kann aber nur dann  stattfinden, wenn in den Ausbildungen jene Kompetenzen vermittelt werden, die in der Praxis, in allen Settings, dann auch angewendet werden. Das wird beim Thema Primärversorgung ganz deutlich. Hier wird der gehobene Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege gemeinsam mit den niedergelassenen Ärzten die Gesundheitsversorgung übernehmen müssen. Konkret bedeutet dies Visitieren von chronisch Kranken im häuslichen Bereich. Das notwendige Monitoring, beispielsweise bei Menschen, die an COPD oder Diabetes leiden, kann übernommen werden. Ganz wichtig wird dabei die Möglichkeit des selbstständigen Verordnens von Medizinprodukten sein, die zur Umsetzung des Pflegeprozesses nötig sind. Erweiterte Speziallaufgaben, wie etwa die Versorgung chronischer Wunden, sind von den entsprechend qualifizierten Pflegpersonen eigenverantwortlich zu übernehmen – seit 2008 werden in Österreich für diese Aufgaben „Nurse Practitioners" ausgebildet. Ein weiterer ganz wichtiger Punkt ist die Pflegefachberatung, da Patienten und pflegende Angehörige diese fachkompetente  Unterstützung bei der Umsetzung oft sehr komplexer Pflegesituationen brauchen.

Was wird sich durch die Ausbildungsreform für den Beruf noch verändern?

Frohner: Die Pflegefachkompetenz in den Versorgungssystemen wird sichtbarer.  Ganz deutlich aber wird die Karrieremöglichkeit der Gesundheits- und Krankenpflegepersonen durch die Weiterentwicklung und Spezialisierung des Pflegeberufes in der direkten Patientenversorgung.

Wichtig ist, die Gesundheits- und Krankenpflege aus dem herkömmlichen Bildungswesen herauszulösen und somit aus der sehr traditionellen Wahrnehmung dieses Berufes in den Versorgungssystemen herauszuführen. So entstehen ganz neue Perspektiven für die Berufsausübung. Es werden sich darüber hinaus ganz neue Kooperationsformen, etwa  mit medizinisch technischen Diensten oder Apothekern ergeben.

Wie sieht der Zeitplan für die Ausbildungsreform aus?

Frohner: Vorgesehen ist, dass bis Ende Juni ein Gesetzesentwurf vorliegt und in der Folge im Herbst durch den  Nationalrat beschlossen werden soll. Der ÖGKV hat für diesen Reformprozess der Gesundheits- und Krankenpflegausbildungen das schon erwähnte Kompetenzmodell beigesteuert. Wenn der Gesetzesentwurf vorliegt, wird der ÖGKV selbstverständlich dazu Stellung nehmen.

Wann könnte diese Ausbildungsreform umgesetzt sein?

Frohner: Die Ausbildung für den gehobenen Dienst der Gesundheits- und Krankenpflege ist schon seit   dem Jahr 2008 möglich. Die Bundesweite Ausrollung ist der nächste Schritt. Studienplätze an Fachhochschulen gibt es mittlerweile ja weitgehend in den Bundesländern. Ob diese ausreichend sind, und vor allem, ob die dementsprechenden Praktikumsstellen zur Verfügung stehen, ist noch zu prüfen.  Wir sehen insbesondere  für die praktische Ausbildung, und somit für die Praxisanleiter, eine sehr positive Entwicklung. Einmal mehr sind  aber ganz klar  Übergangslösungen für die herkömmlichen Abschlüsse in Gesundheits- und Krankenpflege sowie die Ausbildung in der Pflegehilfe zu definieren und rasch umzusetzen.

Ein wesentlicher Punkt ist auch, dass die Träger erkennen, wie wichtig es ist, Pflegefachberufe von berufsfremden Tätigkeiten zu entlasten. Man wird auch die Abläufe neu strukturieren müssen. Ein und die selbe Frage, etwa nach Allergien, durch alle Gesundheitsberufe dem Patienten wiederholt zu stellen, ist einfach Vergeudung von Ressourcen und darüber hinaus auch nicht patientenorientiert.

Und das in Zeiten der elektronischen Datenerfassung...

Frohner: Das verstehe ich überhaupt nicht, warum da von Seiten der Ärzteschaft eine so große Ablehnung zu ELGA herrscht. ELGA wird auch für die Pflege noch ein wichtiges Thema werden, weil nur registrierte Berufsgruppen einen Datenzugang haben – es gibt aber keine Berufsliste von Gesundheits- und Krankenpflegepersonen. Daher ist das Thema weiterhin aktuell. Ich glaube nicht, dass die Versorgungssysteme es sich leisten können, diese große Berufsgruppe von der Kenntnis dieser Daten auszuschließen.

Die Bedeutung der Pflege hat in den vergangenen Jahren eine stetige Aufwertung erfahren, wie sehen Sie das aus der Perspektive der Berufsvertretung?

Frohner: Ich sehe es als höchst positiv, dass man auch seitens der Politik vermehrt die Perspektive des  ÖGKV abbildet. Pflegefachberufe sind sehr praxisorientiert, gleichzeitig entwickelt diese Berufsgruppe aber zunehmend ihre Evidenzen, die wiederum eine wichtige Basis für die weitere Entwicklung der Systeme ist. Konkrete Themen sind hier etwa Mangelernährung, Sturzneigung oder Schmerzmanagement.

Es ist dem ÖGKV in den vergangenen Jahren gelungen, gesundheitspolitisch relevante Themen mit Sachkompetenz und Hartnäckigkeit zu vertreten. Die Politik nutzt die hohe Fachkompetenz des ÖGKV als wichtige Ressource.

Wie ist der derzeitige Stand zur Pflegekammer?

Frohner: Die Selbstverwaltung der Gesundheits und Krankenpflegeberufe ist nach wie vor ein wichtiges Thema. Die Gesundheitsreform und künftige Versorgungsnotwendigkeiten brauchen dringend fachkompetente sowie lösungsorientierte Bearbeitungen der Themen.

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