zur Navigation zum Inhalt
© PIKSEL / iStock / Thinkstock
„Wir wollen gesunde Erwachsene. Im Augenblick haben wir liebe Babys, entzückende Kleinkinder und dann plötzlich rauchende und trinkende Jugendliche. Was passiert mit ihnen?“
© Sergey Valuykin / iStock / Thinkstock
 
Gesundheitspolitik 10. Juni 2014

Feiern wir 2024 den besten Mutter-Kind-Pass Europas!

Der Mutter-Kind-Pass hat vor 40 Jahren neue Vorsorge- und Präventionsstandards gesetzt. Experten sehen aber Handlungsbedarf, um die Erfolgsgeschichte in Rot-Weiß-Rot zu prolongieren.

Mit der Einführung einer regelmäßigen und standardisierten Untersuchung von Schwangeren und Säuglingen gelang es ab Mitte der 1970er-Jahre, die bis dahin überdurchschnittlich hohe Säuglingssterblichkeit massiv zu senken. Um zukünftig aber auch die Morbiditätsraten nachhaltig zu reduzieren, braucht es jetzt entsprechende Weiterentwicklungen und Weichenstellungen seitens der Gesundheitspolitik, forderten Ärztevertreter im Rahmen einer Festveranstaltung zum 40. Geburtstag des Mutter-Kind-Passes.

Am 16. Jänner 1974 unterzeichnete Ingrid Leodolter, die erste Gesundheitsministerin der Zweiten Republik, eine Verordnung, die ihre jahrelangen politischen Bemühungen um eine standardisierte Untersuchung von Schwangeren und Säuglingen Realität werden ließ. Der Mutter-Kind-Pass war geboren. Grund genug, um diese österreichische Erfolgsgeschichte 40 Jahre danach gebührend zu feiern. Die Österreichische Ärztekammer lud daher zu einer feierlichen Enquete in das Wiener Billrothhaus.

Warum es überhaupt zur Entwicklung des Mutter-Kind-Passes kam, erläuterte Prof. Dr. Dagmar Bancher-Todesca, Abteilung für Geburtshilfe und fetomaternale Medizin an der MedUni Wien: „Es musste etwas geschehen, weil die Säuglingssterblichkeit in Österreich extrem hoch war, wir waren Schlusslicht in Westeuropa.“ Uneinheitliche Betreuungsstandards, fehlende Einrichtungen, ungenutzte Technologien sowie eine nur marginale Überwachung der Schwangerschaften hatten das Land in diese Position gebracht.

Durchschlagender Erfolg

Die Säuglingssterblichkeit lag zu diesem Zeitpunkt bei 23,5 Promille, von 1.000 lebend geborenen Säuglingen überlebten knapp 24 nicht ihr erstes Lebensjahr. Dieser Wert war etwa doppelt so hoch wie in den Niederlanden oder Schweden. Durch die Einführung des Mutter-Kind-Passes gelang es innerhalb weniger Jahre, diesen Wert dramatisch zu verbessern. Zehn Jahre später hatte sich die Säuglingssterblichkeit auf 11,4 Promille halbiert, heute liegt sie bei 3,2 Promille.

Aber auch die Müttersterblichkeit konnte dadurch massiv reduziert werden. Hatte es vor 1974 noch 35 Todesfälle pro Jahr gegeben, sank dieser Wert in den darauf folgenden Jahren auf 15 und bis heute weiter auf drei, also ein Fünfzehntel des Ausgangswertes.

Als Rahmen des Programms wurde aber nicht nur der Pass eingeführt, der die Frauen zu regelmäßigen Untersuchungen veranlasste, sondern auch neue medizinische Methoden und Technologien wie etwa Ultraschalluntersuchungen wurden flächendeckend eingesetzt und erstmals in den Kliniken eigene geburtshilfliche Abteilungen etabliert. „Durch das Programm wurden die Betreuungsmaßnahmen vereinheitlicht, die Anzahl der ärztlichen Konsultationen erhöht, ein Kommunikationsinstrument geschaffen, der Informationsaustausch verbessert, neue medizinische Standards implementiert sowie die Compliance der Mütter signifikant erhöht“, fasste Bancher-Todesca die wesentlichen Errungenschaften zusammen.

Anreize schaffen

Um eine hohe Teilnahme zu erreichen, wurde die Attraktivität des Angebots durch einen finanziellen Anreiz erhöht. Die Maßnahme – Auszahlung der doppelten Geburtenbeihilfe bei Absolvierung aller Untersuchungen – verfehlte ihre Wirkung nicht und führte zu einer praktisch hundertprozentigen Teilnahme der werdenden Mütter.

Ärztekammerpräsident Dr. Artur Wechselberger nahm das Beispiel zum Anlass, um auch für aktuelle Präventionsprogramme Anreizsysteme anzuregen. „Viele meinen, es muss reichen, wenn die Gesellschaft medizinische Leistungen kostenlos zur Verfügung stellt. Aber es reicht eben nicht, ein Angebot einfach nur bereitzustellen. Wir müssen das Angebot auch an die Frau, an den Mann bringen.“ Daher sollte schon bei der Konzeption solcher Programme bedacht werden, neben der reinen Projektfinanzierung auch ein Budget für die Bewerbung und Kommunikation bzw. für Bonus- oder Anreizsysteme zur Verfügung zu haben.

Wirkungsvolle Prävention

Wechselberger stellte einen weiteren Bezug zu aktuellen Entwicklungen in der Gesundheitspolitik her, bezeichnete den Mutter-Kind-Pass als gelungenes Beispiel für ein wirkungsvolles Präventionsprogramm. Es würde sowohl sekundäre – das frühzeitige Erkennen von Krankheiten – als auch primäre Präventionsaspekte berücksichtigen, indem Ärzte frühzeitig mit den Müttern ins Gespräch kommen könnten, um sie etwa zu einem gesünderen Lebensstil anzuregen bzw. sie über gesunde Ernährung oder auch vorhandene Risikopotenziale zu informieren. „Der Mutter-Kind-Pass hat uns gezeigt, wie erfolgreiche Präventionsprogramme gestrickt sein müssen“, sagte Wechselberger. „Einfach, für alle begreif- und verstehbar und rasch wirksam, sodass die Effekte auch messbar sind. Ich wünsche mir noch viele Präventionsprogramme wie dieses.“

Keinen expliziten Bezug zu gegenwärtigen gesundheitspolitischen Diskussionen stellte Prof. Dr. Sepp Leodolter, der ehemalige Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, her, als er im Rahmen seines Rückblicks anmerkte, dass die heutige Begeisterung und Feierstimmung der Ärztevertretung über den Mutter-Kind-Pass nicht immer so selbstverständlich gewesen wäre und diese „anfangs nicht ganz hinter der Initiative meiner Mutter gestanden sind. Wie alles, was heute etabliert ist, war das damals durchaus ein harter Kampf, auch gegen Bedenken der Ärztekammer.“ Mancher unter den Zuhörern fühlte sich wohl trotzdem an aktuelle Debatten zwischen Ärztekammer und Gesundheitsministerium erinnert.

Mutter-Kind-Schüler-Pass

In die Feierstimmung mischten sich aber auch einige kritische Töne der Ärztevertreter, zum Beispiel, was die Auflösung der Mutter-Kind-Pass-Kommission Ende 2010 durch den Gesundheitsminister betrifft. Prof. Dr. Reinhold Kerbl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, forderte etwa eine „rasche Wiedererrichtung eines medizinischen Mutter-Kind-Pass-Expertenrats, egal ob der nun Kommission, Beirat oder sonst wie heißt“. Es gehe darum, alle relevanten Kräfte zusammenzuführen, um dieses an sich hervorragende Präventionstool weiterzuentwickeln und zukunftstauglich zu machen. Dazu bedarf es unter anderem einer regelmäßigen Evaluierung, Sichtung und Analyse der internationalen Evidenzen. Dies könnten letztendlich nur Mediziner leisten, warum die Gesundheitspolitik auf deren Expertise und Zusammenarbeit nicht verzichten darf.

Zu den notwendigen nächsten Entwicklungsschritten zählt Kerbl die systematische Sammlung, zentrale Verarbeitung und wissenschaftliche Nutzung der im Zuge der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen gesammelten Daten, Überlegungen zu einem elektronischen Mutter-Kind-Pass und vor allem eine zeitliche Ausweitung des Programms auf die Schulzeit. „Bei der Säuglingsmortalität haben wir viel erreicht. Mortalität alleine ist aber nicht der Weisheit letzter Schluss, es geht zukünftig verstärkt auch um Morbidität“, erläutert Kerbl. „Wir wollen gesunde Erwachsene. Im Augenblick haben wir liebe Babys, entzückende Kleinkinder und dann plötzlich rauchende und trinkende Jugendliche. Was passiert mit ihnen?“

Kerbl erinnert sich an den 2004 von der damaligen Jugendministerin Maria Rauch-Kallat eingeführten Jugendpass, der nach kurzer Zeit wieder sang- und klanglos verschwand. Er könne sich künftig eine Art „Hybridmodell“ aus Mutter-Kind-Pass und Jugendpass vorstellen, frei nach dem Motto „Gesund von 0 bis 18“.

Ans Ende der Veranstaltung stellte Kerbl eine Vision: „Wir treffen uns am 4. Juni 2024 wieder und feiern dann den besten Mutter-Kind-Pass Europas!“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 24/2014

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben