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Gesundheitspolitik 5. Juni 2014

Strategischer Treiber statt bloß Verwalter

Innovationsfördernde Maßnahmen zur Effizienzsteigerung des Gesundheitssystems brauchen nicht nur normative Regelungen, sondern auch finanzielle Anreize. Oder: Wer Reformen will, muss Geld in die Hand nehmen.

Im Rahmen des diesjährigen E-Health Summit Austria wurde unter anderem auch über folgende brisante Frage diskutiert: „E-Health: Wer soll das bezahlen – und warum?“ Der verbale Schlagabtausch war damit bereits vorprogrammiert.

Konzeptionelle Vorgabe der international orientierten Veranstaltung ist seit jeher auch der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus, die Suche nach Best-Practice-Beispielen, Lösungsansätzen und Praxiserfahrungen jenseits unserer Grenzen – sowie die Frage nach deren Übertragbarkeit auf das heimische System.

Dr. Thomas Mück, Generaldirektor-Stellvertreter der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA), stellte ganz in diesem Sinn in seinem Impulsreferat das Meaningful Use-Programm aus den USA vor. Es ist in der Größenordnung (involviert sind etwa acht Millionen Patienten) und Zielsetzung durchaus mit dem österreichischen ELGA-Projekt vergleichbar, wenn auch ein völlig unterschiedlicher Weg gewählt wurde.

Das Meaningful Use-Programm

Um die E-Health-Infrastruktur zu verbessern, werden im Rahmen des Programms Fördermittel aus Medicare und Medicaid abgezweigt und für Investitionen an den niedergelassenen und den klinischen Bereich ausgeschüttet. 7,6 Milliarden USD-Dollar waren es bisher. Die festgeschriebenen Ziele des Programms sind wie erwähnt mit dem ELGA-Projekt durchaus vergleichbar: Dokumentation der Gesundheitsdaten, Messung der Qualität im Gesundheitswesen und der Erhalt medizinischer Daten als Grundlage für Therapieentscheidungen. Dies alles soll durch eine Verbreiterung der IT bei den Gesundheitsversorgern erreicht werden. Inzwischen ist man ein großes Stück auf diesem Weg vorangekommen: Die IT-Anbindung der US-Ordinationen ist von einem zugegebenermaßen extrem niedrigen – und mit österreichischen Verhältnissen nicht zu vergleichenden – Niveau von 18,2 Prozent (2001) auf 78,4 Prozent (2013) gestiegen. Durch die verbesserte Infrastruktur konnte der Anstieg der Gesundheitskosten gebremst werden, argumentieren die Befürworter des Programms und verweisen auf eine Studie der Universität Michigan, die ein Einsparungspotenzial von 5,14 USD pro Patient und Monat belegt.

Trotzdem wurde über Sinn und Unsinn des Meaningful Use-Programms von Beginn an sehr kontroversiell diskutiert.

Debatte über Sinn und Unsinn

„Hier ist ELGA keine Ausnahme“, sagt Mück zur kontroversen Diskussion, „und teilt das Schicksal all dieser Programme weltweit.“ So klingen auch die Kontra-Argumente für unsere ELGA-erfahrenen Ohren durchaus vertraut. Der niedergelassene Bereich beklagt den zusätzlichen Zeitaufwand für das Eintragen der Patientendaten und sieht darin kaum einen Mehrwert. Rund 26 Prozent der niedergelassenen Ärzte in den USA orten sogar einen „Produktivitätsverlust“, 60 Prozent „keine Verbesserung der Diagnosequalität“.

Insgesamt sei das Programm als „Vorbild für Österreich jedenfalls trotz der vielen Parallelen völlig ungeeignet“, resümiert Mück, als „Informations- und Lessons Learned-Quelle kann es hingegen durchaus wertvolle Erkenntnisse liefern“.

IT ist nur ein Hilfsmittel

Den Ball „Meaningful Use“ nehmen die beiden „ELGA-Gegenpole“ Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Ärztekammer für Wien und Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer, sowie Dr. Clemens Martin Auer, Sektionsleiter der Sektion I, Gesundheitssysteme, zentrale Koordination, im Gesundheitsministerium, „volley“ auf, um ihre Standpunkte jeweils bestätigt zu finden.

E-Health sei für die Gesundheitsversorgung „meaningful“, sagt Auer, der auch als Leiter des Koordinationsausschusses der ELGA GmbH fungiert und das Projekt inklusive ELGA-Gesetz von Beginn an federführend begleitet, „weil sie die notwendige Integration medizinischer und pflegerischer Prozesse erst ermöglicht“. Dabei sei aber immer zu bedenken, dass die IT in Wahrheit ja nichts anderes als ein nützliches Hilfsmittel ist, um die organisatorischen Prozesse und Organisationsformen zu optimieren, sinnvoll zu verbinden und zu integrieren. Im Wesentlichen gehe es daher um Organisationssteuerung und Prozessoptimierung, meint Auer und nennt als Beispiel die aktuellen Bemühungen der Reformgruppe um die Schaffung eines funktionierenden Primary Health Care Systems für Österreich.

Anders als beim Meaningful Use-Programm, das auf finanzielle Anreize und Förderungen setzt, beschreitet Österreich einen Weg der politischen und normativen Regelungen, erläutert Auer und verteidigt diese Vorgehensweise: Erst durch die Normierung käme man zu einem Grad an Standardisierung, der notwendig sei, um „auch die Anwender gut einbinden zu können und am Ende zu einem hohen Maß an Usability“ zu kommen.

Zu hohe Komplexität

Steinhart hingegen sieht die Skepsis und Kritik der Ärzte gegen ELGA durch das Beispiel aus den USA bestätigt und verweist auf das Studienergebnis, wonach 60 Prozent der niedergelassenen Ärzte keine positiven Effekte auf Diagnose und Therapie durch das System erkennen können.

Es gehe in der aktuellen Diskussion über ELGA weder um die angebliche Technikfeindlichkeit der Ärzte, die es laut Steinhart so nicht gibt („Wir sind im Gegenteil sogar sehr technikaffin, was etwa innovative Behandlungsmethoden oder auch sinnvolle Telemedizin-Lösungen be- trifft“), noch um eine ausschließliche Kostendiskussion. Im Mittelpunkt stehe vielmehr die Frage des Zeitaufwands, wertvolle Zeit, die für die Betreuung der Patienten verloren gehen könnte. „Wir sehen uns einer Komplexität ausgeliefert, die zum Teil nicht mit unserer Arbeit direkt zu tun hat und uns mit Dingen belastet, die wir früher besser organisiert hatten“, argumentiert Steinhart. „Wir müssen Daten einpflegen, von denen viele nur für Verwaltung und Bürokratie nützlich sind, nicht für den Patienten oder uns Ärzte. Zumindest wurde uns bisher noch nichts vorgestellt, was unsere Anforderungen anwendungsfreundlich abwickelt.“

Scheinfinanzierung

Dr. Michael Heinisch, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Vinzenz Gruppe und ein deklarierter ELGA-Befürworter, nimmt den von Auer ins Spiel gebrachten Begriff der Prozessoptimierung wieder auf. Heute würden im Krankenhaus viel mehr Patienten in viel kürzerer Zeit betreut als früher. Das funktioniere nur durch effiziente Organisation und innovative Prozesse, sonst „würde das System schon lange nicht mehr funktionieren“.

Um für innovationstreibende Maßnahmen adäquate Anreize zu schaffen, wünscht sich Heinisch eine „transparente und strategiegeleitete Form der Finanzierung“. Derzeit würden Innovationsbemühungen nämlich nicht angemessen finanziert. Die geltende Mischform aus nur vermeintlich leistungsorientierter „Scheinfinanzierung“ über LKF-Punkte („in Wahrheit ist da nichts Leistungsorientiertes dran, weil die Vergütung die erbrachte Leistung keinesfalls abdeckt“) und der nachträglichen, leistungsunabhängigen Abgangsdeckung würde jedenfalls nicht zu Innovation motivieren. Heinisch schlägt daher krankenhausübergreifende und tatsächlich kostendeckende Fallpauschalen für medizinische Leistungen vor. Das würde Anreize für die Betreiber schaffen, um sich zu fragen: Wie kommen wir mit dem vorhandenen Geld besser aus?

Voraussetzungen dafür sei ein Staat, so Heinisch in seinem abschließendem Statement, der sich vom „bloßen Verwalter zum strategischen Treiber“ entwickelt und ein „Finanzierungssystem, das uns dabei unterstützt, Innovationen voranzubringen. Ich meine, Österreich hat hier noch viel aufzuholen.“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 23/2014

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