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© Ricardo Herrgott
Zwei Pionierinnen der österreichischen Gesundheitsszene: Dr. Elia Bragagna (li.) und Simone Viertler.
 
Gesundheitspolitik 3. Juni 2014

All diese Patienten sind unversorgt und unverstanden

Ein Interview mit Elia Bragagna und Simone Viertler von der Akademie für sexuelle Gesundheit zeigt, dass punkto Sexualität und Krankheit zwar einiges Unverständnis getilgt wurde, aber noch genügend zu tun ist.

War die „Sexuelle Gesundheit“ vor Jahren noch ein Fremdbegriff, so wissen die meisten Ärzte heute, dass sie damit aktiv auf ihre Patienten zugehen müssen. Das ist auch ein Verdienst der Akademie für Sexuelle Gesundheit in Wien, die ihre Institution jedoch zusperrt. Aus Protest, wie sie sagt.

Mit einem Knalleffekt wendete sich die Ärztin und Sexualtherapeutin Dr. Elia Bragagna bei einer Pressekonferenz an die Öffentlichkeit. Die fachliche Leiterin der Akademie für Sexuelle Gesundheit (AfSG) sperrt ebendiese Akademie in Wien knapp vor dem fünften Jahrestag zu.

Genug Energie hat Bragagna gemeinsam mit Simone Viertler, der Geschäftsführerin, in das Projekt Sexualmedizin in Österreich gesteckt. Die großen Ziele, die sie sich mit ihrer Akademie gesteckt hatte, konnte sie noch nicht erreichen, nämlich die Verankerung der Sexualmedizin in der universitären Ausbildung. Damit verbunden wäre ein entsprechendes Bewusstsein dafür, dass die sexuelle Gesundheit der Menschen bei jeder Behandlung von Krankheiten mehr Beachtung bekommen sollte, um letztlich Sexualstörungen zu erkennen und zu vermeiden. Ihre Ziele verfolgt Bragagna weiter, unter anderem mit einer Petition (kann auf www.afsg.at, unterschrieben werden), da sie die sexualmedizinische Ausbildung in Österreich weiterhin für nicht ausreichend hält.

Wie stellt sich die Situation in Österreich aus ihrer Position dar?

Bragagna: Das Wesentliche für mich ist, dass über ein Drittel der über 15-jährigen Österreicher chronisch krank ist. Ein Großteil dieser Erkrankungen verursacht auch Sexualstörungen. Diese werden umso wahrscheinlicher, je älter die betroffenen Menschen sind. Da haben wir nun diese unselige Situation in Österreich, dass an der Universität das Thema Sexualmedizin gar nicht vorkommt. So können die Ärzte gar nicht wissen, welche verordneten Medikamente Sexualstörungen verursachen. Und sie wissen außerdem nicht, welche Erkrankungen die Nerven zum Penis oder zur Klitoris schädigen, oder welche Eingriffe die Sexualität der Patienten nachhaltig zerstören.

Welche Schlüsse haben Sie daraus gezogen?

Bragagna: 2009 habe ich zusammen mit Frau Simone Viertler in meiner Verzweiflung über diese Ignoranz die Akademie für Sexuelle Gesundheit gegründet. Einfach weil ich gespürt habe: All diese Patienten sind nicht nur unversorgt, sondern auch unverstanden.

Wir hatten 2006 eine Patientenveranstaltung im Rathaus mit 6.500 Teilnehmern. Das zeigt, wie verzweifelt die Leute bei Ärzten Hilfe suchten. Nur: Die Ärzte sind nicht ausgebildet. An den Unis gibt es Sexualmedizin höchstens als Freifach, von engagierten Kollegen organisiert, die zum Teil auch bei uns ausgebildet wurden. Der Bedarf nach sexualmedizinischer Fortbildung ist groß. In den letzten fünf Jahren haben wir fast unsere ganzen Kraftreserven hineingesteckt, ganz zu schweigen von den finanziellen Mitteln. Wir haben aber erkannt, dass sich die Ausbildungssituation der Kollegen nicht ändern wird, solange wir die Pflichten der Universitäten übernehmen. Und so haben wir beschlossen, die Akademie zu schließen. Es ist eine verzweifelte Protest-Aktion.

Was wird nun aus dem ÖÄK-Zertifikationskurs?

Bragagna: Alle angekündigten Fortbildungen finden noch statt. Jeder kann seine Zertifikatsaubildung abschließen. Ich möchte aber mit diesem Thema auf einer anderen Ebene gehen, nämlich der gesundheitspolitischen, denn der Inhalt der Zertifikatsausbildung muss Teilbestand des Medizinstudiums werden.

Wie sieht es mit der Unterstützung seitens der Politik aus?

Bragagna: Ganz wunderbare Unterstützung haben wir von der Österreichischen Ärztekammer bekommen, indem sie 2011 ein Zertifikat und ein Diplom Sexualmedizin eingeführt haben. So wurde ein Standard gesichert, der eigentlich weltführend ist. Kein anderes Land der Welt hat so ein Zertifikat und Diplom. Ideell sichern uns viele Institutionen Unterstützung zu, das reicht aber leider nicht aus.

In welchen Fällen zeigt sich beispielsweise mangelndes sexualmedizinisches Wissen?

Bragagna: Die häufigsten Ursachen für Sexualstörungen zählen auch zu den beständigsten Ursachen von Spitalsaufenthalten. Das sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Muskel-Skelett-Erkrankungen, Verletzungen und Depressionen.

Wenn man weiß, dass ungefähr jeder zweite Krebspatient aufgrund der Erkrankung, Behandlung oder Verarbeitung seines Leidens Sexualstörungen entwickelt, kann man doch nicht untätig bleiben und diese Menschen alleine lassen. Ich kann nicht eine Frau im kleinen Becken operieren oder bestrahlen, und sie dann ohne Hilfsangebot entlassen. Zuhause erwartet sie ein gesunder Mann, und wie viele andere glaubt sie, ihm, diese Sexualität zu ‚schulden‘. Wie viele prostatektomierte Männer hören den Satz „use it or lose it“ und bekommen als einzige Hilfe ein Potenzmittel in die Hand gedrückt. Das wird vor allem am Anfang nicht funktionieren, diese Männer brauchen eine Begleitung zur neuen ‚Normalität‘.

Was wurde erreicht in den letzten Jahren?

Viertler: Wir haben seit 2009 neun ÖÄK-Zertifikat-Kurse ‚Sexualmedizin‘ abgehalten mit insgesamt 219 Absolventen. Im November schließt der ÖÄK-Diplom-Kurs ‚Sexualmedizin‘ ab. Das ist der zweijährige Aufbaulehrgang.

2012 haben wir mit Awareness-Kursen ‚Sexualmedizin trifft diverse Fachrichtungen der Medizin‘ begonnen. Warum? Uns fiel auf, dass die Kollegenschaft oft den Zusammenhang zwischen ihrem Fach und der Sexualmedizin nicht erkennen wollten bzw. negierten. So meinte eine Neurologin, dass ihre Disziplin nichts mit Sexualmedizin zu tun hätte. Ob diese Meinung wohl auch von den Querschnittgelähmten, Multiple-Sklerose- und Parkinsonpatienten geteilt wird?

Wir haben außerdem unsere Website in eine Fortbildungsseite umgewandelt und bieten online Diplomfortbildungs-Arbeiten an. Letztes Jahr haben wir unsere erste Studienreise abgehalten, zum Wissensaustausch mit 22 Ärzten nach Amsterdam. Dort besuchten wir das weltführende Forschungszentrum zum Thema weibliche Sexualität.

Welche Pläne hatten noch auf der Agenda?

Bragagna: Es besteht ein großer Bedarf nach Kommunikationswerkzeug rund um das Thema Sexualität, nach Selbsterfahrung, Supervision, Training im Umgang mit sexueller Traumatisierung, Sexualität und Behinderung sowie mit kindlicher Sexualität. Auch das Pflegepersonal gibt Lücken im sexualmedizinischen Wissen zu, ebenso die Psychotherapeuten. Gerade sie haben meist in ihrer Ausbildung nicht erfahren, dass somatische Faktoren oft Ursachen von Sexualstörungen sein können und bringen dadurch alles auf die ‚Psycho-Schiene‘. Es gibt noch so viel zu tun!

Was hat die AfSG für den ärztlichen Alltag erreicht?

Viertler: Ein Paradebeispiel ist eine Ärztin aus Oberösterreich, die am Land als Allgemeinmedizinerin tätig ist. Sie hat unser Zertifikat kommentarlos neben der Anmeldung aufgehängt. Dann war Geduld gefragt, aber schön langsam werden Fragen an sie herangetragen. Oft sind es nur Kleinigkeiten, Unsicherheiten, vermeintlich einfache Fragen wie: ‚Ist mein Penis lang genug?‘ oder ‚Wie oft sollte ich Sex haben?‘.

Kann das Projekt Sexualmedizin in Österreich offiziell als gescheitert erklärt weden?

Bragagna: Auf gar keinen Fall, ganz im Gegenteil! Ich finde, es startet erst. Man darf nicht vergessen: Wir haben ganz starke Verbündete. Der ÖÄK ist es sehr wichtig, dass ihre Ärzte gut ausgebildet sind. Und das ist schon einmal der stärkste Trumpf. Zusätzlich haben wir wichtige Meinungsbildner aus allen Fachrichtungen für unsere Sache sensibilisiert. Heute teilen mehr denn je unsere Sichtweise.

Jetzt steht der Schritt bevor, dass wir die politisch Verantwortlichen an den Universitäten und im Gesundheitsministerium dazu bringen, ihre Verantwortung zu übernehmen. Dazu starten wir eine Petition, in der wir fordern, dass jeder tätige Arzt das Recht auf eine adäquate sexualmedizinische Ausbildung hat, damit er seine Patienten auch versorgen kann. Um das kommt keine moderne Ausbildung herum, weil wir Menschen laut WHO ein Recht auf sexuelle Gesundheit haben.

Ich denke, es ist an der Zeit, dass unser Gesundheitssystem in der Gegenwart ankommt, seit Sigmund Freud hat sich ja immerhin etwas getan. Und heute sind wir ja auch stolz auf die Conchita Wurst und den Lifeball.

Das Gespräch führte Mag. Norbert Peter.

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