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Dr. Harald Retschitzegger Ärztlicher Leiter der Caritas der Erzdiözese Wien, Master of Palliative Care

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Hilde Kössler, MSc Koordinatorin des Mobilen Palliativteams der Hospizbewegung Baden, Vorsitzende der AG Palliativpflege und 2. Vizepräsidentin der Österreichischen Palliativgesellschaft

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Teresa Rothwangl

Mag. Christopher Drexler Landesrat für Wissenschaft und Forschung, Gesundheit und Pflegemanagement, Steiermark

 
Gesundheitspolitik 27. Mai 2014

Standpunkte: Rechtsanspruch auf palliative Versorgung?

Caritas-Präsident Landau fordert ein Ende des „Pingpong-Spiels zwischen Bund, Ländern und Sozialversicherungsträgern auf dem Rücken sterbender Menschen“.

Michael Landau ist nicht der Einzige, der in jüngster Vergangenheit mit dem Status quo der Palliativversorgung in diesem Land hart ins Gericht geht. Auch viele andere Experten des Gesundheitswesens kritisieren den Umstand, dass den Ankündigungen schließlich wenige Taten folgten, oder beklagen gar „chaotische Zustände“ in der Palliativversorgung (Zitat des Gesundheitsökonomen Dr. Ernest Pichlbauer). Die Caritas wünscht sich nun einen „Rechtsanspruch auf die Betreuung durch Hospiz- und Palliativeinrichtungen für alle Menschen in Österreich“. Dafür müsse das Leistungsangebot entsprechend ausgebaut und vollständig durch die öffentliche Hand finanziert werden, fordert die Caritas, denn derzeit übersteige die Nachfrage nach einer Begleitung am Ende des Lebens das zur Verfügung stehende Angebot bei Weitem. Zuständig dafür fühle sich aber offensichtlich niemand, bedauert der Caritas-Präsident. „Klar ist, jeder Sterbende ist ein Lebender, und zwar bis zuletzt. Die Politik trägt diesem Umstand jedoch zu wenig Rechnung.“ Als Beleg für seine Kritik verweist Landau auf die bereits 2004 festgelegten Richtwerte des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen (ÖBIG). Statt der darin ermittelten erforderlichen 337 Palliativbetten gebe es aber nur 289, im Hospizbereich seien es 83 statt 168 Betten. Österreichweit gebe es lediglich zwei Hospizhäuser und sieben Stationen in Pflegeheimen, in Deutschland knapp 200. Auch bei mobilen Teams und Tageshospizen (drei statt der notwendigen neun) sei das Angebot hierzulande immer noch viel zu gering.

Vernetzung statt Willkür

„Das System funktioniert nur dank hoher Spendenaktivität und exzessiven Eigenengagements.“

Dr. Harald Retschitzegger, Ärztlicher Leiter der Caritas der Erzdiözese Wien, Master of Palliative Care

Seit 2004 gibt es in Österreich das System der abgestuften Hospiz- und Palliativversorgung. Die Qualität und die Anzahl der Hospiz- und Palliativangebote steigen seither. Drei Punkte hemmen aber die Freude über die bisherige Entwicklung massiv und sind mit notwendigen Forderungen verknüpft.

1. Der Ausbaugrad – die Anzahl bestehender Hospiz-und Palliativdienste – liegt in allen Bereichen hinter den als notwendig vereinbarten Berechnungen zurück.

2. Die Finanzierung vieler Dienste ist vom jeweiligen und aktuellen „Goodwill“ politischer Entscheidungsträger abhängig. Die Finanzierung wird zwischen Bund, Ländern, Ministerien und Krankenversicherungen hin- und hergeschoben und beinhaltet keine erkennbare durchgängige Logik und Selbstverständlichkeit.

3. Wir haben im Hospiz- und Palliativbereich bei Weitem noch nicht diese Klarheit und konkret umsetzbare Versorgungssicherheit für alle Menschen, damit diese im Bedarfsfall auch wirklich kompetente Hospiz- bzw. Palliativbetreuung erhalten.

Es braucht eine konsequente, rasche und qualitätsvolle Umsetzung von einschlägigen Regierungserklärungen. Derzeit funktioniert das System nur aufgrund hoher Spendenaktivität und exzessivem Eigenengagement vieler Menschen.

Wir brauchen die Durchdringung des gesamten Gesundheits- und Sozialsystems mit der menschlich-fachlichen Kompetenz und Haltung gelebter Hospiz- und Palliativkultur. Inklusion statt Sonderstatus, mittendrin statt Randerscheinung, Vernetzung statt Willkür.

Österreich muss ein Land werden, in dem Regierung und politisch Verantwortliche stolz darauf sind, dass wir eine hoch entwickelte Hospiz- und Palliativkultur haben und dass es selbstverständlich ist, dass die Finanzierung klar geregelt und absolut gesichert ist. Das ist derzeit ganz und gar nicht der Fall. Es muss einen selbstverständlichen Rechtsanspruch geben, damit jeder Mensch in unserem Land optimale und wirksame Hospiz- und Palliativbetreuung bekommt, die seinen Bedürfnissen und Notwendigkeiten entspricht. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass wir auch in Österreich Fachärzte für Palliativmedizin brauchen.

Flächen- vor Bedarfsdeckung

„Wem Palliativbetreuung angeboten wird, bleibt dem Zufall überlassen.“

Hilde Kössler, MSc.,  Koordinatorin des Mobilen Palliativteams der Hospizbewegung Baden, Vorsitzende der AG Palliativpflege und 2. Vizepräsidentin der Österreichischen Palliativgesellschaft

Spätestens seit der Studie von Temel et al. aus dem Jahr 2010 wissen wir, dass Palliativbetreuung nicht nur die Lebensqualität, sondern auch die Überlebenszeit Schwerstkranker erhöht, während die Kosten sinken. Trotzdem bleibt es weitgehend dem Zufall überlassen, wem und in welchem Krankheitsstadium Palliative Care angeboten wird. In der Folge hängt eine Betreuungsübernahme von freien Betten auf Palliativstationen oder in stationären Hospizen bzw. den begrenzten Kapazitäten mobiler Palliativ- und Hospizteams ab.

Geradezu zynisch erscheint die Auslegung der Politik, wie die im Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG) 2012 vorgesehene, „österreichweit gleichwertige, flächendeckende abgestufte Versorgung im Palliativ- und Hospizbereich prioritär umzusetzen“ ist: Während Budgets eingefroren werden, sind die Strukturqualitätskriterien des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen ÖBIG von 2004 noch immer nicht erfüllt. Eine Flächendeckung der Hospiz- und Palliativversorgung wird bejubelt, während von einer Bedarfsdeckung nicht einmal geträumt werden kann. So werden Menschen, die begrenzte (Lebens-) Zeit haben, auf Wartelisten gesetzt, in Akutspitäler eingewiesen oder sie erdulden zu Hause vermeidbares Leid. Personell unterbesetzte mobile Palliativteams kommen an die Grenzen ihrer Belastung, Rufbereitschaften müssen ehrenamtlich oder ohne arbeitsrechtliche Deckung ausgeführt werden. Diese Situation verschärft sich über Wochenenden und insbesondere über hohe Feiertage. Die Zunahme an komplexen Betreuungssituationen und die hohe Anzahl an Verstorbenen hat für die Teams zur Folge, dass keine Ruhephasen zwischen Begleitungen auftreten.

Adäquate Palliativbetreuung erfordert Teams entsprechender Größe, strukturübergreifende Vernetzung, personelle Kontinuität in der Betreuung, ausreichend ausgebildetes und entlohntes Personal – aber auch verbindliche Regelungen, wem Palliativbetreuung angeboten wird. Daher fordern wir namens schwerkranker und sterbender Menschen und deren Angehöriger einen zügigen Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung in Richtung Bedarfsdeckung.

 

Dem Bund voraus

„Wir arbeiten daran, die letzte regionale Versorgungslücke in der Steiermark zu schließen.“

Mag. Christopher Drexler, Landesrat für Wissenschaft und Forschung, Gesundheit und Pflegemanagement, Steiermark

Die Palliativ- und Hospizversorgung ist ein Thema, das – für jeden verständlich – viele Emotionen auslöst. Daher nehmen wir alle Anregungen sehr ernst und sind ständig um Verbesserungen bemüht. Die Politik hat die Aufgabe, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Menschen am Ende ihres Lebensweges würdig und bedarfsgerecht begleitet werden können, von den Angehörigen im gewohnten Umfeld, von mobilen Palliativteams, Palliativkonsiliardiensten und – wenn notwendig – im Tageshospiz sowie den stationären Palliativ- oder Hospizeinrichtungen. Gerade in der Steiermark haben wir eine Vorreiterrolle und verfügen mit der abgestuften Hospiz- und Palliativversorgung bereits über ein gut integriertes System im Rahmen der Gesundheitsversorgung. Dieses hohe Niveau der Versorgung sowie die laufende Weiterentwicklung des Systems gründet insbesondere auf der gesicherten Finanzierung dieses Bereichs durch den zwischen dem Gesundheitsfonds Steiermark und der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft abgeschlossenen Finanzierungsvertrag, der bereits seit 2009 besteht.

Eine gesicherte Hospiz- und Palliativversorgung ist auch im Regionalen Strukturplan Gesundheit (RSG) der Steiermark enthalten. Wir arbeiten daran, die letzte regionale Versorgungslücke in der Steiermark in den nächsten Jahren zu schließen, danach verfügen wir endgültig über ein flächendeckendes Versorgungsnetz. 2013 haben wir im besonders sensiblen Bereich der Hospiz- und Palliativversorgung von Kindern und Jugendlichen mit der Aufnahme in den RSG den nächsten Schritt gesetzt und sind dem Bund damit voraus. Auf Grundlage eines Expertenkonzepts aus dem Gesundheitsministerium wollen wir in den nächsten Jahren mit dem Aufbau eines landesweit tätigen Palliativteams für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene beginnen, sodass auf die besonderen Bedürfnisse der Betroffenen und ihrer Familien möglichst adäquat reagiert werden kann. Mit diesen zahlreichen Maßnahmen verfolgen wir das Ziel, den Betroffenen die bestmögliche Lebensqualität zu gewährleisten und eine umfassende Unterstützung ihrer Angehörigen sicherzustellen.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 22/2014

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