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Die gesundheitsbewusste Lebensweise ist nur einem Teil der Patienten tatsächlich ein Anliegen. Ein Forschungsprojekt ging der Frage nach, wie denn „Der Patient“ tatsächlich zum Thema Gesundheit steht.

 

 
Gesundheitspolitik 15. Mai 2014

Blindenstock für Blindflug?

Eine detaillierte Patienten-Typologisierung nach Sinus-Milieus® könnte die Effizienz zukünftiger Vorsorge- und Präventionsprogramme steigern.

Patientenorientierung, der Patient im Fokus, alles im Sinne des Patienten … – so oder so ähnlich lauten die einleitenden Standardfloskeln nahezu jeder aktuellen, gesundheitspolitischen Debatte. Wer aber ist eigentlich der so viel zitierte Patient, um dessen Wohl sich alle Gesundheitsreformer so intensiv bemühen? Was will er? Was braucht er? Wie kann er am besten angesprochen werden? Antworten auf all diese Fragen suchte das 2012 gegründete Janssen Forum im Rahmen seines jüngsten Forschungsprojekts „Der Patient im Mittelpunkt“.

Bisher werden Patienten in Gesundheitsstatistiken und medizinischen Forschungsarbeiten meist ausschließlich nach den klassischen soziodemografischen Kategorien wie Alter, Geschlecht, Einkommen und Bildung unterteilt. Schon in dieser groben Kategorisierung zeigen sich immer wieder signifikante Unterschiede im Gesundheitsverhalten bzw. in wesentlichen Gesundheitsparametern. Etwa zeigen Menschen mit höherer Bildung statistisch ein geringeres Sterberisiko. Neben Alter, Wohlstand, Sozialstatus und Bildung beeinflussen aber auch das persönliche Weltbild, Lebensstil, Einstellungen und Wertvorstellungen den Umgang mit Gesundheit maßgeblich.

Kenne „Deinen Patienten“

Um Patienten optimal behandeln zu können, sei es deshalb wichtig, sie möglichst gut zu kennen. So lautete in etwa die Forschungsthese der Experten des Janssen-Forums. Als Ausgangsbasis dienten den Fachleuten dabei die seit nunmehr drei Jahrzehnten intensiv beforschten Sinus-Milieus®. Diese gruppieren Menschen weit über bloße soziodemografische Merkmale hinaus nach ihren Werten, ihren Lebensweisen, ihrer Alltagswirklichkeit. Für Österreich wurden zehn Sinus-Milieus® definiert, die sich in vier Gruppen zusammenfassen lassen:

Traditionelle Milieus: Konservative (sechs Prozent der Gesamtbevölkerung) und Traditionelle (15 Prozent)

Moderne Unterschicht: Konsumorientierte (neun Prozent) und Hedonisten (elf Prozent)

Neue Mitte: Bürgerliche Mitte (15 Prozent), Adaptiv-Pragmatische (zehn Prozent)

Gehobene Milieus: Performer (neun Prozent), Postmaterielle (neun Prozent), Etablierte (neun Prozent) und Digitale Individualisten (sieben Prozent)

Das Janssen-Forum beauftragte die Integral Markt- und Meinungsforschung also damit, im Rahmen einer repräsentativen Umfrage auf Basis der Sinus-Milieus® 1.000 Österreicherinnen und Österreicher zu Gesundheitsthemen zu befragen. Das Ergebnis zeigt typenspezifisch stark abweichende Zugänge und Einstellungen zur Gesundheit bzw. unterschiedliches Gesundheitsverhalten. „Ob Einstellung zur Gesundheit, Eigenverantwortung, Arzt-Patienten-Beziehung oder Vorsorge – kaum ein Bereich, in dem Vertreter unterschiedlicher Milieus nicht unterschiedlich ticken“, schreiben die Studienautoren.

Beispiel Vorsorge: „Ein Viertel der traditionell agierenden Personen nimmt Vorsorgeuntersuchungen nicht in Anspruch“, erläutert Janssen-Österreich-Geschäftsführer und Initiator des Janssen-Forums, Dr. Erich Eibensteiner. Gleiches gelte für die Angehörigen der konsumorientierten Basis, deren Einstellung häufig durch Resignation geprägt sei. „Hingegen lassen sich 40 Prozent der zu den gehobenen Milieus gehörenden Performer jährlich durchuntersuchen, Gesundheit ist für sie eine Ressource, die vor allem den Erhalt ihrer Leistungsfähigkeit garantiert.“

Beispiel Therapietreue: Compliance ist insbesondere für den Krankheitsverlauf chronisch Erkrankter entscheidend. Im Durchschnitt aller Milieus sind allerdings nur 51 Prozent der Patienten therapietreu. Die Zahl deckt sich übrigens mit internationalen Studien, etwa von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Bei den traditionellen Milieus ist die Therapietreue mit 65 Prozent überdurchschnittlich stark ausgeprägt. Das Schlusslicht bilden die Hedonisten mit lediglich 32 Prozent, die sich compliant verhalten.

Beispiel Patient-Arzt-Beziehung: Das Milieu hat auch große Auswirkungen auf die Erwartungen an Ärztinnen und Ärzte: Während die traditionellen Milieus noch eher autoritätsgläubig und wenig pro-aktiv sind, treten die Performer Ärzten gegenüber selbstbewusst auf, sind dabei aber weniger kritisch als etwa die Privatarzt-affinen Postmateriellen, denen die Soft Skills der Ärzte besonders wichtig sind.

Die größte Herausforderung jedoch stellen die digitalen Individualisten dar. Für sie ist der Arzt keine Respektperson, sie hegen hohe Erwartungen, stellen Diagnosen schnell infrage und sind auch schnell einmal bereit, den Arzt zu wechseln, wenn ihre hohen Erwartungen nicht erfüllt werden. Ihre Anforderungen sind stark geprägt vom Internet, etwa was abrufbares Wissen oder auch die Erreichbarkeit der medizinischen Versorgung betrifft, was wohl auch ihre Affinität für Spitalsambulanzen erklärt.

Die konsumorientierte Basis

Ein Milieu, das in allen gesundheitsrelevanten Bereichen – ob Versorgung oder Vorsorge, ob Information oder Kompetenz – nur schwer erreichbar scheint, ist die konsumorientierte Basis. Unter ihren Protagonisten ist eine ungesunde Lebensweise besonders häufig anzutreffen, vielfach ist sie gepaart mit einem geringen Körper- und Gesundheitsbewusstsein.

Die momentane Befriedigung zählt weit mehr als die Abwägung von möglichen Langzeitfolgen. Entsprechend überrepräsentiert sind sie etwa in den Statistiken zu Übergewicht, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Problemen, Magenbeschwerden, Diabetes, Gelenkproblemen oder auch Schlafstörungen. Sie sind häufig überfordert bei Gesundheitsfragen und zeigen eine geringe Kompetenz bei der selbstständigen Informationsbeschaffung.

Am ehesten noch ließe sich die konsumorientierte Basis durch eine positive statt einer negativen Argumentation erreichen, ist Eibensteiner überzeugt: „Nicht mit Gesundheitsgefährdung drohen, sondern die sozialen Benefits einer vorsichtigen Lebensstiländerung propagieren.“ Die bürgerliche Mitte sei das wichtigste Leitmilieu für die konsumorientierte Basis, darauf müssten zielgruppenorientierte Kampagnen Bezug nehmen, gesündere Ernährung, Bewegung, mäßigerer Alkoholkonsum – aber alles mit Maß und Ziel, als „Standard der Mitte“.

Differenzierte Appelle

Sehr differenzierte Merkmale bestimmen also das Gesundheitsverhalten der Menschen. Die Hinwendung zum einzelnen Patienten werde daher immer wichtiger und sollte ehestmöglich das „sprichwörtliche Scheren über einen Kamm“ im Gesundheitsbereich ablösen, wünscht sich Eibensteiner. Auch der Sprecher der Österreichischen Patientenanwälte, Dr. Gerald Bachinger, schlussfolgert aus den Studienergebnissen, dass die Medizin stärker als bisher auf die Lebenswelt der Patienten eingehen müsse. Für unterschiedliche Lebenswelten seien ebenso differenzierte Appelle notwendig, um nachhaltige Verhaltensänderung zu bewirken. Bachinger spricht in diesem Zusammenhang vom bedürfnisorientierten Ansatz.

Sinus-Milieus als Blindenstock

Welcher Mensch, welcher Lebenshintergrund und welche individuellen Bedürfnisse sich tatsächlich hinter dem viel strapazierten Begriff Patient verbergen, darauf werde „im Gesundheitswesen noch viel zu wenig eingegangen“. Die aktuelle Gesundheitsreform täte jedenfalls gut daran, die Erkenntnisse aus der Erhebung bei der Konzeption zukünftiger Angebote in der medizinischen Versorgung zu berücksichtigen. „Wir sind im Gesundheitswesen in einer Art Blindflug unterwegs, die Sinus-Milieus könnten dabei eine Art Blindenstock sein.“

Bleibt nur noch zu klären, wie sich eine solche Differenzierung im bestehenden System abbilden lässt. Neue Tools und Werkzeuge, etwa webbasierte Lösungen, werden dabei ebenso dienlich sein wie andere Schwerpunktsetzungen, etwa bei der Leistungsvergütung, Stichwort: Aufwertung der Gesprächsmedizin.

V. Weilguni, Ärzte Woche 20/2014

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