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Dr. Karlheinz Kornhäusl, Stv. Obmann Bundeskurie Angestellt Ärzte und Sprecher der Sektion Turnusärzte in der Österreichischen Ärztkammer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prof. Dr. Peter Loidl, Vizerektor für Lehre und Studienangelegenheiten an der Medizinischen Universität Innsbruck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Falk Preißing, 1. Stellvertretender Vorsitzender der Österreichischen Hochschülerschaft Medizin Wien (für das Vorsitzteam)

 
Gesundheitspolitik 13. Mai 2014

Standpunkte: Viele Interessenten, zu wenige Studenten?

Die heimischen Medizin-Unis vermelden einen neuen Bewerberrekord um einen der heiß begehrten Studienplätze. Kann es sich das Land angesichts eines immer lauter beklagten Ärztemangels leisten, so viele Interessenten abzuweisen.

12.600 Bewerber rittern um einen der 1.560 zur Verfügung stehenden Studienplätze an den medizinischen Universitäten in Wien, Graz und Innsbruck bzw. an der Medizin-Fakultät der Uni Linz. So viele, wie noch nie zuvor. Abgesehen vom neuen Angebot in Linz bedeutet dies eine Steigerung an den drei etablierten Standorten um 15 Prozent. In Innsbruck kommen beinahe neun Interessenten auf einen Studienplatz, in Wien sind es acht, in Graz sieben. In Linz beträgt das Verhältnis im ersten Jahr eins zu sechs. Besonders hoch sind die Zuwachsraten in diesem Jahr in Graz (+30 Prozent gegenüber dem Vorjahr), gefolgt von Innsbruck (+24 Prozent) und Wien (+5 Prozent). Die Bewerberinnen sind überall in der Mehrheit gegenüber ihren männlichen Mitbewerbern, jeweils knapp unter bis knapp über 60 Prozent. Nach wie vor hoch ist der Andrang ausländischer Bewerber, vor allem natürlich aus dem benachbarten Deutschland. Am eklatantesten ist das Verhältnis in Innsbruck, wo gleich 60 Prozent der insgesamt 3.478 Bewerber im Besitz eines deutschen Reifezeugnisses sind. In Graz sind es immerhin noch 36, in Wien 30 Prozent.

Am 4. Juli findet für alle Bewerber ein einheitlicher schriftlicher Test statt. Wie bisher gehen 75 Prozent der Studienplätze an allen Unis an Kandidaten mit österreichischem Maturazeugnis, 20 Prozent an Bewerber aus der EU und fünf Prozent an Studienwerber aus Drittstaaten.

Zweite Seite der Medaille

„Mehr medizinischen Nachwuchs auszubilden als alle anderen, reicht nicht aus.“

Dr. Karlheinz Kornhäusl, Stv. Obmann Bundeskurie Angestellt Ärzte und Sprecher der Sektion Turnusärzte in der Österreichischen Ärztkammer

Die jährlichen Aufnahmetests an den heimischen Medizin-Universitäten stehen bevor und wieder gibt es einen neuen Rekord zu vermelden: Für die 1.560 Studienplätze haben sich heuer 12.600 junge Menschen beworben – und das, obwohl die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen oft zu wünschen übrig lassen. Die Drop-out-Quoten sind seit Einführung der Aufnahmetests signifikant gesunken; wir halten derzeit bei etwa fünf Prozent in Graz und bei 15 Prozent in Wien, im Vorjahr haben insgesamt 1.380 Kolleginnen und Kollegen ihr Studium abgeschlossen. Wo, so die durchaus berechtigte Frage, zeichnet sich hier ein Ärztemangel ab? Warum wirken sich die immer wieder dargestellten unattraktiven Rahmenbedingungen nicht auf die Ausbildungszahlen aus?

Wie jede Medaille so hat auch diese eine zweite Seite. Es stimmt, dass die österreichischen Medizin-Universitäten pro Kopf mehr Medizinerinnen und Mediziner ausbilden, als das in jedem anderen EU-Land der Fall ist. Aber: Von den Absolventinnen und Absolventen des Jahres 2013 hat gut die Hälfte darauf verzichtet, den ärztlichen Beruf auszuüben und die praktische Ausbildung nicht angetreten. Von 714 weiteren österreichischen Ärztinnen und Ärzten wissen wir, dass sie bei der Ärztekammer einen Ausbildungsnachweis beantragt haben, um im EU-Ausland arbeiten zu können.

Mehr medizinischen Nachwuchs auszubilden als alle anderen, reicht also nicht. Ziel muss sein, die Ausbildungs-, Arbeits- und Rahmenbedingungen so weit zu verbessern und an die Bedürfnisse der jungen Ärztinnen und Ärzte anzupassen, dass weder Auswandern noch das Ergreifen eines anderen Berufs zur Debatte steht. Das klinisch-praktische Jahr ist im Hinblick auf die Ausbildung ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, als Nächstes müssen wir die verpflichtende Lehrpraxis einführen. Die Work-Life-Balance muss bei der Gestaltung des Arbeitsplatzes unbedingt berücksichtigt werden und die Zeiten, in denen Turnusärzte zu Systemerhaltern degradiert werden, sollten endgültig der Vergangenheit angehören. Nur so wird es uns gelingen, den steigenden Ärztebedarf zu decken.

Rahmenbedingungen verbessern

„Zahl der Studienplätze wäre ausreichend, um die Versorgung in Zukunft sicherzustellen.“

Prof. Dr. Peter Loidl, Vizerektor für Lehre und Studienangelegenheiten an der Medizinischen Universität Innsbruck

Es ist schon seltsam, dass sich 12.600 junge Menschen um 1.560 Plätze bewerben, aber ein zunehmender Ärztemangel beklagt wird. An der MedUni Innsbruck ist das Interesse an einem Studienplatz am größten, es kämpfen neun Bewerber um einen Medizinstudienplatz, wobei dank Quotenregelung die Erfolgschance für Bewerber mit österreichischem Reifezeugnis fast siebenmal höher ist als für Bewerber mit einem EU-Reifezeugnis (überwiegend Deutschland). Von den deutschen Bewerbern wird gar nur einer von 27 einen Studienplatz in Innsbruck ergattern. Die Zahlen verdeutlichen, dass bei einem Wegfall der Quotenregelung österreichische Maturanten nur mehr eine geringe Chance auf ein Studium an den vier öffentlichen MedUnis hätten. Dabei bietet Österreich im Vergleich zu Deutschland – bezogen auf die Bevölkerungszahl – deutlich mehr Medizinstudienplätze an.

Die Universitäten versuchen durch aufwendige Testverfahren die geeignetsten Kandidaten auszuwählen, wobei man konstatieren muss, dass die Tests mehr auf die Studierfähigkeit als auf die tatsächliche Eignung für den späteren Arztberuf abzielen. Man ist nun versucht, eine weitere Aufstockung der Studienplätze zu fordern oder, wie der Gesundheitsminister jüngst meinte, die Studienplatzbeschränkungen für Medizin überhaupt abzuschaffen, was angesichts des angespannten Staatshaushalts und 12.600 Bewerbern ein kurioser Vorschlag ist. Doch ein Mehr an Studienplätzen wird dem drohenden Ärztemangel nicht begegnen, solange es nicht gelingt, die Absolventen nach ihrem Studium in unseren Spitälern und als niedergelassene Ärzte in unseren Gemeinden zu halten. Zu viele kehren Österreich den Rücken, um im Ausland zu besseren Bedingungen zu arbeiten. Die Zahl der Studienplätze wäre ausreichend, um auch in Zukunft die Versorgung sicherzustellen. Was wir aber rasch brauchen, ist die Verbesserung der finanziellen Situation von Jungärzten, der Rahmenbedingungen ihrer Anstellungsverhältnisse, familienfreundliche Beschäftigungsmodelle, weniger Regulierung und die Entlastung von nicht-medizinischen, rein bürokratischen Aufgaben.

Mehr als nur „Spritzenschani“

„Wir gehen ins Ausland, weil wir das Gefühl bekommen, keine andere Wahl zu haben.“

Falk Preißing, 1. Stellvertretender Vorsitzender der Österreichischen Hochschülerschaft Medizin Wien (für das Vorsitzteam)

Noch 2008 war die Warteliste für einen Turnusplatz beim Wiener Krankenanstaltenverbund so lang, dass man mit einer Wartezeit von drei Jahren rechnen musste. Aktuell beträgt sie nur noch null bis drei Monate. In Vorarlberg bekommt man inzwischen sogar eine Prämie, wenn man einen Turnusplatz annimmt.

Liegt es daran, dass weniger Ärztinnen und Ärzte „produziert werden“ als früher? Wohl kaum, denn mit rund 600 Absolventinnen und Absolventen pro Jahr ist die MedUni Wien die größte medizinische Universität der Welt. Die Studierenden haben sich einfach verändert. Im alten Studienplan war man dankbar für jedes bisschen Praxis, die einem beigebracht wurde. Da der neue Studienplan darauf angelegt ist, den Studierenden bereits früh praktische Inhalte zu vermitteln, erwarten wir uns, dass in den Kliniken daran angeknüpft werden kann und uns mit Offenheit und Interesse an der Lehre begegnet wird. Wir wollen nicht nur für Hilfstätigkeiten herangezogen werden, für die in anderen Ländern nicht einmal ein Universitätsabschluss nötig wäre. Wir schauen nach Deutschland, Schweiz oder Skandinavien und beobachten bessere Arbeitsbedingungen, höhere Grundgehälter und einen angenehmeren, wertschätzenden Umgang – im Gegensatz zu Österreich, wo die alten hierarchischen Strukturen noch fest verankert sind und man als Turnusärztin oder Turnusarzt oft nur ein Fußabtreter oder sogenannter Spritzenschani ist. Da viele Studierende darüber hinaus gleich nach dem Studium mit der Facharztausbildung beginnen wollen und nicht im Turnus einsteigen möchten, Wunschstellen in Österreich aber nur schwer zu bekommen sind, bewerben sich junge Ärztinnen und Ärzte häufig im Ausland. In Zeiten der EU und der Globalisierung, wo es einfach geworden ist, in ein anderes Land zu gehen, hat sich der Wettbewerb verstärkt. Österreich sollte sich darum bemühen, die eigenen Leute zu halten. Wir gehen ja nicht ins Ausland, weil es so lustig ist, das gesamte bisherige Leben, Freunde und Familie hinter sich zu lassen. Wir gehen, weil wir das Gefühl bekommen, keine andere Wahl zu haben.

V. Weilguni, Ärzte Woche 20/2014

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