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© Dieter Zakel
Big Mac stand Pate für ein neues Ordi-Konzept: „dr.ive in“ Dieter Zakel eröffnet seine Ordination am ungewöhnlichen Ort und bietet damit die „Diagnose zum Mitnehmen“ für eilige Patienten an.
 
Gesundheitspolitik 5. Mai 2014

Ärztliches Angebot für eilige Patienten

Am 1. Mai eröffnete in Wien Österreichs erster „dr.ive in“. Der Name verspricht ein medizinisches Betreuungskonzept, das schnell, nahe am Patienten und unbürokratisch hilft. Bei entsprechender Nachfrage könnte ein österreichweites Franchise-System folgen.

Nicht nur die Namensgebung und das Grundkonzept des neuen Betreuungsangebotes von Dr. Dieter Zakel orientierten sich ganz bewusst an der weltweit erfolgreichsten Franchise-Idee McDonald’s, auch die offensive Bewerbung unterscheidet sich grundlegend von herkömmlichen Ordinationseröffnungen. Von einer „medizinischen Sensation“ ist in der Eigenbeschreibung ebenso zu lesen wie von einem „Arztbesuch, so schnell und einfach wie volltanken, nur günstiger“ oder von der „Diagnose zum Mitnehmen“.

Pünktlich um sechs Uhr früh öffnete am 1. Mai 2014 an der eni-Tankstelle Krottenbachstraße 32–34 im 19. Wiener Gemeindebezirk die erste „dr.ive. in“-Ordination Österreichs. Sie ist – zumindest vorerst einmal – täglich von 6.00 Uhr bis 22.00 Uhr geöffnet, auch an Feiertagen und Wochenenden. Nach drei Monaten soll der Bedarf evaluiert und die Öffnungszeiten gegebenenfalls angepasst werden.

Ideengeber, Initiator und Betreiber der „dr.ive in“-Ordination, Dr. Dieter Zakel, sieht sein Angebot eines „schnellen, unkomplizierten Arztbesuchs als zeitgemäße Ergänzung zum Hausbesuch“. Früher sei er selbst viel auf Hausbesuchen unterwegs gewesen, erzählt der Allgemeinmediziner, Anästhesist, Intensivmediziner und Transfusionsmediziner, dabei wäre aber viel Zeit im Verkehr für die Patienten verloren gegangen. „Da habe ich mir gedacht, ich bringe meine Medizin näher zu den Menschen, dorthin, wo sie sind. So kann ich im gleichen Zeitraum mehr Patienten behandeln und ihnen mehr Zeit widmen.“

Ein idealer Platz für bestes ärztliches Service

Eine Tankstelle schien dafür der „Best Point of Service“, um einen derzeit viel strapazierten Begriff zu bemühen. Sie ist verkehrstechnisch gut erreichbar, verfügt über ausreichend Parkmöglichkeiten und hat lange geöffnet. „Eigentlich ein idealer Ort, um zu den Menschen zu kommen und die Eintrittsbarrieren möglichst niedrig zu halten“, ist Zakel überzeugt. Bisher stellten kurzfristige Arztbesuche aufgrund notwendiger Terminvereinbarungen und/oder langer Wartezeiten für viele Berufstätige ein nur schwer überwindbares Hindernis dar, Wochenenden sowieso. Die Alternative sind überfüllte und teure Spitalsambulanzen. In diesem Sinne kann die „dr.ive in“-Ordination auch als kleiner Beitrag zum von allen Seiten geforderten Umlenken der Patientenströme aus den Ambulanzen in den niedergelassenen Bereich verstanden werden.

Arzt für Eilige

In der „dr.ive in“-Ordination werden „die Probleme der Patienten ohne Terminvereinbarung oder Voranmeldung und mit einer lediglich minimalen Wartezeit innerhalb von 15 Minuten gelöst“, verspricht Zakel allen Patienten eine „hoch qualifizierte und unbürokratische Betreuung ohne Querfinanzierung“. Denn anders als Kollegen mit Kassenvertrag, wo der Verwaltungsaufwand bis zu 60 Prozent der Zeit ausmachen würde, könne er Medizin auf ihre wesentliche Aufgabe reduzieren. Durch die Auslagerung der Verwaltung an die Patienten, die sich selbst um die Rückerstattung der Kosten bei ihren Versicherungen kümmern müssen, lässt sich „die kostbare Ordinationszeit sinnvoll zu nutzen“, etwa für die rasche Feststellung gesundheitlicher Sachverhalte, die Ausgabe von Erste-Hilfe-Medikamenten oder die Ausstellung von Rezepten und Krankschreibungen.

„Viele medizinische Probleme können von einem erfahrenen Arzt schnell und einfach gelöst werden“, ist Zakel von der Bedeutung eines fundierten und qualifizierten Anamnesegesprächs überzeugt. 80 bis 90 Prozent der Diagnose könnten damit in der Regel abgedeckt werden. „Heute hören sich viele Ärzte nur oberflächlich die Beschwerden an und überweisen die Patienten weiter. Diese irren dann oft jahrelang ungeführt und ineffizient durch das System.“

Einen Kassenvertrag strebt Zakel erst gar nicht an. Sein Konzept lebe von dessen Schlankheit und Einfachheit, da wäre „jede Kontamination mit der Bürokratie Gift. Wenn man eine effiziente medizinische Betreuung nahe am Menschen anbieten will, kann man das nur außerhalb des Systems tun“. Denn die von Politikern so gerne als „bestes Gesundheitssystem der Welt“ hochgejubelte öffentliche Versorgung sei in Wahrheit patientenfern und voll von Ineffizienz und Irrationalitäten. Als Beispiel für Letzteres nennt Zakel das Diplom für Homöopathie der Ärztekammer, das nur dazu dienen würde, um einen Verdienstersatz für Ärzte zu schaffen, weil sich mit „gescheiter Medizin“ nichts mehr verdienen lasse, obwohl „jeder weiß, dass Homöopathie nicht wirkt. Gerade, dass die Ärztekammer noch kein Diplom für Astrologie anbietet“.

360-Grad-Medizin

Patienten bezahlen pro „dr.ive in“-Ordination eine Pauschale von 50 Euro. Dafür bekommen sie fünfzehn Minuten Behandlungs- bzw. Beratungszeit. Sollte sich dabei herausstellen, dass ihre gesundheitlichen Probleme einer ausführlicheren Analyse oder Therapie bedürfen, werden weiterführende Diagnosen, Maßnahmen und Therapien veranlasst.

Auch dafür bietet Zakel mit seine „360-Grad-Medizin“ ein eigenes Betreuungskonzept an. Es handelt sich dabei laut eigener Aussage um ein „Leibarztmodell modern“ oder einen „One-Stop-Shop“: Der Arzt übernimmt das gesamte Gesundheitsmanagement des Patienten. Er lotst und begleitet ihn sozusagen durch das System, sucht nach bestmöglichen individuellen Lösungen, koordiniert therapeutische, aber auch präventivmedizinische oder gesundheitsfördernde Maßnahmen, plant notwendige Eingriffe, kommuniziert und verhandelt mit Ärzten bzw. Institutionen. Der Patient zahlt für die 24-Stunden-Rundum-Erreichbarkeit seines Arztes eine Jahrespauschale von 360 Euro.

Expansionspläne

Zurück aber zur ersten „dr.ive in“-Ordination. Geht es nach dem Willen des Initiators, könnten weitere Standorte bald folgen. Da es aber auch international keinerlei Erfahrungen mit ähnlichen Systemen gibt, gilt es vorerst einmal, Erfahrungen und Daten zu sammeln und auszuwerten. „Das Produkt wird sich flexibel an den Bedarf anpassen“, verspricht Zakel. „Das gilt sowohl für die erste Ordination als auch für eine mögliche Expansion der Idee im Sinne eines Franchise-Systems, über die Bundesländer- oder auch Staatsgrenzen hinaus. Das ist wie beim Big Mac, am Ende kommt dann das ideale Produkt heraus.“

Skeptische Reaktionen

„Die Wiener Ärztekammer steht diesem neuen Konzept im Moment eher skeptisch gegenüber“, sagt der stellvertretende Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte in der Ärztekammer für Wien, Dr. Norbert Jachimowicz auf Anfrage der Ärzte-Woche: „Es wirkt wie ein Marketing-Gag. Daher wird die Ärztekammer die neue Ordination in einer Tankstelle sorgfältig beobachten. Laut Information des Arztes wird die Ordination lediglich acht Quadratmeter groß sein. So eine Ordination bietet meiner Einschätzung nach im Vergleich zu anderen Ordinationen nur sehr eingeschränkte diagnostische Möglichkeiten. Inwieweit dort eine ernst zu nehmende medizinische Behandlung möglich ist, ist fraglich.“

Dr. Gerald Bachinger, Sprecher der Patientenanwälte, begrüßt zwar grundsätzlich „innovative und kreative Initiativen, die besondere Bedürfnisse von bestimmten Patientengruppen erfüllen“, weil er solche Versuche in einem Gesundheitssystem, das weder von innen noch von außen Flexibilität und neue Angebotsformen zulässt, als absolut notwendig erachtet. Im konkreten Fall bleibt er aber vorerst auch skeptisch, weil „ein solcher ‚dr.ive in‘ nicht nach qualitätsvollem und serviceorientiertem Angebot, sondern nach ‚Junk Food‘ im Bereich der Medizin ausschaut. Dazu kommt, dass mit marktschreierischen Mitteln dafür geworben wird, was wiederum meine Begeisterung sehr dämpft.“

V. Weilguni, Ärzte Woche 19/2014

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