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© Alexandra Serra

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© ÄKVbg

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Dr.el Jonas, Präsident der Ärztekammer für Vorarlberg

© Jungwirth

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Dr. Reinhold Glehr, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM)

 
Gesundheitspolitik 7. Mai 2014

Standpunkte: Lehrpraxis für Vorarlberger Jungärzte

Ab Sommer 2014 kann in fünf Praxen die Arbeit im niedergelassenen Bereich kennengelernt werden.

Seit Langem fordern Ärztekammer und Fachgesellschaften eine verpflichtende Lehrpraxis für angehende Allgemeinmediziner. Die Sinnhaftigkeit der Maßnahme gilt auch in politischen Kreisen weitgehend als unbestritten, eine Umsetzung scheiterte aber an der fehlenden Finanzierung. Die westlichen Bundesländer sind von den Mangelerscheinungen bei der Neubesetzung niedergelassener Allgemeinpraxen besonders betroffen. Die Abwanderungswelle in attraktivere Grenzregionen der Nachbarländer ist hier besonders stark. Angesichts drohender Engpässe durch anstehende Pensionierungen ist es nicht überraschend, dass im Westen Einiges in Bewegung gerät und ein Projekt zum Ausbau von Lehrpraxen gestartet wird. Sieben Lehrpraktikanten ermöglicht ein Pilotprojekt, in einer allgemeinmedizinischen Praxis Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten für die selbstständige Führung einer Ordination zu erlernen, die sonst im stationären und ambulanten Spitalsbereich nicht erworben werden können. Auch kommen sie mit Krankheitsbildern in Berührung, die im Krankenhaus nur eingeschränkt vermittelt werden können. Das Pilotprojekt soll es in zwei Varianten geben. Zwei Ordinationen werden Jungmedizinern, die eine Selbstständigkeit anstreben, eine sechsmonatige Mitarbeit anbieten, in den restlichen drei Lehrpraxen können junge Ärzte ein Jahr lang mitarbeiten, bleiben in dieser Zeit im Krankenhaus angestellt.

Österreichweit einmalig

„Ärztinnen und Ärzte, die den Weg in die Selbstständigkeit anstreben, lernen ihren zukünftigen Alltag kennen.“

Dr. Christian Bernhard, Gesundheitslandesrat Vorarlberg

Um die Attraktivität des medizinischen Berufs zu sichern, wurden in den vergangenen Monaten verschiedenste Maßnahmen gesetzt. Dabei war die Gehaltsreform für Spitalsbedienstete in Verbindung mit einer deutlichen Aufstockung der Dienstposten ein wichtiger Meilenstein. Mit einem modernen und funktionsorientierten Gehaltssystem wurden die Bedingungen dafür geschaffen, qualifiziertes Personal zu halten und auch neue Bedienstete für die Vorarlberger Spitäler zu gewinnen. Die Reform wurde sehr gut angenommen. So haben vom medizinischen Personal fast 72 Prozent zum neuen System optiert.

Neben einer adäquaten Entlohnung spielen auch die Rahmenbedingungen für das Erlernen und Ausüben eines Berufs eine wichtige Rolle. So wurde in Vorarlberg flächendeckend ein Turnusärzte-Tätigkeitsprofil eingeführt, dies ist österreichweit einmalig. Es enthält die prioritären medizinischen Kenntnisse und Fertigkeiten, die an die jungen Ärzte zu vermitteln sind. Damit können sich diese auf ihre Ausbildung konzentrieren und werden von pflegerischen wie administrativen Tätigkeiten entlastet. Der laufende Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen ermöglicht die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Intensiv betrieben wird auch das Erarbeiten neuer Arbeitszeitmodelle. Der immer höhere Anteil an Frauen und das Streben nach einer ausgeglichenen Work-Life-Balance fordern die Arbeitgeber intensiv. Zu einer Entlastung führte auch die Schaffung von rund 100 neuen Dienstposten im vergangenen Jahr.

Die beschriebenen Maßnahmen dienen indirekt auch der Sicherstellung des Nachwuchses im niedergelassenen Bereich. Ergänzend dazu startet im Sommer 2014 ein Pilotmodell zur Förderung von Lehrpraxen. Das gibt Ärztinnen und Ärzten in Ausbildung, die den Weg in die Selbstständigkeit anstreben, die Möglichkeit, ihren zukünftigen Alltag kennenzulernen. Erste Auswirkungen dieser Maßnahmen sind bereits spürbar. So konnten im laufenden Jahr alle Turnusarztstellen in den Landeskrankenhäusern besetzt werden. Auch die Rekrutierung von Fachärzten wurde durch diese attraktiven Rahmenbedingungen erleichtert.

Erster Lösungsansatz

„Ärzte müssen ihre Verantwortung mit modernen Mitteln und Strukturen wahrnehmen können.“

Dr. Michael Jonas, Präsident der Ärztekammer für Vorarlberg

Der Ärztemangel an Vorarlbergs Krankenhäusern und auch in Teilen des niedergelassenen Bereichs ist Fakt. Verschärfend dazu kommt, dass die von der Europäischen Union verordnete Arbeitszeitverringerung eine Reihe weiterer zusätzlicher Spitalsärzte erfordern wird. Die Behebung des Ärztemangels zählt derzeit zu den größten Herausforderungen der Gesundheitspolitik.

Mit der Einführung des Pilotprojekts für Lehrpraxen wird zumindest ein erster Schritt in Richtung einer Qualitätsverbesserung in der ärztlichen Ausbildung gesetzt. Die Maßnahme alleine wird aber nicht ausreichen, um die ärztliche Versorgung dauerhaft sicherzustellen. Es wird daher Aufgabe der Politik sein, die Bedingungen für ärztliche Arbeit intensiv zu verbessern. Dabei geht es vor allem um attraktive Entlohnungsmodelle, einen strukturierten Ausbildungsplan und vernünftige situationsangepasste Arbeitszeitmodelle, aber auch um den Abbau organisatorischer, administrativer und bürokratischer Hindernisse. Ärzten muss es möglich sein, ihre Verantwortung für die Gesundheit der Bevölkerung mit modernen Mitteln und Organisationsstrukturen wahrzunehmen. Ärzte müssen wieder mehr Zeit für die Patienten haben, aber auch für wissenschaftliche Arbeit und Fortbildung. Für die Sicherstellung einer langfristigen ärztlichen Versorgung gilt es weiter, speziell frauen- und familienfreundliche Arbeitsbedingungen für einen in der Zwischenzeit mehrheitlich weiblichen Ärzteberuf zu verwirklichen.

Fraglich ist, ob der von der Gesundheitspolitik geplante Umbau der Primärversorgung mit Schaffung von interdisziplinären, multiprofessionellen Versorgungszentren anstatt ärztlicher Einzelpraxen einerseits der Forderung der Nachwuchsgeneration nach einer neuen Berufswelt entspricht und andererseits die periphere, weitverzweigte ärztliche Versorgung absichern kann. Skepsis ist allemal angebracht, da eine Realisierung ohne anschauliches Vorbild schwierig werden wird, zumal auch Fragen der Haftung und der Letztverantwortung in diesen Schreibtischprojekten „multiprofessioneller Zusammenarbeit“ noch völlig ungeklärt sind.

 

Wertschätzung muss steigen

„Vorarlberger Impulse zeigen, dass bei gutem Willen Nachwuchsprobleme gelöst werden können.“

Dr. Reinhold Glehr, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM)

Jungen Ärztinnen und Ärzten wird die Entscheidung für die Allgemeinmedizin derzeit eher schwer gemacht. Es ist ein breites Fach mit großem Weiterbildungsbedarf bei einer ganzen Fülle von Themen. Innerhalb der medizinischen Hierarchie ist es aber trotzdem eher gering geschätzt, von den Sozialversicherungen teilweise entmündigt, bei den Verträgen finanziell benachteiligt, mit Bereitschaftsdiensten im Unterschied zu den anderen Fächern im niedergelassenen Bereich belastet.

Die Ausbildungssituation bereitet insbesondere für den ländlichen Raum wenig auf die Eigenverantwortung vor, die Modelle für Gruppenpraxen, Jobsharing und Ähnliches sind noch nicht einladend, dementsprechend gibt es zunehmend Probleme mit der Nachbesetzung von Stellen.

Die verpflichtende Lehrpraxis ist sicher der wichtigste Beitrag, um die große Krise in der medizinischen Grundversorgung hintanzuhalten. Hier kann unter den Bedingungen der späteren Tätigkeit gelernt werden, man wird mit dem Management von Mitarbeitern und der Ordination im Allgemeinen vertraut, lernt die Anforderungen des Versicherungssystems kennen und kann vor allem auch Ängste abbauen. Die gemeinschaftliche Finanzierung, die Qualitätssicherung der Lehre, die Organisation im Verbund sind nun in Vorarlberg großartige Impulse, die zeigen, dass bei gutem Willen das Problem Hausärzte-Nachwuchs gelöst werden kann, ehe noch die große Not wie in Deutschland auftritt.

Die Wertschätzung allgemeinmedizinischer Arbeit muss sich verbessern. Die Änderungen der Versorgungswirklichkeit mit dem gestiegenen Betreuungsaufwand in Zusammenhang mit den demografischen Veränderungen und die damit verbundene Verantwortung insbesondere im kommunikativen Bereich sind nach wie vor nicht im Bewusstsein vieler fachärztlicher Kollegen und bei den Verantwortlichen in den Sozialversicherungen verankert. Der Bedarf an Generalisten wird mit zunehmender Spezialisierung auch im stationären Bereich weiter steigen. Die Ausbildungsrealität hinkt hinterher. Wahrscheinlich ist die Not aber noch nicht genügend groß.

V. Weilguni, Ärzte Woche 19/2014

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