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Dr. Christiane Druml, Vorsitzende der Bioethikkommission:
 
Gesundheitspolitik 5. Mai 2014

Ethik und Impfen

Diskussionsveranstaltung im Bundeskanzleramt: Impfung als Frage der gesellschaftlichen Verantwortung.

Die Europäische Impfwoche der Weltgesundheitsorganisation fand vom 22. bis 26. April 2014 unter dem Motto „Vorbeugen, Schützen, Impfen" statt. In diesem Zusammenhang luden die Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt und das Bundesministerium für Gesundheit zu einer Veranstaltung zum Thema „Ethik und Impfen" ein. Die Bioethikkommission startete mit dieser Veranstaltung ihre öffentliche Diskussion zu ethischen Fragen des Impfens.

Alois Stöger, Bundesminister für Gesundheit, eröffnete die Veranstaltung und wies auf den Stellenwert der Bioethikkommission hin.  „Impfen ist eine Maßnahme, die den industrialisierten Gesellschaften viel Schutz gebracht hat. Ich bin sehr froh, dass wir einige Impfungen kostenlos für die Menschen unseres Landes anbieten können. Durch Impfungen erzielen wir einen Krankheitsschutz, der über den individuellen Nutzen hinausgeht – wir nennen dies den Herdenschutz. So wie wir Menschen die Aufgabe haben, unsere Umwelt sinnvoll zu gestalten, so möchte ich gleichermaßen an die Verantwortung appellieren, die wir für jene übernehmen müssen, die sich selbst nicht schützen können.“

Den Hauptvortrag des Nachmittags hielt Prof. Dr. med. Dr. phil. Urban Wiesing, Eberhard Karls Universität Tübingen, Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, zum Thema „Ethik und Impfen – eine gesellschaftliche Verantwortung“. „Die Situation ist ein bisschen merkwürdig“, begann der Experte: Das medizinische Nutzenpotenzial des Impfens wird nicht ausgeschöpft. Dadurch wird auch die Herdenimmunität nicht erreicht. Dieses Phänomen finden wir auch in „reichen“ Ländern. „Impfungen sind, wie wir aus zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen wissen, erfolgreich, vergleichsweise preiswert, sie haben ein gutes Nutzen- Risiko- Verhältnis und verhindern nach Schätzungen der WHO täglich den Tod von 4.000 bis 8.000 Menschen. Die medizinische Nutzensumme der individuellen Impfentscheidung ist, so Wiesing, nicht optimal. Welche Maßnahmen sind gerechtfertigt bzw. geboten, um die Nutzensumme durch Impfung zu steigern? Insbesondere: welche Eingriffe in die Freiheit des Einzelnen?

Zurzeit ist in Österreich und Deutschland ein aktives staatliches Handeln geboten. Aufklärung und Partizipation, Transparenz und Fairness sind gute Eckpfeiler. Anreizsysteme können unterstützend angeboten werden, müssen aber transparent sein; diese können nach Patientengruppen unterschiedlich konfiguriert sein. Ein Impfzwang ist, so Wiesing, zurzeit nicht gerechtfertigt, weil vorherige Stufen nicht ausgenutzt sind.

Die folgende Diskussion hochrangiger Experten unter der Moderation von Mag. Ulrike Weiser, „Die Presse“, drehte sich sodann um Fragen der Individual- und Sozialethik. Es diskutierten: Prof. Dr.med. Dr. phil. Urban Wiesing (Universität Tübingen, Institut für Ethik und Geschichte der Medizin), Dr. Elisabeth Frank (Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde, Schulärztin und Ärztin für Anthroposophische Medizin), Bernhard Propper, (Betroffener), Prim. Prof. Dr. Karl Zwiauer (Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde, Mitglied im Nationalen Impfgremium) und Prof. Dr. Ursula Köller (Mitglied der Bioethikkommission beim BKA, Vorsitzende der Arbeitsgruppe „Impfen“). Information und Aufklärung zum Thema Impfen, so die Experten, sind unabdingbar, und zwar „am Puls der Zeit“: Die rezent eingeführte Impf-App ist ein gutes Beispiel für das Begehen neuer Wege.

 „Individuelle Verantwortung ist stets auch Verantwortung für die Gesellschaft“, schloss Doz. Dr. Pamela Rendi-Wagner, Leiterin der Sektion Öffentliche Gesundheit und medizinische Angelegenheiten im Bundesministerium für Gesundheit, das Meeting. Nach Mackmann ist die Herdenimmunität ein öffentliches Gut, ein „Schutzmantel“. Impfen ist ein solidarischer Akt. Es gilt, proaktive staatliche Ebenen zu aktivieren; das Handlungsfeld ist abgesteckt: Partizipation – Information – Aufklärung unter größtmöglicher Transparenz. Ein gutes Beispiel für eine
ausgearbeitete und bereits gestartete Aktion ist die aktuelle multi-medial konfigurierte Masern-Kampagne.

Dr. R. Höhl, springermedizin.at

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