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Erwin Spindelberger, Abgeordneter zum Nationalrat, Gesundheitssprecher der SPÖ

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Erwin Rasinger, Gesundheitssprecher der ÖVP

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr. Anna Kreil, Master of Public Health, Fachärztin für Innere Medizin, Gesundheitsexpertin der NEOS

 
Gesundheitspolitik 28. April 2014

Standpunkte: Das verstehe ich nicht!

… kommentierte Genetiker Prof. Dr. Markus Hengstschläger das geltende Verbot der Präimplantationsdiagnostik und fordert eine gesetzliche Neuregelung.

Österreich ist eines jener Länder, in denen die Präimplantationsdiagnostik nach wie vor gesetzlich verboten ist. In den meisten Staaten wird diese genetische Diagnosemethode entweder ohne gesetzliche Regelung in der Praxis angewandt, oder aber sie ist juristisch dezidiert erlaubt wie etwa in Frankreich, Dänemark, Spanien oder Großbritannien. Seit Anfang des Jahres gibt es die Möglichkeit auch in Deutschland. Nach jahrelangen, emotional geführten politischen Debatten wurden in einer der seltenen Abstimmungen im deutschen Bundestag unter Aufhebung des Fraktionszwanges – um den Abgeordneten eine persönliche Gewissensentscheidung zu ermöglichen – Gentests an Embryonen aus dem Reagenzglas grundsätzlich zugelassen. Gleichzeitig wurden dafür aber klare Grenzen festgelegt, etwa wenn die Genanlagen der Eltern eine Tot- oder Fehlgeburt oder schwere Krankheit des Kindes wahrscheinlich machen.

Die deutsche Entscheidung hat der heimischen Diskussion zusätzliche Dynamik verliehen. Für viele Mediziner ist nicht nachvollziehbar, warum auf der einen Seite zwar risikobehaftete Schwangerschaftsabbrüche bis zu einem sehr späten Zeitpunkt möglich sind, wenn eine entsprechende medizinische Indikation vorliegt, auf der anderen Seite aber diese für Frau und Embryo risikolose Methode nicht. „Es gibt Länder, wo alles erlaubt ist und einige wenige, wie Iran oder Irak, wo alles verboten ist“, sagt Hengstschläger. „Österreich jedoch ist das einzige Land der Welt, wo das eine möglich ist, das andere aber nicht. Das verstehe ich nicht.“

 

Gesetzesänderung überfällig

„Präimplantationsdiagnostik kann mehr sein als bloße Alternative zur ‚Schwangerschaft auf Probe‘.“

Erwin Spindelberger, Abgeordneter zum Nationalrat, Gesundheitssprecher der SPÖ

Seit vielen Jahren köchelt in Österreich die öffentliche und politische Diskussion um die medizinischen Vorteile bzw. ethischen Gefahren durch die Einführung einer genetischen Diagnostik. Diese soll dabei helfen, eine genetische Krankheit schon vorab zu erkennen, noch bevor ein künstlich befruchteter Embryo in den Mutterleib eingepflanzt wird. Derzeit ist in Österreich ausschließlich eine optische Diagnostik erlaubt, bei der – gelinde gesagt –- sehr wenig bis gar nichts diagnostiziert werden kann. Gleichzeitig begibt sich eine Frau, der ein künstlich befruchteter Embryo eingepflanzt wird, in eine sogenannte Schwangerschaft auf Probe, die erst dann wieder, sofern medizinisch notwendig, unterbrochen bzw. abgebrochen werden kann.

Die genetische Diagnose ist in Frankreich, Spanien, Dänemark oder auch Großbritannien bereits möglich. In Österreich ist im Fortpflanzungsmedizin-Gesetz genau geregelt, welche Diagnose erstellt werden darf. Eine entsprechende Änderung bzw. Novelle im Gentechnikgesetz könnte allerdings bewirken, dass eine genetische Diagnostik zur umfassenden Untersuchung eines künstlich befruchteten Embryos möglich wird. Gespräche in der Bioethikkommission laufen dazu zwar seit Jahren, allerdings spießt es sich bisher auch am Willen des Regierungspartners. Denn eine genetische Diagnostik, eine Präimplantationsdiagnostik, kann mehr als nur eine realistische Alternative zur „Schwangerschaft auf Probe“ sein. Deshalb ist eine Gesetzesänderung längst überfällig, damit betroffene Eltern nicht weiterhin solchen psychischen und körperlichen Belastungen ausgesetzt sind.

Im Zuge der politischen Diskussionen um eine Gesetzesnovellierung dürfen wir nicht vergessen, dass längst auch eine Liberalisierung der Samenspende überfällig und eine entsprechende Neuregelung erforderlich ist. Derzeit kann ja nur der Lebensgefährte bzw. Ehegatte dafür herangezogen werden. Eine künstliche Befruchtung muss durch jeden Spender möglich sein. Das soll auch für alleinstehende Frauen oder lesbische Paare gelten.

Lösung bis Ende des Jahres

„Wünschenswert sind breite öffentliche Debatte und Abstimmung ohne Klubzwang.“

Dr. Erwin Rasinger, Gesundheitssprecher der ÖVP

Der Verfassungsgerichtshof hat Bestimmungen des Fortpflanzungsmedizingesetzes aufgehoben und Fristen bis Ende 2014 gesetzt. Dies betrifft das bisherige Verbot der Eizellspende beziehungsweise die Samenspende bei der In-vitro-Fertilisation. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, auch eine Lösung bei der Präimplantationsdiagnostik zu erreichen. Behindertenverbände und Kirche lehnen sie vehement als unzulässiges Selektionskriterium ab. Andere, darunter auch viele Ärzte, fordern ihre Zulassung und sehen kein Missbrauchsrisiko.

Es ist auch schwer argumentierbar, den Schwangerschaftsabbruch zuzulassen und im 8-Zellstadium rigorose Verbote aufrechtzuerhalten. Vor allem Familien mit einem aufgrund eines genetischen Fehlers schwerstbehinderten Kind wünschen sich Sicherheit, nicht ein zweites Mal getroffen zu werden und nicht erst eine Zottenbiopsie abwarten zu müssen.

Die Bioethikkommission im Bundeskanzleramt befürwortet mit großer Mehrheit ein Zulassen der Präimplantationsdiagnostik. Kommt jetzt in Österreich die Selektion zum Wunschkind? Ist jeder Fortschritt ein solcher? Aus Sicht der ÖVP sicher nicht. Vernünftig wäre es, den deutschen Weg zu wählen: Zuerst ein breite Debatte in der Öffentlichkeit und dann im Nationalrat unterschiedliche Gesetzesanträge ohne Klubzwang fraktionsübergreifend abstimmen zu lassen. Diese Vorgangsweise hat im deutschen Bundestag beispielgebend funktioniert und wurde als Sternstunde des Parlamentarismus bezeichnet. Nach wochenlangen harten, aber sachlich fairen Diskussionen lagen drei unterschiedliche Gesetzesentwürfe vor. Die deutliche Mehrheit erhielt der Antrag, die Präimplantationsdiagnostik sehr eingeschränkt nur bei schon betroffenen Familien zuzulassen. Für Österreich wäre eine breite ethische Diskussion, was wir am Beginn des Lebens zulassen wollen, sehr wünschenswert. Bis Ende des Jahres sollte dann im Parlament eine hoffentlich fraktionsübergreifende Entscheidung getroffen werden. Dies wäre auch in Österreich eine Sternstunde des Parlamentarismus.

Psychische Belastung reduzieren

„Würde im Sinne von Vorbeugung das Leid aller Beteiligten deutlich erleichtern.“

Dr. Anna Kreil, Master of Public Health, Fachärztin für Innere Medizin, Gesundheitsexpertin der NEOS

Die Präimplantationsdiagnostik ist eine interessante wie umstrittene Möglichkeit der Medizin. Eine Reihe von genetischen Erkrankungen, die schon während der Schwangerschaft oder bis kurz nach der Geburt zu so schweren Schäden beim Ungeborenen oder Säugling führen, dass keine Lebensfähigkeit besteht, kann man mithilfe der modernen Molekularbiologie/Medizin mittlerweile schon gut bei einem befruchteten Embryo im frühesten Entwicklungsstadium diagnostizieren.

Was würde dieser Schritt der Präimplantationsdiagnostik für die betroffenen Mütter, Väter oder Familien bedeuten, bei deren möglichen Kindern ein sehr hohes Risiko auf eine bestimmte Erbkrankheit besteht, die man mittels dieser neuen Technik untersucht? Die Unsicherheit, die Angst und damit die psychische Belastung der ganzen Familie, ein schwerstkrankes und nicht lebensfähiges Kind zu erwarten und es gleichzeitig nach einer eventuell komplizierten Befruchtung und belastenden Schwangerschaft zu verlieren, würde sich deutlich reduzieren. Die Schwangerschaftsabbrüche, pränatalen Untersuchungen und die damit einhergehenden Risiken an Komplikationen würden ebenfalls weniger werden.

Ein solcher Eingriff würde im Sinne von Vorbeugung das Leid aller Beteiligten deutlich erleichtern und, auf diese Erkrankung bezogen, gesunde Kinder ermöglichen - mit denselben Risiken, die das weitere Leben für alle mit sich bringt.

Natürlich müssen die Gesellschaft, die Medizin und die Politik die Bedenken vieler über die mögliche, utopische und aufgrund der Komplexität in weiter Ferne liegende Erzeugung von Designerbabys und die Bedenken über das Recht auf Leben ernst nehmen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen mit Experten aus allen Bereichen sollten diskutiert werden und letztendlich in all diesen Bereichen zu einer kongruenten Gesetzeslage führen, die einerseits den medizinischen Fortschritt auch im Sinne von Prävention und Risikoreduktion als auch andererseits die Ängste der Menschen, sowohl der Betroffenen als auch der Gesellschaft, im Auge behält.

V. Weilguni, Ärzte Woche 18/2014

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