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Gesundheitspolitik 17. April 2014

Wer braucht mündige Patienten?

Das 2. Forum für Gesundheitsmarketing widmete sich der Fragestellung, warum eine gute Kommunikation so essenziell für ein funktionierendes Gesundheitswesen wäre, aber so selten funktioniert.

„Gelungene Kommunikation auf den unterschiedlichen Beziehungsebenen zwischen den Akteuren ist im täglichen Zusammenwirken das Um und Auf am Weg zur Gesundheit“, sagte Dr. Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit der Wirtschaftskammer im Rahmen des 2. Forums für Gesundheitsmarketing in der Wiener Wolke 19. „In diesem Sinn hat die Kommunikation auch durchaus eine heilende Dimension.“ Wie wichtig, gleichzeitig aber auch wie schwierig Kommunikation im Gesundheitssystem insgesamt sein kann, zeige sich aktuell nicht nur – aber in besonderem Maße auch – an den Beispielen ELGA und Brustkrebs-Screening.

Kommunikation auf unterschiedlichsten Beziehungsebenen umfasst die interprofessionelle Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Berufsgruppen ebenso wie zwischen Industrie und Ärzten, medialen Content-Anbietern und potenziellen Patienten, innerhalb der Ärzteschaft, zwischen Anbietern von Gesundheitsleistungen und Stakeholdern aus Politik und Wirtschaft und nicht zuletzt, zwischen Ärzten und Patienten.

„Moderne Gesundheitssysteme erkennen immer stärker die Notwendigkeit, den Patienten in den Mittelpunkt aller Bemühungen zu stellen. Das bedeutet aber auch, dass der Patient als wesentlicher Player fähig sein muss, eigenverantwortliche Entscheidungen, die seine Gesundheit betreffen, mitzubestimmen“, sagt Dr. Andrea Kdolsky, Managing Director Healthcare Services & Pharmaceuticals bei PwC Österreich, und beantwortete damit auch die zentrale Frage des Forums: Wer braucht mündige Patienten?

Angst vor aktiven Patienten?

„Gut und richtig informiert zu sein, ist ein erster und richtiger Schritt, um den Patienten aus seiner passiven, duldenden Rolle in die aktive, selbstbestimmte zu bringen“, ist Kdolsky überzeugt. Letztendlich könne nur ein selbstbestimmter Patient die Arbeit des medizinischen Personals wirkungsvoll unterstützen, auch wenn viele Ärzte heute noch eher Angst vor Autoritäts- und Machtverlust hätten als den Mehrwert eines mitwirkenden Patienten im Diagnose- und Therapieprozess zu erkennen.

Kdolsky fordert aber auch die Politik auf, ihre Verantwortung wahrzunehmen und den Patienten die technischen Möglichkeiten und Angebote zur Verfügung zu stellen, die es braucht, um sich zu informieren, gleichzeitig aber auch, um mit ihren Interessen von den Entscheidern wahrgenommen zu werden.

Selbsthilfegruppen stärken

Ein wesentlicher Baustein zur Förderung der Gesundheitskompetenz der Patienten als Voraussetzung jeder Selbstbestimmung sei die Stärkung der Selbsthilfegruppen, meint Mag. Andrea Fried, Bundesgeschäftsführerin der ARGE Selbsthilfe Österreich. Das Spektrum der rund 1.500 medizinischen Selbsthilfegruppen reiche weit über die emotionale Unterstützung durch Mitbetroffene hinaus, umfasse unter anderem konkrete Tipps, fundierte und abgesicherte Informationen, Präventionsangebote und Schulungen bis hin zu einer selbstbewussten Interessenvertretung.

„Studien zeigen, dass Selbsthilfe die Gesundheitskompetenz der Menschen fördert. Das sollte der Politik und den Finanziers auch etwas wert sein“, wünscht sich Fried daher mehr Anerkennung und Unterstützung. Dieser Wunsch gehe in erster Linie in Richtung der Ärzte und Gesundheitsdienstleister, sagt Fried, denn „während Politik und Sozialversicherung den Selbsthilfegruppen zumeist sehr offen und positiv gegenüberstehen, überwiegen bei den Sozial- und Gesundheitsberufen eher Distanz, Desinteresse oder gar ein reflexartiges Abwehrverhalten. Häufig sind mangelndes Wissen und manchmal sogar Ängste der Grund dafür.“ Für Fried ist der Lernprozess aber durchaus zweiseitig: „Patienten müssen das Versorgungsgeschehen besser verstehen, um ihren eigenen Beitrag zur Gesundung leisten und die Gesundheitsdienste angemessen nützen zu können. Gesundheitsberufe müssen das Wissen und die Präferenzen der Patienten besser verstehen, um angemessen behandeln zu können.“

Arzt-Patient-Gespräch

Der ausgebildete Sprachwissenschaftler Dr. Peter Nowak, Abteilungsleiter Gesundheit und Gesellschaft bei der Gesundheit Österreich GmbH, tut sich mit dem abstrakten Begriff der Kommunikation eher schwer, spricht lieber über die Bedeutung des konkreten Arzt-Patienten-Gesprächs: „Das Gespräch ist der Entscheidungsplatz im Gesundheitssystem.“ Seine Bedeutung sei insbesondere aus Sicht der Patienten enorm, das würden zahlreiche Studien und Befragungen bestätigen. Als Beispiel zitiert Novak aus einer Studie von Stahl/Nadj-Kitter aus dem Jahr 2013 zum Zusammenhang von Gesprächsqualität und Gesamtzufriedenheit mit der medizinischen Versorgung. Demnach sind 60 Prozent der Gesamtzufriedenheit der Patienten direkt abhängig von der Quantität und auch Qualität des Arzt-Patienten-Gesprächs beziehungsweise des Gesprächs zwischen Pflege und Patienten.

Es kommt dabei aber nicht nur darauf an, sich die notwendige Zeit für solche Gespräche zu nehmen, sondern auch die Kompetenz dafür zu haben, diese für den Patienten partnerschaftlich, wertschätzend und informativ zu gestalten. Entscheidend sei ja am Ende nicht, was der Arzt dem Patienten sagt, sondern das, was beim Patienten davon verständlich ankommt. Jemand, der kommunikativ gut ausgebildet ist, könne oft auch in wenigen Minuten etwas vermitteln, was andere in Stunden nicht schaffen.

Insgesamt haben Österreichs Gesundheitsberufe jedenfalls „ein Problem, was das direkte Gespräch betrifft“, so die Diagnose Nowaks. Er bezieht sich dabei unter anderem auf die viel zitierte Health Literacy Studie von Prof. Dr. Jürgen Pelikan vom Ludwig Boltzmann Institut, die acht EU-Mitgliedsstaaten vergleicht. Österreich schneidet dabei durchgängig unterdurchschnittlich ab, um das mediale Schlagwort „dramatisch“ zu vermeiden. So kann etwa mehr als ein Drittel der Befragten auf Basis der Informationen durch den Arzt keine Therapieentscheidung treffen.

Gesprächskultur

Zudem verkomme ärztliches Gespräch immer mehr „zur juristischen Notwendigkeit für Ärzte, um sich rechtlich abzusichern“, statt es als ein „wert- und wirkungsvolles Instrument in der Arzt-Patientenbeziehung“ zu nutzen, klagt Nowak. Die relevante Frage, die sich ihm stellt, lautet daher: „Wie entwickeln wir die Gesprächskultur weiter? Und wer will das überhaupt? Ich habe 1984 meine erste Untersuchung zur Arzt-Patienten-Beziehung gemacht. Ich glaube, in den 30 Jahren seither hat sich nicht viel geändert.“ Vielmehr gäbe es Hinweise darauf, dass diese Kultur „eher noch schlechter wird als besser“.

Ziel müsse jedenfalls eine Kultur sein, die den Patienten als selbstbestimmten Produzenten von Gesundheit anerkennt. In einer solchen Kultur dürfe der Gesundheitsprofi nicht länger Anordner sein, sondern müsse sich vielmehr zum Unterstützer und Begleiter wandeln.

Professionelle Gesundheitsversorgung ist in diesem Sinn viel stärker als bisher eine kommunikative Aufgabe. Um diese erfüllen zu können, brauchen die Gesundheitsanbieter neben den entsprechenden Werkzeugen aber auch fördernde Rahmenbedingungen – rechtliche und organisatorische ebenso wie finanzielle, etwa in Form neuer Honorierungsmodelle. Gute Kommunikation brauche eben Zeit, eine Ressource, die im derzeitigen System die größte Mangelware darstellt.

Wenn der Kulturwandel gelingen soll, davon ist Nowak überzeugt, dann müssen die Ärzte und andere Gesundheitsanbieter auch aktiv in die Neugestaltung dieser Rahmenbedingungen mit einbezogen und für neue Ideen gewonnen werden, denn sonst „wird das alles nichts“.

V. Weilguni, Ärzte Woche 17/2014

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