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Gesundheitspolitik 7. April 2014

Mein Hausarzt

Bis zum Sommer will die Bundeszielsteuerungskommission ein Konzept beschließen, wie die Primärversorgung zukünftig gestaltet – und damit gleichzeitig auch gestärkt – werden soll. Das gemeinsame Ziel eint die Verhandlungspartner, der Weg dorthin trennt sie aber doch wieder.

In Österreich soll die Gesundheitsversorgung außerhalb der Spitäler neu organisiert werden. Ob ausschließlich Hausärzte das Fundament dafür bilden sollen, wie es das neue Modell der Österreichischen Ärztekammer vorsieht, oder eine Art Lotsensystem entstehen soll, in dem multiprofessionelle Netzwerke eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung anbieten, darüber wird noch heftig gestritten. Das zweite Modell wird von Politik und Sozialversicherung präferiert, weil – so die Wiener Gesundheitsstadträtin Mag. Sonja Wehsely – „wir eine durchgehend gesicherte Erreichbarkeit für Patienten benötigen, da sich Krankheiten nicht an Ordi-Zeiten halten.“ Viel Zeit für eine Einigung bleibt nicht: Bund, Länder und Krankenkassen, aber auch Ärzte und Pflegepersonal sollen sich bis Jahresmitte darauf verständigt haben, um noch heuer erste Modelle starten zu können.

Über das Ziel sind sich immerhin beinahe alle einig. Das alleine ist fast schon eine Rarität in der aktuellen Gesundheitspolitik dieses Landes. Das Ziel lautet: Die medizinische Primärversorgung muss gestärkt und verbessert werden, aus rein medizinischen Gründen ebenso wie aus finanziellen, um das öffentliche Versorgungssystem langfristig in einem leistbaren Rahmen zu halten.

Ein gemeinsames Ziel von politischen Entscheidern, Zahlern und Anbietern, das sollte eigentlich Mut machen, dass dieses Vorhaben auch gelingen möge. Die Betonung liegt auf dem Konjunktiv. Der gelernte Österreicher ist mittlerweile vorsichtig geworden, denn wie immer liegen die Stolpersteine am Weg in den Details. Wird der Weg aber unterwegs zu steinig, hat er schon so manchen Entscheidungsträger zur Umkehr veranlasst – frei nach dem Motto: lieber ein unbefriedigender Status quo, als eine politisch riskante Erstbesteigung. Verschärfend kommt hinzu, dass die Wähler dieses Status quo ohnehin überwiegend positiv beurteilen. Das Wissen um eine langfristige Überlastung des Systems ist da weniger relevant, denn „übermorgen“ ist nach wie vor keine politische Erfolgskategorie. Aber das wäre eine ganz andere Geschichte …

Zwischen Bekenntnis und Realität

Das politische Bekenntnis zur Stärkung der Primärversorgung ist nicht neu, die Realität sieht aber ganz anders aus. Österreich verfügt gegenwärtig zwar über viel mehr Krankenhausbetten als im europäischen Durchschnitt, zugleich aber über deutlich weniger Allgemeinmediziner als Länder, die eine unterdurchschnittliche Spitalsdichte aufweisen. In den vergangenen Jahren wurden trotz wachsender Bevölkerung und steigender Lebenserwartung zudem Kassenstellen abgebaut. Gab es im Jahr 2000 noch 8.491 niedergelassene Ärzte mit Kassenvertrag, so sind es heute nur mehr 7.041. Damit beträgt das Verhältnis von Kassenarzt zu Einwohnern 1 : 1.208, eine Steigerung von 28 Prozent seit dem Jahr 2000.

Im Moment passiere genau das Gegenteil zu einer Stärkung der Primärversorgung, kritisiert denn auch der stellvertretende Obmann der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte, Dr. Gert Wiegele: „Die Basis wird immer dünner. Mein Eindruck ist, sie wird absichtlich ausgehungert.“ Das sieht auch sein Kollege, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Dr. Johannes Steinhart so: „Entweder ist den Verantwortlichen noch immer nicht bewusst, wie sehr sie die niedergelassenen Ärzte in ihrer Arbeit behindern, oder Politik und Sozialversicherung steuern absichtlich den Kollaps der Versorgung durch niedergelassene Ärzte an, um diese langfristig durch zentral steuerbare, anonyme Versorgungszentren ersetzen zu können.“

Die Versorgungssituation wird sich in den kommenden Jahren allerdings weiter zuspitzen. Mehr als die Hälfte der heimischen Kassenärzte sind 55 Jahre alt oder älter und werden in den kommenden zehn Jahren pensionsbedingt ausfallen. Nachfolger sind dafür – vor allem am Land – kaum in Sicht.

Zusätzliche Kassenstellen

„Eine gute Primärversorgung ist nur mit einem starken niedergelassenen Sektor möglich“, ist Steinhart, er ist auch Obmann der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte, überzeugt. Aus diesem Grund fordere die Bundeskurie schon seit Jahren Ausbau und Aufwertung der medizinischen Versorgung durch niedergelassene Ärzte. Voraussetzung dafür wären laut internen Berechnungen der Kammer 1.300 zusätzliche Kassenstellen.

Die beiden Kammerfunktionäre begrüßen die nun endlich in Gang gekommene Diskussion über die Zukunft der Primärversorgung, finden es aber „befremdlich, dass einige gesundheitspolitische Protagonisten so agieren, als müsste das Rad neu erfunden werden“, formuliert es Wiegele. „Wir sind dagegen, dass in ein gut funktionierendes System eine völlige neue Versorgungsebene eingezogen werden soll. Aus unserer Sicht kann Primärversorgung nicht zu einer bloßen Zuteilungsstelle degradiert werden.“

Eine niederschwellige und wohnortnahe medizinische Versorgung könnte daher am besten durch die niedergelassenen Hausärzte sichergestellt werden, ergänzt Steinhart, die heute schon „für viele Menschen die Rolle von Vertrauensärzten, Patientenmanagern und Lotsen im Gesundheitssystem einnehmen.“ Nicht umsonst würden Patienten von „meinem Hausarzt“ reden, das allein zeige das große Vertrauen, dass die Hausärzte in der Bevölkerung genießen würden. „Die Politik muss begreifen, dass irgendwelche bürokratischen Organisationsformen nicht funktionieren werden, die am Reißbrett entworfen werden.“

Das neue Hausarztmodell der Ärztekammer

Das neue – aufgrund der bisherigen öffentlichen Diskussionen – überarbeitete Haus- und Vertrauensarztmodell der Österreichischen Ärztekammer beruht auf einer sogenannten „Versorgungspyramide“. Demnach steigt der Patient, mit Ausnahme von Notfällen, über die Basisebene, also den Haus- und Vertrauensarzt, ins System ein. In den meisten Fällen wird ein Allgemeinmediziner diese Rolle übernehmen, grundsätzlich kommen aber auch Fachärzte dafür in Betracht. Der Vertrauensarzt wird als zentraler Ansprechpartner für andere behandelnde Ärzte auf der E-Card registriert. Aufgrund ihrer umfassenden Kenntnisse von Krankengeschichte und sozialem Umfeld führen die Vertrauensärzte Patienten als Behandler, Berater und Koordinator auf den richtigen Weg im Gesundheitssystem. Das sieht auch Prof. Dr. Josef Smolle, Rektor der Medizinischen Universität Graz, ähnlich: „Sie haben den entscheidenden Vorteil, ihre Patienten oft über viele Jahre zu kennen und zu betreuen, und können daher auch viele Gesundheitsprobleme lösen, ohne dass weitere Überweisungen nötig wären.“ Um das aber auch leisten zu könnten, müssten zwei wesentliche Voraussetzungen erfüllt sein, meint Smolle: „Sie müssen für diese Tätigkeit ausreichend remuneriert werden. Und wir müssen noch mehr Wert auf eine fundierte Ausbildung der Allgemeinmediziner legen.“

Eine weitere Voraussetzung für die Sicherung einer vertrauensärztlichen Versorgung wären zeitgemäße Formen ärztlicher, aber auch multiprofessioneller Zusammenarbeit, wie dies von vielen Seiten, etwa auch vom Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverband, gefordert wird. Die Ärzte würden sich keineswegs dagegen wehren, versichert Wiegele, allerdings fehlten dafür sowohl die behördlichen wie finanziellen Voraussetzungen seitens der Kassen wie auch das Angebot: „Ich stehe auf Kooperation, ich brauche selbst eine funktionierende Vernetzung. Ich kooperiere mit allen, die ich habe – aber viele habe ich nicht. Es mangelt vor allem am Land vielerorts an entsprechenden Kooperationspartnern.“

Um die Patientenströme von den vergleichsweise teuren Spitalsambulanzen in die Ordinationen zu lenken, schlägt die Ärztekammer Anreizsysteme vor. So sollten Patienten, die sich auf freiwilliger Basis entscheiden, medizinische Leistungen primär über den Hausarzt in Anspruch zu nehmen, etwa von niedrigeren Rezeptgebühren oder einem reduzierten Sozialversicherungsbeitrag profitieren.

V. Weilguni, Ärzte Woche 15/2014

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