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Gesundheitspolitik 7. April 2014

20 Jahre Kompetenz in der Schmerztherapie

Kein Sparen auf Kosten von Schmerzpatienten – kompetente Schmerztherapie statt Sterbehilfe.

Das 18. Internationale Schmerzsymposium in Wien beschäftigte sich mit den erheblichen Fortschritten in der Schmerzmedizin in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Trotz aller positiven Entwicklungen bleiben viele Probleme jedoch ungelöst. So warnen Experten davor, in Zeiten starken finanziellen Drucks auf das Gesundheitssystem gerade auf Kosten von Schmerzpatienten zu sparen. Thematisiert wurde auch das Thema Sterbehilfe. Kompetente Schmerztherapie stelle eine Alternative dar, betonte der Präsident der Europäischen Schmerzföderation EFIC, Prof. Hans Georg Kress und Leiter der Klinischen Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie der MedUni Wien.

Vor zwei Jahrzehnten wurde an der Wiener Universitätsklinik für Anästhesie erstmals eine eigene Abteilung für spezielle Schmerztherapie eingerichtet, die sich zu einem internationalen Kompetenzzentrum moderner Schmerzmedizin entwickelt hat. „In dieser Zeit konnten für Schmerzpatienten spürbare Fortschritte erreicht werden. Vielen neue Therapieformen wurden entwickelt, das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer kompetenten Schmerzbehandlung durch spezialisierte Experten hat sich deutlich verbessert“, so Kress. „Wir haben heute ein umfangreiches und wirksames Instrumentarium schmerzmedizinischer Methoden und Medikamente zur Verfügung. Das Ziel muss sein, dieses auch konsequent und kompetent bei allen Patienten einzusetzen. Bedauerlicherweise ist das aber nach wie vor nicht der Fall.“ So ist etwa ein Drittel aller chronischen Schmerzpatienten unbehandelt. In einer rezenten österreichischen Untersuchung gab nahezu die Hälfte der Spitalspatienten an, an Schmerzen zu leiden.

Sparen am falschen Platz

Weil aber gerade unzureichend behandelter Akutschmerz in einem hohen Maße chronisch wird, hat hier eine fehlende Behandlung nicht nur dramatische Auswirkungen auf die Lebensqualität Betroffener, sondern auch volkswirtschaftliche Konsequenzen, wie Kress betont: „Rund 20 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in der EU leiden an chronischen Schmerzen. Die gesamten direkten und indirekten Kosten chronischer Schmerzen machen etwa 1,5 bis drei Prozent der gesamten europäischen Wirtschaftsleistung aus.“ Hier läge erhebliches Potenzial für intelligentes Sparen.

„Bedauerlicherweise führt aber der Kostendruck im Gesundheitswesen dazu, dass ausgerechnet und in überdurchschnittlichem Ausmaß bei der kompetenten Behandlung von Schmerzpatienten gespart wird. Ein Beispiel dafür – ein seit 20 Jahren bewährter 24-Stunden-Akutschmerzdienst ist dem Sparstift der Medizinischen Universität Wien zum Opfer gefallen. Das bedeutet, dass Menschen im Spital, die an schwer beherrschbaren Schmerzen leiden, kompetente Hilfe vorenthalten wird“, so Kress.

Die Bedeutung solcher Schmerzdienste unterstrich auch der designierte Präsident der weltweit größten internationalen Schmerzgesellschaft (International Association for the Study of Pain, IASP), Prof. Dr. Rolf-Detlef Treede. „Eine Reihe von aktuellen Untersuchungen belegt, wie erfolgreich spezialisierte, rund um die Uhr verfügbare Akutschmerzdienste in Krankenhäusern sind. So zeigt etwa eine aktuelle deutsche Studie, dass Patienten auf internistischen Stationen heute stärker an Schmerzen leiden als auf chirurgischen Stationen, wo man postoperative Schmerzen vermuten würde, wo aber vermehrt spezielle Akutschmerzdienste tätig sind. Und eine aktuelle HTA-Studie hat belegt, dass gut organisierte Akutschmerztherapie auf postoperativen und konservativen Stationen nicht nur wirksam, sondern auch kosteneffektiv ist, nicht zuletzt aufgrund einer Verkürzung der Liegezeiten. Weil die Evidenz für solche Akutschmerzdienste spricht, sind immer mehr Länder weltweit bemüht, diesen Standard im Sinne des Ziels eines ‚schmerzarmen Krankenhauses‘ flächendeckend einzuführen. Es wäre dramatisch, wenn aus Kostengründen solche Fortschritte wieder zurückgefahren werden.“

Hier sei auch die Gesundheitspolitik gefordert, betonte Kress, die der Behandlung chronischer und akuter Schmerzen Priorität einräumen müsse. „Das muss sich auch darin ausdrücken, dass die Politik den Krankenhäusern ausreichend Personal und Mittel für die Schmerzbehandlung zur Verfügung stellt und auch im extramuralen Bereich spezialisierte Versorgung fördert.“

Sterbehilfe – kompetente Schmerztherapie als Alternative

„Sparen bei kompetenter Schmerztherapie müsse durchaus auch im Kontext der Diskussion um ärztliche Sterbehilfe gesehen werden“, so Kress. Diese hatte sich zuletzt aufgrund der Debatte um ein verfassungsrechtliches Verbot in Österreich aktualisiert, aber auch wegen der Ausweitung des belgischen Sterbehilfegesetzes auf Kinder, wobei starke Schmerzen ausdrücklich als Euthanasiegrund genannt werden. „Das ist in höchstem Maße irritierend und zynisch, weil selbstverständlich auch für Kinder sehr wirksame Methoden zur Schmerztherapie zur Verfügung stehen. Das wird in dieser Argumentation nicht einmal berücksichtigt. Insgesamt habe ich Sorge, dass hier einer immer ungebremster auftretenden problematischen Entwicklung der Weg gebahnt wird. Je größer der Spardruck im Gesundheitssystem insgesamt und je mehr dieser auch auf Kosten kompetenter und ausreichend verfügbarer Schmerztherapie geht, desto stärker wird auch der Druck in Richtung Sterbehilfe. Hier geht es dann gar nicht, wie oft vorgegeben, um Selbstbestimmung oder Autonomie, sondern um eine billige Endlösung.“

Als unerträglich erlebte Schmerzen gehören zu den häufigsten Motiven, wenn Schwerkranke den Wunsch nach Sterbehilfe äußern, umgekehrt verschwindet bei einer kompetenten und wirksamen Schmerzbehandlung dieser Wunsch, so Kress. Aus medizinischer Sicht ist der Wunsch nach Sterbehilfe – sofern er tatsächlich von Betroffenen selbst geäußert wird – immer ein Hilferuf. Mit umfassender schmerzmedizinischer Betreuung können wir in vielen Fällen Linderung schaffen und damit dem Wunsch nach Sterbehilfe abhelfen.“ Für einige schwerst leidende Patienten sei die palliative Sedierung eine akzeptable Lösung. „Wir brauchen kompetente Schmerztherapie statt Sterbehilfe, und deshalb dürfen wir diese Angebote nicht zu Tode sparen“, so Kress.

Quelle: Pressekonferenz zum 18. Internationalen Schmerzsymposium, 7. März 2014, Wien

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