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Dr. Christoph Reisner, Präsident der Ärztekammer für Niederösterreich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Foto Wilke

Dr. Martin Hochstöger, Präsident der Apothekerkammer Tirol

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Elisabeth Grebe/BMG

Alois Stöger, Bundesminister für Gesundheit

 
Gesundheitspolitik 9. April 2014

Standpunkte - Zeit und Weg ersparen: Ärzte wollen Dispensierrecht

Geht es nach den Vorstellungen der Ärztekammer, dann werden zukünftig auch Ärzte ohne Apotheken-Konzessionen Arzneimittel abgeben dürfen. Die Apothekerkammer sieht dadurch die Partnerschaft der beiden Berufsgruppen ernsthaft gefährdet.

Schon seit 2006 schlummerte in der Schublade der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte ein Konzept der niederösterreichischen Landeskammer, das eine Arzneimittelvergabe in der Ordination auch dann vorsieht, wenn diese über keine Apotheken-Konzession verfügt. Nun sei das Konzept in adaptierter Form von den Bundeskurie-Gremien beschlossen worden, gab ein Sprecher bekannt. Der Initiator des Konzepts „Dispensierrecht für Ärzte“ sieht darin eine Serviceleistung der Ärzte an ihre Patienten im Sinne des von der Gesundheitsreform propagierten „Best Point of Service“-Gedankens.

Zukünftig soll jeder niedergelassene Arzt, unabhängig davon, ob Kassen- oder Wahlarzt, zwischen 20 und 40 verschiedene Medikamente direkt an seine Patienten abgeben dürfen. So jedenfalls sieht es das Konzept vor. Für bestimmte Fachärzte sollen noch eigene Listen erstellt werden. Es handle sich hierbei um eine Ergänzung, nicht um eine Konkurrenz zu den mehr als 1.300 öffentlichen Apotheken sowie den rund 900 ärztlichen Hausapotheken in ländlichen Regionen, betont Reisner. Ob der Arzt die Medikamente am Ende über Apotheken bezieht oder von der Sozialversicherung zur Verfügung gestellt bekommt, sei dabei nicht relevant. Der Arzt sollte für diesen Service nicht aus der „Spanne“ entlohnt werden, sondern „für die Dienstleistung ein Honorar“ erhalten. Eine Umsetzung der Pläne wird als durchaus realistisch eingeschätzt, schließlich müsste man dafür am österreichischen Apothekengesetz nur „ganz wenig ändern“. Für die Apothekerkammer ist das Begehren der Ärztekammer „aus gesundheitspolitischer Sicht nicht nachvollziehbar“. Sie sieht dadurch vielmehr die flächendeckende Versorgung mit Apotheken in Österreich gefährdet.

Wahlmöglichkeit ist immer ein Vorteil

„Es geht uns nicht um den Verkauf, sondern um die Abgabe von Arzneimitteln.“

Dr. Christoph Reisner, Präsident der Ärztekammer für Niederösterreich

Es ist unbestritten, dass eine Bezugsmöglichkeit für rezeptpflichtige Medikamente in Ordinationen Vorteile für die Patientinnen und Patienten bringt. Daher wünscht sich die Bevölkerung auch mehrheitlich diesen Service. Wahlmöglichkeiten sind immer von Vorteil, so können die Patienten entscheiden, was für sie am besten ist. Das wird in einem Fall beim Arzt sein, in einem anderen Fall in einer öffentlichen Apotheke.

Es geht hierbei nicht um Verkauf von Arzneimitteln, das wird leider immer falsch dargestellt. Ärztinnen und Ärzte sollen nicht verkaufen, sondern nur abgeben. Der Geldfluss für die Medikamente soll abseits der Ordinationen erfolgen, im Vordergrund stehen die Wünsche und Bedürfnisse der Patienten. Und daher kann ein Zwang, unter Umständen krank und immobil eine weit entfernte Apotheke aufsuchen zu müssen, niemals optimal sein. Selbstverständlich müssen die Kosten für diese Serviceleistung abgegolten werden, aber das ist in jedem Betrieb so. Den Ärzten hier Geldgier vorzuwerfen und den Patientennutzen zu negieren, das klingt vor allem aus einem Apothekermund sehr entlarvend.

Für diese Änderung im Sinne der Zielsteuerungsverträge, sich am Best Point of Service orientieren zu wollen, wäre eine Gesetzesänderung notwendig. Ich kann nicht beurteilen, wie schnell das gehen kann. Unbestritten ist jedoch, dass neben der Servicefunktion für die Patienten ein gesundheitsökonomischer Vorteil durch die Bezugsmöglichkeit für rezeptpflichtige Medikamente bei Ärzten zu erreichen ist. In der Schweiz lässt sich nachweisen, dass in Kantonen mit dieser Möglichkeit deutlich niedrigere Medikamentenkosten erreicht werden als in Kantonen, wo die Abgabe rezeptpflichtiger Medikamente rein über öffentliche Apotheken erfolgt. Es gibt zwar kleine Unterschiede im Gesundheitssystem, aber das Einsparpotenzial ist derartig groß, dass positive Effekte auch im System bei uns zu erwarten wären.

Über die Art des Sortiments muss man reden, wichtig wären jedenfalls einmal die Standardmedikamente der jeweiligen Fachgruppen. Eine Belieferung über öffentliche Apotheken wäre selbstverständlich möglich.

 

Arzt muss Arzt, Apotheker muss Apotheker bleiben!

„Systemwechsel wäre nicht nur unlogisch, sondern ein teurer und patientenfeindlicher Rückschritt.“

Dr. Martin Hochstöger, Präsident der Apothekerkammer Tirol

In Österreich ist die Abgrenzung klar geregelt: Die Medikamentenabgabe erfolgt durch Apotheken, Diagnose und Therapie durch die Ärzte. Wieso Mediziner jetzt die Aufgaben der Apotheker übernehmen und Medikamente in den Ordinationen verkaufen wollen, ist aus gesundheitspolitischer Sicht nicht nachvollziehbar. Das Recht zur Medikamentenabgabe für jeden Arzt wäre ein Systemwechsel, der nichts brächte und zulasten der Patienten ginge.

Ein solcher Systemwechsel wäre nicht nur unlogisch, sondern ein teurer und patientenfeindlicher Rückschritt. Die Patienten brauchen partnerschaftliche Lösungen bei der Arzneimittelversorgung und keinen Streit zwischen Ärzten und Apothekern. Ich bin aufgrund der zugegebenermaßen unrealistischen Forderung der NÖ Ärztekammer ernsthaft besorgt um das an sich gute Verhältnis zwischen den beiden akademischen Gesundheitsberufen. Wir sollten das an sich gute Verhältnis besser dazu nutzen, uns den echten Herausforderungen der Zukunft zu stellen, wie zum Beispiel ELGA oder die Umsetzung der E-Medikation.

Die Schweiz als Vorbild ist eine sehr unglückliche Wahl der NÖ Ärztekammer. Das Schweizer Gesundheitssystem ist völlig anders organisiert als das österreichische. Das zeigt auch die Tatsache, dass dort Apothekerinnen und Apotheker ärztliche Tätigkeiten übernehmen – wie zum Beispiel das Impfen, um so die Durchimpfungsraten zu erhöhen.

Das Prinzip der Trennung von verschreibenden und abgebenden Stellen beruht auf einem allgemeinen Konsens. Die Regel „Wer verschreibt, der verkauft nicht“, ist nicht nur für die Sicherheit der Patienten von großer Bedeutung, sondern auch für die Kostenstabilität des Gesundheitssystems von größter Relevanz. Der Arzt hat einen Anreiz, Medikamente nach wirtschaftlichen und nicht nach medizinischen Kriterien zu verschreiben. Ärzte und Apotheker ergänzen sich bei der Patientenbehandlung gegenseitig. Die wichtige Beratungsleistung rund um Wirkung, Neben- und Wechselwirkung findet in der Apotheke statt. Das jetzige System ist für den Staat sicherer und kostengünstiger als das Ansinnen der NÖ Ärztekammer.

 

Verbesserungsmöglichkeiten werden diskutiert

„Sehr gute Erfahrungen mit dem bestehenden System der Arzneimittelversorgung.“

Alois Stöger, Bundesminister für Gesundheit

Wir haben in Österreich sehr gute Erfahrungen mit dem bestehenden System der Arzneimittelversorgung, nämlich primär über öffentliche Apotheken und subsidiär über ärztliche Hausapotheken, gemacht. Diese beiden Säulen der Versorgung ergänzen einander hervorragend und sind daher für eine qualitativ hochwertige Arzneimittelversorgung der Bevölkerung von höchstem gesundheitspolitischen Interesse.

Ärztliche Hausapotheken spielen gerade im ländlichen Raum, wo die Versorgung über öffentliche Apotheken nicht gewährleistet werden kann, eine äußerst wichtige Rolle, um die Menschen am Land kontinuierlich und gut mit Medikamenten zu versorgen.

Im Mittelpunkt meiner gesundheitspolitischen Arbeit steht stets das Wohl der Patientinnen und Patienten. Derzeit diskutieren wir im Rahmen der Gesundheitsreform die Versorgung von Patientinnen und Patienten am so genannten „Best Point of Service“, also zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort mit optimaler medizinischer und pflegerischer Qualität. Dieser „Best Point of Service“ soll eine effiziente und wohnortnahe Versorgung in allen Bereichen garantieren.

Im Rahmen dieser Bemühungen werden wir uns unter anderem auch dem Thema einer möglichen Verbesserung der derzeitigen Medikamentenversorgung, insbesondere was die Versorgung in den ländlichen Regionen betrifft, ausführlich widmen und im Detail darüber diskutieren. Sollten sich dabei entsprechende Möglichkeiten herauskristallisieren, werden wir diese selbstverständlich in die weiteren Überlegungen mit einbeziehen.

Über alle am Tisch liegenden Vorschläge sollte man aber jedenfalls ohne Scheuklappen sprechen können. Ich bin für alle Diskussionen offen, um die bestmögliche medizinische Versorgung der Patienten zu ermöglichen.

V. Weilguni, Ärzte Woche 15/2014

  • Herr Dr. Thomas Treu M.Sc., 14.04.2014 um 08:08:

    „Ich arbeite sehr gut mit meinen umliegenden Apotheken - ohne Zweifel. Allerdings ordiniere ich oft auch später am Abend und am Samstag und gelegentlich muss ich Patienten auch am Sonntag versorgen. Es ist zu diesen Zeiten schwierig für die Patienten, besonders für die älteren Patienten einen Umweg zur Apotheke zu machen. Und beim bettlägerigen Patienten im Hausbesuch wäre es ebenso günstig die Medikamente direkt dem Patienten abgeben zu können. Und wenn man ehrlich ist. so benötigen wir (in der Facharztpraxis) etwa 15 Medikamente oder Medikamentengruppen regelmäßig, also in der überwiegend Zahl der Verschreibungen. Es würde reichen die wenigen Spezialitäten, die darüber hinaus gehen in der Apotheke zu besorgen. Und es wäre ein Vorteil auch für die Apotheker. Sehen Sie sich in den Apotheken um, diese leben von Drogerieartikel, Parfüms, Sonnencremen, Büchern über Lifestyle, ja von Brillen und immer mehr von Tees und Homöopathika. Meine Apothekerin klagt regelmäßig, dass von den Verschreibungen der Kassen sie nicht mehr leben kann, da die Verdienstspanne so gering ist - bes. seit der Einführung der Genererika. Die Apotheken hätten mehr Zeit anderes an die Frau und den Mann zu bringen. Es wäre damit allen gedient.“

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