zur Navigation zum Inhalt
 
Gesundheitspolitik 3. April 2014

Wir behandeln auf Teufel komm raus

In der modernen Medizin haben die Ökonomen längst das Sagen übernommen, formulierte Frank Wittig am diesjährigen Forum Hospital Management und warnte eindringlich vor einer Überversorgung – für ihn nur ein scheinbarer Widerspruch.

Das jährlich stattfindende Forum Hospital Management wird gemeinsam von der Vinzenz Gruppe, dem AKH Wien und der Executive Academy der Wirtschaftsuniversität Wien veranstaltet. Die elfte Ausgabe des Forums stand unter dem Motto „Die böse Medizin – oder wie böse ist die Medizin?“ Zur ungewöhnlichen Themenwahl sagte Co-Gastgeber Dr. Michael Heinisch, Geschäftsführer der Vinzenz Gruppe: „Aus dem Wissen heraus, über ein hervorragendes, ressourcenmäßig gut ausgestattetes Gesundheitssystem zu verfügen, sollten wir genug Selbstbewusstsein entwickeln, um auch über Schmerzpunkte offen zu reden.“ Nur wem Schwächen und potenzielle Gefahrenquellen bewusst sind, der könne es noch besser machen.

Eine rein wirtschaftliche Betrachtung von medizinischer Versorgung ist inzwischen vollkommen im Mainstream angekommen – so lautete jedenfalls die These von Dr. Frank Wittig in seinem durchaus provokativ gemeinten Referat unter dem Titel „Ansichten von der dunklen Seite der Medizin“. Für Jungärzte sei die rein ökonomische Ausrichtung der Medizin inzwischen so selbstverständlich, dass sie über die Sinnhaftigkeit dessen kaum mehr reflektieren würden. Für den deutschen Wissenschaftsjournalisten und Autor Frank Wittig ist die heutige Medizin geprägt von Übertherapie und Überdiagnose. Das äußere sich unter anderem durch eine Vielzahl unnötiger Operationen und wirkungsloser Früherkennungsprogramme.

Wittig sorgte mit seinen publizierten Ansichten schon wiederholt für kontroversielle Diskussionen über den aktuellen Zustand der öffentlichen Gesundheitsversorgung in Deutschland – aber auch weit darüber hinaus. Den bislang größten Wirbel löste sein Buch „Die weiße Mafia. Wie Ärzte und die Pharmaindustrie unsere Gesundheit aufs Spiel setzen“ (3. Auflage 2013, Riva Verlag) aus, das auch die Grundlage seines Vortrags in Wien bildete.

Der Wissenschaftsjournalist sieht seine im Buch formulierten Thesen zur „Geschäftemacherei“ nachträglich von einer OECD-Studie bestätigt, wo „viele Zahlen aus dem Buch ebenfalls auftauchen, nur viel höflicher artikuliert“. Als Beispiel nennt er den Begriff der „auffälligen Mengendynamik“, der zwar so elegant formuliert wäre, dass ihn Laien nicht interpretieren könnten, hinter dem aber nichts anderes stünde als eine medizinisch kaum zu erklärende Zunahme von operativen Eingriffen. Zwischen 2006 und 2010 waren es in Deutschland 13 Prozent, in einzelnen Fächern sogar plus 40 Prozent.

Nonsens-OP-freie Disziplinen

Für Wittig ist klar: Es wird zu viel operiert – aus einem rein ökonomischen Interesse heraus. Als Beispiel nennt er die umstrittene Knorpelglättung. Über 200.000 Eingriffe würden in Deutschland pro Jahr durchgeführt, obwohl etwa die Mosley-Studie – aber auch viele andere wissenschaftliche Studien – längst den „evidenzbasierten Beleg“ geliefert hätten, dass sich für diese Eingriffe keine medizinische Sinnhaftigkeit erbringen lässt. 200 Patienten sterben hingegen an den Folgen der Operation.

Die Fachgesellschaft würde die Studienergebnisse einfach negieren oder mit Dogmen dagegen ankämpfen, unterstellt Wittig und spricht von einem „kollektiven Automatismus“. Die Frage sei am Ende nur, wie viele Mediziner wissen, dass sie unnötige Eingriffe machen und wie viele deswegen unter Druck gesetzt werden. „Manchmal habe ich die Horrorvision, dass sie es alle wissen, dass sie nur Theater spielen, dass sie alle ihre Patienten nur für Nonsens-OPs missbrauchen.“

Letztendlich wären ökonomisch motivierte Behandlungen überall in der Medizin üblich, meint Wittig, ausgenommen in der Notfall- und der Palliativen Medizin – und in der Rehabilitationsmedizin, wie er nach Einwand aus dem Publikum noch eingestand.

Helden wären heute jedenfalls die, die immer mehr Kranke entdecken, neue Geschäftsmodelle finden. Kritiker hingegen wären nicht gefragt. Für Wittig ein Beleg, „wie verkommen ein Gesundheitssystem sein kann, wenn die Ökonomisierung die Oberhand gewinnt gegenüber der Ethik“.

Gleiches gelte auch für die von ihm behaupteten „Fangprämien“, die ein Viertel der Kliniken in Deutschland an niedergelassene Ärzte zahlen würde, um an Patienten zu kommen oder für den Umstand, dass immer mehr Chefarztverträge mit einer Zielleistungsvereinbarung abgeschlossen würden, wo Boni für eine bestimmte Zahl an Operationen festgesetzt seien. Das sei nicht nur aus medizinischer Sicht fragwürdig, sondern „in meinen Augen auch sittenwidrig, ein eindeutiger Diebstahl an den Kassen“.

Der Bock als Gärtner

Eine wesentliche Ursache für diese Fehlentwicklungen sieht Wittig in einem strukturellen Problem, wonach diejenigen, welche die Regeln machen – etwa in Form von Leitfäden – auch diejenigen sind, die diese Regeln anwenden und daran verdienen – und auch diejenigen, die das alles kontrollieren. „Wir haben überall sonst eine Gewaltenteilung, um die Bevölkerung zu schützen und eine Kontrolle zu gewährleisten. Nur in der Medizin ist alles aus einer Hand. Das ist undemokratisch.“

Gefördert werde die Entwicklung zusätzlich durch das DRG-Abrechnungssystem. Nach erbrachten Leistungen zu bezahlen, sei nämlich nur auf den ersten Blick rational, hätte aber zur Folge, dass die Leistungen zunehmen, weil die Mediziner die Nachfrage selbst steuern könnten. „Ärzte können sich ihre Patienten hin diagnostizieren, bis die Quote erreicht ist“, mutmaßt Wittig. „Das DRG-System führt dazu, dass Patienten so lange überbehandelt werden, bis die festgelegten Leistungsquoten erfüllt sind.“ Ein denkbares Gegenmodell wäre ein System, das Krankenhäuser mit einem Fixbetrag ausstattet, der sich nach dem jeweiligen Einzugsgebiet und den angebotenen Leistungen orientieren könnte.

Kritik an Screeningprogrammen

Kein gutes Haar lässt der Autor auch an Früherkennungsprogrammen, etwa an einem Mammografie-Screening, um bei einem aktuellen heimischen Thema zu bleiben. Das neue österreichische Programm nennt Wittig „wirklich schlimm“ und verweist auf eine aktuelle kanadische Studie, die „keinen Nutzen bezüglich einer verringerten Sterblichkeit ausmachen“ konnte. Es sei ein Skandal, dass Frauen mit falschen Zahlen gelockt und bewusst in die Irre geführt würden, was den Kosten-Nutzen-Effekt betrifft: „Laut Cochrane-Metastudie werden zehn Frauen unnötig behandelt, um eine zu retten und nochmals zehnmal so viele werden in Todesangst versetzt.“

Heftige Diskussionen

Wittigs Ausführungen – zusammengefasst: „Wir machen zu viel Medizin, wir behandeln auf Teufel komm raus“ – lösten unter den Forumsteilnehmern wenig überraschend heftige Diskussionen und polemische Wortmeldungen aus. Dem Buchautor wurde Eigeninteresse ebenso vorgeworfen wie das leichtfertige Hantieren mit vereinfachenden, journalistisch-verkürzten Botschaften, die nicht nur falsch, sondern auch „medizinisch und ethisch unverantwortlich“ wären, wie es ein Diskutant ausdrückte.

Einigkeit zwischen dem Vortragenden und seinem Publikum herrschte am Ende aber doch noch, nämlich dort, wo es um den Stellenwert der „sprechenden Medizin“ ging, die laut Wittig „unterrepräsentiert, weil auch völlig unterdotiert“ sei. Eine Chirurgin sagte dazu: „Unser ärztliches Ethos muss es sein, das Wohl des Patienten im Auge zu haben. Dazu brauchen wir spezielle kommunikative Fähigkeiten, die bisher wenig unterstützt werden.“ Das gelte für die Ausbildung ebenso – „ich kann ja meinen Patienten nur das anbieten, was ich selbst auch beherrsche“ – wie für die Finanzierung: „Wenn nur Technik finanziert wird, dann wird auch nur Technik gemacht werden. Würde auch kompetente Kommunikation entsprechend finanziert, dann würde sie von den Ärzten auch gemacht werden.“

V. Weilguni, Ärzte Woche 14/2014

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben