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Gesundheitspolitik 25. März 2014

Fehlender Puzzlestein

„Sowohl als auch“ statt „entweder oder“: Zur wirkungsvollen Bekämpfung des psychosomatischen Versorgungsmangels in Österreich fordert die ÖGPPM die Einführung einer Zusatzausbildung.

Sieben von zehn Frauen und sechs von zehn Männern leiden hierzulande an zumindest einer chronischen Krankheit. „Obwohl wir längst die enge Verknüpfung zwischen Chronifizierung und psychosomatischen Belastungsfaktoren kennen“, sagt der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin (ÖGPPM), Dr. Christian Fazekas, „kommt psychosomatische Medizin in der Therapie kaum zum Einsatz.“ In der modernen Medizin gäbe es überhaupt eine ganze Reihe von Themen, wo es um „sowohl als auch“ gehen würde, das Gesundheitssystem aber nur „entweder oder“ anzubieten hätte.

Zwischen Soma und Psyche sind Verknüpfungen und gegenseitige Einflussfaktoren immanent. Wenn die Seele leidet, ist es oft der Körper, der sich meldet – oder umgekehrt. Dann setzt sich eine für den Patienten oft verheerende Wechselwirkung in Gang. Beim Herzinfarkt zum Beispiel sind 90 Prozent der Risikofaktoren modifizierbar und mit dem Lebensstil assoziiert. Psychosomatische Behandlungsansätze wären demnach nicht nur in allen Phasen der Erkrankung, sondern auch schon in der Prävention wirksam, werden jedoch nur unzureichend eingesetzt. Auch ein nicht unbeträchtlicher Teil der Rückenbeschwerden, die rund 2,3 Millionen Österreicher plagen, sind mit psychosozialem Stress assoziiert, psychosomatische Behandlungsansätze bleiben dennoch nach wie vor die Ausnahme. Ähnliches gilt für Adipositas, mit Stress in Zusammenhang stehende Krankheiten und viele andere.

Es gäbe zwar gute physisch wie auch psychisch orientierte Angebote, der Puzzlestein, der diese beiden Welten verbindet, fehlt jedoch weitgehend, meint Fazekas, stellvertretender Leiter der Universitäts-Klinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie in Graz. „Es ist uns bisher leider trotz wissenschaftlich abgesicherter Erkenntnisse nicht gelungen, die psychosomatische Medizin entsprechend zu verankern.“ Als Folge klaffen Bedarf und medizinisches Angebot immer weiter auseinander.

Psychosomatische Unterversorgung

Laut einer aktuellen Studie der MedUni Graz und der Donau-Universität Krems sind österreichweit rund 30 Prozent der Patienten psychosomatisch unterversorgt. Sie alle könnten von einer eigenständigen und qualitativ hochwertigen psychosomatischen Medizin profitieren. Um eine solche zu etablieren, braucht es aber nicht nur fördernde Strukturen und Finanzierung durch die Sozialversicherung, sondern auch entsprechend gut ausgebildete Ärzte. Laut der genannten Studie fehlen derzeit mindestens 1.500 Ärzte mit der Zusatzausbildung „Psychosomatische Medizin“, um ein flächendeckendes Versorgungsangebot sicherzustellen. Die Weiterbildung dauert sieben Jahre und ist kostenintensiv. Das schreckt viele ab. Die ÖGPPM hat daher Experten verschiedenster Fächer mobilisiert, um sich für die Einrichtung eines Zusatzfaches mit einer dreijährigen Ausbildung starkzumachen.

Für Fazekas böte dies die Chance auf eine Win-win-win-Situation: Für Patienten würde sich eine Abkürzung ihres oft unnötig langen und unnötig teuren Leidensweges durch gezielte physische und psychosomatische Diagnostik und Behandlung eröffnen. Das Gesundheitssystem würde von einer Erweiterung durch Biopsychosoziale Medizin langfristig durch geringeren Medikamentenkonsum, spezifischere diagnostische Maßnahmen und dadurch auch geringere Behandlungskosten finanziell profitieren, die Ärzteschaft von einer Stärkung ihrer Kernkompetenz.

Einer der Proponenten der Initiative ist Prof. Dr. Reinhold Kerbl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde. „Wir brauchen einen ganzheitlichen Ansatz. Die Trennung Soma/Psyche gibt es längst nicht mehr“, meint Kerbl. Das bestätige sich täglich in seiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in Leoben. Oft hätten vermeintliche körperliche Beschwerden psychische Ursachen, oft sei es genau umgekehrt: „Kinder werden als psychisch krank eingestuft, weil sie Atembeschwerden haben, später wird eine Lungenembolie festgestellt. Die Psychosomatik ist wichtig, um Beschwerden von beiden Seiten kompetent betrachten zu können“, so Kerbl. „Wir brauchen diese Kompetenz ganz dringend – und dafür brauchen wir gut ausgebildete, ausgewiesene Spezialisten.“ Schon vor sechs Jahren hätte man zum ersten Mal bei der Ärztekammer für ein Zusatzfach eingereicht, die Initiative wurde damals aber mit der Begründung abgelehnt, dass diese Kompetenz ohnehin in allen Fächern mit verpackt sei. Für Kerbl ist das jedoch zu wenig.

Fehlendes Karrieremodell

Inzwischen seien Bewusstsein und Interesse innerhalb der Ärzteschaft aber gewachsen, konstatiert Kerbl, der auch durchaus erfolgreiche Bestrebungen beobachtet, das Thema stärker in die Ausbildung einfließen zu lassen. Am Ende des Studiums sei aber dann meist Schluss: „Der Boden ist aufbereitet, es fehlt jedoch der nächste Schritt.“

Das betreffe nicht nur die Ausbildung, sondern vor allem auch das Karrieremodell, ergänzt Fazekas: „Das Thema integrierte Medizin wird zwar im Rahmen der Ausbildung immer wichtiger, aber im Anschluss fehlen weiterführende Strukturen. Es gibt kein entsprechendes Berufsbild und damit auch kaum Karrieremöglichkeiten.“

Der Diagnose stimmt auch Prof. Dr. Gabriele Moser, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Psychosomatik in der Inneren Medizin, zu und spricht konkret fehlendes Forschungspotenzial an: „Uns gehen an der Medizinischen Universität viele Diplomandinnen und Diplomanden verloren, die tolle Arbeiten geschrieben haben, weil es in Österreich keine Forschungsmöglichkeiten für sie in der integrierten psychosomatischen Medizin gibt. Sie müssen fast zwangsläufig nach Deutschland abwandern.“

Erstkontakt Allgemeinmediziner

Als erste Anlaufstelle für Patienten sehen sich in der Regel Allgemeinmediziner mit unspezifischen Beschwerden konfrontiert. Beschwerden, denen häufig psychische Ursachen zugrunde liegen. „Hausärzte spielen als Erstansprechpartner sowohl bei der grundlegenden Diagnostik als auch bei der Behandlung solcher Gesundheitsprobleme eine zentrale Rolle“, weiß Dr. Reinhold Glehr, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. „Ihnen kommt es dabei häufig zu, als Erste körperlich-seelische Zusammenhänge anzusprechen, den Betroffenen Akzeptanz zu ermöglichen und je nach Komplexität und Schweregrad die beste Behandlungsebene zu empfehlen.“

Grundsätzlich sei dieser ganzheitliche Ansatz der Allgemeinmedizin durchaus vertraut, finde aber in der Berufsausbildung noch zu wenig Berücksichtigung. „Eine spezielle Ausbildung für psychosoziale, psychosomatische und psychotherapeutische Medizin ist alleine aufgrund der Zunahme psychosozialer und psychosomatischer Probleme dringend notwendig“, ist Glehr überzeugt und wünscht sich ein Äquivalent zum PSY I-Diplom als verpflichtendes Element in der Regelausbildung. Dann müssten Jungärzte den Erwerb dieser so notwendigen Kompetenz auch nicht mehr selbst bezahlen.

Auch die Österreichische Patientenanwaltschaft unterstützt die Initiative der ÖGPPM nach einer Zusatzausbildung. „Wir haben die Hoffnung“, sagt ihr Sprecher Dr. Gerald Bachinger, „dass damit ein blinder Fleck in der Patientenversorgung gefüllt werden kann.“ Das wäre einmal eine vernünftige Art von Spezialisierung – eine, die zusammenführt, statt zu trennen, die „den Menschen als Ganzes wahrnimmt. Das ist gut“.

V. Weilguni, Ärzte Woche 13/2014

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