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Gesundheitspolitik 21. März 2014

Ein Krankenhaus (fast) ohne Schmerzen?

Österreich bewege sich mit der Streichung des mobilen Schmerzdienstes am AKH entgegen internationaler Trends in eine falsche Richtung, mahnt der designierte IASP-Präsident Rolf-Detlef Treede.

Das 18. Internationale Wiener Schmerzsymposium gab gleich mehrfach Anlass zum Feiern runder Jubiläen: Trotz der Zahl 18 davor beschäftigt sich die Tagung schon seit 20 Jahren mit den Fortschritten in der Schmerzmedizin und ihrer Übertragung in die (klinische) Praxis. Ebenfalls vor 20 Jahren wurde an der Wiener Universitätsklinik für Anästhesie erstmals eine eigene Abteilung für spezielle Schmerztherapie eingerichtet. Sie hat sich über die Zeit zu einem internationalen Kompetenzzentrum moderner Schmerzmedizin entwickelt.

Nun steht Wien also wieder im Fokus der Schmerzmedizin, diesmal aber in der Kritik. Die Entscheidung der MedUni-Führung, im Zuge der neuen Dienstregelung unter anderem auch den seit 20 Jahren bewährten, mobilen 24-Stunden-Akutschmerzdienst an der Universitätsklinik für Anästhesie zu streichen, sorgt nicht nur bei den Betroffenen und der Patientenanwaltschaft für Unverständnis und Kopfschütteln, sondern auch unter den zum Symposium angereisten internationalen Experten.

„Als ich von der Streichung der Akutschmerzdienste hörte, konnte ich das zuerst gar nicht glauben“, brachte etwa Prof. Dr. Rolf-Detlef Treede seine Verwunderung zum Ausdruck. „Überall sonst in Europa werden zusätzliche Schmerzdienste neu eingeführt. Das Einstellen solcher Dienste ist vollkommen entgegen jedem internationalen Trend.“ Er hoffe, so Treede weiter, auch in Österreich werde sich „wieder die Vernunft“ durchsetzen. Als eine mögliche Erklärung für die Sparmaßnahmen sieht der Lehrstuhlinhaber für Neurophysiologie an der Universitätsmedizin Mannheim der Universität Heidelberg und designierte Präsident der IASP, der International Association for the Study of Pain, die heimische Besonderheit, wonach Gesundheitsberufe nicht adäquat in die Schmerztherapie eingebunden seien. Das mache die Dienste teuer und organisatorisch schwierig. International üblich sei zwar auch eine ärztliche Leitung durch einen kompetenten Schmerzmediziner, allerdings wäre das Pflegepersonal deutlich stärker integriert.

Die Entscheidung der Wiener Medizin-Universität nimmt Treede zum Anlass – und er befindet sich damit im breiten Konsens mit der vorherrschenden internationalen Expertenmeinung –, um davor zu warnen, „in Zeiten starken finanziellen Drucks auf das Gesundheitssystem gerade auf Kosten von Schmerzpatienten zu sparen.“ Das sei nicht nur aus Sicht der Patienten inakzeptabel, sondern auch wirtschaftlich kurzsichtig. Eine ganze Reihe publizierter Untersuchungen würde schließlich eindeutig belegen, wie erfolgreich spezialisierte, rund um die Uhr verfügbare Akutschmerzdienste in Krankenhäusern sind.

Versorgungsqualität gefährdet

Besonders betroffen über die Abschaffung des einzigen Akutschmerz-Journaldienstrades am Wiener AKH zeigt sich naturgemäß der Leiter der Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie der MedUni Wien, Prof. DDr. Hans Georg Kress: ,,20 Jahre lang gab es unseren mobilen Schmerzdienst, der in jeder modernen Klinik Standard ist.“ Damit konnten 6.000 Patienten jährlich rund um die Uhr zeitnah versorgt werden, die an extremen Schmerzen litten und spezielle Therapien benötigten. „Die soll es nun einfach nicht mehr geben?“, fragt sich Kress und skizziert die „logische Folge davon: Patienten leiden unnötig, obwohl ihnen oft mit einfachen Methoden geholfen werden könnte.“

Auch für Kress, Präsident der Europäischen Schmerzföderation EFIC und Tagungspräsident des Wiener Schmerzsymposiums, ist es unverständlich und inakzeptabel, dass der zunehmende Kostendruck im Gesundheitssystem zu überdurchschnittlich großen Einsparungen ausgerechnet bei der kompetenten Behandlung von Schmerzpatienten führt. Das sei „aus medizinischen, ethischen und wirtschaftlichen Gründen“ nicht zu rechtfertigen.

Immerhin wurde auf medizinischer Ebene in den vergangenen Jahren viel erreicht, eine ganze Reihe an neuen Therapieformen entwickelt, erläutert Kress: „Wir haben heute ein sehr umfangreiches und wirksames Instrumentarium schmerzmedizinischer Methoden und Medikamente zur Verfügung.“ Allerdings würde es bisher nicht gelingen, dieses Instrumentarium auch flächendeckend zum Einsatz zu bringen und all jene Patienten zu erreichen, die eine effektive Schmerzbehandlung dringend benötigen würden. Als Beleg zitiert Kress aus einer neuen Untersuchung, in der nahezu die Hälfte aller heimischen Spitalspatienten angibt, an Schmerzen zu leiden. Eine europaweite Studie kam indes zu dem Ergebnis, dass etwa ein Drittel aller chronischen Schmerzpatienten unbehandelt bleibt. Als Grund für diese schwache Performance ortet Kress vor allem das Fehlen logistischer Voraussetzungen und von Versorgungsstrukturen. Dadurch würde allzu oft verhindert, dass chronische Schmerzpatienten überhaupt mit einem kompetenten Schmerzmediziner in Kontakt kommen.

Volkswirtschaftlich sinnvoll

Für die Zukunft hofft Kress doch auf Besserung der Situation, denn dank zahlreicher Aktivitäten in den vergangenen Jahren sei es zumindest schon einmal gelungen, das Bewusstsein zu schärfen, dass „kompetente Schmerztherapie auch an kompetente Schmerzmediziner gebunden ist“.

Sollte es der Schmerzmedizin tatsächlich gelingen, potenzielle Patienten besser als bisher zu erreichen, dann profitierten davon nicht nur die Patienten selbst, sondern langfristig auch die Steuerzahler. „Jeder nicht oder schlecht behandelte akute Schmerz wird zum chronischen Schmerz mit entsprechenden finanziellen Folgen für das Gesundheitssystem. Schlecht behandelte Schmerzen belasten die Volkswirtschaft“, rechnet Kress vor. „Rund 20 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in der EU leiden an chronischen Schmerzen. Angesichts dieser großen Zahl machen die direkten und indirekten Kosten chronischer Schmerzen etwa 1,5 bis drei Prozent der gesamten europäischen Wirtschaftsleistung aus.“ Hier läge erhebliches Potenzial für intelligentes Sparen.

Einen anderen Nachweis der ökonomischen Sinnhaftigkeit einer kompetenten Schmerztherapie erbringt eine aktuelle Health Technology Assessment (HTA)-Studie, die belegt, dass gut organisierte Akutschmerztherapie auf postoperativen und konservativen Stationen nicht nur wirksam, sondern auch kosteneffektiv ist, nicht zuletzt aufgrund einer Verkürzung der Liegezeiten. Eine Health Technology Assessment Studie bewertet systematisch medizinische Technologien aber auch medizinische Leistungen nach deren Wirksamkeit, Sicherheit und Kosten, jeweils unter Berücksichtigung sozialer, rechtlicher und ethischer Aspekte.

Prioritäten richtig setzen

Weil die Evidenz also klar für die Sinnhaftigkeit von Akutschmerzdiensten spricht, wären immer mehr Länder weltweit bemüht, diesen Standard flächendeckend einzuführen und das Ziel des „schmerzarmen Krankenhauses“ zu verwirklichen, nimmt der designierte IASP-Präsident Treede die Verantwortlichen in die Pflicht, sich diesem internationalen Trend nicht zu entziehen – und kommt damit nochmals auf seine Kritik am Alleingang Österreichs zurück.

Es wäre dramatisch, wenn aus Kostengründen bereits erreichte Fortschritte wieder zurückgefahren würden, ergänzt Kress und fordert seinerseits dazu auf, der Behandlung chronischer und akuter Schmerzen Priorität einzuräumen: „Das muss sich auch darin ausdrücken, dass die Politik unseren Krankenhäusern ausreichend Personal und Mittel für die Schmerzbehandlung zur Verfügung stellt und auch im extramuralen Bereich spezialisierte Versorgung fördert.“

Denn letztendlich gehe es bei allen ökonomischen Überlegungen doch ausschließlich um den Patienten, sagt Treede. Eine fehlende Behandlung des akuten Schmerzes führt zur Chronifizierung und hat damit massiven Einfluss auf die Lebensqualität der Betroffenen. „Meine Hoffnung ist, dass sich das gesellschaftliche Bewusstsein wandelt, dass die Bedeutung der Lebensqualität mehr in den Vordergrund rückt gegenüber dem reinen Überleben. Dann werden wir auch mit dem Thema Schmerz anders umgehen, weil Schmerz ein wesentlicher Faktor für die Lebensqualität der Menschen ist.“

www.meduniwien.ac.at/hp/schmerz-symposium/

V. Weilguni, Ärzte Woche 12/2014

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