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Frischgebackene Eltern stehen vor einer anspruchsvollen Aufgabe, der sie oft nur mit Hilfe von außen gewachsen sind.

© St. Virgil Salzburg/wild+team

Prof. Dr. Wolfgang Sperl

des. Präsident der Kinderärzte Österreichs

 
Gesundheitspolitik 17. März 2014

Passgenau helfen

Familien in belasteten Situationen brauchen ein professionelles Unterstützungssystem.

In einem Pressegespräch anlässlich der 19. Jahrestagung der Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der Frühen Kindheit (GAIMH) informierten das Bildungszentrum St. Virgil Salzburg, die GAIMH und die Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU) über „Frühe Hilfen“ als Prävention, um chronische Störungen in sozialer oder gesundheitlicher Sicht zu vermeiden.

Die ersten Jahre eines Kindes sind für seine Entwicklung von entscheidender Bedeutung. In der frühen Kindheit stehen Kinder zwischen zwei Welten – und Eltern vor einer anspruchsvollen Aufgabe, der sie oft nur mit Hilfe von außen gewachsen sind. Besonders Familien in belasteten Situationen, zum Beispiel durch Gewalt, Alkohol, Armut, psychisch kranke Eltern etc., brauchen professionelle und multiprofessionale Unterstützung, um ihren Kindern in der sensiblen Lebensphase bestmögliche Entwicklungsmöglichkeiten bieten und Risikobelastungen und Probleme überwinden zu können. Zwar mache Armut großen Druck, aber alle Schichten seien von Problemen betroffen und bräuchten Hilfe, sind sich die Experten im Pressegespräch einig. Auch, dass die Probleme mehr werden, sei eine Tatsache: So gibt es zum Beispiel bei psychischen Auffälligkeiten der Kinder einen starken Anstieg und die Zahlen werden noch steigen.

Betreuung darf kein Zufall sein

„Die verschiedenen Welten in der frühen Kindheit brauchen eine Verbindung und Übergänge, die gut begleitet sind, damit die Kinder nicht an den Bruchstellen verloren gehen“, fordert Dr. Katharina Kruppa, Vorstand der GAIMH. Es sind die Übergänge zwischen innen und außen, zwischen innerfamiliär und außerfamiliär und zwischen Spital und außerhalb, mit denen die Kinder und Familien konfrontiert seien. Betreuung dürfe kein Zufall sein: alle Betroffenen sollen Zugang zu Hilfe erhalten.

Viele Stellen und betreuende Personen arbeiten in der Praxis allein. Diese gelte es zu vernetzen und die Praxis mit der Forschung zu verbinde. Der „Wirkfaktor Beziehung“ sei notwendig: eine Person, die mit Familien in Beziehung trete, ein „Aufsuchender), dem die entsprechenden Strukturen zur Verfügung stehen. Es brauche aber auch eine Supervision dieser Aufsuchenden und ein Team, das zur Verfügung steht. „Die Professionen müssen miteinander ein neues Denkmodell entwickeln“, meint Kruppa.

Passgenaue Hilfen

Auch Dr. Klaus Vavrik, Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit, plädiert für übergreifende aufsuchende Hilfen, die bei Belastungssituationen in der frühen Kindheit unterstützen. Die OECD macht alle vier Jahre eine Untersuchung zu Risikoverhalten und Gesundheit: Österreich sei an letzter Stelle (höchste Raucherrate bei 15-Jährigen, höchste Gewalterfahrungsrate usw.). Vieles sei Belastungssituationen in der frühen Kindheit zurückzuführen. Die Gesellschaft sei mitverantwortlich, um frühe Hilfen zu implementieren – nicht als Kontrollorgan der Eltern, sondern als Unterstützung für diese.

Kontinuität in der Betreuung und ein Vertrauensverhältnis zu den betreuenden Personen seien wichtig – nicht nur für die Kinder, um Leid zu ersparen, sondern auch aus volkswirtschaftlicher Sicht. Investitionen in der frühen Kindheit würden den fatalen Auswirkungen in sozialer und gesundheitlicher Sicht vorbeugen und hohe Kosten im Staatshaushalt einsparen. „Wir brauchen dringend passgenaue Hilfen nach dem Erstkontakt und eine passgenaue Dauer und Frequenz in der Betreuung“, so Vavrik. Eine effiziente Nutzung der bestehenden Strukturen und die Implementierung eines Regelsystems wären die nächsten Schritte.

Prävention muss schon in der Schwangerschaft ansetzen

Die Prävention durch die frühen Hilfen müsse schon in der Schwangerschaft ansetzen, beispielsweise im Falle postpartaler Depression: „Man kann vieles früh beeinflussen und auf den Weg bringen“, sagt Doz. Dr. Karl Heinz Brisch, Vorsitzende der GAIMH Deutschland. „Sorgen in der Schwangerschaft können sich negativ auf Babys auswirken. Mit Eltern über deren eigene Gewalterfahrung in der Kindheit zu sprechen, wirkt sich wiederum oft positiv auf deren Kinder aus.“

In Deutschland gäbe es in allen Bundesländern aufsuchende Personen, die zu den Müttern gehen. Ein gutes Austauschen der verschiedenen Stellen sei wichtig und eine Person müsse gut vernetzt sein und das Vertrauen der Eltern genießen, um gut helfen zu können. „In unserer Gesellschaft wird in der Technik primäre Prävention betrieben, z.B. bei Reifenprofil oder Sicherheitsgurtenpflicht – in diesem Bereich gibt es kein Wenn und Aber. Man muss aber auch Eltern einen Schutzfaktor bzw. einen emotionalen Sicherheitsgurt mitgeben, um Babys vor Schaden zu bewahren“, fordert Brisch.

Vernetzte Hilfen, Multidisziplinarität und Qualitätssicherung

Die Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Salzburg ist eine frühe Anlaufstelle für Eltern in schwierigen Situationen und problematischen Verhältnissen. „Die seelische Gesundheit der Kinder ist wichtig und die bio-psycho-soziale ganzheitliche Sicht auf das Thema“, erklärt deren Primar, Prof. Dr. Wolfgang Sperl. Die Kinderklinik brauche ein Netzwerk aus gut vernetzten Hilfen zum Weiterarbeiten. Multidisziplinarität und Qualitätssicherung wären essenziell für die Menschen, die frühe Hilfen anbieten und in diesem Bereich tätig sind. Nicht zuletzt deshalb sei auch der neue Universitätslehrgang von St. Virgil Salzburg und PMU sehr wichtig, um gewisse Dinge zu unterrichten und allen Disziplinen anzubieten. „Es gibt viele Beratungsstellen, aber die Aktivitäten und die Sensibilisierung müssen über eine Koordinationsstelle laufen und in die Wege geleitet werden“, erklärt der designierte Präsident der Kinderärzte Österreichs.

Universitätslehrgang „Early Life Care“ startet 2015

Der neue Universitätslehrgang „Early Life Care“ von St. Virgil Salzburg und PMU bietet eine hochkarätige Weiterbildung für alle Personen, die im System frühe Hilfen involviert sind, für all jene, die Familien früh begleiten. „Die Entwicklungszeit für den Universitätslehrgangs betrug drei Jahre: Es waren Entwickler aus verschiedenen Berufsgruppen beteiligt, die sich auf das Curriculum einigen mussten“, erzählt Studienleiterin Mag. Michaela Luckmann von St. Virgil Salzburg. Der Lehrgang will Gemeinsamkeiten für alle beteiligten Professionen entwickeln, damit es wenig Reibungsverluste zwischen den Disziplinen gibt. In diesem berufsbegleitenden transdisziplinären Lehrgang mit neuen Perspektiven und Inhalten können alle Berufsgruppen, die mit den Lebensereignissen Schwangerschaft, Geburt, Elternwerden und 1. Lebensjahr befasst sind, miteinander und voneinander lernen.

Auf der wissenschaftlichen Ebene stärkt der Lehrgang den interdisziplinären Austausch und unterstützt den Theorie-Praxis-Transfer. Auf der berufspraktischen Ebene erwerben die Studierenden Kompetenzen zur Qualitätsentwicklung und -sicherung in ihren Handlungsbereichen (nähere Informationen: www.earlylifecare.at).

In Wien, Niederösterreich, Oberösterreich, der Steiermark und Kärnten haben sich die Gebietskrankenkassen gemeinsam mit der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit das Ziel gesetzt, in den genannten Bundesländern regionale Strukturen zum Thema „Frühe Hilfen“ zu etablieren. Die Projekte starten noch im März.

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