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Prof. Dr. Peter Fasching Vorstand der 5. Med. Abt. für Rheumatologie, Stoffwechselerkrankungen und Rehabilitation am Wiener Wilhelminenspital, Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Josef Probst Generaldirektor im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Max Wudy Stellvertretender Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte der Niederösterreichischen Ärztekammer

 
Gesundheitspolitik 17. März 2014

Standpunkte - Diabetes-DMP: Ziel verfehlt

Die Zahlen im aktuellen Diabetesbericht stellen dem Disease Management Programm Diabetes kein gutes Zeugnis aus. Die Vorgaben konnten bisher weder quantitativ noch qualitativ erreicht werden. Es gibt Kritik, aber auch Widerstand von Teilen der Ärzteschaft.

Seit 2007 läuft in einzelnen Bundesländern Österreichs das erste durch den Hauptverband der Sozialversicherungen initiierte Disease Management Programm (DMP) betreffend Diabetes mellitus Typ 2 als Modellversuch einer strukturierten Betreuung häufiger chronischer Erkrankungen im niedergelassenen Bereich. Ausgangspunkt war damals die Annahme, dass die Betreuung von Patienten mit Typ-2-Diabetes in Österreich flächendeckend nicht einer gewünschten international vergleichbaren Qualität entspräche und daher entsprechende Maßnahmen in Patientenschulung, evidenzbasierter Therapie und Dokumentation von Behandlungsergebnissen und Spätkomplikationen zu setzen seien. Aufbauend auf einer freiwilligen Teilnahme von Ärzten und Patienten wurde ursprünglich als Ziel formuliert, nach fünf Jahren 40 bis 50 Prozent der betroffenen Patienten in das DMP eingeschlossen zu haben. Der aktuelle Diabetesbericht zeigt nun, dass dieses Ziel weit verfehlt wird. Statt der erhofften 50 sind gerade einmal zehn Prozent der diagnostizierten Patienten mit Typ-2-Diabetes im Programm. Begleitende wissenschaftliche Evaluierungen im Bundesland Salzburg konnten zwar generell eine gute Qualität der Stoffwechseleinstellung im Rahmen des DMP belegen, diese unterschied sich aber nicht signifikant von jenen Patienten, die außerhalb des DMP als Kontrollgruppe in einer allgemeinmedizinischen Routinebehandlung standen.

Attraktivere Anreizsysteme

„Ein Neustart des DMP Diabetes scheint jedenfalls geboten.“

Prof. Dr. Peter Fasching, Vorstand der 5. Med. Abt. für Rheumatologie, Stoffwechselerkrankungen und Rehabilitation am Wiener Wilhelminenspital, Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG)

Generell bekennt sich die österreichische Diabetesgesellschaft zu einer qualitätsvollen, flächendeckenden, strukturierten Diabetesbetreuung in Österreich. Da sich derzeit aber nicht alle Bundesländer an dem Programm beteiligen und die Zahl der darin eingeschlossenen Patienten die ursprünglichen Erwartungen bisher klar verfehlt, stellt sich die Frage, wie die weitere Zukunft des Programms ausschauen soll.

Notwendig ist eine repräsentative Erhebung des Ist-Zustands. Grundlage dafür wäre das seit mehr als zehn Jahren von der ÖDG geforderte Diabetesregister, welches trotz ursprünglicher gesundheitspolitischer Zusagen bis heute nicht realisiert werden konnte. Speziell für den niedergelassenen Bereich sind - auch fremdsprachliche - Schulungsmöglichkeiten zu schaffen, da in Einzelordinationen strukturierte interdisziplinäre Schulungsprogramme kaum organisierbar sind.

Die von der ÖDG und der österreichischen Gesundheitsagentur gemeinsam entwickelten Qualitätskriterien und Überweisungsleitlinien für die verschiedenen Gesundheitsdienstleister der ersten, zweiten und dritten Versorgungsebene sind schrittweise umzusetzen, begleitet durch funktionierende EDV-Lösungen zur einfachen Befund- und Informationsübermittlung zwischen einzelnen Behandlern.

Angesichts der Freiwilligkeit der Teilnahme am Programm sind attraktivere Anreizsysteme für Patienten und Ärzte anzudenken, etwa ein Wegfall der Rezeptgebühr für diabetesbezogene Medikamente oder ein leichterer Zugang zu Präparaten der gelben Box und zu Blutzucker-Selbstmessstreifen. Derzeit steht in Österreich zudem eine ganze Medikamentengruppe, konkret die GLP-1-Rezeptoragonisten, in der Regelerstattung nicht zur Verfügung, sodass mit Ausnahme einer Einzelgenehmigung über Spezialambulanzen der Zugang in Österreich verwehrt ist, in der EU vergleichbar nur mit Portugal. Auch diesbezüglich könnte über eine klar definierte Regelerstattung im DMP Diabetes eine praktikable Lösung gefunden werden.

Jedenfalls erscheint ein Neustart des DMP Diabetes geboten, da sonst ein ähnliches Ergebnis wie in Deutschland droht, wo eine Evaluierung des deutschen DMP allein auf Basis der DMP-Dokumentation mehr als fragwürdig erschien.

 

Bessere Versorgungsqualität

„Wir ersuchen alle Hausärzte, sich an ’Therapie Aktiv‘ zu beteiligen.“

Dr. Josef Probst, Generaldirektor im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger

Therapie Aktiv, das österreichische Diabertes-DMP, bringt bessere Versorgungsqualität. Die ersten Evaluierungsergebnisse des von der Sozialversicherung initiierten Programms „Therapie Aktiv – Diabetes im Griff“ beweisen eindeutig, dass es zu einer Verbesserung der Versorgungsqualität bei Diabetespatienten gekommen ist, die das Programm in Anspruch nehmen.

Während bei rund drei Viertel aller DMP-Patienten eine Kontrolle der Füße durchgeführt wurde, ist diese Untersuchung bei Nicht-DMP-Patienten nicht einmal bei einem Drittel vorgenommen worden. Wenn man bedenkt, dass 62 Prozent aller Amputationen in Österreich bei Personen mit Haupt- oder Nebendiagnose Diabetes mellitus durchgeführt werden, dann kann durch eine solche engmaschigere Kontrolle der Füße durch das Disease Management Programm „Therapie Aktiv“ sehr viel persönliches Leid von Menschen mit Diabetes verhindert werden.

Die diabetische Retinopathie ist neben dem Glaukom die wichtigste Ursache für eine vollständige Erblindung. Sie führt aber erst in fortgeschrittenen Stadien zu einer Sehverschlechterung, weshalb regelmäßige augenfachärztliche Kontrollen auch bei Beschwerdefreiheit eingehalten werden müssen, um Frühstadien erkennen zu können. Diese Augenuntersuchung wurde bei 84 Prozent aller DMP-Patienten durchgeführt, bei nicht am DMP teilnehmenden Patienten wurde diese Untersuchung nur bei 64 Prozent der Diabetespatienten durchgeführt.

Der bessere Umgang mit der chronischen Krankheit Diabetes mellitus wird im Rahmen von Patientenschulungen erlernt. 82 Prozent aller DMP-Patienten haben eine Schulung besucht, während nur etwas mehr als die Hälfte jener Diabetiker, die nicht im DMP betreut werden, eine Schulung erhalten hat.

Es besteht daher kein Zweifel, dass durch eine verbesserte Behandlungsqualität durch das DMP auch Folgeerkrankungen verhindert werden. Dafür erhalten DMP-Ärzte auch rund 100 Euro pro Jahr und eingeschriebenem Diabetes-Patienten zusätzlich für diese verbesserte Versorgungsqualität. Leider bietet nur jeder fünfte Vertragsarzt „Therapie Aktiv“ an. Wir ersuchen daher alle Hausärzte, sich im Sinne des Patientenwohls am Diabetes-DMP zu beteiligen.

 

Misserfolge schrecken nicht ab

„NÖ Ärztekammer hat schon vor zwei Jahren Kritik geübt.“

Dr. Max Wudy, Stellvertretender Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte der Niederösterreichischen Ärztekammer

Vor knapp zwei Jahren wurde von der Kurie der Niedergelassenen Ärzte Niederösterreichs die Vereinbarung Disease Management Programm „Therapie Aktiv– Diabetes im Griff“ aufgekündigt. Groß war damals der Protest der Kollegen, fast noch größer die Empörung diverser Fachgesellschaften. Umso größer war für mich daher die Überraschung, als nun vor Kurzem einer der führenden Diabetologen Österreichs ein vernichtendes Urteil über das Diabetes Management-Programm fällte.

Prof. Dr. Peter Fasching, Primarius am Wilhelminenspital in Wien, wiederholte die Kritikpunkte, die uns damals zur Kündigung der Vereinbarung bewogen hatten. Im Vordergrund seiner Kritik standen die mangelnde Breitenwirkung sowie die mangelnde Erfassung der wirklich schweren Fälle. Eine Studie zeigte keine signifikante Verbesserung der HbA1c-Werte. Verbessert haben sich allerdings die Dokumentation der teilnehmenden Ärzte und die Regelmäßigkeit von Kontrolluntersuchungen. An der Studie beteiligten sich also offenbar die sowieso engagierteren Patienten und Ärzte. Fasching dazu launisch: „In der Kirche sitzen vor allem die Braven.“

Die strukturellen Mängel der Diabetikerversorgung in Österreich sind laut Fasching systembedingt: „Es darf alles nichts kosten. Geiz ist geil. Wissen ist null. Wir dürfen uns das nicht mehr gefallen lassen. So würden auch wichtige und sichere moderne Diabetesmedikamente praktisch von den Krankenkassen nicht bezahlt.“ Gerade mit den Kosten des Disease Management Programms könnten die modernen Antidiabetika unbürokratisch mit höchstem Benefit für die Patienten flächendeckend finanziert werden. Genau dieser Vorschlag wurde von uns bereits 2012 gemacht.

Ein weiterer Punkt aus Sicht von Prof. Fasching ist die überbordende Bürokratie und der damit verbundene Aufwand. Kritikpunkte, die von der NÖ Ärztekammer ebenfalls vor zwei Jahren aufgezeigt wurden. Leider scheinen die Misserfolge des DMP Diabetes melitus die Verantwortlichen nicht abzuschrecken, neue Disease Management Programme umsetzen zu wollen, sind doch zehn weitere in den Zukunftsprogrammen der Verantwortlichen erwähnt.

Österreichischer Diabetesbericht

V. Weilguni, Ärzte Woche 12/2014

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