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Bei 80 Prozent der Männer ist die Ehefrau die treibende Kraft der Gesundheitsvorsorge. Mit der Zunahme der Singlehaushalte gehen den Männern ihre persönlichen „Gesundheitsmanagerinnen“ verloren.
 
Gesundheitspolitik 12. März 2014

Männer verlieren ihre Gesundheitsmanagerin

Der Kongress „Mann + Gesundheit“ beschäftigte sich aus medizinischer Sicht mit dem Einfluss des Testosterons auf die Entstehung von Krankheiten, suchte aber auch nach der Rolle des Mannes im (Gesundheits-)System.

Männer sind für Präventivmaßnahmen deutlich schwerer zu motivieren als Frauen. Und wenn doch, dann steht in der überwiegenden Zahl der Fälle eine Frau dahinter. Mit der Zunahme der Singlehaushalte geht dem Mann allerdings seine persönliche „Gesundheitsmanagerin“ zusehends verloren, mit unabsehbaren persönlichen Folgen – aber auch volkswirtschaftlichen Folgekosten. Wenn es aber dennoch gelingt, den Mann in das Vorsorgesystem zu integrieren, dann ist seine Compliance in der Umsetzung nachfolgender Aktivitäten zur Verbesserung seines Gesundheitszustandes sogar höher als die der Frau.

Trotz Wochenendtermins und sonnigen Frühlingswetters drängten sich rund 150 Teilnehmer im Seminarzentrum Schönbrunn anlässlich des 1. Kongresses für Männergesundheit. Das große Interesse überraschte sogar den Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Mann und Gesundheit und Initiator der Veranstaltung, Dr. Michael Eisenmenger. Es zeige ihm aber die medizinische und gesellschaftspolitische Relevanz des Themas.

„Vor dreizehn Monaten haben wir beschlossen, etwas was tun, um die Gesundheit des Mannes mehr ins öffentliche Interesse zu bringen“, sagte Eisenmenger in seiner Eröffnungsbotschaft. Ihm hätte dabei aber nicht eine weitere medizinische Fachgesellschaft im klassischen Sinn vorgeschwebt, sondern eher ein interdisziplinärer, sogar multiprofessioneller Verein, der alle einbinden möchte, die mit dem Thema Männergesundheit zu tun haben. Das ginge weit über die Medizin hinaus, umfasst neben Ärzten ebenso Therapeuten, Psychologen, Sozialarbeiter, Juristen oder etwa auch Ökonomen.

Auf der Strecke geblieben

Ausdruck des offenen und multiprofessionellen Ansatzes der Gesellschaft ist unter anderem das Vorstandsmandat der ehemaligen Gesundheitsministerin und aktuellen Gesundheitsökonomin Dr. Andrea Kdolsky. Sie bezeichnete in ihrem Eingangsstatement Eisenmenger als „Visionär, der damit begonnen hätte, seine Vision auch in die Realität umzusetzen“ und dies auch gegen Widerstände erfolgreich tun würde, denn „Visionäre sind überall erwünscht und willkommen“. Über ihre eigene Motivation, sich als Frau gerade für Männergesundheit zu engagieren, sagte Kdolsky: „Ich habe aus der Genderstruktur heraus begonnen, darüber nachzudenken. Sowohl aus meiner Sicht als Ärztin wie auch als Gesundheitsökonomin habe ich dabei festgestellt, dass der Mann ein bisschen auf der Strecke geblieben ist in unserem System: Männer schauen weniger auf sich, sind häufiger chronisch krank und leben kürzer.“ Das sei nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein ökonomisches, volkswirtschaftliches Thema.

Männer sind in unserer Gesellschaft von vielen Dingen umgeben, die wenig persönlichen Spielraum lassen würden, wie man „als Mann zu sein hat“, meinte Kdolsky. Auf seine Gesundheit zu achten würde nicht unbedingt dazu zählen. Die Folge davon ist, dass Männer in puncto Prävention und Vorsorge, aber auch was einen gesunden Lebensstil betrifft, bei Weitem weniger aktiv sind als Frauen. Verschärfend hinzu kommen demografische Veränderungen, insbesondere das Auseinanderbrechen der klassischen Familie und die damit einhergehende Zunahme der Singlehaushalte, vor allem im urbanen Bereich. „Männer können sich immer weniger darauf verlassen, dass sie eine Gesundheitsmanagerin um sich haben, die ihnen alles organisiert“, analysiert Kdolsky. „Männer werden lernen müssen, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen.“

Studien bestätigen die These. So wurde etwa nachgewiesen, dass 80 Prozent der Männer, die zu einer Vorsorgeuntersuchung gehen, von ihren Frauen dazu entweder überhaupt angemeldet, „überredet“ oder zumindest motiviert werden.

Selten, aber erfolgreich

Prof. Dr. Jeanette Strametz-Juranek von der Uniklinik für Innere Medizin an der MedUni Wien untersuchte gemeinsam mit Kollegen geschlechtsspezifische Unterschiede in der Wahrnehmung des kardiovaskulären Risikos bzw. im Präventionsverhalten. Die Ergebnisse zusammengefasst: Männer nehmen ihr individuelles kardiovaskuläres Risiko oft nicht wahr, Männer haben Schwierigkeiten ihren Lebensstil zu ändern, Männer sind sich ihrer Vorbildrolle hinsichtlich ihres Gesundheitsverhaltens in der Familie (Söhne) überhaupt nicht bewusst. Als Barriere zur Herzgesundheit werden oft berufliche Gründe angegeben.

Für Strametz-Juranek lässt sich daraus unter anderem ableiten, wie wichtig es wäre, das Thema Männergesundheit verstärkt in die betriebliche Gesundheitsvorsorge zu integrieren.

Prof. Dr. Hermann Toplak, Universitätsklinik für Innere Medizin an der MedUni Graz, berichtete im Rahmen seines Vortrags „Das androgen-metabolische Syndrom“ zu den Auswirkungen von Übergewicht und Fettleibigkeit auf den Testosteronspiegel und die Entstehung diverser Krankheiten, über die Schwierigkeiten, Männer mit präventiven Angeboten überhaupt zu erreichen. Schuld daran sei ein völlig verfälschtes Bild von sich selbst und fehlendes Problembewusstsein. Als Beispiel nennt Toplak das Grazer Adipositas-Center: 80 Prozent der hier Betreuten sind Frauen, nur 20 Prozent Männer. „Wenn Männer aber einmal bei uns sind, dann sind sie in der Umsetzung der verordneten Maßnahmen jedoch deutlich erfolgreicher als Frauen“, erzählt Toplak. „Männer verstehen Therapie – vor allem Bewegungstherapie – als Projekt und ziehen das dann auch konsequent durch.“ Die Erfolgsrate sei entsprechend hoch, deutlich höher als bei den Frauen.

Unterdurchschnittliche Präventionsausgaben

Aus all diesen Gründen scheint es richtig und wichtig, das Thema Männergesundheit aktiver als bisher zu kommunizieren und sowohl die Männer selbst als auch die Ärzte, aber auch die sogenannten „Zahler“ und politischen Entscheidungsträger für die aktuellen Probleme und zukünftigen Herausforderungen zu sensibilisieren, findet Kdolsky. Es werde aber auch notwendig sein, Geld in die Hand zu nehmen, um Vorsorgeangebot und Präventionskultur insgesamt – und speziell bei den Männern – in diesem Land zu stärken. „Bei Vorsorge und Prävention ist Österreich ganz weit hinten: Wir haben die kränksten Kinder in Europa und wir haben die kränksten Alten. Das schlägt sich natürlich auch auf die Kosten für das System, Kosten, die wir nicht mehr lange tragen können.“ Die Schere zwischen immer älteren Bürgern und immer weniger Einzahlern gehe unerbittlich auseinander.

Auch der Wiener Ärztekammerpräsident Prof. Dr. Thomas Szekeres hält verstärkte präventivmedizinische Anstrengungen für ein Gebot der Stunde. Österreich gebe zwar insgesamt viel für ein hervorragend funktionierendes Gesundheitssystem aus, bei den Ausgaben für Präventionsmaßnahmen liege man aber um ein Drittel unter dem EU-Schnitt, so die Diagnose von Szekeres. Das hätte auch massiv damit zu tun, dass in Wahrheit niemand zuständig sei für dieses Thema. Formal wäre es zwar das Gesundheitsministerium, aber „die haben dafür kein Geld“. Blieben die Krankenkassen, aber „die sind für Krankheiten zuständig“, meint Szekeres, nicht für Gesundheit.

Ziele der Gesellschaft

Die Förderung der medizinischen und psychosozialen Versorgungssituation des Mannes ist auch eines der zentralen Ziele der Gesellschaft für Männergesundheit. Außerdem soll die Gesundheit des Mannes insgesamt durch PR-Maßnahmen und Veranstaltungen stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken, spezifische Programme entwickelt und die Wissenschaft in ihren Forschungsaktivitäten unterstützt werden.

„Wir wollen fundierte Informationen liefern, ein Netzwerk der Kommunikation aufbauen und Männergesundheit zu einem zentralen Gesprächsthema machen“, umreißt Präsident Eisenmenger die „To-do-Liste“ der Initiatoren. Letztendlich würden all diese Maßnahmen darauf abzielen, die „Lebensqualität des Mannes zu fördern“.

Weitere Informationen:

www.mann-und-gesundheit.at

V. Weilguni, Ärzte Woche 11/2014

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