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Dr. Otto Pjeta, Allgemeinmediziner, Referat für Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement ÖÄK
(c)ÖÄK/Laresser

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mag. Max Wellan, Präsident der Österreichischen Ärztekammer
(c)Rührnschof Andrea/Apothekerkammer)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Wolfgang Geppert, Sprecher des Österreichischen Hausärzteverbands
(c)ÖHV

 

 
Gesundheitspolitik 9. März 2014

Standpunkte: Kooperieren oder konkurrieren?

„Medikationsmanagement“ als zusätzliches Dienstleistungsangebot an die Kunden war ein vieldiskutiertes Thema im Rahmen der diesjährigen Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer.

Apotheker analysieren auf ausdrücklichen Wunsch ihrer Kunden die einzunehmenden Arzneimittel, erstellen Medikationspläne und beraten zur richtigen Einnahme von Medikamenten – so fasste Präsident Mag. Max Wellan die zentralen Inhalte eines von der Apothekerkammer angedachten, neuen Serviceangebots zusammen, das unter dem Namen „Medikationsmanagement“ schon bald in den heimischen Apotheken offeriert werden könnte.

„Die Einführung des Medikationsmanagements bringt für Patienten eine höhere Arzneimittelsicherheit und fördert zudem die Compliance“, versicherte Wellan seinen Kolleginnen und Kollegen im Rahmen der 47. Wissenschaftlichen Fortbildungswoche der Österreichischen Apothekerkammer. Die Initiative richtet sich vor allem an chronisch Kranke und multimorbide Patienten. Es gehe den Apothekern dabei im Wesentlichen darum, formulierte es eine Referentin im Rahmen der Tagung, „den Nutzen der Medikation für die Patienten zu optimieren und die Risiken zu reduzieren“.

Trotz der Versicherung der Apotheker, Medikationsmanagement als gemeinsames Kooperationsmodell mit den Ärzten zu verstehen, nicht als Konkurrenzversuch, zeigen sich diese von der Initiative wenig erfreut. Sie sehen darin nicht nur eine Bedrohung für das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient, sondern die Patientensicherheit insgesamt gefährdet.

Kontraproduktiv und inakzeptabel

„Übersteigt Ausbildung wie Kompetenz der Pharmazeuten.“

Dr. Otto Pjeta, Allgemeinmediziner, Referat für Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement ÖÄK

Die Bestrebungen der Apothekerschaft, künftig in die ärztlich verschriebene Medikation einzugreifen, sind aus Sicht des Medikamentenreferates der ÖÄK abzulehnen. Es ist kontraproduktiv und daher inakzeptabel, dass Apotheker unter dem Deckmantel des „Medikationsmanagements“, ohne Rücksprache mit dem behandelnden Arzt, Medikamente aushändigen und die ärztlich verordnete Therapie verändern. Der Anspruch, die vom Arzt verschriebene Dosis zu ändern, untergräbt das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Der Verschreibung eines Medikaments gehen die gründliche Anamnese und Diagnose durch den Arzt voraus, der auch die Krankengeschichte des Patienten kennt. Gerade ein Arzt, der einen Patienten schon lange betreut, kann sehr gut beurteilen, welches Medikament in welcher Dosierung am besten geeignet ist. Der Apotheker kann das nicht. Seine Kunden können ihre Medikamente in jeder Apotheke bei jedem beliebigen Apotheker kaufen. Dass sich unter diesen Voraussetzungen gleichsam über den Ladentisch ein ähnliches Vertrauensverhältnis entwickelt wie zwischen Arzt und Patient, darf bezweifelt werden.

Kritisch zu betrachten ist auch die propagierte Kostenersparnis, die mit Daten aus den USA untermauert wird. Das ist unseriös; das Gesundheitswesen in den USA mit den übrigens international höchsten Kosten ist mit unserem nicht einmal ansatzweise vergleichbar. Dass Apotheker die Notwendigkeit einer Verschreibung überprüfen oder Patienten sogar davon abraten dürfen, ein Medikament zu nehmen, mag wohl das Selbstwertgefühl der Pharmazeuten heben, übersteigt aber ebenso ihre Ausbildung wie Kompetenz und geht zulasten der Patientensicherheit. Die Verantwortung für rezeptierte Medikamente trägt immer der Arzt. Im Ernstfall haftet auch der Arzt und nicht der Apotheker.

Das Gesundheitsministerium hat aus meiner Sicht dafür Sorge zu tragen, dass die Therapie der Ärzte in den Apotheken nicht verändert wird und der Apotheker bei Abgabe von rezeptfreien Medikamenten für seine Beratung und Medikamentenvorschläge haftet. In Zusammenhang mit der Abgabe von OTC-Präparaten ist für Apotheker zur Vermeidung potenzieller Zwischenfälle gesetzlich eine patientenbezogene Dokumentationspflicht vorzusehen.

 

Miteinander für die Patienten

„Ärzte und Apotheker als Partner beim Medikationsmanagement.“

Mag. Max Wellan, Präsident der Österreichischen Apothekerkammer

In unserer immer älter werdenden Gesellschaft ist der multimorbide Patient nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Er erhält Verschreibungen von verschiedenen Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen. Hinzu kommen Behandlungen im Krankenhaus oder in Rehabilitations-, Therapie- und Pflegeeinrichtungen, aber auch rezeptfreie Arznei-, Nahrungsergänzungs- und diätetische Lebensmittel, die im Rahmen der Selbstmedikation und Gesundheitsvorsorge auf eigene Initiative eingenommen werden.

Medikationsmanagement ist viel mehr als die Vermeidung unerwünschter Arzneimittelwirkungen: Oft kommen Patienten mit ihrem Medikationsplan in die Apotheke und bitten um Hilfe und Beratung. Der Apotheker erklärt dem Patienten, wann und wie er die verschiedenen, vom Arzt verschriebenen oder rezeptfreien Arzneimittel am besten einnimmt und was dabei zu beachten ist. Patienten, die mit einer solchen Unterstützung arbeiten und einen regelmäßigen Austausch über den Verlauf ihrer Behandlung mit Arzt und Apotheker pflegen, zeigen eine bessere Adherence und größere Therapieerfolge. Ein weiterer wichtiger Aspekt dieser pharmazeutischen Dienstleistung ist die Beratung über Sicherheitsrisiken bei der Einnahme von Arzneimitteln, die sich auf die Verkehrstüchtigkeit oder die Reaktionsfähigkeit auswirken können. Diese bedürfen besonderer Aufmerksamkeit; der Einnahmezeitpunkt ist sorgfältig zu kalkulieren und Vorsichtsmaßnahmen zu überlegen. Medikationsmanagement trägt damit zu einer Erhöhung der Sicherheit weit über die Grenzen der Arzneimittelsicherheit hinaus bei.

Zusammenfassend gibt es beim Medikationsmanagement nur Gewinner: Bessere Therapieerfolge und mehr Lebensqualität für die Patienten, Kosteneinsparung für das Gesundheitssystem durch Reduktion der Spitalseinweisungen aufgrund von Medikationsfehlern und unerwünschten Arzneimittelwirkungen, umfassende Information der Ärzte auch über rezeptfrei eingenommene Arzneimittel als bessere Verschreibungsgrundlage und regelmäßiger Austausch zwischen Arzt und Apotheker zum Nutzen des Patienten. Damit entspricht Medikationsmanagement dem Grundgedanken des Collaborative Care, der intensiven Zusammenarbeit der Gesundheitsberufe.

 

Urfunktion des Hausarztes

„Patienten brauchen Medikamen- tenkoordination durch Hausarzt.“

Dr. Wolfgang Geppert, Sprecher des Österreichischen Hausärzteverbands

Mit dem Apothekervorstoß „Medikationsmanagement“ wird versucht, das Pferd von hinten aufzuzäumen. Statt dem Hausarzt als primäre Anlaufstelle für Koordinationsangelegenheiten das Wort zu reden, bringen sich die Apotheker als Troubleshooter am Ende der Versorgungskette ins Spiel.

Was ist da im österreichischen Gesundheitswesen schiefgelaufen? Meine klare Antwort auf diese Frage lautet: Die Rolle des Allgemeinmediziners als Koordinator wurde in den vergangenen Jahrzehnten leider sträflich vernachlässigt. Schon alleine zahlenmäßig sind die Hausärzte ins Hintertreffen geraten. Innerhalb von nur drei Jahrzehnten ist es zur Halbierung der Hausärzte-Quote gekommen. Derzeit stellen die Kassen-Allgemeinmediziner nur mehr neun Prozent aller in Österreich tätigen Ärzte. Der Glaube an Apparatemedizin und Spezialistentum hat Oberhand gewonnen.

Das heimische Gesundheitssystem ist zum Selbstbedienungsladen verkommen. Herr und Frau Österreicher steuern heute nach eigenem Belieben Spitalsambulanzen und niedergelassene Spezialisten an. Die Koordination der dort verordneten Medikamente, das wäre eine Urfunktion des Hausarztes, bleibt aus. Doppel- und Fehleinnahmen sind die Folge. Die unkoordiniert durch das System stolpernden Patienten benötigen primär eine Medikamentenkoordination durch den Hausarzt. Nicht zufällig finden sich in nahezu allen Kassenverträgen entsprechende Leistungspositionen für Allgemeinmediziner.

Unabhängig davon fehlt dem vorgeschlagenen „Medikationsmanagement“ durch Apotheker die gesetzliche Grundlage. In eigenen Beratungszimmern wollen die Apotheker zukünftig ihre Dienste anbieten. Das Weglassen, Austauschen oder Hinzufügen von Präparaten liegt jedoch einzig und allein in der Verantwortung der Ärzte. Die im „Medikationsmanagement“ tätigen Apotheker müssten für jeden Veränderungsvorschlag die schriftliche Zustimmung des verordneten Mediziners einholen. Eine Zusatzbürokratie von beträchtlichem Ausmaß. Weit effizienter wäre es, ein Hausarztmodell zu etablieren, das die Patienten nach jeder Facharztkonsultation und jedem Ambulanzbesuch zum koordinierenden Allgemeinmediziner zurückführt.

V. Weilguni, Ärzte Woche 11/2014

  • Herr Dr. Heinz Schlögl, 15.03.2014 um 12:17:

    „Welche Beratungskompetenz? In letzter Zeit wird in den Apotheken nicht einmal mehr die Signatur auf die Packungen geschrieben. Antwort in der Apotheke: Machen wir nur auf Wunsch des Kunden.“

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