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Gesundheitspolitik 18. Februar 2014

Standpunkte: Wie unabhängig muss Kontrolle sein?

Die ÖQMed, Tochtergesellschaft der Ärztekammer, ist für die Kontrolle der Arztpraxen zuständig. Kritiker wie etwa die Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz halten das Kontrollgremium für zahnlos und sehen sich durch wiederholt auftauchende Missstände bestätigt.

Aufgrund in letzter Zeit wiederholt aufgetauchter Missstände in einzelnen Arztpraxen – jüngstes Beispiel ist der mutmaßliche Abrechnungsbetrug einer Wiener Gynäkologin inklusive Täuschung und Gefährdung von Patientinnen, die WGKK prüft noch – ist wieder einmal eine öffentliche Diskussion über die Kontrollsysteme im niedergelassenen Bereich aufgebrochen. Konkret geht es dabei um die Rolle der ÖQMed. Kritisiert wird einerseits die Konzeption der ÖQMed an sich – dass ausgerechnet die Standesvertretung für die Kontrolle der Ärzte zuständig sei –, andererseits aber auch der inhaltliche Kontrollauftrag. Sie würde sich zu wenig um die Qualitätskontrolle der medizinischen Versorgung an sich kümmern, also um Ergebniskontrolle, statt dessen ausschließlich auf Rahmenbedingungen wie Hygiene, Infrastruktur oder technische Ausstattung achten. Patientenombudsmann Franz Bittner, dessen Tätigkeit ebenfalls von der Kammer initiiert wurde und von dieser auch finanziert wird, unterstützt die kritische Position der Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz zur ÖQMed. In einem Standard-Interview sagte er wörtlich: „Das ist, wie wenn der Hund auf die Wurst aufpasst.“ Nach und nach, so Bittner weiter, komme er aber darauf, dass der Hund zahnlos sei. Aus seiner Sicht wäre die ÖQMed idealerweise weder bei der Ärztekammer noch bei der Sozialversicherung angedockt. Als Alternativen schlägt Bittner die Gesundheit Österreich GmbH oder die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit vor. Was aber sagen die zuständigen Gesundheitspolitiker zu dieser Debatte?

Schwerpunkt Ergebnisqualität

„Qualitätssicherung, -steigerung und -kontrolle sind in jeder Entscheidung mitzudenken.“

Alois Stöger, Gesundheitsminister

Die Qualität der medizinischen Versorgung und der Behandlungsprozesse ist mir ein wichtiges Anliegen. Schließlich sind Qualitätssicherung, -steigerung und -kontrolle in jeder gesundheitspolitischen Entscheidung mitzudenken. Wir arbeiten schon länger sehr intensiv an Verbesserungen, etwa mit dem Projekt A-IQI, der bundesweit einheitlichen Messung der Ergebnisqualität in Krankenhäusern. Dabei werden ausgehend von Routinedaten statistische Auffälligkeiten für definierte Krankheitsbilder identifiziert. Die Ergebnisse werden auch international, insbesondere mit Daten aus der Schweiz und Deutschland, verglichen. Speziell geschulte FachärztInnen vergleichen Parameter und Abläufe, um dann persönlich mit den ÄrztInnen vor Ort in Dialog zu treten und Verbesserungsmöglichkeiten zu eruieren. Ähnlich diesem System plant das Ministerium Möglichkeiten einer Qualitätserhebung im niedergelassenen Bereich. Der Schwerpunkt ist auch hier auf die Ergebnisqualität, also auf Struktur-, Prozess- und Behandlungsergebnisse, zu legen. Die technische Ausstattung, das Leistungsspektrum, die Aus- und Fortbildung der jeweiligen ÄrztInnen und MitarbeiterInnen sowie hygienische Anforderungen sind in einem Qualifikationsprofil zu definieren und im Rahmen der Qualitätssicherung zu überprüfen.

Unsere Bemühungen zeigen sich auch anhand vieler weiterer Beispiele: Mit dem Mammografie-Screening, der damit verbundenen Einführung neuer Qualitätsstandards sowie des verpflichtenden Vier-Augen-Prinzips setzen wir neue Maßstäbe. Die Bestrebungen um mehr Transparenz bei Wartezeiten sind ebenfalls ein nicht zu unterschätzender Beitrag zur Qualitätssicherung. In diesem Sinn möchte ich auch die Elektronische Gesundheitsakte anführen: Das von ELGA in Zukunft gebotene Gesamtbild relevanter Gesundheitsdaten wird sich positiv auf die Behandlungsqualität auswirken. ÄrztInnen und Spitäler haben den notwendigen Überblick und können rasch die richtigen Entscheidungen treffen. Unnötige Mehrfachuntersuchungen fallen weg, sie belasten PatientInnen, kosten oft wertvolle Zeit und viel Geld. Darüber hinaus können auch gefährliche Wechselwirkungen von Medikamenten vermieden werden.

Verbesserung statt Zusätzliches

„Diskussionen über eine zusätzliche ‚unabhängige‘ Kontrollstelle sind kontraproduktiv.“

Dr. Dagmar Belakowitsch-Jenewein, Gesundheitssprecherin der FPÖ

Wieder einmal ist in der Bundeshauptstadt Wien ein Fall publik geworden, in dem eine Gynäkologin über viele Jahre medizinische Leistungen verrechnet hat, die sie in Wahrheit nicht erbracht hat. Und wie immer in solchen Fällen wird der Ruf nach neuen Institutionen in der Qualitätskontrolle gegenüber den Ärztinnen und Ärzten laut. Anlassgesetzgebungen haben aber noch nie ein Problem gelöst, ebenso wenig, wie dadurch standeswidriges oder gar kriminelles Handeln jemals verhindert werden kann.

Die Qualitätskontrollen gehören zu den ureigensten Aufgaben einer Standesvertretung wie der Ärztekammer und daran zu rütteln würde keinerlei Verbesserung mit sich bringen. Wenn die entsprechenden Kontrollen versagen oder auch wenn zu wenige davon durchgeführt werden, so darf und muss man auch die Verantwortlichen dafür kritisieren. Vielleicht muss die Qualität – aber auch die standesgemäße Redlichkeit – der niedergelassenen Ärzte intensiviert werden, aber wegen einiger weniger Einzelfälle alle Ärzte unter Generalverdacht zu stellen, ist in höchstem Maße unseriös und führt zu einer Verunsicherung der Patienten.

Jeder Betrugsfall ist einer zu viel und selbstverständlich mit der vollen Härte des Gesetzes zu ahnden. Die Aufgabe von Politik und Medien ist es, die Patienten nicht mit ihren Unsicherheiten und Ängsten alleine zu lassen, sondern diese ernst zu nehmen und wirkungsvoll gegenzusteuern. Daher sind Diskussionen über eine weitere sogenannte „unabhängige“ Kontrollstelle kontraproduktiv und abzulehnen.

Die Qualitätskontrollen durch die Standesvertretung funktionieren, wenn man ihnen die notwendige Relevanz und die entsprechenden Ressourcen zukommen lässt. Zusätzliche Institutionen zu schaffen, wäre nur mit mehr Bürokratismus verbunden, ohne dadurch eine Garantie für mehr Effizienz zu erhalten. Deshalb sollten wir unseren gesamten Fokus auf die bestehenden, gut etablierten Einrichtungen konzentrieren, um diese kontinuierlich zu verbessern, und nicht nach Alternativen schielen, die keine tatsächliche Weiterentwicklung garantieren.

Die Mühen des Sisyphos

„Man sollte nicht hinter jedem Arzt einen Gauner oder einen Kunstfehlerproduzenten vermuten.“

Dr. Erwin Rasinger, Gesundheitssprecher der ÖVP

Österreichs Gesundheitssystem gehört mit Sicherheit zu den fünf besten der Welt. Es gibt daher keinen Grund, Ho-Ruck-Lösungen durchzupeitschen. Dass bei über 100 Millionen Arzt-Patienten-Kontakten Fehler passieren können, ist naheliegend. Deren Zahl sollte jedoch so gering wie möglich gehalten werden, denn jeder Fehler kann für die Betroffenen fatal sein. Daher muss Qualitätsarbeit an vielen Ecken ansetzen. Die wichtigsten Faktoren sind Fachwissen, Erfahrung und ausreichend Zeit. Die entsprechende Ausbildung an der Uni ist dafür essenziell, ebenso die Ausbildung im Spital, wo viele junge Kollegen massiv klagen. Leider ist für die so wichtige Lehrpraxis kaum Geld da. Den Gegenwert von einem halben Autobahnkilometer, 15 Millionen Euro, würde sie kosten. Ergänzt wird das System durch die seit 15 Jahren vorgeschriebene Facharztprüfung und die Vorschrift, mindestens 50 Fortbildungseinheiten pro Jahr nachzuweisen. Es gibt keinen Beruf, der sich mehr fortbilden muss als der des Arztes. Dies meist abends oder am Wochenende.

Jeder Fehler kann heute geklagt werden. Der Arzt muss dann beweisen, dass er State of the art gehandelt hat, sonst ist er fällig. Zusätzliche Systeme, die nicht auf „shame and blame“ aufgebaut sind, wie das Fehler-Reportingsystem CIRS-medical werden an Bedeutung gewinnen. Die besonders aus Deutschland kommende Idee, mit noch mehr Dokumentation und Kontrollen ein System positiv zu steuern, hat eher bescheidene Effekte. Trotzdem ist es Fakt und kostet viel Zeit. Die Arbeitszeit des Arztes ist aber nicht beliebig erweiterbar. Ärzte wollen Patienten behandeln und nicht – wie jüngst eine AKH-Ärztin klagte – nur in den Computer schauen. Keine Zeit zu haben oder übermüdet zu sein, stellt ein massives Qualitätsproblem dar. Man soll daher mit Augenmaß vorgehen und nicht hinter jedem Arzt einen Gauner bzw. Kunstfehlerproduzenten vermuten. Eines sollte uns zu denken geben: Immer mehr junge Ärzte, mittlerweise schon über 3.000, kehren den österreichischen Arbeitsbedingungen den Rücken und gehen ins Ausland. Daraus wird mittelfristig ein Betreuungs- und damit ein Qualitätsproblem entstehen.

V. Weilguni, Ärzte Woche 8/2014

  • Herr Dr. Wolfram Heidinger, 20.02.2014 um 16:55:

    „Es ist schon etwas schwierig zu argumentieren, wenn "Äpfel und Birnen" vermengt werden und Leute, die über Qualitätssicherung sprechen offenbar nicht wissen, oder nicht wissen wollen, was das bedeutet und wofür das gut ist. Qualitätssicherung ist eigentlich in allen Betrieben üblich und wird in größeren Betrieben, betriebsintern selbstverständlich, von eigenen Abteilungen durchgeführt. Sie dient dazu vorgegebene Qualitätskriterien zu überwachen, zu entwickeln und zu verbessern. Und so ist es für mich auch klar, dass dies bei uns Ärzten von der eigenen Standesvertretung initiiert aber sogar von einer eigenen Einrichtung durchgeführt wird. Qualitätssicherung kann aber nicht kriminelle Machenschaften oder menschliches Versagen vorhersagen oder aufdecken. Dafür sind wohl andere Kontrollinstanzen zuständig. Der Kammer bzw der ÖQMED Versagen vorzuwerfen bzw. diese Qualitätskontrolle als "zahnlos" zu bezeichnen zeigt deutlich, dass diejenigen, die so etwas behaupten keine Ahnung haben, wovon sie sprechen oder absichtlich Fehlinformation betreiben. So traurig das ist, aber hier scheint es wohl andere als medizinisch-sachliche Hintergründe zu geben, wenn dauernd versucht wird, unter fadenscheinigsten Gründen die gar nichts mit der eigentlichen Qualitätssicherung zu tun haben, diese in die Hände von "privaten" Betreibern zu bringen. Ich postuliere da einmal einfach finanzielle Gründe! Dass dies ein lukratives Geschäft werden könnte, ist ja wohl klar. Vielleicht sollte man da hinter die Kulissen der Favoriten der Patientenanwälte schauen und wahrscheinlich offenbart sich ja dann, warum für diese Lobbyismus betrieben und mit aller Macht versucht wird die ÖQMED schlecht zu reden. Eines ist klar: sollte die Qualitätssicherung nicht mehr von der ÖQMED sondern von einer außenstehenden Einrichtung verpflichtend durchgeführt werden so wird es für uns Ärzte wohl sehr teuer werden und eine Unterstützung in Qualitätssicherung in unseren Praxen werden wir uns dann zusätzlich wohl auch teuer erkaufen müssen. Wobei sich aber nichts daran ändern wird, dass es weiter kriminelle Fälle oder fachliche Fehlleistungen geben wird.“

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