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Prof. Dr. Jan Schulze, Präsident der Landesärztekammer Sachsen.

 

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Dr. Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig

 
Gesundheitspolitik 11. Februar 2014

Bedingungslosigkeit der Hilfe oder Rentabilität der Leistung?

Ethik ist derzeit ein großes Thema in der Medizin. Die Facetten der Debatte sind vielschichtig, reichen von Leitfäden für die Gesundheitsindustrie bis zu Grundsatzfragen über die Rolle des Arztes in einer zunehmend ökonomisierten Versorgungslandschaft.

Patientenautonomie, Ökonomisierung der Medizin oder Priorisierung sind nur einige der zentralen Begriffe, die bei Gesundheitspolitikern, Sozialversicherungsträgern, Patientenanwälten, und Selbsthilfegruppen, Industrievertretern, Wissenschaftlern und Ärzten gleichermaßen in aller Munde sind. Nur die Schlussfolgerungen sind zumeist sehr unterschiedlich. Es wird immerhin viel darüber diskutiert, auch interdisziplinär. Das ist zumindest schon einmal etwas. Welche konkreten Verbesserungen daraus für den einzelnen Patienten – der bei all diesen Diskussionen im Mittelpunkt steht, um den sich letztendlich alles dreht und auch tatsächlich drehen sollte – im System resultieren könnten, das wird erst die ferne Zukunft weisen.

Österreichs pharmazeutische Industrie sieht sich selbst als „Vorreiterin bei Transparenz und verantwortungsvollem Handeln“, sagt Dr. Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig mit großer Überzeugung. Beleg dafür sei der strenge Pharmig-Verhaltenscodex. Damit gehe die heimische Pharmaindustrie weit über internationale Vorgaben hinaus, die sich dem Thema anzunähern versuchen. Das jüngste Beispiel dafür ist der kürzlich publizierte Consensus Framework for Ethical Collaboration between Patients‘ Organisations, Healthcare Professionals and the Pharmaceutical Industry (siehe Downloadlink), ein Ethik-Handlungsrahmen für das Gesundheitswesen, den fünf internationale Organisationen gemeinsam erarbeitet haben. Er soll einen Leitfaden für ethisches Handeln darstellen und Vereinen, Organisationen und Gruppen, die im Gesundheitswesen tätig sind, dabei helfen, eigene, individuelle Codices zu entwickeln.

Die fünf involvierten Organisationen – International Alliance of Patients´ Organizations (IAPO), International Council of Nurses (ICN), International Federation of Pharmaceutical Manufacturers & Associations (IFPMA), International Pharmaceutical Federation (FIP) und World Medical Association (WMA) – sprechen sich in ihrem Leitfaden unter anderem für eine enge Zusammenarbeit mit Patientenorganisationen, für Ethik und volle Transparenz in der klinischen Forschung oder verbindliche Regeln für eine umfassende Information über Arzneimittel aus. Alles Punkte, die im Pharmig-Verhaltenscodex ohnehin bereits geregelt wären und zudem noch viel detaillierter, sagt Huber. In diesem Sinne hätte der eher allgemein gefasste Handlungsrahmen keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Arbeit der heimischen pharmazeutischen Industrie. Dennoch sieht Huber die Veröffentlichung dieses internationalen Consensus-Papiers als wichtiges Zeichen: „Wenn wir auch einzelne, nationale Richtlinien haben, die täglich gelebt werden, so ist dieser Handlungsrahmen ein klares und vor allem weltweites Zeichen, welchen Stellenwert Ethik und Verantwortung im Gesundheitswesen haben.“

Kunde oder hilfsbedürftiges Subjekt

Themenwechsel. Nicht nur die Industrie, auch die Ärztevertretung rückt das Thema Ethik verstärkt in den Fokus interner Betrachtungen; zuletzt geschehen im Rahmen des 6. Wiener Symposiums der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK). Die jährliche Veranstaltung, zu der neben den heimischen Kammerfunktionären auch Kollegen aus den deutschen Bundesländern geladen sind, dient dem Erfahrungs- und Gedankenaustausch über regionale und mentale Grenzen hinweg sowie dem offen und durchaus kritischen Diskurs über strategisch-standespolitische Weichenstellungen.

Gastredner Prof. Dr. Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Landeskammer, betrachtet das Thema ethisches ärztliches Verhalten vor dem Hintergrund der zunehmenden Ökonomisierung der Medizin. Wie viele seiner österreichischen Kollegen kritisiert Schulze das „enorme Steuerungsgewicht, welches das deutsche Kassensystem erhalten“ habe. Die Diskussionen hierzulande im Zuge der Gesundheitsreformverhandlungen über die alleinige Entscheidungsmacht der „Zahler“ und die gleichzeitige Ausgrenzung der eigentlichen Experten, der Ärzte, die täglich in und mit dem System zu arbeiten haben, mag da manchen von uns noch deutlich im Ohr liegen.

Maßstab Wertschöpfung?

Der Arzt muss sich, so die These von Schulze, nicht mehr nur an seiner Qualifikation und der Qualität seiner Arbeit messen lassen, sondern immer öfter auch an der Wertschöpfung, die er abliefert und damit letztendlich an betriebswirtschaftlichen Kennzahlen. „Die Medizin soll in einen Gesundheitsmarkt verwandelt werden“, befürchtet Schulze und sieht darin eine drohende Gefahr, um langfristig die Selbstständigkeit des ärztlichen Handelns einzuschränken: „Immer mehr wird der Arzt von einem Verantwortlichen zu einem Mitverantwortlichen. In einem solchen System verkommt die Patienten-Arzt-Beziehung zum Anbieter-Kunden-Geschäft.“ Dieses Einführen einer „Tauschlogik“ sei aber vor allem für den Patienten problematisch, weil es letztendlich einen großen Unterschied ausmachen würde, ob dieser Patient als Kunde oder als hilfsbedürftiges Subjekt wahrgenommen wird.

Ressourcenethik

Kritik an einer zunehmenden Ökonomisierung des Gesundheitssystems habe nichts damit zu tun, der Verschwendung das Wort zu reden, betonte Schulze, diese sei in jeder Form abzulehnen: „Uns Ärzten ist durchaus bewusst, dass ohne Ressourcenethik das System nicht funktionieren kann.“ Das System dürfe sich allerdings nicht so weit umdrehen, dass die Ökonomie zum ausschließlich bestimmenden Entscheidungsfaktor wird.

Schulze sprach sich zuletzt für eine Weiterentwicklung der ärztlichen Ethik aus, um die sich verändernden Rahmenbedingungen entsprechend zu berücksichtigen. Zentrale Werte einer solchen Ethik sollten sein: Humane Gesinnung und menschliche Haltung, Einfühlungsvermögen, ethische Reflexion, Kommunikation, Wissenschaftlichkeit, wirtschaftliches Verständnis und Selbsterkenntnis.

Die Ausführungen und Thesen Schulzes (siehe Kasten) führten zu einer spannenden internen Diskussion der Kammerfunktionäre über Ökonomisierung und Priorisierung in der Medizin. Das Leben ist ein wirtschaftliches Leben, meinte einer der Diskutanten, davor könne und solle man nicht die Augen verschließen: „Wir müssen uns darauf einigen, was wir uns leisten können und leisten wollen.“ Die Patientenzahl wird sich in nur wenigen Jahren verdoppeln, rechnet ein anderer Teilnehmer vor: „Die Einzahler-Zahlen halbieren sich im selben Zeitraum. Wir werden also rationalisieren müssen, weil alles schlicht und einfach nicht mehr bezahlbar ist.“ Die Frage sei daher nicht mehr ob, sondern wie und durch wen priorisiert wird. Und das könne letztendlich nur multiprofessionell gelöst werden, gemeinsam von Politik, Ökonomie, Judikatur – und den Ärzten. Denn, so warb eine kritische Stimme am Symposium um mehr Kompromissbereitschaft innerhalb der Ärztevertretung, „ein Arzt, der sagt, ich will keine Ökonomie in der Medizin, ich will völlige Entscheidungsfreiheit“, der sei heute fehl am Platz: „Das geht einfach nicht.“

Download: Consensus Framework for Ethical Collaboration between Patients‘ Organisations, Healthcare Professionals and the Pharmaceutical Industry: http://www.ifpma.org/ fileadmin/content/Publication/ 2014/Consensus_Framework-vF.pdf

Thesen des Wandels

... der ärztlichen Rolle in einem ökonomisierten Gesundheitssystem:*

  • Von der Bedingungslosigkeit der Hilfe zur Rentabilität der Leistung
  • Vom Vertrauensverhältnis zum Vertragsverhältnis
  • Von der Selbstverständlichkeit des Gebens zur Rechenschaftspflichtigkeit allen Tuns
  • Von der fürsorglichen Praxis zur marktförmigen Dienstleistung
  • Von der Unverwechselbarkeit des Patienten zum standardisierten Verfahren
  • Von der ganzheitlichen Betrachtung des Patienten zur Zerlegung und Fraktionierung
  • Von der Freiheit ärztlicher Entscheidungen zum Therapieren nach Gebrauchsanweisungen
  • Von der ärztlichen Profession zum Angestellten im Industriekomplex
  • Von der Beziehungsqualität zur Fokussierung auf objektive Handlungen
  • Vom Grundgefühl der Dankbarkeit zur Generierung einer Anspruchsmentalität

* Formuliert von Prof. Dr. Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Landeskammer, im Rahmen des Vortrags: „Ökonomie und ärztliche Ethik“, 6. Wiener Symposium der Österreichischen Ärztekammer, 2014

V. Weilguni, Ärzte Woche 7/2014

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