zur Navigation zum Inhalt
Weite Wege, schlechte Straßen und wenig Geld erschweren die Gesundheitsversorgung in den entlegenen Gegenden Afghanistans.
 
Gesundheitspolitik 7. Februar 2014

Krankenhaus in Afghanistan eröffnet

Ein Krankenhaus – gestiftet und erbaut mit afghanischer Eigeninitiative und österreichischer Hilfe – hat im Sommer 2013 in der zentral-afghani schen Provinz Parwan zunächst einen Teilbetrieb aufgenommen. Es ist ein wichtiger Schritt in der lokalen Gesundheitsversorgung, denn die 2002/03 begonnenen Bauarbeiten gestalteten sich wegen fehlender Infrastruktur und der instabilen Sicherheitslage schwierig. Und als das Krankenhaus 2009 betriebsbereit war, fehlte es an medizinischem Personal. Es bedurfte zäher Verhandlungen um Finanzierung und Organisation, um die wichtigsten Stellen zu besetzen. Nun wird das „Sheikhali Hospital“ bereits von Patienten überschwemmt: Etwa 200 sind es pro Tag, vorrangig Frauen und Kinder. Das Personal ist bis spät in die Nacht im Einsatz – doch das Krankenhaus arbeitet längst nicht mit voller Kapazität. In der Gebirgsregion nordwestlich von Kabul zieht sich entlang des Ghorband-Flusses ein Tal, das schließlich in einer Enge zwischen 3000 und 4000 Meter hohen Gebirgsketten endet, die nur über hohe Pässe zu überwinden sind. Dahane-Djarf heißt diese Stelle im Bezirk Sheikhali, wo nur noch einige Dörfer und verstreute Bauernhöfe an den Hängen „kleben“. Eine private Initiative führte zu dem Entschluss, genau dort ein modernes Krankenhaus zu bauen. Dessen Einzugsgebiet umfasst allerdings bis zu 200.000 Menschen, da Patienten nicht nur aus den umliegenden Orten und Tälern, sondern auch aus den Nachbarprovinzen zu erwarten sind.

wkmag Tab1

Alles ein Wagnis

Gewagt war das Unternehmen dennoch, denn bis vor drei Jahren war diese Gegend nur über eine unbefestigte Straße zu erreichen, deren Verlauf entlang des Flusses etwa mit einer Achterbahn zu vergleichen ist. Mittlerweile ist sie ausgebaut; sie führt durch die Talenge, ist für weitere zehn Kilometer bis zum 3000 Meter hohen Shebar-Pass asphaltiert und verbindet die Hauptstadt Kabul mit Bamian in Zentral-Afghanistan. Vor dem Ausbau der Straße musste das gesamte Baumaterial auf der steinigen Buckelpiste herangeschafft werden; einige Container kamen mit dem Hubschrauber an die Baustelle, sofern solche Dienste verfügbar waren. Im Winter war die Straße häufig unpassierbar, und selbst unter normalen Bedingungen dauerte die Autofahrt von Kabul zu dem etwa 160 Kilometer entfernten Ort einen guten halben Tag. Auch jetzt braucht man für die Strecke etwa vier Stunden – waghalsige Kurven, gefährliche Wegstrecken, Weidetiere und landwirtschaftlicher Verkehr – auch in Form von Nomadenzügen – sind zu berücksichtigen. Die Stromversorgung hat den Ort noch nicht erreicht; von der neuen, erst seit ein paar Jahren bestehenden Starkstromleitung von Usbekistan nach Kabul wird zwar die Provinzhauptstadt von Parwan, Tscharikar, versorgt, doch bis in das ferne Tal wurde noch keine Stromleitung gelegt. Mit zwei Generatoren, einem großen für den Spitalsbedarf und einem kleineren für die Beleuchtung, hat man diesen gravierenden Mangel überbrückt, in der Hoffnung, in den nächsten Jahren an das Stromnetz angeschlossen zu werden. Natürlich hat man auch daran gedacht, Sonnenenergie zu nutzen, doch müsste eine solche Investition gut geplant werden – nicht zuletzt wegen der Wartung unter den extremen geographischen und klimatischen Bedingungen. Auch die Wasserversorgung war nicht einfach zu bewerkstelligen. Zwar fließen hier reichlich Bäche von den Bergen, solange es Schmelzwasser gibt, doch mit dem kostbaren Nass bewässern die Bauern ihre kargen Terrassenfelder an den Berghängen. Oberflächenwasser ist wegen der Verunreinigungen durch Tierhaltung und Haushaltsabwässer problematisch. Es galt also, einen Brunnen zu schlagen. Wasser fand sich in 20 Metern Tiefe, der Schacht wurde jedoch 40 Meter tief gebohrt, um auch in den trockenen Sommern die Wasserversorgung zu sichern. Schließlich musste noch eine Schutzmauer am Berghang gebaut werden, um einer möglichen Überflutung des Spitalsareals durch Sturzbäche nach der Schneeschmelze und Regenzeit vorzubeugen. Trotz all dieser Widrigkeiten und extremer Witterungsverhältnisse – und den extra Kosten, die dadurch verursacht wurden – gingen die Bauarbeiten relativ zügig voran. Im Jahr 2008 war der Bau fertig; der österreichische Baumeister, August Jammarnegg, ist inzwischen verstorben. 2009 stand schließlich ein fertiges Krankenhaus an Ort und Stelle, mit 42 Betten und kompletter Ausstattung, sauberen Sanitäreinrichtungen, einem einfachen Labor, einer Entbindungsstation und Ambulanzräumen. Vieles an Ausrüstung war von österreichischen Stellen gespendet worden. Doch ....

Es fehlten Ärzte und Ärztinnen!

Dieses gravierende Problem bereitet dem Initiator des Krankenhauses, dem österreichisch-afghanischen Geschäftsmann Hosain Bakhsh und seinem Team vor Ort noch immer das meiste Kopfzerbrechen. Welches medizinische Personal würde bereit sein, in dieser einsamen und entlegenen Gegend einen Job anzunehmen? Zwar ist Parwan keine „Unruheprovinz“, wirklich sicher ist allerdings auch dieses Terrain nicht. Auf dem nicht weit entfernten Shebar-Pass wurde 2007 eine afghanische Journalistin von Aufständischen getötet, 2006 ereilte zwei Journalisten auf der Straße durch das Ghorband-Tal dasselbe Schicksal. Auch gibt es immer wieder Berichte über lokale Gewaltakte, die die starke internationale und nationale Truppen- und Polizeipräsenz nicht verhindert hat.

WKMag_Abb2

Nur die wenigsten Patienten können für die Behandlung bezahlen

WKMag_Abb3

Dass die neue Gesundheitseinrichtung dringend gebraucht wird, hat sich mehr als erwiesen.

Planung und Infrastruktur

Zunächst aber galt es, das private Krankenhausprojekt in die Planungsstruktur des afghanischen Gesundheitswesens zu integrieren. Trotz des lokalen Bedarfs gestaltete sich dies verwaltungstechnisch schwierig. Einer rigiden Administration etwas zu „schenken“, das im geplanten Netz von Distriktkrankenhäusern und lokalen Gesundheitszentren nicht aufschien und im System sozusagen einen „Sonderplatz“ einnehmen würde – das erwies sich als organisatorischer Hürden - lauf. Wobei natürlich auch das Geld eine maßgebliche Rolle spielte und spielt. Denn das Krankenhaus war zwar mit privaten Mitteln des Stifters erbaut und mit Spenden zahlreicher österreichischer Stellen ausgerüstet worden – nun ging es darum, den Betrieb nachhaltig zu finanzieren. Dass nur die wenigsten Patienten für die Behandlung bezahlen können, war von Anfang an klar – es könnte bestenfalls ein symbolischer Beitrag sein. Hinzu kommt, dass die Planung der afghanischen Gesundheitsbehörden auch durch gut gemeinte, aber unproportional ausgelegte Krankenhausprojekte verschiedener Geberländer oder Hilfsorga nisationen konterkariert wird. Beispiele dafür sind ein Krankenhaus in Gardez in der südöstlichen Provinz Paktia und ein weiteres in Paktika, einer Grenzprovinz zu Pakistan. Ein US-amerikanischer Audit-Bericht stellt kritisch fest, dass die beiden großen, von der USAID* finanzierten Krankenhäuser wohl kaum mit dem erforderlichen Personal besetzt werden können, weil sogar in bereits vorhandenen Provinz-Spitälern wichtige Ärzte- Posten vakant sind – und das zum Teil schon seit Jahren. Das nun eröffnete Sheikhali-Spital in Dahane-Djarf ist zwar größenmäßig an den lokalen Bedarf angepasst, jedoch mangelt es an Infrastruktur.

wkmag_Abb4 

Das Sheikhali-Spital ist größenmäßig an den lokalen Bedarf angepasst, aber es mangelt an Infrastruktur. Gesamtansicht 2007

wkmag_Abb5

Nach langer Planungs- und Bauzeit wurde das Sheikhali-Spital im vergangenen Sommer eröffnet.

wkmag_Abb6

Derzeit kommen pro Tag etwa 200 Patienten – darunter besonders viele Frauen und Kinder

Finanzierung

Angesichts dieser schwierigen Verhältnisse verlangt ein gut ausgebildeter Arzt bis zu 2000 US-Dollar pro Monat, um in Dahane-Djarf zu arbeiten. Es gibt entsprechende Ausschreibungen, um eventuell auch Ärzte aus Indien anzuwerben. Zum Vergleich: in einem Krankenhaus in der Hauptstadt Kabul bekommen Ärzte etwa 70 Dollar im Monat; viele führen daneben eine private Praxis, womöglich mit Hausapotheke, was ihnen zusätzliche lukrative Einkommensquellen verschafft. Dass Ärzte dann oft nur bis Mittag im Krankenhaus Dienst tun und viele Patienten zur Weiterbehandlung an ihre Praxen verweisen, wird von den Behörden stillschweigend toleriert. In dem fernen Winkel von Dahane- Djarf funktioniert das jedoch nicht. Das medizinische Personal muss ausreichend bezahlt werden, um vor Ort zu bleiben. Nach langen, ergebnislosen Verhandlungen mit potentiellen Unterstützern musste sich der Initiator des Projekts, Hosain Bakhsh, verpflichten, die Gehälter des Personals für zwei Jahre zu übernehmen – das beläuft sich auf 15.000 bis 20.000 US-Dollar monatlich. Derzeit arbeiten im Krankenhaus ein Chirurg und ein Internist, die am Wochenende in ihre Heimatorte in der Provinz Parwan fahren, eine Hebamme und drei Krankenschwestern, die beim Krankenhaus wohnen, ein Kinderarzt, der zu gewissen Ordinationszeiten anwesend ist, zwei Helferinnen, ein Pharmazeut für einfache Laboruntersuchungen, sowie ein Buchhalter vor Ort und ein Verwalter, der zwischen Kabul und Dahane-Djarf hin- und herpendelt. Außerdem gibt es noch einen Krankenpfleger und Notarzt in einer Person, der eine dreimonatige Kurzausbildung des afghanischen Gesundheitsministeriums absolviert hat. Hinzu kommen zwei Männer als Wachpersonal und eine Person am Aufnahme- und Informationsschalter. Sie alle erhalten moderate Gehälter nach afghanischem Standard. Als Wohnmöglichkeiten für das Personal wurden einfache Häuser errichtet. Um das Krankenhaus endlich in Betrieb nehmen zu können, hat sich das afghanische Gesundheitsministerium verpflichtet, die Kosten für Medikamente, das Essen für stationäre Patienten sowie die Heizkosten und den Aufwand für Spitalskleidung für zwei Jahre zu übernehmen. Doch immer wieder muss der Geschäftsmann und Initiator Hosain Bakhsh auch hier finanzielle Unterstützung leisten, um die Versorgung zu gewährleisten. Wie es nach den ersten zwei Jahren weitergehen wird, ist ungewiss. Derzeit kommen pro Tag etwa 200 Patienten – darunter besonders viele Frauen und Kinder. In stationärer Pflege bleiben vor allem Wöchnerinnen, die nach der Geburt einige Tage im Spital zubringen. Denn die Heimwege sind meist lang und äußerst beschwerlich. Meist müssen daher auch Familienangehörige, die die Frauen begleiten, untergebracht werden. Unter diesen Bedingungen arbeitet das Personal – in erster Linie die ständig anwesende Hebamme und die Krankenschwestern – täglich bis spät abends. Jede und jeder muss flexibel sein und auch Arbeiten unter und manchmal sogar über ihrer oder seiner Qualifikation ausführen. Doch der Optimismus ist groß, und dass die neue Gesundheitseinrichtung dringend gebraucht wird, hat sich mehr als erwiesen. Nun gilt es, ausreichend Personal bereitzustellen, damit die vielen ambulanten und stationären Patienten entsprechend versorgt werden können. Hosain Bakhsh, dem Stifter des Krankenhauses, liegt es am Herzen, den Menschen seiner Heimat - gerade in jener unterversorgten Gegend, in der er geboren wurde – medizinische Behandlung zu ermöglichen. Das humanitäre Engagement der zahlreichen Spender und ehrenamtlichen Unterstützer ist die stärkste Motivation, medizinischer Einsatz und organisatorisches Know-how sind ebenso gefragt.

Danksagung

Allen Stellen und Privatpersonen, die die Realisierung dieses Projekts ermöglicht und das Krankenhaus materiell und ideell unterstützt haben bzw. unterstützen, sei an dieser Stelle im Namen der Menschen, die dort ärztliche Hilfe finden, herzlich gedankt!

Korrespondenz Dr. Lise J. Abid E-Mail.

Referenzen:
1.  Schätzungen;  Quelle: Internat.  Ärzte f. d. Verhütung des Atomkrieges (IPPNW),  Medizinische  Versorgung in  Afghanistan, Jan.  2010, und weitere  lt. Angabe)
2.  Simone MEYER,  25.2.2013 http:// investigativ.welt. de/2013/02/25/ die-hilflosen-helfer-in-Afghanistan/
3.  lt. UNICEF 2010  nur bei 14 %  http://www. unicef.org/maternalhealth/in - dex_608.htm.  
4.  Mittlere Inter- Agency-Schätzungen lt. WHO,  2010
 

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben