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Gesundheitspolitik 5. Februar 2014

Rund um die Gesundheit: Wirtschaftsmotor mit Potenzial

Österreichs Gesundheitswirtschaft ist um eine Reihe von Daten reicher: Das „Gesundheitssatellitenkonto“ gibt Einblick in eine noch nicht ausreichend erforschte Branche.

Gesundheitsreform, ELGA, Arbeitszeiten, ambulante Versorgung, Hausarztmodell oderQualitätssicherung – letztendlich münden alle gesundheitspolitischen Diskussionen dort, wo es kaum eine rasche oder gar einfache Lösung gibt: bei der Finanzierung. Gesundheit wird primär als ein Kostenfaktor gesehen. Dass dahinter Wirtschaftszweige und Industrien stehen sowie Nachfrageeffekte auch in angrenzenden Branchen zu mehr Wertschöpfung im Land führen, wird selten erwähnt.

Dass diese Wertschöpfungseffekte wenig publik sind, ist kein Wunder, denn dazu fehlen die geeigneten Daten. Zumindest war es bis vor Kurzem so. Aber seit wenigen Tagen hat auch Österreich – nach deutschem Vorbild – ein so genanntes „Satellitenkonto Gesundheit“. Hier werden vereinfacht formuliert all jene Bereiche in Daten und Fakten gegossen, die weit mehr sind als das Gesundheitswesen im engeren Sinn: Mit einbezogen werden viele Bereiche, deren Wachstum maßgeblich vom Bedürfnis nach Gesundheit und Wohlbefinden bestimmt wird. Und das sind viel mehr, als auf den ersten Blick auf der Hand liegt. Dazu gehören Hüftimplantate, Yogamatten, aber auch Verlage und ihre Bücher, die sich einem gesundheitsorientierten Thema widmen.

Das Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend und die Wirtschaftskammer Österreich haben daher eine Studie beim Institut für Höhere Studien (IHS) in Auftrag gegeben, die vor allem eines zum Ziel hat: ein neues Verständnis für Gesundheit zu entwickeln und die davon abhängigen Wirtschaftszweige als den Wachstumsmarkt wahrzunehmen, der er eindeutig ist. Der hohe Grad an Dienstleistungsorientierung lässt, ohne groß über die Datenbasis Bescheid zu wissen, auch schon darauf schließen, dass es sich dabei um eine der beschäftigungsintensivsten heimischen Wirtschaftsbranchen handelt.

Satellitenkonto Gesundheit

Ergebnis der IHS-Studie ist nun ein Gesundheitssatellitenkonto für Österreich (GSKÖ), das belastbare Daten für eine zielgerichtete Gesundheits- und Sozialpolitik zur Verfügung stellt. „Damit gibt es erstmalig für Österreich eine umfassende Zusammenschau der Gesundheitswirtschaft, die weit über den Bereich der öffentlichen Gesundheitsversorgung hinausgeht. Das Satellitenkonto zeigt die Produktivität, Verflechtungen, Vorleistungsstrukturen, Exportmöglichkeiten und Beschäftigte dieses Wirtschaftszweiges“, erklärt Dr. Christoph Schneider, Abteilungsleiter der Wirtschaftspolitik der Wirtschaftskammer Österreich anlässlich der Präsentation des Satellitenkontos.

Dass eine derartige Darstellung nichts an Komplexität vermissen lässt und vermutlich ein wenig Empathie für Zahlen und Detailverliebtheit erforderlich sind, um alle erforschten Querverbindungen entsprechend zu interpretieren, lässt sich erahnen. Nichtsdestotrotz lohnt sich ein zweiter Blick auf die 170 Seiten starke Studie, die immerhin methodisch transparent eine gute Basis für weitere Forschungen und – so sind sich Experten einig – auch bedeutende volkswirtschaftliche Potenziale aufzeigen. So eröffnet zum Beispiel allein der technologische Wandel eine Reihe neuer Behandlungsmöglichkeiten und kann damit als Wertschöpfungsfaktor gesehen werden. „Der demografische Wandel erhöht den Bedarf an Gütern der Gesundheitswirtschaft und insbesondere das sich verändernde individuelle Gesundheitsverständnis in Verbindung mit steigendem Wohlstand kann einen bedeutsamen Einfluss auf die Nachfrage nach Gesundheitsgütern haben“, weiß auch Studienautor Dr. Thomas Czypionka, Leiter des Forschungsbereichs Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik am IHS.

Effekte auf Bundes- und Landesebene

Um dem Anspruch, die Gesundheitswirtschaft als Teil der gesamten Wirtschaft mit all ihren Verflechtungen darzustellen, gerecht zu werden, bedient sich die Studie der Input-Output-Methodik, die eine gesamte Volkswirtschaft abbildet und so ein zentrales Rechenwerk für ökonomische Analysen darstellt. Ziel ist es, durch eine Extrahierung der relevanten Teilmärkte und Verdichtung dieser Information in einem „separaten“ Konto den gesundheitsrelevanten Wirtschaftsteil in eine praktikable Form zu gießen.

Gleichzeitig bleibt der Satellit ein Teil der Input-Output-Tabelle, um die Verflechtungen mit der restlichen Wirtschaft weiterhin aufzeigen und analysieren zu können und die Auswirkungen von Effekten wie Nachfrageänderungen oder wirtschaftspolitischen Maßnahmen berechnen zu können. So lassen sich direkte, indirekte und induzierte Wertschöpfungs- und Beschäftigungseffekte sowie der Einfluss auf das gesamtwirtschaftliche Aufkommen an Steuern und Sozialversicherungsabgaben berechnen. Durch eine Regionalisierung des Gesundheitssatelliten können diese Effekte auch auf Bundesländerebene berechnet werden.

Unabhängige Entwicklung

Die österreichische Gesundheitswirtschaft ist ein sehr bedeutender Wirtschaftssektor, der über die wirtschaftlichen Verflechtungen Vorleistungen aus der heimischen Wirtschaft bezieht und über 800.000 Beschäftigte zählt. Etwa jeder zehnte Euro der österreichischen Wertschöpfung wird in der Gesundheitswirtschaft generiert und jeder fünfte Beschäftigte ist damit in der Gesundheitswirtschaft oder den damit verbundenen Wirtschaftsbereichen tätig, jeder siebente Beschäftigte direkt in der Gesundheitswirtschaft.

Die erweiterte Gesundheitswirtschaft wächst stärker als der Durchschnitt der Gesamtwirtschaft und stellt damit eindeutig einen Wachstumsmotor dar.

„Einzig als Exportartikel hat die heimische Gesundheitswirtschaft noch ausbaufähiges Potenzial“, resümiert Czypionka das Optimierungspotenzial und ergänzt: „Das Wachstum der erweiterten Gesundheitswirtschaft wird bis 2015 stark mit der Entwicklung der Gesamtwirtschaft korrelieren und darüber liegen, dagegen verläuft die Entwicklung des Kernbereichs der Gesundheitswirtschaft weitgehend unabhängig zur Entwicklung der Gesamtwirtschaft.

Das Wachstumspotenzial insgesamt ist enorm, aufgrund wachsender Binnennachfrage, aber vor allem im Export. Es bestehen viele Voraussetzungen, um an internationalen Entwicklungen zu partizipieren. Einzelne Rahmenbedingungen, die den Standort schwächen, müssten dafür aber ausgeräumt werden.“

Auf einen Blick

Daten & Fakten aus dem Gesundheitssatellitenkonto für Österreich (GSKÖ)

• Jeder siebente Beschäftigte ist in der Gesundheitswirtschaft tätig.

• Jeder fünfte Beschäftigte ist in der Gesundheitswirtschaft oder in den von ihr angestoßenen Wirtschaftsbereichen tätig.

• 10,13 Prozent der österreichischen Wertschöpfung entstehen direkt in der Gesundheitswirtschaft.

• Jeder achte Abgaben-Euro fällt durch die Gesundheitswirtschaft und ihre Verflechtungen an.

• Mehr als 5/6 der Bruttowertschöpfung der Gesundheitswirtschaft werden über Dienstleistungen generiert.

• Der Beitrag der Gesundheitswirtschaft zum gesamtösterreichischen Exportüberschuss (Waren und Dienstleistungen) beträgt 4,39 Prozent, ist aber ausbaufähig.

R. Haiden, Ärzte Woche 6/2014

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