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DDr. Martin Brock Präsident des Verbandes Österreichischer Kieferorthopäden (VÖK)
 
Gesundheitspolitik 31. Jänner 2014

Gratis-Zahnspange: Viele Fragen sind noch offen

Der Verband Österreichischer Kieferorthopäden (VÖK) kritisiert die Verunsicherung von Patienten seit der Ankündigung von Gesundheitsminister Alois Stöger im Wahlkampf.

DDr. Martin Brock vom Verband Österreichischer Kieferorthopäden fordert, dass die Bezuschussung durch die Krankenkassen an eine zeitgemäße Beurteilung des tatsächlichen Behandlungsbedarfs gebunden wird und warnt vor Fallstricken bei der Einführung der „Gratis-Zahnspange“: „Die Qualitätssicherung in der Kieferorthopädie muss gewährleistet bleiben.“

Der VÖK-Präsident gibt im Interview mit dem Zahn Arzt zu bedenken: „Für eine Vollversorgung werden die budgetären Mittel nicht ausreichen. Daher fordern wir, dass die Bezuschussung durch die Krankenkassen an eine zeitgemäße Beurteilung des tatsächlichen medizinischen Behandlungsbedarfs gebunden wird.“

Der VÖK fordert, dass die Bezuschussung durch die Krankenkassen an eine zeitgemäße Beurteilung des tatsächlichen Behandlungsbedarfs gebunden wird. Wie könnte das konkret aussehen?

Brock: Der von uns angedachte Modus wäre, dass die Fälle vor Behandlungsbeginn nach dem Index of Orthodontic Treatment Need (IOTN) graduiert werden. Dieser IOTN hat fünf Stufen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie wahrscheinlich eine Fehlstellung im späteren Leben die Gesundheit beeinträchtigen kann. Der Grundgedanke ist prophylaktisch. Dieses System wird in vielen europäischen Ländern wie Deutschland – z.T adaptiert – verwendet.

Die Höhe der Bezuschussung durch die Krankenkasse wäre dann davon abhängig, wie schwerwiegend die Fehlstellung des einzelnen Patienten ist – schließlich ist das Budget dafür ja nicht unerschöpflich. Für die Sozialversicherungsträger ihrerseits ist eine Kostenbezuschussung insofern interessant, das sie sich ja in weiterer Folge Kosten ersparen können. Fälle, die nachweislich rein kosmetischer Natur sind, müssten hingegen nicht unbedingt bezuschusst werden. Natürlich hat auch ein derartiges System seine Tücken, insbesondere was zum Beispiel die Frühbehandlung betrifft. Es ist also ein hohes Maß an Fachwissen und Erfahrung bei der Implementierung solcher Systeme nötig, sonst schafft man erst wieder Probleme für die Patienten.

Sollte es Ihrer Meinung nach eine Altersbeschränkung bei dieser Regelung geben?

Brock: Das hätten zwar die meisten Sozialversicherungsträger gerne und es ist auch in anderen Ländern so der Fall wie z.B. in Deutschland. Uns erscheint es nicht wirklich sinnvoll. Im Grunde ist es nicht einzusehen, dass Erwachsenen bei einer gravierenden Fehlstellung keinen Zuschuss zu den Behandlungskosten bekommen sollten.

Wer würde dann diese graduierte Beurteilung des Behandlungsbedarfs bei den Patienten vornehmen?

Brock: Üblicherweise wird das vom jeweiligen behandelnden Kieferorthopäden selbst durchgeführt und die Beurteilung stichprobenartig überprüft. So bleibt der Verwaltungsaufwand für beide Seiten minimal, wir wollen ja auch keinen bürokratischen Overkill.

Nach Ihren Aussagen wäre bei der Umsetzung auch eine Qualitätssicherung notwendig. Wie könnte diese denn aussehen?

Brock: Unsere Vorschläge gehen dahin, dass man zumindest einen Teil der Bezuschussung vom Behandlungserfolg abhängig macht. Wir stellen uns das in Form eines Bonus vor, den der Patient nach erfolgreichem Abschluss der Behandlung erhält. Auch dafür gibt es objektive Indizes, die den Erfolg der Behandlung beschreiben. Das hat den Hintergrund, dass wir natürlich auch immer von der Compliance des Patienten abhängig sind – der Bonus wäre eine gute Motivation. Ohne vernünftige Maßnahmen zur Qualitätssicherung ist davon auszugehen, dass es über kurz oder lang zu einem massiven Anstieg von Zweitbehandlungen kommt. Das hätte eine unkalkulierte Erhöhung der Kosten zur Folge. Diese Qualitätskontrolle setzt natürlich auch eine gewisse Kompetenz und Ausbildung der Behandler voraus.

A propos Ausbildung: Der VÖK bemüht sich um die staatliche Anerkennung der universitären Fachzahnarztausbildung für Kieferorthopädie. Woran scheitert es?

Brock: Österreich und Spanien sind die einzigen Länder der EU ohne Anerkennung der Fachausbildung Kieferorthopädie. In der Türkei gibt es seit 1927 den Fachzahnarzt für Kieferorthopädie. In Österreich ist die Fachausbildung möglich, und es gibt daher auch sehr gut ausgebildete Kieferorthopäden. Nur dürfen wir die Ausbildung nicht öffentlich machen. Somit sind wir auch für unsere Patienten unsichtbar. Jeder Zahnarzt, der 90 Stunden Fortbildung absolviert hat, kann in Österreich Kieferorthopädie auf sein Praxisschild schreiben. Nach internationalen Kriterien ausgebildete Kieferorthopäden mit dreijähriger universitärer Vollzeitausbildung im Ausmaß von 4.000 Stunden und Prüfung dürfen diesen Titel allerdings nicht führen. Daher ist esfür Patienten in Österreich schwierig herauszufinden, ob es sich um einen Zahnarzt mit kieferorthopädischem Basiswissen oder einen bestens ausgebildeten Spezialisten mit umfassendem Wissen handelt, das für die Diagnose und Behandlung von komplexen Fehlstellungen notwendig ist. Deshalb kämpfen wir schon seit Jahrzehnten für eine offizielle Anerkennung. Warum das nicht umgesetzt wird, bleibt für uns unverständlich, weil es schon jetzt ein gutes Miteinander von ausgebildeten Kieferorthopäden und kieferorthopädisch arbeitenden Zahnärzten gibt. Das sieht man auch am Beispiel unserer Nachbarländer, wo das friktionsfrei funktioniert.

Auf welche Weise macht sich die Verunsicherung durch das Wahlversprechen derzeit bemerkbar?

Brock: Was sich im Moment aufgrund des Wahlversprechens abspielt, könnte sich im Endeffekt für die Patienten negativ auswirken, weil sich einige Eltern jetzt überlegen, die Behandlung ihrer Kinder aufzuschieben. Wenn dadurch bereits geplante Behandlungen nicht zum richtigen Zeitpunkt begonnen werden, kann es durchaus sein, dass sie in dieser Form später nicht mehr durchführbar sind. Was einen unnötigen Aufwand und natürlich Kosten verursacht. In manchen Fällen könnte sogar zusätzlich eine kieferchirurgische Intervention notwendig werden, um gröbere Abweichungen der Kiefer zueinander zu beseitigen. Für uns ist es vielleicht nicht angenehm und ein organisatorischer Aufwand, aber für die Patienten könnten sich dadurch gröbere Probleme ergeben. Wir haben natürlich bereits versucht, unsere Anliegen im Gesundheitsministerium zu deponieren, bis jetzt haben wir allerdings noch keinen Termin bekommen. So wie ich ein Radiointerview von Minister Stöger verstanden habe, scheint sich allerdings hier schon ein gewisses Bewusstsein dafür herausgebildet zu haben, was man mit dieser Ankündigung angerichtet hat, bereits 2015 die kostenlose Zahnspange für alle einführen zu wollen. Jetzt sieht es ja ganz danach aus, als ob es durchaus bis 2018 dauern könnte – wobei nicht einmal das sicher ist. Und eine gratis Zahnspange für alle wird es sicher nicht geben.

Das Interview führte Mag. Andrea Fallent

Verband Österr. Kieferorthopäden

Der Verband Österreichischer Kieferorthopäden (VÖK) bemüht sich seit seiner Gründung im Jahr 1998, durch Qualitätsprüfungen und Fortbildungen sicher zu stellen, dass auch in Österreich hochqualifizierte kieferorthopädische Behandlungen nach dem Stand der Wissenschaft durchgeführt werden.

Der VÖK vereint aktuell rund 250 Mitglieder aus allen Bundesländern. www.voek.info

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