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Gesundheitspolitik 29. Jänner 2014

Informationsaustausch ist zu wenig

Die Gesundheitsberufe-Konferenz versteht sich sowohl als interne Dialog- wie auch externe Expertenplattform und fordert vehement die Einbindung ihrer Repräsentanten in die nächsten Schritte der Gesundheitsreform.

„Obwohl die Gesellschaft an sich immer mobiler wird, werden die Menschen, die medizinische oder pflegerische Leistungen benötigen, immer immobiler“, sagt Dr. Karl Forstner, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer. Patienten müssten daher dort medizinische Versorgung finden, wo sie wohnen und arbeiten. Dies gelte vor allem für die Peripherie, wo die Einführung des von der Ärztekammer entwickelten Haus- und Vertrauensarztmodells besonders dringlich wäre.

Dass er nur im Konjunktiv spricht, habe damit zu tun, erläutert Forstner, „dass es entgegen den politischen Bekenntnissen noch immer zu keiner Aufwertung der Hausärzte gekommen ist“. Indes philosophiere die Politik lieber mit ihrer Gesundheitsreform weitgehend inhaltsleer über den ‚Best Point of Service‘: „Bis dato weiß aber niemand, wo er genau sein soll.“

Die Verbesserung der Gesundheitsbetreuung insgesamt – und das Definieren des ‚Best Point of Service‘ – gehen aber weit über die Diskussion um Verfügbarkeit und Wochenendöffnungszeiten der Hausärztehinaus. Es geht um ein breites multiprofessionelles Angebot in den Feldern Akutmedizin, Therapie, Pflege, Psychologie, Prävention etc. Dazu müssen sich auch die einzelnen Gesundheitsberufe stärker als bisher vernetzen, um vor dem Hintergrund massiver gesellschaftlicher, zivilisatorischer und demografischer Veränderungen eine flächendeckende, bedarfsorientierte Versorgung sicherzustellen.

Mobile Dienste werden immer wichtiger, ebenso wie eine psychologische und psychotherapeutische Betreuung. Ambulante lokale Betreuungseinrichtungen und regionale Pflegestützpunkte aber fehlen weitgehend immer noch. Politische Bekenntnisse, lokale Projekte und private Initiativen sind zwar mannigfaltig vorhanden und ihre zählbaren Erfolge auch durchaus vielversprechend. Was aber nach wie vor fehlt, ist ein flächendeckendes Angebot aus Sicht der so arg strapazierten „Patientenperspektive“.

Um ein solches wohnortnahes Angebot zu schaffen, braucht es nicht nur den Willen der politischen Entscheidungsträger auf Bundes-, Länder- und Kommunalebene, sondern auch vernetzte, multiprofessionelle Strukturen und ein Ende alter Ressentiments und „Machtspiele“ zwischen den einzelnen Gesundheitsberufen. „Teamarbeit heißt für uns nicht: Einer schafft an, der andere führt aus. Sondern: Wie können wir gemeinsam eine Leistung am besten erbringen“, sagt Ursula Frohner, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes (ÖGKV).

Wohnortnahe Versorgung

„Wohnortnahe Versorgung“ lautete folgerichtig das zentrale Thema am diesjährigen „Tag der Gesundheitsberufe“, eine Initiative der vor einigen Jahren ins Leben gerufenen Gesundheitsberufe-Konferenz. Sie bildet eine Plattform für die Berufsverbände aller 23 gesetzlich geregelten Gesundheitsberufe, die weit mehr sein will als ein bloßes Gremium zum regelmäßigen Gedankenaustausch. „Dass Berufsgruppen unterschiedliche Sichtweisen haben, steht außer Frage, ist in einer komplexen, multiplen Gesellschaft nicht ungewöhnlich“, meint Forstner. Daher sei ein regelmäßiger Informationsaustausch zwischen den einzelnen Berufen sinnvoll und notwendig, wäre aber zu wenig ambitioniert: „Unser Ziel muss es sein, in Dialog zu kommen und gemeinsam Lösungen zu finden. Denn die Herausforderungen im Gesundheitssystem werden in den nächsten Jahren noch erheblich zunehmen, das wird nicht eine Berufsgruppe alleine lösen können, dazu braucht es Kooperationen.“

Außerdem will die Konferenz laut ihrer derzeitigen Vorsitzenden Mag. Ulla Konrad, Präsidentin des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen (BÖP), „in grundsätzlichen Angelegenheiten im Gesundheitswesen, bei gemeinsamen Interessen der Gesundheitsberufe sowie in Fragen der Patientenbetreuung und Gesundheitsförderung gemeinsam informieren und Stellung beziehen sowie in der Öffentlichkeit auftreten.“ Und Frohner, die innerhalb der Plattform die größte Personengruppe im Gesundheitswesen vertritt, ergänzt: „Wir wollen Informationen austauschen und Wissen bündeln, aber auch tragbare Strukturen weiterentwickeln und gemeinsam überlegen, wie wir eine multiprofessionelle Gesundheitsversorgung der Menschen sicherstellen können“.

Psychologie

Innerhalb einer solchen multiprofessionellen Gesundheitsversorgung gewinnt neben der Pflege auch die psychische Betreuung und Vorsorge zusehends an Bedeutung, diagnostiziert Konrad anhand immer komplexer werdender Krankheitsbilder und steigender psychischer Belastungen. Es sei höchst an der Zeit, dass diese Fragestellungen „mehr in die Mitte rücken“, damit die immer noch vorhandenen Stigmatisierungen endlich überwunden werden. Als wesentliche Maßnahmen zur Erreichung dieser Zielsetzung fordert der Psychologenverband eine Aufnahme der klinisch-psychologischen Behandlung in die extramurale Regelversorgung und die Integration von klinischen Psychologen und Gesundheitspsychologen in das multidisziplinäre Kernteam einer gestärkten Primärversorgung, wie sie die Gesundheitsreform vorsieht. Nur so könne es langfristig gelingen, resümiert Konrad, das „immer noch falsche Bild von der Psychologie in der Öffentlichkeit, aber auch bei Vertretern anderer Gesundheitsberufe“, zurechtzurücken.

Agenda 2014

Für dieses Jahr hat sich die Gesundheitsberufe-Konferenz jedenfalls vorgenommen, mehr Mitspracherecht in gesundheitspolitischen Entscheidungsprozessen einzufordern – und dieses auch zu bekommen –, am besten als Teil der Bundesgesundheitskonferenz. Konkret geht es der Konferenz um das Gesundheitsziel Nummer zehn, sagt Mag. Gabriele Jaksch, Präsidentin des Dachverbands der gehobenen medizinisch-technischen Dienste Österreichs (MTD-Austria), das derzeit „nur mehr von den Zahlern“ besprochen würde, ohne die Experten mit einzubeziehen. Der Tag der Gesundheitsberufe hätte eindrücklich gezeigt, ergänzt Forstner, wie viel Kompetenz und wie viel Wissen in diesen Berufen steckt: „Wer dieses Expertenwissen nicht nutzt, wird scheitern, weil sich in der Theorie alleine das System nicht verbessern lässt.“ Gesundheitsziel zehn lautet übrigens: „Eine qualitativ hochstehende und effiziente Gesundheitsversorgung für alle nachhaltig sicherstellen.“

Prämierte interdisziplinäre Projekte

Um die Vorteile der Interdisziplinarität auch plastisch entsprechend darzustellen und die Idee zu fördern, werden von der Konferenz jährlich besonders gelungene Projekte prämiert. Aus den 22 Einreichungen gingen folgende drei Projekte als Sieger hervor:

Platz 1: Alltagsorientiertes Gangsicherheits- und Sturztraining für die noch selbstständig mobilen Bewohner im KWP-Pensionistenhaus Gustav Klimt, Wien-Penzing, eingereicht von der Physiotherapeutin Constance Schlegl und der Ergotherapeutin Catharina Barcsak: Die Bewohner wurden über einen Zeitraum von fünf Wochen einmal wöchentlich trainiert. Gearbeitet wurde nach dem sogenannten Otago-Sturztrainingsprogramm, jeweils im individuellen Schwierigkeitsgrad. Ziel war die Verbesserung von Koordination, Gleichgewicht, Kraft und Ausdauer. Die Teilnehmer erhielten zusätzlich drei Physiotherapieeinheiten, um das Gelernte zu festigen.

Platz 2: Rundum gsund – Gruppenprogramm zum Abnehmen und einer gesunden Lesensstiländerung für übergewichtige Frauen, eingereicht vom Frauengesundheitszentrum FEM Süd, Wien. Abnehmgruppen werden von einem interdisziplinären Team bestehend aus Klinischen und Gesundheitspsychologinnen, einer Diätologin und Sportwissenschafterinnen betreut. Angeboten werden Ernährungsvorträge und Bewegungseinheiten sowie eine Nachbetreuung über sechs Monate, um die mit dem Programm erzielten Erfolge – Gewicht reduzieren, den BMI senken, den Bauchumfang verringern und das Körperfett vermindern – längerfristig zu halten. Zusätzlich wurde das Wiener Forum Übergewicht und Adipositas gegründet.

Platz 3: Nachhaltige Verbesserung der Lebensqualität für ehemalige Intensivpatienten durch Implementierung eines Intensivtagebuchs, eingereicht von Albert Krumpel, Susanne Lermann, Silke Tremmel und Astrid Wilfinger von der Abteilung für Anästhesie und operative Intensivmedizin, Sozialmedizinisches Zentrum Süd, Kaiser Franz Josef Spital, Wien. Das während der Zeit der Bewusstlosigkeit eines Patienten von Pflegenden und Angehörigen geschriebene Intensivtagebuch soll Patienten dabei helfen, Erinnerungslücken, reduzierte Konzentrationsfähigkeit, Ängste, Depressionen und Träume nach einem Aufenthalt in der Intensivstation zu bewältigen.

V. Weilguni, Ärzte Woche 5/2014

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