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Gesundheitspolitik 21. Jänner 2014

Medizinisches Plädoyer für Impfungen

Mediziner legen einen „unabhängigen Expertenbericht“ als Ergänzung zum Österreichischen Impfplan vor und wollen damit kritische Patienten – aber auch Skeptiker in den eigenen Reihen – mittels evidenzbasierter Daten überzeugen.

„Der Rückgang der Morbidität durch erfolgreiche Impfkampagnen führt zum Phänomen der verminderten Wahrnehmung der Risiken durch die Erkrankung und verschiebt das Hauptaugenmerk auf die Impfnebenwirkungen, wodurch oft eine gewisse Schieflage im Bewusstsein um die eigentliche Gefährlichkeit der Erkrankung eintritt. Die durch Impfskeptiker und Impfgegner ausschließlich emotionalisiert geführten Diskussionen um Impfungen mit nicht evidenzbasierten Berichten haben dazu geführt, dass Impfungen von der Bevölkerung kontroversiell wahrgenommen werden.“ So heißt es im Eingangsstatement des vom Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien initiierten Expertenberichts „Reaktionen und Nebenwirkungen nach Impfungen: Erläuterungen und Definitionen in Ergänzung zum Österreichischen Impfplan“.

Das Papier soll laut Autoren einen Beitrag leisten, um dem im zitierten Statement beschriebenen Phänomen auf sachlicher Ebene entgegenzuwirken. „Impfen zählt zweifelsohne zu den wichtigsten präventivmedizinischen Maßnahmen überhaupt. Es bildet die Grundlage jeder wirksamen Vorsorgemedizin“, erläutert Prof. Dr. Karl Zwiauer, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am LKH St. Pölten: „Wir wollen den Menschen Angst und Misstrauen durch evidenzbasierte Information und Aufklärung nehmen.“

Informations- und Handlungsbedarf scheinen in der Tat gegeben, nimmt doch die Impfbereitschaft in Österreich seit Jahren kontinuierlich ab. Die seit Jahren zum Teil sehr emotional geführte Diskussion, ob Impfungen mehr Schaden anrichten, als sie Nutzen bringen, zeigt offenbar Wirkung. Das trifft in besonderem Maße auf verunsicherte Eltern zu, wie eine Elternbefragung des Karl Landsteiner Instituts im Vorjahr bestätigte. Demnach vertrauen gerade einmal zwei Drittel der Eltern den offiziellen Impfempfehlungen. 39 Prozent Impfbefürwortern stehen vier Prozent strikte Impfgegner und 57 Prozent Impfskeptiker gegenüber. Viele Eltern befürchten eine starke Belastung durch die Impfung bzw. Nebenwirkungen oder Impfschäden. 40 Prozent der Befragten befürchten etwa einen Zusammenhang zwischen Impfungen und der Zunahme von Allergien.

Skeptische Kollegen

Aber nicht nur unter den Patienten nimmt die impfkritische Haltung zu. Auch Ärzte gehen immer wieder in Opposition zur offiziellen Position der Ärztekammer und thematisieren öffentlich ihre Skepsis gegenüber Impfungen. Sie stellen den Nutzen von Impfungen infrage, weisen auf mögliche langfristige Gefahren hin und raten ihren Patienten zur Zurückhaltung. Einer der Lautesten unter ihnen ist der steirische Allgemeinmediziner Dr. Johann Loibner. Seine Kritik brachte den ehemaligen gerichtlich beeideten Sachverständigen für Impfschäden 2009 gar ein Berufsverbot ein, er wurde von der Ärzteliste gestrichen und musste seine Praxis zusperren. Loibner klagte daraufhin durch alle Instanzen und bekam im Vorjahr Recht. Der Verwaltungsgerichtshof hob das Berufsverbot auf, weil er „keine Verletzung der Berufspflichten“ erkennen konnte.

Impfkritische Ärzte seien aber für die medizinische Vorsorge besonders problematisch, meint Zwiauer, weil sie für die Patienten meinungsbildend sind und ihre Ansicht dadurch vielfach potenziert werde: „Ein von Impfungen generell abratender Arzt ist der wichtigste Grund für das Nichtdurchführen von Impfungen.“ Der aktuelle Expertenbericht wurde daher „vor allem für die Ärzte“ erstellt, schreiben die Autoren: „Ärzte und Apotheker sind als Multiplikatoren für korrekte und wissenschaftlich basierte Information essenziell, da sie objektive und evidenzbasierte Informationen bereitstellen können und nicht ideologisch oder esoterisch beeinflusste Einzelmeinungen vertreten.“

Das Papier wurde unter Federführung des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien gemeinsam mit den Mitgliedern des Nationalen Impfgremiums unter deutscher Beteiligung, der Patientenanwaltschaft und in Kooperation mit dem Gesundheitsministerium erstellt. Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt, als Leiterin des Instituts und Mitglied des Nationalen Impfgremiums wesentlich in die Erstellung involviert, betont die Unabhängigkeit des eigenfinanzierten Berichts: „Es gibt keine Unterstützung durch die pharmazeutische Industrie.“

Positive Nutzen-Risiko-Relation

Die Broschüre stellt auf 20 Seiten die wesentlichsten Informationen zu Positiva und Impfreaktionen, Nebenwirkungen und wichtigen wissenschaftlichen Studien zusammen. „Impfungen gehören – neben sauberem Wasser – zu den Errungenschaften, die den größten Effekt auf den Rückgang der weltweiten Sterblichkeit und die Verbesserung der Lebensqualität erzielt haben“, heißt es einleitend in dem Papier und weiter: „Die wissenschaftlichen Studien zur Impfstoffsicherheit, die in den letzten Jahren vermehrt durchgeführt wurden, zeigen mit zunehmend robuster Datenlage klar auf, dass die Nutzen-Risiko-Relation von Impfungen sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesamtpopulation eindeutig zugunsten der Impfungen zu bewerten ist.“

Für jede im österreichischen Impfplan empfohlene Impfung sei eine positive Nutzen-Risiko-Relation durch das Zulassungsverfahren und laufende Überwachung belegt. Grundsätzlich gelte für alle empfohlenen Impfungen, dass das Verhältnis von Nutzen und Risiko zu den günstigsten in der Medizin überhaupt zählt. So sei etwa das Risiko für eine Masernenzephalitis eins zu 1.000, während das Risiko einer Enzephalitis nach Masernimpfung bei eins zu einer Million liegt, „also Faktor 1.000-mal niedriger“, so die Experten.

Eine der häufigsten Befürchtungen von Eltern ist der Verdacht auf einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus und der Entstehung von Allergien und Autoimmunitäten nach Impfungen. Auch dafür werden in der Broschüre eine Reihe von Beispielen angeführt, bei denen ein Zusammenhang zwischen Impfung und Entstehung von bestimmten Erkrankungen „klar widerlegt“ werden kann. Es handle sich dabei vielmehr um „immunologisch sehr komplexe Geschehen, die nicht auf eine Ursache zurückgeführt werden können“, erläutert Wiedermann-Schmidt: „Die wissenschaftlichen Studien sprechen einfach dagegen. Dass eine Impfung direkt ein solches Problem auslösen kann, stimmt nicht.“

Zum kritischen Thema Vakzine merkt Wiedermann-Schmidt an: „Dass man da nichts weiß, stimmt einfach nicht.“ Wissenschaft und Gesundheitsbehörden seien ständig auf der Suche nach potenziellen Risiken – auch bei den Vakzinen. „Es gibt riesige klinische Studien mit den einzelnen Vakzinen. Und es existiert eine ständige Überwachung im Rahmen der Pharmakovigilanz nach der Marktzulassung.“

Kritik bleibt

Die Fundamentalkritiker unter den Ärzten scheint der Bericht wenig zu beeindrucken. Loibner spricht wörtlich von einer „Liste von Dogmen“ und bezweifelt die Unabhängigkeit der Autoren: „Impfschäden werden nach ihren Überlegungen definiert. Was dabei allerdings herauskommen soll, wenn gerade die Betreiber des Impfgedankens als Gutachter herangezogen werden, darüber soll jeder selbst nachdenken.“

Der Argumentation Wiedermann-Schmidts, wonach eine ständige Überwachung potenzieller Risiken durch Vakzine im Rahmen der Pharmakovigilanz gegeben sei, entgegnet Loibner: „Das klingt vertrauenswürdig. Wenn allerdings der größte Teil der impfenden Ärzte den Eltern erklärt, diese Krankheit infolge der Impfung habe mit der Impfung nichts zu tun und dieselben Ärzte auch keine Meldung über eine Impfkrankheit erstellen, dann ist das höchstens eine passive Überwachung. Von einer aktiven Pharmakovigilanz ist daher keine Rede. Damit kann die Zahl der Impfschäden weiter niedrig gehalten werden.“ Über Schäden und Nutzen von Impfungen hätten erfahrene niedergelassene Ärzte nach jahrelanger Praxis jedenfalls mehr zu sagen, so Loibner, „als einseitige Spezialisten, die kranke Menschen und deren Umfeld nicht einmal zu Gesicht bekommen.“

Es scheint so, als würde noch viel Überzeugungsarbeit auf die Autoren des Expertenberichts warten.

V. Weilguni, Ärzte Woche 4/2014

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