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Prof. Dr. Reinhold Kerbl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, LKH Leoben

 
Gesundheitspolitik 16. Jänner 2014

Kinder-Reha: kein lukratives Geschäft

Fehlendes Geld, bürokratische Hürden und föderalistische Strukturen sind die Ursachen für den Stillstand in Sachen Kinder- und Jugendrehabilitation in Österreich. Mediziner fordern nun einmal mehr von der Regierung, „rasch zu handeln“.

Mehr als 9.000 Betten stehen zur Verfügung, damit Herr und Frau Österreicher nach Unfällen oder Krankenhausaufenthalten infolge von Krebs, Stoffwechsel- oder Lungenerkrankungen, aber auch psychischen Erkrankungen ihre Berufsfähigkeit wiedererlangen. Diese gesetzliche Verankerung der Rehabilitation gilt – geht es doch eindeutig um die Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess – eben nur für Erwerbstätige und damit für Erwachsene. Bei Kindern oder Jugendlichen sieht die Sache ganz anders aus: Sie müssen in keinen Beruf zurückkehren und haben demnach auch keinen Anspruch auf entsprechende Rehabilitation. Demgegenüber stehen aber immerhin 6.000 Betroffene jährlich.

Der Mangel an Kinderrehab-Plätzen ist Grund genug für eine Reihe engagierter Mediziner, Alarm zu schlagen und zu hoffen, dass die neu eingesetzte Regierung aktiv wird: „Es ist eine Schande, dass wir den Reha-Plan für Kinder und Jugendliche nicht umsetzen“, äußert sich Dr. Wolfgang Sperl, Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Salzburg, verärgert. „In Deutschland gibt es derzeit bereits 8.000 kindergerechte Reha-Betten. In Österreich ist das Thema mit gerade einmal 52 Betten nicht einmal der Rede wert“, so der Mediziner weiter. Woran es krankt, sind das Geld, die Bürokratie und der Föderalismus – wie so oft im heimischen Gesundheitswesen.

Arbeit nach Plan

Bereits im Jahr 2004 wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) den „Österreichischen Gesundheitsplan für Kinder“ erarbeitete. In Bezug auf die Kinderrehabilitation wurde darin festgestellt, dass in Österreich „eine suffiziente Versorgung und eine Koordination der Bereiche fehlen“.

Tatsächlich existieren bis heute in Österreich nur wenige spezifische Versorgungsstrukturen. Die Rehabilitations-Plätze für Kinder und Jugendliche, die es derzeit gibt, sind an Erwachsenenzentren angegliedert. So gibt es etwa in der steirischen Klinik Judendorf-Strassengel 18 Eltern-Kind-Zimmer im Bereich der Neuropädiatrie. Zehn Eltern-Kind-Zimmer, ebenfalls aus dem Fachbereich Neuropädiatrie stehen in der Klinik Wilhering in Oberösterreich zur Verfügung. Die Reha-Klinik Maria Theresia in Bad Radkersburg verfügt über 24 kindergerechte Reha-Betten im Bereich Neuropädiatrie und Orthopädie.

Darüber hinaus steht die Rehabilitation von Kindern und Jugendlichen im Spannungsfeld zwischen medizinischer Rehabilitation gemäß dem ASVG und somit der Zuständigkeit der Sozialversicherung und der Behindertenhilfen, die in der Verantwortung der Länder liegt.

Das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) befasste sich erstmals im Jahr 1999 im Auftrag des Hauptverbands der Österreichischen Sozialversicherungsträger mit dem Thema und schätzte den Bedarf an stationären Kapazitäten ab. In den Jahren 2004 und 2008 wurden diese Schätzungen aktualisiert und im „Rehabilitationsplan 2009“ publiziert.

Bedarfsschätzung steht

Das Bundesministerium für Gesundheit betraute schließlich Anfang 2010 die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) mit weiterführenden Arbeiten zur Bedarfsabschätzung und ersuchte – neuerlich – um Klärung der Frage, wie hoch der Bedarf an stationärer Rehabilitation von Kindern und Jugendlichen in Österreich sei. Eine projektbegleitende Expertengruppe wurde eingerichtet, Methoden zur Bedarfsberechnung festgelegt und Kriterien für eine kindergerechte Rehabilitationsumgebung festgelegt. Je nach Berechnungsmethode, Indikationen und Altersgruppen sowie mehrdimensionalen Unsicherheitsfaktoren über den Bedarf an Betten für „psychosoziale Rehabilitation“ liegt der Bedarf bei etwa 340 bis 450 Reha-Betten sowie rund 50 weiteren Angehörigenbetten für die familienorientierte Nachsorge nach Krebserkrankungen. Zusätzlich ergibt sich für die onkologische Rehabilitation ein Bedarf von 20 Betten, für die „psychosoziale Rehabilitation“ sind weitere 110 bis 220 Betten erforderlich.

Erfreulich und zugleich wenig verwunderlich ist, dass die Zahlen nahezu deckungsgleich mit jenen der Planungserhebung aus dem Jahr 2008 waren. Inzwischen sind jedoch wertvolle fünf Jahre ins Land gezogen und Österreich verfügt zwar über weitere Planungsgrundlagen, jedoch ist es in der Umsetzung hin zu einer adäquaten Anzahl an Reha-Betten für Kinder und Jugendliche keinen Schritt weitergekommen.

Kindergerechte Anforderungen

Im GÖG-Bericht ist deutlich formuliert, was wohl ohnehin auf der Hand liegt: „Österreich kann im Bereich der Kinderrehabilitation noch auf keine langjährige Erfahrung und damit auch nicht auf anerkannte Standards in diesem Bereich zurückgreifen.“ Dennoch sind sich die Experten einig, dass an die Rehabilitation von Kindern und Jugendlichen spezifische Anforderungen zu stellen sind – sowohl konzeptionell als auch baulich oder personell. Denn Kindern kann nach Ablauf ihres täglichen Therapieprogramms wohl kaum die Freizeitgestaltung alleine überlassen werden. Daher sind Kapazitäten für Begleitpersonen ebenso zu schaffen wie für Unterricht oder Kinderbetreuung. Eine kindergerechte Einrichtung und Spielmöglichkeiten verstehen sich von selbst.

„Für gewisse Indikationen wie Kinderrheuma, Lungenerkrankungen oder Krebserkrankungen gibt es in Österreich kein einziges pädiatrisches Reha-Bett. Manche Familien weichen ins Ausland aus, aber die große Mehrheit rehabilitationsbedürftiger Kinder und Jugendlicher bleibt auf der Strecke“, weiß ÖGKJ-Präsident Dr. Reinhold Kerbl von der ÖGKJ.

Insgesamt geht es um jährlich rund 30 Millionen Euro. „Die Hälfte davon fließt durch Steuern und Abgaben sofort wieder ins System zurück. Bleiben also 15 Millionen Euro – das ist in etwa so viel, wie Österreich alle drei Tage für die Verlustabdeckung der Hypo-Alpe-Adria ausgibt“, rechnet der Mediziner plakativ vor.

Warten auf Umsetzung

Seit 2009 kämpft auch die Initiative Kinder- und Jugendlichenrehabilitation für die Verbesserung der Versorgungslage kranker Kinder und Jugendlicher in Österreich. Ins Leben gerufen wurde sie von Markus Wieser, nachdem er als betroffener Vater selbst den Mangel an kindergerechten Einrichtungen zu spüren bekommen hat. „Wir wissen jetzt, wie groß der Bedarf an Kinder- und Jugendrehabilitationsplätzen in Österreich ist, und haben dementsprechende Standortkonzepte auf dem Tisch. Der flächendeckenden Umsetzung dringend benötigter Einrichtungen steht damit im Prinzip nichts mehr im Weg“, schätzt Wieser die Lage ein.

Bereits im Juni 2013 hat die Bundes-Zielsteuerungskommission Grundsätze und Empfehlungen zur Umsetzung von Kinder- und Jugendrehabilitation verabschiedet. In den vergangenen Monaten wurden Standortkonzepte ausgearbeitet, die dem ermittelten Bedarf Rechnung tragen. Unklar war, woher die Mittel für entsprechende Einrichtungen kommen sollen, nachdem Länder-Finanzchefs erklärt hatten, sich nicht an deren Finanzierung beteiligen zu wollen. „Die betroffenen Kinder, Jugendlichen und ihre Familien haben lange genug gewartet. Die Politik muss den Betroffenen endlich zeigen, dass sie kranke Kinder und ihre Angehörigen nicht mit ihren Sorgen und Nöten allein lässt“, so Wieser.

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