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Gesundheitspolitik 11. Dezember 2013

Präventive Impulse setzen

Nach Kindern und Jugendlichen rücken 2014 Süchte und psychische Erkrankungen in den Förderfokus des Gremiums Gesundheitsziele. Zwölf „Leuchtturmprojekte“ werden unterstützt.

Hauptverband und Pharmawirtschaft fördern in den kommenden Jahren zwölf Projekte mit 1,13 Millionen Euro, die sich auf ganz unterschiedliche Weise den Themen Suchtprävention und Vermeidung psychosozialer Erkrankungen widmen. Grundlage dieser Partnerschaft ist der Rahmen-Pharmavertrag, der bis ins Jahr 2015 82 Millionen Euro an „Solidarzahlungen der Industrie“ an die Krankenkassen umleitet. Gedacht ist das Geld laut Pharmig-Präsident Dr. Robin Rumler als Beitrag „zur Erhaltung der Leistungsfähigkeit der sozialen Krankenversicherung gegenüber deren PatientInnen“. Ein Teil der Summe – 6,75 Millionen – wurde zweckgebunden für Investitionen in Kindergesundheit und Prävention.

Vergangene Woche berichteten wir an dieser Stelle über Defizite in der Kinder- und Jugendmedizin, über eine notwendige Bewusstseinsbildung sowie Maßnahmen in Richtung gewaltfreie Erziehung und zitierten in dem Zusammenhang den Wiener Pionier der Sozialpädiatrie Prof. Dr. Hans Czermak, der heuer 100 Jahre alt geworden wäre: „98 Prozent aller Kinder werden psychisch und physisch gesund geboren, aber bereits jedes zweite Kind ist schon nach einigen Lebensjahren mehr oder weniger psychisch gestört und behandlungsbedürftig.“

Die thematische Schwerpunktsetzung des Gremiums Gesundheitsziele wäre also durchaus im Sinne Czermaks: Stehen 2013 Projekte zum Thema Kinder- und Jugendgesundheit im Mittelpunkt des Förderprogramms, so werden im kommenden Jahr vor allem Projekte im Bereich der Prävention von substanz- und nicht substanzgebundenen Süchten sowie psychosozialen Erkrankungen unterstützt.

„Prävention ist für uns ein unverzichtbarer Baustein in der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung“, erklärt Rumler das Engagement der Pharmawirtschaft. Mit den Projektförderungen würden Hauptverband und Pharmawirtschaft nicht nur ein weithin sichtbares Zeichen setzen, sondern auch aktiv dazu beitragen, den Menschen in Österreich „mehr gesunde Lebensjahre zu ermöglichen – ganz im Sinn der österreichischen Rahmen-Gesundheitsziele“.

Schutzkiste

Heuer wurden 18 „Leuchtturmprojekte“ in Sachen Jugendgesundheit gefördert. Einige davon sind bereits abgeschlossen, andere reichen noch ins Jahr 2014 hinein, manche werden auch darüber hinaus weitergeführt. Der von den Initiatoren gerne verwendete Begriff „Leuchtturmprojekt“ meint im Übrigen, dass die ausgewählten Initiativen das Potenzial haben sollten, die Ergebnisse oder Erkenntnisse aus meist regionalen Pilotversuchen bundesweit abbilden bzw. nachhaltig in die Routine überführen zu können, erläutert Rumler: „Wir wollen nach dem Best-Practice-Prinzip Lösungen für den Praxiseinsatz finden und diese von lokaler oder regionaler auf nationale Basis stellen.“

Diesen Anspruch verfolgt etwa das Projekt „Schutzkiste“ des Kinderhilfswerks. Sein Ziel ist es, „Präventionsmaßnahmen gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch bei Kindern und Jugendlichen zu entwickeln“, erzählt Dr. Martin Pachinger, Fachliche Leitung Österreich beim Kinderhilfswerk. Das Angebot umfasst drei Bausteine: Im Rahmen von Kinder-Workshops gehen Psychologen in Volksschulen, um mit den Kindern präventiv zu arbeiten, sie zu lehren, die eigenen Körpergrenzen wahrzunehmen oder etwa den Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen zu vermitteln. Im Zuge der Workshops stoßen sie immer wieder auch auf ganz konkrete Anzeichen von Gewalt und Missbrauch. In diesen Fällen wird gemeinsam mit den Schulverantwortlichen die weitere Vorgehensweise besprochen und Unterstützung angeboten.

Die anderen Bausteine umfassen Eltern-Infoabende sowie Fortbildungsveranstaltungen für die Pädagogen. „Unserer Erfahrung nach greift Prävention dann am besten“, sagt Pachinger, „wenn das Thema von vielen Seiten gleichzeitig angegangen wird.“ Das Projekt ist derzeit auf Oberösterreich beschränkt. „Wir haben aber die Vision“, so Pachinger, „das in den nächsten fünf bis zehn Jahren österreichweit auszuweiten.“ Der Wille dazu ist jedenfalls ebenso vorhanden wie bereits evaluierte Erfolge, die Finanzierung aber noch nicht.

Kultursensible Kariesprävention

Ein anderes Projekt in der Region Graz versucht, das WHO-Ziel zu unterstützen, dem zufolge bis zum Jahr 2020 mindestens 80 Prozent der sechsjährigen Kinder kariesfrei sein sollen. Gegenwärtig sind es in der Steiermark knapp 70 Prozent, bei Kindern mit Migrationshintergrund aber nicht einmal 50. Das hat mit verschiedensten Faktoren zu tun, kulturellen ebenso wie sozialen und nicht zuletzt finanziellen. Um die Diskrepanz zu verringern, werden im Rahmen des Projekts „in einem partizipativen Prozess kultursensible und nutzerorientierte Informationsmaterialien in zwölf Sprachen erarbeitet“, erläutert Mag. Gudrun Schlemmer von Styria vitalis. Dazu wurden multi-ethnische Arbeitsgruppen zusammengestellt und die Ergebnisse im Rahmen einer nationalen Fachtagung präsentiert und diskutiert.

„Wir haben versucht, die allerwichtigsten Informationen zum Thema Zahnhygiene und darüber hinaus, etwa auch zu Fragen der Ernährung, auf zweiseitige Blätter zu reduzieren und diese jeweils kulturadäquat darzustellen“, sagt Schlemmer. Im Jänner sollen die Infoblätter auf der Homepage www.styriavitalis.at als Downloads zur Verfügung stehen.

Epidemiologische Daten

Bei der Vergabe der Förderungen für 2014 legte das Gremium den Fokus auf die Prävention von substanz- und nicht substanzgebundenen Süchten sowie psychosozialen Erkrankungen. Zwölf Projekte wurden ausgewählt, acht praxisorientierte sowie vier Forschungsprojekte.

Zur Schwerpunktsetzung sagt Mag. Peter McDonald, stv. Vorsitzender der Konferenz der österreichischen Sozialversicherungsträger und Obmann-Stellvertreter. der SVA: „Abhängigkeiten und Suchterkrankungen nehmen in unserer Gesellschaft generell ebenso zu wie psychische Erkrankungen.“ Es seien daher mehr Investitionen in Prävention sowie ein stärkerer Fokus auf Informationsvermittlung nötig, um eine gewisse Sensibilisierung für diese Themen zu erwirken. 900.000 Menschen haben 2011 das Sozialversicherungssystem wegen psychischer Erkrankungen in Anspruch genommen. „Wie müssen präventive Impulse setzen, damit eine Gefahr nicht zur Krankheit wird“, sagt McDonald.

Krankenstandstage und vorzeitige Pensionierungen aufgrund psychischer Erkrankungen steigen seit Jahren, das ist bekannt – viel mehr an epidemiologischen Daten zum Thema psychische Erkrankungen gibt es aber bisher kaum. Eines der geförderten Projekte der MedUni Wien soll das nun ändern und wissenschaftliche Daten zur Prävalenz und Versorgung psychischer Erkrankungen in Österreich liefern. Dazu werden österreichweit von Ärzten und Psychologen Interviews mit 1.000 Personen zwischen 18 und 65 Jahren geführt und ausgewertet. „Wir wollen die Häufigkeit psychischer Erkrankungen bei Erwachsenen erheben, aber auch Wechselwirkungen mit Belastungen in der Arbeitswelt, Stichwort Burn-out“, erläutert Projektleiter Prof. Dr. Johannes Wancata, Leiter Klinische Abteilung für Sozialpsychiatrie an der MedUni Wien. Untersucht soll auch werden, wie Menschen, die psychische Probleme haben, tatsächlich therapiert werden.

Die Sozialversicherung erhofft sich aus dem Projekt, dessen Ergebnisse in etwa zweieinhalb Jahren vorliegen sollen, wichtige Informationen über den akuten Behandlungsbedarf, um diesen besser planen zu können und vorhandene Defizite im Behandlungsangebot zu schließen. Aus den Erkenntnissen sollen zudem maßgeschneiderte Präventionsangebote entwickelt werden.

Rückfallprävention psychiatrische Reha

Ein inhaltlich ganz anderes Projekt wird sich im kommenden Jahr mit dem Thema „Web-basierte Nachsorge zur Rückfallprävention für Patienten medizinisch psychiatrischer Rehabilitation“ auseinandersetzen. Zielsetzung des Kooperationsprojekts der Reha-Zentren Klagenfurt und Bad Hall ist es, den Rehabilitanden eine Online-Weiterbetreuung anzubieten und damit den Transfer von in der Klinik erlernten Strategien und Kompetenzen in den Alltag abzusichern.

Internationale Beispiele wie in Skandinavien oder auf den griechischen Inseln lassen die These zu, dass solche innovativen Versorgungsformen gerade in Regionen eine sinnvolle Ergänzung sein könnten, wo das Betreuungsangebot im niedergelassenen Bereich unzureichend sei, erzählt die ärztliche Leiterin des Ambulatoriums Bad Hall, Dr. Margot Peters. Zu manchen Problemstellungen würden allerdings entsprechende Erfahrungswerte fehlen, daher werde nach einem Jahr evaluiert: „Viele depressive Patienten etwa neigen zu einem sozialen Rückzug. Da gibt es die berechtigte Sorge, dass dies durch eine webbasierte Nachsorge eher noch verstärkt werden könnte, was natürlich therapeutisch nicht zielführend ist. Das werden wir uns in der Evaluierungsphase genau ansehen.“

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