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Gesundheitspolitik 9. Dezember 2013

Gewaltschutz

Europaweite Konferenz über Strategien zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen.

Mehr als 200 Teilnehmer aus rund 50 europäischen Ländern diskutierten am 25. und 26. November in Wien Strategien zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen.

25,4 Prozent der Frauen in der WHO-Region Europa werden zumindest einmal in ihrem Leben Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt durch einen Partner und 5,2 Prozent Opfer von sexueller Gewalt außerhalb der Partnerschaft. Das zeigt der WHO-Bericht „Globale und regionale Schätzungen zu Gewalt gegen Frauen“.

„Gewalt gegen Frauen darf in keiner Gesellschaft toleriert werden“, sagte Zsuzsanna Jakab, WHO Regionaldirektorin für Europa. „Um Gewalt zu beseitigen, brauchen wir nicht nur ein entschiedenes Eintreten für Geschlechtergerechtigkeit, wir müssen auch geschlechtsspezifischen Vorurteilen entgegentreten und mit Frauen und Mädchen arbeiten – nicht nur als Gewaltopfer, sondern als Akteurinnen des Wandels. Das erfordert eine Sektoren übergreifende Zusammenarbeit, alle Teile der Gesellschaft müssen in ein gemeinsames Vorgehen eingebunden werden, ganz in Übereinstimmung mit dem neuen Rahmenkonzept für Gesundheitspolitik in der Europäischen Region Gesundheit 2020.“

„Gewaltschutz heißt, Frauen ihre Würde, die ihnen durch Gewalt genommen wurde, wieder zurückzugeben. Wir dürfen nicht aufhören, Gewalt gegen Frauen zu thematisieren und in den politischen Fokus zu rücken. Bewusstseinsbildung ist harte Arbeit, bringt uns aber unseren Zielen näher“, sagt die österreichische Nationalratspräsidentin Barbara Prammer. „So gelang in Österreich ein europaweit wegweisendes Gewaltschutzgesetz. Österreich gehörte auch zu den ersten Staaten, die das Übereinkommen des Europarats zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt vorbehaltlos ratifiziert haben. “

WHO-Empfehlungen für Gesundheitspersonal umsetzen

Gesundheitseinrichtungen spielen in der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen eine zentrale Rolle, weil sie für Gewaltopfer sehr häufig die erste professionelle Anlaufstelle sind. Die neuen WHO-Guidelines zeigen auf, wie Gesundheitssysteme wirksam auf Gewalt gegen Frauen reagieren können. Sie enthalten Empfehlungen dazu, wie Opfer von häuslicher oder sexueller Gewalt als solche erkannt und klinisch betreut werden sollten, zur Erstversorgung, zur Fortbildung von Gesundheitspersonal, sowie grundsätzliche Ansätze zur Gestaltung von Hilfsangeboten oder zur Frage einer Meldepflicht von Fällen häuslicher Gewalt.

„Gewalt gegen Frauen zu beseitigen erfordert gemeinsame Anstrengungen. Die Frauen-, Gesundheits- und Sozialpolitik führen die intersektoralen Bemühungen an, um Frauen, die von Gewalt betroffen sind, wirksam und nachhaltig zu unterstützen und vorbeugend einzugreifen. Das wird durch ein besonders dichtes Netz an Beratungsstellen, Krisen- und Schutzeinrichtungen und durch ein vielfältiges Angebot im Gesundheits- und Sozialbereich sichergestellt, wobei es auch spezielle Unterstützung für besonders benachteiligte und gefährdete Gruppe gibt“, so die Wiener Stadträtinnen Sandra Frauenberger und Sonja Wehsely. Zentral im Gewaltschutznetz sind die Wiener Frauenhäuser, die mit 175 Plätzen für von Gewalt betroffene Frauen und Kinder die Europa-Rats-Vorgabe von einem Platz pro 10.000 Einwohnern übererfüllen. Besonderer Wert wird auf die Sensibilisierung und Fortbildung von Gesundheitspersonal und Opferschutzgruppen in Spitälern gelegt, um sicherzustellen, dass Gewaltopfer als solche erkannt, angemessen behandelt und weiterbetreut werden.

Dringender Bedarf an zuverlässigen, vergleichbaren Daten

In der Europäischen Union und darüber haben Strategien zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt höchste Priorität. Sie müssen durch zuverlässige administrative und statistische Daten über Opfer und Täter unterstützt werden, die nach Geschlecht, Alter und der Opfer-Täter-Beziehung aufbereitet sein sollten. Dieser Grundsatz wurde in der Europäischen Frauen-Charta 2010, der Strategie der Europäischen Kommission für die Gleichstellung von Frauen und Männern 2010-2015, dem Stockholm Programm 2010-2014, der Istanbul-Konvention (Übereinkommen des Europarats zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt) und der Strategie Gesundheit 2020 bekräftigt. Trotzdem bleibt geschlechtsspezifische Gewalt ein verbreitetes Problem, in vielen Fällen kommt es nicht zur Anzeige. Es stehen zwar in einem gewissen Ausmaß Daten zur Verfügung, diese können aber die Prävalenz von geschlechtsspezifischer Gewalt in Europa nicht ausreichend abbilden.

Das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen (EIGE) trägt seit 2010 zur wichtigen Arbeit gegen geschlechtsspezifische Gewalt in Europa bei. Zwischen 2010 und 2013 hat EIGE eine Reihe von Studien zum Thema initiiert. Bei der Konferenz in Wien wurden die Ergebnisse einiger dieser Studien präsentiert – zu weiblicher Genitalverstümmelung (FGM), zum Gender Equality Index und zu Verwaltungsdaten zu geschlechtsspezifischer Gewalt. Das EU-Maßnahmenpaket für Verbrechensopfer und die Richtlinie über Mindeststandards für die Rechte, die Unterstützung und den Schutz von Opfern von Straftaten (2012/29/EU) wird diese Diskussion weiter vorantreiben. Die Schlussfolgerungen des Rates für Beschäftigung, Sozialpolitik, Gesundheit und Verbraucherschutz 2012 forderten eine Intensivierung der Bemühungen, in Europa gemeinsame Definitionen und Indikatoren für alle Formen von geschlechtsspezifischer Gewalt zu entwickeln, und ihre einheitliche Verwendung auf Ebene der Mitgliedsstaaten und auf EU-Ebene sicherzustellen.

Die neue EIGE-Studie über Verwaltungsdaten zeigt, dass es der derzeitige rechtliche Rahmen nicht ausreichend ermöglicht, vergleichbare Daten zu Gewalt gegen Frauen zu generieren. Insbesondere gilt das für Daten über Opfer und Täter, über den Zugang von Opfern zu Unterstützungsangeboten und übe deren Möglichkeiten, die Bedürfnisse der Opfer ausreichend abzudecken. „Unsere neuen Erkenntnisse zeigen sehr klar die Notwendigkeit der Harmonisierung zwischen den EU-Mitgliedsstaaten bei der Datensammlung auf, um die Prävalenz einschätzen und die Wirksamkeit von Maßnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt messen zu können“, sagte Thérèse Murphy (EIGE) mit Verweis auf die neue Studie, die auf der Konferenz in Wien erstmals präsentiert wurde.

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