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Prof. DDr. Heinz Drexel
Leiter VIVIT Forschungsinstitut am LKH Feldkirch,
Präsident der Österreichischen Diabetes Gesellschaft

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© VEÖ

Mag. Ursula Umfahrer-Pirker
umfahrer ernährungsconsulting,
1. Vorsitzende des VEÖ – Verband der Ernährungswissenschafter Österreichs

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Prof. Dr. Kurt Widhalm
Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin

 
Gesundheitspolitik 18. Dezember 2013

Kampf gegen Kalorien: Steuern mit Steuern?

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft hat die Bundesregierung aufgefordert, die Einführung einer Kaloriensteuer in ihr Regierungsprogramm zu schreiben. Was denken heimische Experten darüber?

Das Thema ist in unserer Wohlstandsgesellschaft nicht nur in der Vorweihnachtszeit gesellschaftlich brisant, aber da besonders aktuell: Macht es Sinn, zukünftig Steuern auf besonders kalorienreiche Lebensmittel einzuheben, um das Essverhalten der Bevölkerung grundlegend und nachhaltig zu verändern und damit die epidemiologische Verbreitung der typischen Lifestyle-Erkrankungen zumindest einzudämmen? Ja, lautet darauf die Antwort der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), die entsprechende politische Ideen-Vorlagen aus den Koalitionsverhandlungen praktisch volley übernommen hat: „Dies wäre ein bedeutender Schritt, um Primärprävention bevölkerungsweit und nachhaltig in Deutschland einzuführen“, heißt es in einem offenen Brief der DDG an die Parteispitzen. Der bloße Appell an individuelle Verhaltensänderungen sei nachweislich gescheitert, argumentiert DDG-Präsident Dr. Erhard Siegel das offensive Vorgehen der Fachgesellschaft. Mit der Kaloriensteuer „hätten wir endlich eine effektive Strategie gegen das weitere Ansteigen der Volkskrankheiten wie Adipositas, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen“. Geht es nach den Vorstellungen der DDG, sollen aber nicht nur Steuern neu eingeführt, sondern gleichzeitig auch gesunde Lebensmittel steuerlich entlastet werden.

„Zucker- und Fettsteuern“ gibt es heute bereits in Frankreich, Finnland, Ungarn und Mexiko. Weitere Länder diskutieren aktuell deren Einführung. Aus den heimischen Koalitionsverhandlungen war zu diesem Gesundheitsthema bisher allerdings nichts zu hören.

Mit Steuern Gewohnheiten ändern

„Maßnahme ist politisch machbar, das braucht aber einige Diskussionen und Zeit.“

Prof. DDr. Heinz Drexel, Leiter VIVIT Forschungsinstitut am LKH Feldkirch, Präsident der Österreichischen Diabetes Gesellschaft

Von der DDG wurde der politische Vorschlag begrüßt ähnliche Überlegungen gab es auch in Großbritannien. Da es sich um eine völlige Neuerung handelt, kann man nicht endgültig festhalten, ob ein solches Vorgehen von Erfolg gekrönt sein wird. Meiner Meinung nach sollte man es auf jeden Fall versuchen, gesunde Lebensmittel steuerlich zu entlasten und eine Kaloriensteuer auf Lebensmittel, insbesondere auf jene mit hohem kalorischem Gehalt, einzuführen. Die Frage ist, ob eine solche Steuer wirklich die Gewohnheiten verändert. Diese Frage würde ich mit Ja beantworten. Ähnliche Vorstöße sind meistens, aber nicht immer bei anderen gesundheitsrelevanten Themen erfolgreich. Es ist allerdings mit einer solchen Einzelmaßnahme nicht alles getan. Sie muss zusammen mit der Förderung von Bewegung vom Kindesalter an und anderen Ernährungsmaßnahmen in ein Gesamtkonzept einfließen.

Ob ein solcher Vorschlag auch in Österreich politisch machbar ist, lässt sich prospektiv auch nicht sicher beurteilen. Die Erfahrungen mit der Umsetzung des Nichtraucherschutzes sprechen eher für ein langsames Vorgehen. Daher würde ich sagen: Grundsätzlich ist eine solche Maßnahme politisch machbar, sie wird aber einige Diskussionen und damit einige Zeit benötigen. Ein weiterer Punkt aus meinem Blickwinkel ist der Umgang mit Medikamenten zur Risikosenkung. Hier ist England für mich Vorbild, wo der praktische Arzt dafür honoriert wird, dass sein Patient etwa das Blutdruck- oder Cholesterin-Ziel erreicht. Bei uns wird der praktische Arzt eher bestraft, wenn er wirksame Medikamente einsetzt und zu einer zurückhaltenden Vorgangsweise animiert.

Initiativen wie die Kaloriensteuer sind durchaus zu begrüßen, ihr endgültiger Erfolg ist noch nicht gesichert. Wenn wir keine Maßnahmen treffen, ist aber hundertprozentig gesichert, dass das Übergewicht und die Folgeerkrankungen wie Diabetes einen lawinenartigen Wachstumsprozess vor sich haben. Daher beurteile ich den Vorschlag der deutschen Kollegen als sehr gut.

Das ist mein persönliches Statement und entspricht nicht unbedingt der Gesamtmeinung der Gesellschaft.


Belohnen statt bestrafen

Ernährungserziehung flächendeckend ist Voraussetzung für eine Verhaltensänderung.“

Mag. Ursula Umfahrer-Pirker, umfahrer ernährungsconsulting,
1. Vorsitzende des VEÖ – Verband der Ernährungswissenschafter Österreichs

Ich glaube nicht, dass mit Verboten, Strafen oder Steuern auf besonders kalorienreiche Lebensmittel ein Umdenken möglich ist, das lässt sich am Beispiel Rauchen gut nachvollziehen. Die Preise für Zigaretten wurden wiederholt angehoben, aber Raucher lassen sich davon ebenso wenig abschrecken wie durch immer größere und drastischere Warnhinweise. Ich bin daher skeptisch, dass Steuern als präventives Steuerungsinstrument funktionieren und tatsächlich helfen, Gewohnheiten nachhaltig zu verändern. Wer süß und fett essen möchte, wird es auch dann tun, wenn die Lebensmittel teurer sind, bzw. alternative Quellen finden. Und was würde eigentlich im Falle einer Kaloriensteuer mit jenen – meist älteren – Personen geschehen, die hochkalorische Lebensmittel zur Bedarfsdeckung brauchen? Sollen die dann auch eine „Strafsteuer“ zahlen?

Aus meiner Sicht ist eine Verhaltensänderung nur langfristig möglich. Es braucht Zeit, bis eine Adaptierung der Essgewohnheiten durch alle sozialen Schichten durchgesickert ist. Voraussetzung dafür ist eine möglichst breite, flächendeckende Ernährungserziehung. Dabei müssen Wege gefunden werden, um vor allem auch die bildungsfernen Schichten gezielt anzusprechen und damit schon bei den Jüngsten zu beginnen. Ansätze in die richtige Richtung gibt es ja bereits. Ich erinnere an die Initiativen, die im Zuge des Nationalen Aktionsplans Ernährung gesetzt werden, zum Beispiel an „Richtig essen von Anfang an“ oder an „Unser Schulbuffet“. Außerdem muss die Kompetenz der Konsumenten durch eine entsprechende Aufklärung massiv gestärkt werden. Viele wissen noch immer nicht, welche Lebensmittel überhaupt fett- und zuckerreich sind, können mit den vorgeschriebenen Informationen auf den Lebensmitteletiketten wenig anfangen.

Besser als Steuern würde mir jedenfalls die Devise „belohnen statt bestrafen“ gefallen, wie es etwa die SVA mit der Selbstbehaltsreduktion beim Erreichen von definierten Gesundheitszielen versucht.

Das Statement gibt meine fachliche Meinung als Ernährungswissenschafterin wieder und ist keine Stellungnahme des VEÖ.

 

Zutiefst menschlich

„Studien belegen: Man kann mit Preisgestaltung das Ernährungsverhalten beeinflussen.“

Prof. Dr. Kurt Widhalm, Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin

Die Diskussion über eine Steuerung der Lebens- und insbesondere der Ernährungsgewohnheiten der Menschen ist keineswegs neu: In Zeiten von Mangel wurden von staatlicher Seite solche Lebensmittel zur Verfügung gestellt, die Mangelerscheinungen am besten vorbeugen bzw. diese beheben können. So hat der berühmte Wiener Pädiater und Ernährungsforscher Clemens v. Pirquet nach dem Ersten Weltkrieg staatliche Ernährungsprogramme entwickelt, die Minimalmengen an Eiweiß zur Verfügung stellten, und konnte damit in breiten Bevölkerungskreisen Folgen von schwerwiegendem Proteinmangel verhindern. Ähnliche Programme gab es auch nach dem Zweiten Weltkrieg in ganz Europa.

In Zeiten des Überflusses, in denen die Überversorgung mit Nährstoffen zu nicht übertragbaren Krankheiten führt, haben sich verantwortungsvolle Wissenschaftler und Gesundheitspolitiker weltweit Gedanken gemacht, mit welchen Steuerungsmechanismen man das Lifestyle- und Ernährungsverhalten der Menschen verbessern kann. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen eindeutig, dass Information alleine nicht geeignet ist, das Verhalten der Menschen nachhaltig zu verändern, dass aber Maßnahmen, welche die Preise beeinflussen, sehr wohl in der Lage sind, das zu tun. Dieses Faktum ist zutiefst menschlich und wird ja auch in anderen Lebensbereichen mit Erfolg angewendet: Die Geschwindigkeitsbeschränkungen auf den Straßen dienen ja auch dazu, Menschen vor Unheil zu bewahren. Sie selbst würden das Risiko für sich und für andere wahrscheinlich ohne Regeln in Kauf nehmen. Dass man mit Preisgestaltung – muss nicht immer mit dem Wort Steuer in Verbindung stehen – Ernährungsverhalten nachweislich beeinflussen kann, ist durch zahlreiche hochrangig publizierte Arbeiten gesichert.

Dieses Instrument zu nutzen, um Menschen vor Krankheiten und Leid zu bewahren, kann vom ethischen Standpunkt her nicht verwerflich sein. Problematisch kann es allerdings sein, diese Instrumente dazu zu nutzen, um bestimmte Lebensmittel vermehrt in den Konsum zu bringen, die diese Steuerung nicht verdienen.

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