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Gesundheitspolitik 6. Dezember 2013

Die Wahrnehmung der Pflege steigt

80 Jahre Österreichischer Gesundheits- und Krankenpflegeverband und viele Pläne für die Zukunft

Sein 80jähriges Bestehen feierte der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband heuer – mit einem Festakt im Parlament. Seit 2007 ist Ursula Frohner Präsidentin der Standesvertretung und hat mit einem engagierten Team dem Verband eine sachliche und bestimmte Stimme gegeben. Die Wahrnehmung in Politik und Öffentlichkeit ist gestiegen, die Kompetenzen auch und Frohner hat noch viel vor.

Wie fällt der Blick zurück, wie der Blick in die Zukunft aus?

80 Jahre ist eine lange Zeit. Ich freue mich, dass der Berufsverband so lange besteht. Der ÖGKV hat den Professionalisierungsprozess der Pflege in Österreich wesentlich mitgestaltet, indem er immer wieder die Fachkompetenz der Gesundheits- und Krankenpflegeberufe definiert und abgebildet hat.  In den vergangenen Jahren hat er sich zunehmend auch in die politischen Systeme eingebracht. Konkret hat der ÖGKV in erster Linie mit den Verantwortlichen des Gesundheits- und Sozialsystems Themen der Entwicklung und Einbindung  der Kompetenzen der Gesundheits- und Krankenpflege diskutiert und in der Folge positioniert.  Im Namen des ÖGKV bedanke ich mich bei allen Mitgliedern für ihr Bekenntnis zum ÖGKV als ihre Vertretung in berufspolitischen Fragen. Allen ehrenamtlichen Vertreterinnen und Vertretern der Gremien des ÖGKV danke ich für ihre Beiträge und ihre Unterstützung für die Entwicklung des ÖGKV.  Das gilt es jetzt natürlich noch auszubauen.

Viele Projekte wie beispielsweise Fragen der Ausbildung, Themen des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes,  wurden mit den Experten und Expertinnen des ÖGKV erarbeitet. Aus der jüngeren Vergangenheit ist die Gutachtertätigkeit des Gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege im Rahmen von Erhöhungsanträgen zum Pflegegeld zu nennen. Bei der Evaluierung der Ausbildung für Gesundheits- und Krankenpflege bildeten Experten und Expertinnen in den verschiedenen Fokusgruppen ihr Wissen ab. Darüber hinaus beteiligte sich der Berufsverband bei den  Sachthemen Angehörigenschulung, Patientensicherheit und Dokumentationssysteme.

Einen essentiellen Beitrag für die künftigen Versorgungserfordernisse der Menschen setzte das „Kompetenzmodell für Pflegeberufe in Österreich“.  Der ÖGKV,  federführend der ÖGKV Landesverband Steiermark, definierte mit diesem fünfstufigen Kompetenzmodell nach Vorbild des ICN (International Council of Nurses) die grundlegende Weichenstellung für die Errichtung eines österreichischen Pflegesystems.  Die Erkenntnisse dieses Papiers sind mit der Evaluierung des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes eng verknüpft. Dieses Papier wurde auch an andere Entscheidungsträger, wie beispielsweise die Arbeiterkammer, kommuniziert. Durch das Arbeitsübereinkommen des ÖGKV mit der Arbeiterkammer, dem Pflegekonsilium, wird das Thema Kompetenzen der Gesundheits- und Krankenpflegeberufe auch auf dieser Ebene weiterbearbeitet. Als weitere Arbeitspakete wurden die Themen Bildung, Personalentwicklung und Arbeitsplatzqualität definiert.

Strategisch ausgewogen hat der ÖGKV in den vergangenen Jahren verstärkt auch die Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsberufen vorangetrieben. Die Arbeitsplattform mit allen gesetzlich geregelten Gesundheitsberufen ist durch die Gesundheitsberufe-Konferenz vollzogen.

Gesundheits- und Krankenpflege wird also heute wesentlich deutlicher von der Politik und den Sozialpartnern in seiner Bedeutung für das Gesundheitssystem wahrgenommen…?

Frohner: Wir nehmen einen leichten Perspektivenwechsel war. Multiprofessionell, multidisziplinär, wird von allen Gesundheitsberufen noch immer sehr einseitig verstanden. Dies bedeutet, dass die Mediziner darunter noch oft ihre Fachdisziplinen abgebildet sehen.  Den Begriff Gesundheitsberuf – nicht unterteilt in ärztliche und nichtärztliche Gesundheitsberufe -  auch tatsächlich im Sinne von Public Health so zu verankern und zu denken, ist noch ein langer Weg.  Es ist festzustellen, dass künftige Weichenstellungen der Gesundheitspolitik in Richtung prozessorientierte Versorgung, also weg von den Reparaturmaßnahmen geht.  Jedenfalls ist zu erkennen, dass Prävention an Bedeutung gewinnt. 

Der Berufsverband wollte die Registrierung, die wurde vom Parlament beschlossen, aber anders als der ÖGKV und andere Interessensvertretungen der Gesundheitsberufe dies beabsichtigt hatten. Nun haben Salzburg und Wien diesen Verlauf wieder aufgehalten – wozu Registrierung und warum nicht bei der Arbeiterkammer?

Frohner: Die Registrierung ist ein wichtiges qualitätssicherndes Instrument. Der ÖGKV fordert seit langem die Errichtung einer Berufsliste und bietet seinen Mitgliedern seit 2009 die freiwillige Registrierung an. Die Führung einer Berufsliste an einer unabhängigen Stelle wie beispielsweise der GÖG/ÖBIG erscheint uns als gangbare Lösung. Da das Gesundheitsberuferegistergesetz nun doch nicht in der durch den Nationalrat beschlossenen Form in die Umsetzung kommt, sind darüber hinaus Alternative auszuloten.

Werden mit der Registrierung auch Qualitätsstandards verbunden sein?

Frohner: Das wird ein Folgeschritt sein. Internationale Studien belegen – und hier schließt sich wieder ein Themenkreis – dass die Qualifikation einer Berufsgruppe entscheidenden Einfluss und Folgewirkungen auf die Versorgung der Menschen hat.

Wie hoch ist das Bewusstsein in der Berufsgruppe, dass eine Mitgliedschaft im Berufsversband sowohl für den Einzelnen als auch für den Berufsstand und seine berufspolitische Positionierung wichtig ist?

Frohner: Gesundheits- und Krankenpflegeberufe aller Qualifikationsstufen erkennen zunehmend dass eine Mitgliedschaft beim ÖGKV etwas Wichtiges und etwas Richtiges ist. Der Organisationsgrad der Berufsgruppe im internationalen Vergleich ist leider eher gering. Zum 80. Geburtstag des ÖGKV wünsche ich mir daher, dass mehr Angehörige der Gesundheits- und Krankenpflegeberufe erkennen, wie wichtig es ist, berufspolitisch organisiert zu sein. Ein starker Berufsverband ist die Basis für weitere politische Verankerung und diese wird immer wichtiger.

Wie ist die Situation bezüglich der Einrichtung einer Pflegekammer derzeit, die als Verhandlungspartner mit der Politik für die Interessen der Pflege auftritt?

Frohner: Nach wie vor ganz wichtig ist, dass die Gesundheits- und Krankenpflegeberufe die Themen der Profession selbst definieren und bearbeiten. Dadurch können Entscheidungen von anderen Gesundheitsberufen und politischen Entscheidungsträgern nicht übergestülpt werden. Daher muss die Berufsgruppe selbst Strategien und Vorschläge entwickeln. Das muss noch viel mehr ins Bewusstsein treten. Wir dürfen uns nicht erwarten, dass andere Gesundheitsberufe und Entscheidungsträger uns die Konzepte vorschlagen. Sie  müssen aus unseren Reihen, von Experten der Gesundheits- und Krankenpflege kommen.

Für die Mitarbeiter der Gesundheits- und Krankenpflege ist die Einbindung in die elektronische Gesundheitsakte ELGA-Einsicht möglich?

Frohner: Der ÖGKV ist grundsätzlich für eine sehr transparente Patientendatengenerierung.  Diese ist auch notwendig für die Umsetzung des gesetzlich verankerten Pflegeprozesses. Momentan sind diese Zugänge für Gesundheits- und Krankenpflegeberufe lediglich  über die stationären Versorgungssysteme möglich. Hier zeichnet sich ein künftiges Problem ab. Will man einen wesentlichen Meilenstein der Gesundheitsreform umsetzen, nämlich den Akutsektor zurückzunehmen und dafür den ambulanten Sektor zu stärken, muss man auch dementsprechende Informations- und Dokumentationssysteme zur Verfügung stellen. Beim diesjährigen Forum Alpbach waren sich alle Experten einig, dass Gesundheits- und Krankenpflegeberufe eine zentrale Rolle in den Versorgungssystemen einnehmen müssen, dass man diese Rolle stärken und die Kompetenzen vermehrt nutzen muss. Dann sind aber auch dementsprechende Instrumente wie beispielsweise Zugänge zu Information über Patienten oder Pflegebedürftige doch auch möglich zu machen.  Noch dazu, wo die Information über beispielsweise Therapieakzeptanz und Verträglichkeit aus der Beurteilung der Gesundheits- und Krankenpflegeberufe ja ein wesentlicher Punkt sind.

International vorgesehen ist der Zugang zur elektronischen Gesundheitsakte nur für registrierte Gesundheitsberufe, weil die Rolle der Nutzer im System nachvollziehbar sein muss. Diese Rolle ist im extramuralen Bereich beispielsweise in der mobilen Hauskrankenpflege momentan nicht nachvollziehbar.

In den skandinavischen und angloamerikanischen Ländern wird Mitarbeitern des gehobenen Dienstes der Gesundheits- und Krankenpflege auch Verschreibungskompetenz für pflegebezogene Produkte zuerkannt – wieweit sind wir in Österreich?

Frohner: Ich hoffe, dass dieses Thema in der neuen Legislaturperiode der Bundesregierung aufgegriffen wird. Auch das ist ein wesentlicher Teil der Gesundheitsreform, will man patientennahe am best-point-of-service orientierte Versorgungsstrukturen zur Verfügung stellen. Derzeit ist es so, dass beispielsweise für Verbandmaterial nur die administrative Paraphe des Hausarztes den Zugang zum Pflegemittel möglich macht. Hier hoffe ich doch, dass sich die Verantwortlichen für eine Entbürokratisierung der Verordnung für „pflegeinduzierte Arzneimittel“ und „Pflegeprodukte“ entschließen. Auf der Agenda des ÖGKV steht dieses Thema auf jeden Fall. Die letzte Reform der abgelaufenen Legislaturperiode betraf die Schulung pflegender Angehöriger betreffend § 15 Tätigkeiten nach GuKG. Die betrifft beispielsweise Anleitung zu Tätigkeiten des Einmalkatheterismus bei Kindern mit Anomalien der Harnröhre oder Verabreichung von Insulin und vieles mehr. Der Gesetzgeber hat sich hier entschlossen, einen Graubereich zu beseitigen. Beratung ist ja auch eine wesentliche Kompetenz der Gesundheits- und Krankenpflegeberufe. Diese Kompetenz des Gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege der Beratung und Begleitung führt dazu, dass etwa COPD-Behandlungskonzepte vom Patienten wesentlich besser in der Praxis angenommen werden. Nur eins ist auch klar: Beratung ist keine Gratisleistung. Das ist eine Leistung, die alle Gesundheitsberufe honoriert zu bekommen haben.

Wie sehen Sie die Akzeptanz der veränderten Kompetenzverteilung in der Praxis?  

Frohner: Es wird zu einer kompetenzorientierten Aufteilung der Tätigkeiten in den Behandlungsprozessen kommen müssen. Es kann nicht sein, dass bestimmte Versorgungsdefizite immer nur von einer Berufsgruppe ausgeglichen werden müssen. Berufsfremde Tätigkeiten müssen endlich ausgelagert und entsprechenden Berufen, etwa der Einsatz von Büropersonal für Verwaltungstätigkeit,  zugeordnet werden. Dann werden unsere Systeme auch effizienter und effektiver werden und die Versorgungserfordernisse Pflegebedürftiger im Akut- und Langzeitpflegebereich besser geleistet werden können.

 

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