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© Armut und Gesundheit in Deutschland e.V.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© ÖRK

Dr. Thomas Fluckinger
Chefarzt Österreichisches Rotes Kreuz, Landesverband Tirol,
medizinischer Leiter „medcare“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Gerhard Berger

Georg Schärmer
Direktor der Caritas der Diözese Innsbruck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Caritas

Dr. Irene Holzer
Ärztliche Leiterin der Caritas Marienambulanz Graz

 
Gesundheitspolitik 4. Dezember 2013

Medizin unterhalb der Armutsgrenze

Nach Wien und Graz startet jetzt auch in Innsbruck ein Projekt der Caritas und des Roten Kreuzes zur medizinischen – und sozialen – Betreuung von Randgruppen.

Das Tiroler Projekt „medcare“ will Menschen am Rande der Gesellschaft den Einstieg in die medizinische Versorgung erleichtern und speziell Menschen, die auf der Straße leben müssen, zumindest eine medizinische Basisversorgung anbieten. Die medizinische Betreuung erfolgt in einer modern ausgestatteten Ordination nahe dem Innsbrucker Hauptbahnhof, in der auch Wasch- und Duschmöglichkeiten integriert wurden. Sie ist jeden Montag nachmittags geöffnet. Zusätzlich wird auch ein umgebauter Rettungswagen verwendet, der jeweils am Freitag im Verbund mit der mobilen Essensausgabe durch die Vinzenzgemeinschaft in Innsbruck unterwegs ist. Er soll als eine Art erste Anlaufstelle auf der Straße helfen, Schwellenängste bei den Obdachlosen zu überwinden. „Man weiß oft nicht, was früher da war, Krankheit oder Wohnungslosigkeit“, sagt Gertraud Gscheidlinger, Leiterin des Bahnhofsozialdienstes der Caritas: „Diese Menschen sind zum Teil verunsichert und haben eine unglaubliche Angst davor, zum Arzt zu gehen.“

Das Projekt wurde von Caritas und dem Österreichischen Roten Kreuz initiiert. Die Verantwortlichen hoffen im ersten Jahr auf „120 Menschen, die zu uns kommen“. Die – aufgrund der ehrenamtlichen Tätigkeit von Ärzten, Pflegern und Sanitätern – überschaubaren Kosten von rund 6.000 Euro im Monat werden zu je einem Drittel von Stadt, Land und der Gebietskrankenkasse übernommen. Nach Wien und Graz ist Innsbruck damit die dritte österreichische Stadt mit einem solchen Angebot für die Betreuung von Randgruppen.


Compliance herstellen

„Grundlage der Therapie ist gegenseitiges Vertrauen – nicht einfach, aber lohnend.“

Dr. Thomas Fluckinger, Chefarzt Österreichisches Rotes Kreuz, Landesverband Tirol, medizinischer Leiter „medcare“

Das Fehlen des niederschwelligen Zugangs zur medizinischen Basisversorgung sozialer Randgruppen zeigt sich regelmäßig im Rettungsdienst des Großraums Innsbruck. Nicht das mangelnde Angebot oder etwa gar eine schlechtere Versorgung dieser Menschen in den vorhandenen medizinischen Strukturen ist das Problem, sondern das persönliche Unvermögen, diese aufzusuchen. Die Gründe dafür sind mannigfaltig, reichen vom psychisch Kranken mit der Angst zwangsbehandelt zu werden, bis zum Asylanten, der abgetaucht ist und fürchtet, beim Besuch regulärer Ambulanzen aufgegriffen zu werden. Notfälle erfasst die Regelversorgung gut. Aus diesen Erfahrungen heraus kam 2009 der erste Kontakt mit der ambulant-medizinischen Versorgungsstelle AmberMed, einer Kooperation zwischen Rotem Kreuz und Diakonie zur Versorgung sozialer Randgruppen in Wien, zustande. Rasch wurde uns im Roten Kreuz Tirol bewusst, dass wir zwar das medizinische Know-how haben, die Komponente der Sozialarbeit jedoch fehlt. Diese bringt die Caritas als essenziellen Beitrag in unsere Kooperation ein.

Die beabsichtigte – und wie sich zeigt auch erforderliche – medizinische Versorgung umfasst sowohl Basismedizin als auch Vermittlungsarbeit zur eventuell notwendigen weiteren qualifizierteren Behandlung. Die Möglichkeiten der Medizin in diesem Bereich sind durch die Compliance des Patienten begrenzt. Regelmäßige Tabletteneinnahme und kontinuierliche Lokalbehandlung sind Wunschdenken. Die Grundlage der Therapie ist das gegenseitige Vertrauen von Arzt und Patient. Vertrauen in diesem Bereich aufzubauen, nachdem viele dieser Menschen im Leben mehrfach gescheitert sind, ist nicht einfach, aber lohnend. Abseits der Routine zeigen sich Herausforderungen wie beispielsweise die schwangere obdachlose Frau oder der schizophrene Patient bar jeder Medikation mit Neigung zu Gewaltausbrüchen.

Das gesamte medizinische Personal vom Sanitäter über die Diplomschwester bis hin zu den Ärzten arbeitet freiwillig und ehrenamtlich. Sozialarbeiter begleiten die Patientenkontakte. Die Betreuung erfolgt in der Ordination bzw. mobil mithilfe eines adaptierten Rettungswagens.


Siamesische Zwillinge

„Medizinisches und sozialarbeiterisches Fachpersonal ergänzen sich in idealer Weise.“

Georg Schärmer, Direktor der Caritas der Diözese Innsbruck

Arme Menschen sterben früher! Arme Menschen sind kränker! Zahlreiche Studien und Expertisen belegen diesen Zusammenhang. Ob ich im grünen Nobelviertel in einer hellen Wohnung daheim bin, in einer asbestverseuchten, schimmligen, beengten Bleibe oder wohnungslos bin, macht einen großen Unterschied.

Armut und Krankheit sind siamesische Zwillinge. Wir als Caritas Tirol spüren die Auswirkungen auf unsere Klienten besonders nah. Zwar ist oft nicht mehr klar, was zuerst war, die Wohnungslosigkeit oder die Krankheit, eine Tatsache bleibt aber bestehen: Armut und Krankheit gehen Hand in Hand. Viel zu oft sind wir in der sozialarbeiterischen Betreuung auf Hürden gestoßen, sobald es um die notwendige medizinische Versorgung ging.

Aufgrund unserer Erfahrung gehen wir von rund 400 Menschen aus, die das Angebot von medcare in Anspruch nehmen könnten. Unser Vorteil ist, dass wir die Menschen kennen, die bei uns andocken. Sie haben zu uns Vertrauen. Das hat sich bereits bei der ersten Ordination gezeigt. Als sie „ihre“ Sozialarbeiterin bei der Anmeldung in der Ordination gesehen haben, war der Schritt über die Schwelle leichter. Bei der Anmeldung steht nicht nur das gesundheitliche Problem im Mittelpunkt, sondern auch die sozialarbeiterische Komponente. Dann fallen Sätze wie: „Ja, jetzt bin ich schwanger und ich bin nicht versichert.“ Aber es gibt auch den umgekehrten Fall: ein Mann, der aufgrund eines Augenleidens kommt, bei dem sich im Zug des Arztgesprächs herausstellt, dass er eine Wohnung braucht.

Spürbar ist die Erleichterung unserer Klienten über diese medizinische Versorgung. Spürbar leichter und effizienter ist aber auch die Arbeit für uns: Bei medcare ergänzen sich medizinisches und sozialarbeiterisches Fachpersonal in idealer Weise – sowohl im Hinblick auf die Kontakte als auch die Kompetenzen. Eine mehr als geglückte Vernetzung.

Ich freue mich, dass wir mit medcare in Tirol Neuland betreten. Mein großer Dank gilt unseren Systempartnern, dem Land Tirol, der Stadt Innsbruck, der Tiroler Gebietskrankenkasse, dem Roten Kreuz und den vielen Freiwilligen.


Bedarf ist ungebrochen

„Niederschwellige Gesundheitsangebote zum fixen Bestandteil medizinischer Versorgung machen.“

Dr. Irene Holzer, Ärztliche Leiterin der Caritas Marienambulanz Graz

Menschen mit und ohne e-card, egal welche Sprache sie sprechen, welcher Religion sie angehören, ob sie obdachlos, alkohol- oder drogenabhängig sind – die Caritas Marienambulanz bietet eine medizinische Erst- und Grundversorgung für alle Menschen an, die einen erschwerten Zugang zum Gesundheitssystem haben. Die Marienambulanz in Graz wurde 1999 als erste außerklinische Einrichtung in Österreich gegründet, die Menschen ohne Krankenversicherung behandelt. Der Bedarf an niederschwelligen Gesundheitseinrichtungen ist nach wie vor ungebrochen. Zunächst waren es überwiegend Kriegsflüchtlinge aus Ex-Jugoslawien sowie Asylwerber ohne Krankenversicherung, die unsere Ambulanz aufsuchten. Heute sind es überwiegend Arbeits- und Armutsmigranten aus den neuen EU-Ländern, vor allem Rumänien und Ungarn. Der Armutsbericht der Stadt Graz geht von rund 3.000 Menschen aus, die ohne Krankenversicherung in Graz leben.

2012 wurden insgesamt 1.666 Patienten in der Marienambulanz behandelt, rund die Hälfte war nicht versichert. Kernstück unserer Ambulanz ist die allgemeinmedizinische Sprechstunde sowie die „Rollende Ambulanz“, deren Team einmal wöchentlich mit einem umgerüsteten Bus Notschlafstellen sowie Parks und Plätze anfährt, um Menschen medizinische Versorgung anzubieten, die am Rande der Gesellschaft leben. Schmerzen, akute Infekte, aber auch chronische Erkrankungen wie Diabetes mellitus und Hypertonie sind die häufigsten Diagnosen, die in unserer allgemeinmedizinischen Ordination gestellt werden. In der Psychiatrischen Sprechstunde führen Anpassungsstörungen, Depressionen und Psychosen die Statistik an; in der Frauensprechstunde Familienplanung, Schwangerenbetreuung und psychosoziale Probleme.

Über die Jahre hat sich aus der Initiative eine Ambulanz mit einem breit gefächerten Angebot entwickelt, in der ein großes Team aus haupt- und ehrenamtlichen Ärzten, Dolmetschern, Sozialarbeitern, Hebammen etc. zusammenarbeitet. Es bedarf eines besonderen Rahmens und Know-hows, um Menschen zu erreichen, die am Rande der Gesellschaft leben und die auch heute noch immer eine eingeschränkte Lebenserwartung haben.

V. Weilguni, Ärzte Woche 49/2013

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