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Gesundheitspolitik 20. November 2013

Niemand will unsere Daten!

Laut Dr. Gudrun Weber könnten Schulärzte in der Gesundheitsprävention von Kindern und Jugendlichen eine aktivere Rolle übernehmen, wenn ihnen dafür endlich die entsprechenden Ressourcen zugestanden würden.

Die Schulärztereferentin der Österreichischen Ärztekammer fordert eine Anpassung der schulärztlichen Versorgung in den Pflichtschulen an den Bundesschulbereich und versteht nicht, warum das umfassende Datenmaterial über den Gesundheitszustand der heimischen Schüler, das Jahr für Jahr von den Schulärzten gesammelt wird, nicht als Entscheidungsgrundlage für Präventionsprogramme genutzt wird.

Die Rolle der Schulärzte würde Dr. Gudrun Weber gerne von den politisch Verantwortlichen zu „Vertrauensärzten und Arbeitsmedizinern der Schüler“ aufgewertet sehen, sagt sie im Gespräch mit der Ärzte Woche.

Der Gesundheitszustand unserer Kinder und Jugendlichen ist besorgniserregend, um nicht zu sagen katastrophal. Haben da die Schulärzte versagt, oder funktioniert das System nicht?

Weber: Was das Rauchen betrifft, stimmt Ihre Diagnose und ist auch durch die HBSC-Studie belegt. Da sind Österreichs Jugendliche – besonders die Mädchen – europaweit an der Spitze. Das hat auch viel mit der Halbherzigkeit der Raucherschutzbestimmungen hierzulande zu tun. Man kann dieses Problem nicht einfach auf die Ärzte oder die Eltern abwälzen, da brauchen wir ein generelles, gesellschaftliches Umdenken. Die Schulen tun aus meiner Sicht schon seit vielen Jahren ihr Möglichstes. Es gilt ein generelles Rauchverbot, Raucherzimmer sind längst aus allen Schulen verbannt worden. Viele Lehrer engagieren sich im Rahmen von Präventionsprogrammen. Ich bin jetzt seit fast 30 Jahren als Schulärztin tätig, in dieser Zeit hat sich viel verbessert, was das Rauchen in der Schule betrifft. Wir können heute das Problem zumindest am Vormittag klein halten.

Bezüglich Drogen und Suchtmitteln (außer dem Alkohol) verwehre ich mich aber gegen Verallgemeinerungen und unreflektierte Urteile. Wir haben es hier meist mit kleinen Gruppen oder vorübergehenden Entwicklungs- und Experimentierphasen auf dem Weg zum Erwachsenenwerden zu tun. Natürlich heißt es hier, wachsam zu sein und aufmerksam zu bleiben, weil sich die Drogenszene – und mit ihr die Gefahrenpotenziale – permanent verändern. Insgesamt aber bleibt das Suchtpotenzial seit vielen Jahren in etwa konstant.

Was aber konstant steigt, ist der Anteil übergewichtiger Kinder.

Weber: Die Zahl adipöser Schüler nimmt zu, das belegen auch unsere Datenblätter. Dabei zeigt sich nicht nur ein regionales West-Ost-Gefälle, sondern auch ein soziales. Je ärmer die familiären Verhältnisse, desto häufiger tritt Übergewicht auf. Hier wird zumindest schon einiges unternommen, um die Situation zu verbessern, denken Sie etwa an die Aktionen in Richtung mehr Bewegung oder gesundes Schulbuffet. Vielfach unterschätzt wird aber noch immer die entgegengesetzte Gefahr. Das Phänomen der Magersucht nimmt an den Schulen ebenso rasant zu wie das des Übergewichts. In beiden Fällen könnten wir Schulärzte viel bewirken, wenn wir die nötigen Ressourcen und Möglichkeiten dafür hätten. Oft sind es ja gerade die Lehrer und in der Folge die Schulärzte, die noch vor den Eltern die Gefahren erkennen und frühzeitig ansetzen könnten, wenn man sie ließe.

Sie haben wiederholt schon auf strukturelle Hindernisse hingewiesen, die das Arbeiten der Schulärzte erschwert. Was müsste sich ändern, damit Schulärzte einen entsprechenden rechtlichen, finanziellen und organisatorischen Rahmen haben, um effizient und gut arbeiten zu können?

Weber: Wir haben noch immer sehr unterschiedliche Betreuungsformen. Im Pflichtschulbereich werden nur Minimalanforderungen in der medizinischen Betreuung erfüllt, wie sie im Paragraf 66 des SCHUG festgeschrieben sind. Das reduziert sich meist auf die obligatorische jährliche schulärztliche Untersuchung. Der Bundesschulbereich, also AHS, BHS, HTL etc., ist da deutlich besser betreut. Dafür existieren eigene Verträge mit dem Bildungsministerium, die über die Mindestbestimmungen weit hinausgehen. Ich zum Beispiel stehe meinen Schülern und Lehrern wenigstens an drei Vormittagen zur Verfügung. Das schafft mehr Spielraum, um sich auch aktiv – etwa in Form von Projektarbeiten – in den Unterricht beziehungsweise in die Schulorganisation einzubringen.

Gleichstellung der Pflichtschulen mit den Bundesschulen

Wir fordern seit Jahren die Anpassung der schulärztlichen Versorgung in den Pflichtschulen an den Bundesschulbereich. Irgendwann müsste auch die Politik erkennen, dass präventiv gut versorgte Kinder nicht nur später gesündere Erwachsene werden, sondern auch bessere schulische Leistungen bringen. Direktoren und Lehrer könnten hier viel Know-how und Unterstützung von den Schulärzten bekommen. Das funktioniert aber nur dann, wenn sie mehr Zeit in der Schule verbringen, wenn sie die Möglichkeit haben, Schulbetrieb und auch die einzelnen Schüler kennenzulernen.

Prävention und Gesundheitsförderung spielen in den aktuellen Diskussionen zur Gesundheitsreform eine zentrale Rolle. Was könnten die Schulärzte hier konkret beitragen?

Weber: Seit Jahren kritisieren viele Ärzte und Gesundheitsexperten das Fehlen von adäquaten Gesundheitsdaten als wissenschaftliche Basis für die Erarbeitung wirksamer Präventionsprogramme – zu Recht. Dabei wird aber übersehen, dass es die Daten gibt, man müsste nur endlich damit auch arbeiten. Wir Schulärzte sammeln Jahr für Jahr von jedem einzelnen Kind aussagekräftige Gesundheitsdaten. Wir erstellen, von der Volksschule aufwärts, ein jährliches Gesundheitsdatenblatt, flächendeckend für ganz Österreich. Das Datenmaterial würde sich gerade zu anbieten, um wissenschaftlich verarbeitet zu werden. Es eignet sich besonders auch deshalb, weil es sich dabei nicht um subjektive Annahmen oder Befragungsdaten handelt, sondern um objektive Untersuchungsergebnisse. Aber erstaunlicherweise will niemand diese Daten haben. Keiner ist bereit, in eine fundierte Auswertung zu investieren.

Schulärzte als Gesundheitskoordinatoren

Wir Schulärzte könnten auch bei der täglichen Präventionsarbeit selbst noch sehr viel mehr einbringen, wenn wir dafür Ressourcen bekommen, Zeit etwa, oder auch adäquate Räumlichkeiten. Das Bildungsministerium müsste sich eben im Klaren sein, dass es einen Wert hat, einen fachlich kompetenten Arzt als Gesundheitskoordinator in der Schule sitzen zu haben. Wir sind engagiert, interessiert und gut ausgebildet. Das zeigt sich unter anderem an den Aus- und Weiterbildungsangeboten für Schulärzte, etwa den Diplomkursen, die immer schon nach wenigen Tagen ausgebucht sind. Da gibt es seitens der Kollegen viel Eigeninitiative und Bereitschaft.

Apropos Ausbildung: Welche Voraussetzung muss ein Arzt mitbringen, um als Schularzt arbeiten zu können?

Weber: Voraussetzung für eine Tätigkeit als Schularzt ist die Absolvierung des Turnus bzw. eine Facharztausbildung für Kinder- und Jugendheilkunde. Erwünscht ist zudem der Diplomkurs der Akademie der Ärzte. Er umfasst 135 Wochenstunden plus einem E-Learning-Teil. In manchen westlichen Regionen ist es allerdings schwer, überhaupt Schulärzte für Pflichtschulen zu bekommen, weil die angebotenen Verträge für Jungärzte wenig attraktiv sind. Als Hauptberuf ist eine Tätigkeit als Schularzt jedenfalls nicht ausreichend, deckt maximal 15 bis 20 Wochenstunden ab. Es zeigt sich aber, dass der Bedarf der Schulen nach kompetenten medizinischen Partnern zunimmt, Schulärzte immer mehr Aufgaben übernehmen oder übernehmen sollen. Wir wünschen uns daher, dass die Rolle der Schulärzte zukünftig aufgewertet wird, ähnlich wie dies in Betrieben schon geschieht. Schulärzte sollten zu Vertrauensärzten oder auch „Arbeitsmedizinern“ der Schüler werden, intensiver in die tägliche Betreuung, in die Organisation, die schulischen Abläufe und Rahmenbedingungen eingebunden werden.

Das Interview führte Volkmar Weilguni

Zur Person

Dr. Gudrun Weber

Dr. Gudrun Weber, geboren in Gmunden, OÖ, lebt seit 1982 in Wien. Die Allgemeinmedizinerin war in den Jahren 1999 und 2000 Bundesschulärztin und ist seit Herbst 2001 Schulärztereferentin der Österreichischen Ärztekammer und Diplomverantwortliche für das ÖÄK-Schulärztediplom. Seit 1984 betreut sie als Schulärztin das GRG 15 auf der Schmelz in Wien.

Weilguni V., Ärzte Woche 47/2013

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